Überlegungen nach der letzten Versammlung des Synodalen Weges in Deutschland
Vom vergangenen Donnerstag bis Samstag habe ich an der sechsten und letzten Zusammenkunft des Synodalen Weges in Deutschland teilgenommen. Vielen ist bekannt, dass ich auf die Grundausrichtung und das Zustandekommen der Beschlüsse des Synodalen Weges immer wieder kritisch reagiert habe. Und auch nach dieser letzten Versammlung bin ich immer noch der Überzeugung, dass die problematischen Auswirkungen des Synodalen Weges für die Kirche in Deutschland und weltweit dessen positiven Seiten deutlich überwiegen. Zu diesen positiven Seiten rechne ich zunächst einmal die vielen Begegnungen auf der persönlichen Ebene. Mehr noch aber glaube ich, dass der Synodale Weg ein wichtiger öffentlichkeitswirksamer Baustein war für die Bearbeitung des Missbrauchsskandals in unserer Kirche. Die Präsenz von Betroffenen und die fortlaufende inhaltliche Rückbindung an diesen Skandal als Ausgangspunkt des Weges waren und sind hilfreich dafür, dass unsere Kirche ein gutes Stück weitergekommen ist, um mit Menschen zu gehen, die Leid erfahren haben, um Prävention zu stärken, um Intervention zu professionalisieren und um transparente Aufarbeitung voranzubringen. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass der Synodale Weg für Glaube und Kirche eher problematisch ist.
1. Polarisierungen verstärken sich
Selbstverständlich räume ich ein, dass auch mein Blick auf die Dinge begrenzt ist und womöglich vor allem vom Blick jener vielen Menschen bestätigt wird, die meine Sicht auf die Dinge teilen. Trotzdem will ich versuchen zu sagen, auch in einer gewissen Pauschalisierung, was ich zu sehen meine: Ich meine zu sehen, dass sich in unserer Kirche seit Beginn des Synodalen Weges die Polarisierungen zwischen liberal-progressiven und eher traditionsorientieren, konservativen Positionen verstärkt haben. Das gilt für das Verhältnis zwischen der Kirche in unserem Land und dem Vatikan wie auch zu den Bischofskonferenzen anderer Länder. Es gilt für das Verhältnis der Mitglieder innerhalb unserer Bischofskonferenz, es gilt auch für das Verhältnis innerhalb des Klerus wie auch unter den Gläubigen. Sicher waren Spannungen und Differenzen vorher schon lange da, aber nach meiner Einschätzung sind sie durch den Synodalen Weg sehr viel klarer benannt worden, die jeweiligen Lager treten profilierter hervor, die Zuordnung einzelner zu diesen Lagern ist erleichtert – und damit sind auch Diffamierungen leichter möglich, besonders in den Medien. Zudem ist ja von Anfang an deutlich, dass der Synodale Weg ausdrücklich eine liberale Agenda vorantreibt. Und die Mittel der Evaluation und des Monitoring der Beschlüsse, die in den letzten Tagen vorgestellt wurden, verschärfen diese Agenda – denn sie erhöhen damit den öffentlichen Druck auf jene, die den Weg gar nicht oder auch nur partiell mitgehen.
2. Welche systemischen Ursachen?
Selbstverständlich räume ich auch ein, dass es systemische Ursachen der Ermöglichung oder der Vertuschung von Missbrauch in unserer Kirche gibt. Aus meiner Sicht hängen diese mit dem zusammen, was Papst Franziskus unter den Begriffen von „Klerikalismus“ und „spiritueller Weltlichkeit“ zusammenfasst. Die Lösungsansätze für diese überaus ernsthafte Problematik unterscheiden sich aber bei Franziskus deutlich von dem, was der Synodale Weg zu ihrer Beseitigung versucht hat. Zudem beruft sich der Synodale Weg in der Identifikation weiterer systemischer Ursachen vor allem auf die MHG-Studie. Diese Studie und ihre Ergebnisse waren auch Anlass des Beginns des Synodalen Weges vor sechs Jahren.[1] Als Themen wurden die Sexualmoral der Kirche, der Zölibat der Priester, die Frage nach der klerikalen Macht und der nicht vorhandene Zugang von Frauen zu sakramentalen Ämtern in der Kirche identifiziert. Die Frage aber, ob Frauen ein sakramentales Amt in der Kirche bekommen können, war freilich in der MHG-Studie nicht im Zusammenhang mit der Missbrauchsthematik genannt. Und in einigen der inzwischen vorliegenden Aufarbeitungsstudien der Bistümer wird auch klar gesagt, dass weder der Zölibat noch die katholische Haltung zu homosexueller Betätigung eine entscheidende Rolle beim Missbrauch spielen würden.[2] Positiv bin ich allerdings der Überzeugung, dass insbesondere die Frage nach der Ausübung von Macht und Autorität in dieser Hinsicht auf den Prüfstand zu stellen ist, freilich so, dass es dabei nicht darum gehen kann, den sakramentalen Charakter der Kirche grundsätzlich zu schwächen oder gar zu eliminieren. Aber genau darin, so mein grundsätzlicher Verdacht, scheint die ganz überwiegende Mehrheit der Mitglieder des Synodalen Weges die Möglichkeit zur Überwindung der Kirchenkrise zu sehen, die durch den Skandal des Missbrauchs so deutlich verschärft wurde. Freilich passt es dann auch gut ins Programm, dass damit zugleich jene katholischen Sonderthemen adressiert werden konnten, die seit vielen Jahrzehnten auf der liberalen kirchenpolitischen Agenda stehen, insbesondere die katholische Sexualmoral insgesamt, der Zölibat und die Frage nach dem sakramentalen Amt für Frauen.
3. Letztlich geht es um das katholische Menschenbild: Mensch und Sakrament
In all diesen Fragen steht aus meiner Sicht das christliche und besonders das noch einmal katholisch profilierte Menschenbild zur Debatte. Und dessen Kern lässt sich mit dem Begriff der Sakramentalität im Verhältnis etwa zum christlich protestantischen Menschenbild unterscheidend beschreiben. Was ist gemeint? Ein Sakrament ist ein endliches Zeichen, eine vergängliche, materiell erfahrbare Wirklichkeit, in der und durch die hindurch die sich die unendliche Gegenwart Gottes gnadenhaft und wirksam in die Welt hinein mitteilt. Am markantesten sind die Zeichen der Eucharistie und der Taufe. In den Gaben von Brot und Wein, wird Christus in Leib und Blut, Seele und Gottheit gegenwärtig – und durch das Wasser der Taufe wird Gottes Geist bleibend in den Getauften eingesenkt. Das zweite Vatikanische Konzil sagt nun in einem seiner wichtigsten Dokumente, dass die Kirche als Ganze quasi ein „Sakrament“ sei, nämlich ein Sakrament der Vereinigung Gottes mit der ganzen Menschheit (vgl. das Dokument Lumen Gentium, Art.1). Und wenn wir von dort den einzelnen Menschen tiefer verstehen wollen, dann lässt sich auch für ihn sagen, dass er berufen ist, selbst im analogen Sinn ein Sakrament zu sein: In ihm und durch ihn als endliche Wirklichkeit möge sich Gottes Liebe und Gnade in die Welt hinein mitteilen. In Schrift und Tradition kommt das etwa bei Paulus zum Ausdruck, wenn er sagt, dass unser Leib „Tempel des Heiligen Geistes“ (1 Kor 6,19) ist. Oder wenn gesagt wird, dass wir „zu einer Wohnung Gottes im Geist miterbaut“ werden (Eph 2,22). Von Augustinus stammt das Wort, das uns als Empfänger der Eucharistie in die direkte Verbindung zu diesem Sakrament stellt und uns quasi selbst Eucharistie sein lässt: „Empfangt, was Ihr seid, Leib Christi – damit Ihr werdet, was Ihr empfangt: Leib Christi“ (Sermo 272). Besonders in der Theologie der Kirchenväter ist immer neu vom heiligen Tausch die Rede: Christus ist Mensch geworden, damit der Mensch „vergöttlicht“ werde – in diesem Sinn also: Sakrament.
Nun ist Sakrament nie nur isoliert, individuell zu verstehen, sondern immer kommunikativ, also in Mitteilung: Für den Menschen und sein Heil, für seine Verbindung und Versöhnung mit Gott und für ein heileres Miteinander zwischen Mensch und Mensch und Mensch und Schöpfung. Gott teilt sich selbst mit, damit Menschen in der Weise Gottes und in Verbundenheit mit ihm einander mitteilen, d.h. vor allem: lieben. Sakramente sind Liebesgaben Gottes und Menschen sind berufen einander Liebesgaben Gottes zu werden. Was das Sakrament der Ehe angeht, ist es daher folgerichtig, dass die Ehe erst durch die leibliche Vereinigung der Partner ganz zustande kommt; wodurch deutlich wird, dass sie zu leib-seelischer Ergänzung füreinander bestimmt sind. Bei der Priesterweihe wird ein dazu berufener Mann geweiht, um in Persona Christi in der Eucharistie jenen endgültigen hochzeitlichen Bund zu vergegenwärtigen, den der Herr mit der Hingabe seines Leibes an seine Kirche „vollbracht“ (Joh 19,30) hat.
Aus dem Gesagten wird deutlich, dass gerade die Dimension der Sakramentalität von Kirche und Mensch immer beide Seiten enthält: Die Mitteilung der ungeschuldeten Gnade Gottes und die durch sie ermöglichte Antwort des endlichen Menschen mit seiner ganzen Existenz. Der Zuspruch ermöglicht Antwort und ist damit zugleich Anspruch: „Bemüht euch mit allen Kräften durch die enge Tür zu gelangen“ (Lk 13,24). Auch der Johannes-Evangelist macht deutlich, dass diese Antwort den ganzen Menschen verlangt, eine „neue Geburt“, also ein Neuwerden von Grund auf: „Wenn jemand nicht aus dem Wasser und dem Geist (=Hinweis auf das Sakrament) neu geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3, 5). Paulus spricht von denen, die in Christus sind, als „neue Schöpfung“ (2 Kor 5,17). Und bei ihm hängt diese Antwortdimension damit zusammen, dass jemand, der mit Christus getauft wird, „gestorben“ ist, der „alte Mensch“ ist „mitgekreuzigt“ worden (vgl. Röm 6, 6-7), damit er „für die Sünde tot“ ist (Röm 6,2) – und „in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln“ (Röm 6,4) kann. Der Zöllner Zachäus, in dessen Haus Jesus einkehrt, wird in der Begegnung mit der „neuen Wirklichkeit“ sogleich ein anderer: „Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“ (Lk 19,8) Es ist freilich auch überaus tröstlich, dass Paulus selbst, der so pointiert vom Sterben ins neue Leben spricht, zugleich seine eigene Hinfälligkeit bekennt und damit deutlich macht, dass das Neuwerden des Christen nicht einfach nur einmal und punktuell geschieht, sondern ein Weg, ein Prozess ist – ein fortwährender Geburtsprozess – der auch immer wieder durch Scheitern und das Erfahren der eigenen Hinfälligkeit und Sünde in der Demut hält, die auf Gott und seine (sakramentale) Zuwendung angewiesen bleibt (vgl. etwa Röm 7,13ff). Die Erlösung in und durch Christus ist – das machen die Schrifttexte überaus deutlich – kein Automatismus.
4. Betonung des Zuspruchs Gottes bei gleichzeitiger Eliminierung des göttlichen Anspruchs?
Wenn ich nun aus dieser so fundamentalen Dimension christlichen Lebens auf den Synodalen Weg zurückblicke, dann habe ich den Eindruck, dass ein hintergründiges Motiv liberalisierender Bestrebungen, ob bewusst oder unbewusst, die Eliminierung des Anspruchs Gottes bei gleichzeitiger Überakzentuierung des Zuspruchs Gottes ist. Aber eben damit würde die Berufung des Menschen, selbst Sakrament zu sein und zu werden, Gefahr laufen verloren zu gehen. Papst Franziskus hat mit einigem Recht die Protagonisten des Synodalen Wegs mehrmals gewarnt, nicht noch eine evangelische Kirche hervorzubringen, es gebe in Deutschland ja schon eine.[3] Meines Erachtens sieht er hier den richtigen Punkt, der uns auch von unseren evangelischen Geschwistern unterscheidet, gerade im Blick auf die Anthropologie: Überakzentuierung der Gnade (Luther: „sola gratia“) bei gleichzeitigem Verzicht auf deren dialogische Dimension, sprich auf die Einladung zur Mitwirkung mit der Gnade, also dem Ringen um die persönliche und gemeinschaftliche Heiligung des Lebens – letztlich der Berufung, selbst Sakrament zu sein und zu werden. Schon in der Reformation waren die sakramental geweihten Kleriker (oft genug zurecht!) verdächtigt, die Gottesbeziehung der Menschen zu kontrollieren und gewissermaßen mächtige und sich finanziell bereichernde Gatekeeper der Gnade zu sein. Die damals berechtigte Suche nach Reformen kippte um in die von Luther nicht beabsichtigte Reformation bis hin zur Kirchenspaltung mit allen ihren oft genug gewaltsamen und kriegerischen Folgeerscheinungen – letztlich sogar bis heute.
5. Die Sendung zu den Armen
Freilich wurde und wird gerade auch im Synodalen Weg deutlich gemacht und auch betont, dass wir als Christen an der Seite der Armen, der Ausgegrenzten und Benachteiligten stehen müssen. Und tatsächlich stehen ja etwa im Namen der Caritas, aber auch in zahllosen ehrenamtlichen kirchlichen Engagements, in Deutschland viele hunderttausend Menschen an der Seite von Menschen, die schwierige Lebensverhältnisse haben. Und dennoch scheint in der Bewertung des Dienstes an den Menschen keinerlei Unterschied mehr gemacht zu werden, ob ein Mensch diesen Dienst mit und für Christus tut oder etwa aus rein humanistischen Motiven. Diene ich dem anderen, dem Armen, weil ich auch in ihm den armen Christus erkenne? Und weil ich ihn mit der Liebe Christi berühren will – und ihm damit mehr auch geben will als nur materielles Brot? Es ist schon wahr: Die Armen und die Ausgestoßenen im Evangelium haben damals Christus in ihrer Not schneller und leichter angenommen als die Privilegierteren. Aber sie haben damit eben genau Christus selbst angenommen – und sich von ihm lieben und heilen lassen. Und unser Dienst an den Armen bestünde ja auch gerade darin: Ihnen durch unseren Dienst in ihrem prekären Leben zugleich Christus mitzuteilen. Damit von den „zehn Aussätzigen“ im Evangelium, hoffentlich wenigstens einer zurückkommt, der Christi Zuwendung nicht einfach nur selbstverständlich nimmt, sondern zurückkommt, um vor Christus auf die Füße zu fallen und Gott zu loben. (vgl. Lk 17,12ff)
6. Was ist mit dem Glauben an die Realpräsenz des Herrn?
Daher: Nirgendwo im Synodalen Weg bin ich auf eine ernsthafte Debatte gestoßen, wie wir das tiefer verstehen könnten, was „Sakrament“ bedeutet und wie wir daraus neu begreifen könnten, was Erlösung bedeutet. Meine persönliche Not mit dem Synodalen Weg besteht daher in der Überzeugung, dass die Krise der Kirche zuerst eine Krise des geistlichen Lebens und der Verinnerlichung der Inhalte unseres Glaubens ist, der so viel mehr ist als nur eine „Botschaft“. Es geht vielmehr um Verinnerlichung des Herrn selbst, um seine verwandelnde und erneuernde Realpräsenz in uns und unter uns.
Und auch hier will ich hinzufügen: Es stimmt schon, dass sich in der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung von 2024 über 90 Prozent der Menschen tiefgreifende Reformen in unserer Kirche wünschen, die die Themen des Synodalen Weges einbeschließen. Und ähnlich viele wünschen sich, dass die Kirche sich in die Gesellschaft hinein sozial engagiert. Aber die Tragödie ist doch die, dass sich ebenfalls weit über 90 Prozent nicht mehr für die Sakramente interessieren, zumindest nicht mehr für das Sakrament, das unsere Tradition „Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens“ nennt! Und damit wird genau jener Unterschied eliminiert, den wir als Kirche machen wollen: Eben in einer bloß weltlichen Welt den Himmel offen zu halten, weil wir mit der Quelle vertraut sind, durch die Gott in die Welt hineingewirkt hat und wirkt – und durch die er uns selbst verwandelt sehen will – in Christusträger, die leben aus seinem Erbarmen und seiner Vergebung der Sünden.
Ich halte diese grundsätzlichen Überlegungen über die „sakramentale“ Berufung jedes menschlichen Lebens für wahr – und ich bin der Überzeugung, dass sie theologisch auch nicht grundsätzlich verhandelbar sind, wenngleich wir durch alle Zeiten hindurch eingeladen sind, in ein je tieferes und damit erneuertes Verstehen zu finden. Aber wenn wir mit dem Konzil von Nizäa verstanden haben, dass Christus wahrer Gott ist, dann verstehen wir mit dem Konzil von Chalcedon (451 n.Chr.), dass er auch „wahrer Mensch“ ist. Ebenso wie im Konzil von Ephesus (431 n.Chr.) gesagt wird, dass Maria wahre „Gottesgebärerin“ ist. Diese Konzilien erzählen also von einer tiefen gottmenschlichen Wirklichkeit über den Gottmenschen Jesus und damit auch direkt davon, wozu wir als seine Geschöpfe, als Menschen berufen sind. Sie erzählt auch von einem Bund Gottes mit den Menschen, der in dem Geschöpf Maria seine endgültige menschliche Antwortgestalt hat. Wir verehren Christus als den vollkommenen Menschen und seine Mutter als Ersterlöste. Und als solche ist sie zugleich Braut des Geistes – und „in der Ordnung der Gnade“ Mutter aller Gläubigen (wie das Konzil in Lumen Gentium 61 sagt). Sie ist gewissermaßen Kirche in Person, endliche Wirklichkeit, in der Gott selbst tiefgreifender wirksam wurde als je in einem Geschöpf zuvor. Und auch daraus leiten sich meines Erachtens Einsichten über den Menschen ab, die wir nicht einfach preisgeben können – ohne Gefahr zu laufen, auf eine andere Kirchengestalt zuzugehen, die das, was ich mit Sakramentalität meine, weitgehend liegen lässt. Maria ist die erste der neuen, der erneuerten heilen Schöpfung. Sie ist die „neue Eva“ – und sie ist es als Frau. Christus, in dem wir den Vater erkennen, ist im Gegenüber zu seiner Schöpfung und in tiefster, hochzeitlicher Verbundenheit mit ihr der „neue Adam“ als Mann, der sich selbst als der Bräutigam des neuen Bundes vorstellt (vgl. Mk 2,19f; Joh 3,29).
Aus diesen Gründen, die freilich tiefer auszuführen wären[4], kann und will ich wesentliche „Reformforderungen“, die der Synodale Weg schon beschlossen und deren Umsetzung er mit einem Monitoring in den Diözesen auch in Zukunft überwacht wissen will, nicht mitgehen. Nicht weil ich Fragen, die die viele Frauen an das Amtsverständnis der Kirche haben oder Fragen, die queere Menschen an ihre Beheimatung in der Kirche haben, nicht verstehen könnte oder nicht ernstnehmen wollte. Sondern weil ich die Überzeugung habe, dass die Antworten, die die Kirche aus der Tiefe ihrer Tradition geben kann – und die sie auch in bestimmten Grenzen weiterentwickeln kann – nicht einfach mit dem Stichwort „Segnungen“ oder gar mit einer nicht-sakramentalen Diakoninnenweihe geben kann. Erstens weil sie wohl sofort weitere Verletzungen und Diskriminierungserfahrungen auszulösen, aber auch weil sie nach meinem Verständnis nicht tief genug einbeziehen, was in der Schöpfung und im Verhältnis Gottes zu seiner Schöpfung grundgelegt ist.
7. Das Monitoring setzt die veränderte Lehre schon voraus
Das Monitoring nun, das im Synodalen Weg vorgestellt wurde, setzt eine neue Sexualmoral und mit ihr eine neue Anthropologie im Grunde schon voraus. Und es überprüft deshalb Schritte von deren „Umsetzung“. Im verlinkten Text der Übersicht des Monitoring[5] kann eingesehen werden, welche Rückmeldungen es aus den Bistümern gab, etwa zu den Maßnahmen, die den Zölibat von Priestern und seine Öffnung betreffen, die das Bemühen um eine lehramtliche Neubewertung von Homosexualität betreffen, die Frauen in sakramentale Ämter bringen wollen, die Segensfeiern für „Paare, die sich lieben“ betreffen, die den „Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt“ betreffen und andere mehr. In all diesen Punkten wird also vorausgesetzt, dass die Lehre notwendig verändert werden muss – und dass sie sich im Bewusstsein der allergrößten Mehrheit der Synodalen schon verändert hat. Und daher sind nun Schritte der Praxis gefordert, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass die Praxis der Lehre vorausgehen müsse – damit sich die Lehre endlich ändere. Dieses Muster hatten wir freilich im Synodalen Weg schon von Anfang an: Der öffentliche Druck auf die Konservativen muss hoch bleiben, dann werden sie sich schon irgendwann fügen oder auch ihre eigene Borniertheit erkennen und sich endlich der Mehrheit beugen. Und die Römer dann hoffentlich auch.
Tatsächlich aber sind auch unter Papst Leo in den entscheidenden Punkten der Lehre vom Menschen und seiner Sexualität und eng verbunden damit etwa von der Sakramentalität von Ehe und Priestertum keine Änderungen zu erwarten.[6] Und da ich auch selbst weder Änderungen erwarte und zudem von der Gültigkeit und dem Wert der bestehenden Lehre überzeugt bin, kann ich den allermeisten Punkten im Monitoring und seinen Forderungen nach Umsetzung auch nicht folgen. Auch weil ich als Diakon, Priester und Bischof mehrfach feierlich versprochen habe, die Lehre der Kirche zu bewahren und zu verkünden. Sofern aber die meisten Bistümer vor allem auf ihren Arbeitsebenen der Abteilungen und Referate die im Monitoring eingemahnten Umsetzungen stetig verfolgen – entwickelt sich notwendig eine Vertiefung des Grabens in der Kirche. Er entwickelt sich vor allem zu den Menschen hin, die einfach nur katholisch sein und in dem durch Schrift, Tradition und Lehramt überlieferten Glauben und seinem Verständnis vom Menschen, von der Kirche und von der Erlösung durch Christus leben wollen. Die Kluft zu ihnen wird größer, die vermeintliche Mitte rückt immer mehr nach links – und die einfachen Gläubigen, die treu aus den Sakramenten leben wollen, werden mehr und mehr zu scheinbaren Extremisten am rechten Rand. In jedem Fall in den Augen der Reformer ziemlich verdächtig, da diejenigen, die sich diesem „überkommenen Glauben“ zuwenden, ihrem Verdacht aussetzen viel zu fremdgesteuert und natürlich nicht modern genug zu sein oder womöglich gar nicht wissen, was spirituelle Selbstbestimmung überhaupt bedeutet.
8. Der Graben hin zu vielen Gläubigen vertieft sich
Ich halte diese Entwicklung für fatal, da sich nicht nur die Entfernung zu den einfachen Gläubigen vollzieht, sondern eben auch zu vielen, vielen Teilkirchen in anderen Ländern, die oft mit Sorge nach Deutschland schauen. Dass es in anderen Ländern selbstverständlich auch Menschen gibt, die den sogenannten Reformthemen des Synodalen Weges zustimmen, ist unbenommen. Nach meiner Einschätzung haben sie Mehrheiten in den Ländern des Westens, aber nicht im Osten oder im globalen Süden. Und tatsächlich meine ich, dass die weitere „Umsetzung“ der Beschlüsse des Synodalen Weges den Prozess die Auflösungserscheinungen der Kirche bei uns eher beschleunigen und nicht zu ihrer Erneuerung führen wird. Tatsächlich war bei der letzten Versammlung in Stuttgart bei nicht wenigen Teilnehmern Frust und Enttäuschung darüber zu spüren, dass von den Reformen letztlich doch so wenig erreicht worden sei. Und dass man angesichts der mangelnden Übereinstimmung mit römischen Vorgaben nicht recht wisse, wie es weitergehen soll. Ein spürbarer „Ruck nach vorne“ war jedenfalls wenig vernehmbar.
9. Klerikalismus und spirituelle Weltlichkeit
Die Frage, die ich aber mit den vielen Synodalen zusammen gerne und aufrichtig stellen will: Wie geht denn die Kirche mit dem Thema Macht um? Tatsächlich sind hier die Stichworte „Klerikalismus“ und „spirituelle Weltlichkeit“ eine entscheidende Wunde der Kirche, in die Papst Franziskus immer neu seinen Finger gelegt hat. Wenn Autorität nicht geistlich gelebt und ausgeübt wird, das heißt ohne Demut, ohne geistliche Tiefe, ohne innere Erfahrung der Gegenwart des Herrn und ohne Liebe zu den Menschen, dann verkommt sie zur bloß weltlichen Macht und ist am Ende nicht mehr als Fassade. Papst Franziskus hielt diese Art des Umgangs von Klerikern mit den Gläubigen (im Anschluss an Henri de Lubac SJ) für „die ärgste Gefahr für die Kirche“ und die „perfideste Versuchung“, „verhängnisvoller als jede bloß sittliche Verweltlichung“[7]. Ich bin überzeugt, dass er genau dieser Versuchung seine Vision einer synodalen Kirche entgegengestellt hat, die aber in ihrem Verständnis von Synodalität nur wenig mit dem zu tun hat, was ich in Frankfurt oder zuletzt in Stuttgart beim deutschen Synodalen Weg erlebt habe. Auch wenn man in Stuttgart an zwei Stellen nun zum ersten Mal – wie bei der römischen Synode – die „Conversatio in spiritu“ (das Gespräch im Hl. Geist) geübt hat: Dauernder Livestream und politisches Dauergerangel blieben dennoch.
Für Papst Franziskus bedeutet Synodalität tatsächlich das intensive Hören auf Gottes Geist, auf Gottes Wort und aufeinander. „Gemeinsam gehen“ oder ein „gemeinsamer Weg“ (= deutsch für griech. Synode) passiert in Beratungs- und Entscheidungsprozessen in einem geschützten Raum, nach Möglichkeit ohne dass man der Versuchung unterliegt, Politik zu machen, auf Mehrheiten und Medien zu schielen, öffentlichen Druck auszuüben oder Parlament sein zu wollen. Zudem, so der Papst deutlich: „Beim Sprechen über Synodalität ist es wichtig, Lehre und Tradition nicht mit den Normen und Methoden der Kirche zu verwechseln. Was bei den synodalen Versammlungen diskutiert wird, sind nicht die traditionellen Wahrheiten der christlichen Lehre. Die Synode befasst sich vor allem damit, wie Lehre in den sich wandelnden Kontexten unserer Zeit gelebt und angewendet werden kann.“[8] Und dieses „Anwenden“ und „Leben“ läuft – so der große Tenor der Weltbischofssynode über Synodalität unter dem Vorsitz des Papstes – immer über Bekehrung auf verschiedenen Ebenen und im Ziel auf die Ermöglichung von „missionarischer Jüngerschaft“ eines jeden Christen zu.[9] Und diesen Weg von Papst Franziskus initiiert, bin ich gerne bereit in meinem Bistum mitzugehen und so mitzuwirken, dass unsere Kirche synodaler wird. Im deutschen Synodalen Weg ging es aber von Anfang an und zuerst um die Veränderung der Lehre über den Menschen und das Priestertum, zweitens um Politik, um sich gegenüber den in der Lehre Konservativen durchzusetzen. Und drittens war von missionarischer Jüngerschaft nirgendwo die Rede.
10. Und die Frage nach der Macht?
Dafür ging es sehr viel ausdrücklicher immer neu um Eindämmung der klerikalen Macht. Und für mich war auch hier erkennbar, dass dies direkt oder indirekt erreicht werden soll durch die Infragestellung des sakramentalen Charakters des Priestertums, der natürlich wieder im Gesamtzusammenhang des katholischen Verständnisses von Sakrament und Sakramentalität steht. Und auch dieser Ansatzpunkt beim Priestertum kann nachvollzogen werden: Wenn im Volk Gottes und bei engagierten Gläubigen zu viel Verletzung durch bloß weltliche Machtausübung unter dem bloßen Vorwand von geistlicher Autorität erzeugt wurde, dann ist das Mittel der Wahl, den Klerikern diese Macht zu nehmen. Und weil diese Machtausübung immer wieder unter Berufung auf den sakralen Charakter des Priestertums erfolgt ist, wäre das Mittel der Wahl: Entsakralisierung durch Entsakramentalisierung. Aber wenn zugleich das innere Verstehen des priesterlichen Dienstes als Sakrament verblasst, dann changiert das Ringen um dessen geistlichen Charakter hinüber zu einem Ringen um bloß weltlich verstandene Macht. Folglich wäre der „Sieg der Laien“ auch wieder nur deren „Klerikalisierung“ im negativen Sinn. Dann geht es um Kontrolle der Bischöfe und Priester und um den Zugriff auf materielle Mittel. In Stuttgart wurde deutlich: Kontrolle soll folglich der Synodalkonferenz obliegen. In einem Diskussionsbeitrag hieß es: Die Synodalkonferenz sei ja der „Souverän“ – und deshalb hätten sich die Bischöfe an die Umsetzung der Beschlüsse zu halten. Ernst genommen hieße dies aber: Die Umsetzung der Beschlüsse hat nun per Durchgriff zu erfolgen – und damit auch ohne synodale Beratungen in den Bistümern. Geht es also tatsächlich um ein synodaleres Miteinander im Verständnis von Franziskus? Oder womöglich doch nur um eine Umverteilung von Macht? Für mich war diese Tonalität, die in Stuttgart nicht nur einmal zu hören war, eine Selbstoffenbarung: Die Macht soll nun bei der Versammlung liegen, in der die Nichtbischöfe die Mehrheit haben.
Das lässt nun tatsächlich für die geplante Synodalkonferenz auf Bundesebene als Nachfolgegremium nicht allzu viel anderes erwarten, als wir es in Frankfurt oder Stuttgart erlebt haben. Die Zusammensetzung soll aus drei Mal 27 Personen bestehen: 27 Diözesanbischöfe, 27 Vertreterinnen und Vertreter des ZdK und 27 weitere Personen, die die Synodalversammlung wählt; darunter mit Quote: mindestens 13 Frauen, mindestens fünf Personen unter 30 und mindestens drei Personen aus den muttersprachlichen Gemeinden. Da aber die wählende Organisation wieder die Synodalversammlung ist, wird das zum Ergebnis haben, dass die neue Synodalkonferenz in größten Mehrheitsverhältnissen wiederum aus so genannten Reformern bestehen wird – und dass sich damit die vielen Gläubigen, die sich der lehramtlichen Tradition verpflichtet fühlen, erneut nicht repräsentiert fühlen und innerlich noch mehr abgehängt werden. Die Folge? Die Selbstsäkularisierung setzt sich fort!
11. Zeichen der Erneuerung jenseits des Synodalen Weges?
Andererseits gibt es Zeichen der Erneuerung jenseits des Synodalen Weges, die vielen Taufen junger Erwachsener in Frankreich, in Belgien, in der westlichen Schweiz; die signifikante Neu- oder Wiederentdeckung des katholischen Glaubens mehrheitlich durch junge Männer in England und in den USA; die Suche junger Menschen nach Glaubensidentität auch bei uns. Es sind aber – nach meiner Beobachtung – Menschen, die ihre theologische Bildung und gläubige Formation eher neben den bisher gewohnten Wegen in Pfarrei, Verband oder anerkanntem Theologiestudium finden („hidden formation“). Sie kommen eher über Internetvorträge, Chatforen und Internetcommunities, über große Events oder neue geistliche Gemeinschaften. Es gibt dieses wachsende Interesse auch bei uns. Aber anderes als in anderen Ländern fragt sich das katholische Establishment hierzulande: Wollen wir diese überhaupt haben? Es sind nämlich überwiegend keine Interessenten, die sich von den Themen des synodalen Weges bewegen lassen, sondern offenbar weit häufiger Menschen, die nach Tiefe suchen, nach authentischer, existenzieller Spiritualität, nach der Schönheit der Liturgie, nach intellektueller Auseinandersetzung mit der großen Tradition. Also – um es mit dem inkriminierten Wort zu sagen – eher Konservative.
Was ich aber mit solchen Suchenden zusammen tatsächlich glaube: Wir brauchen auch in der bestehenden Lehre Vertiefung, Differenzierung, vor allem die Vermittlung ihrer existenziellen Relevanz für jeden und jede. Wir brauchen ein neues Verstehen und die Fähigkeit zur sprachfähigen, sensiblen, ehrlichen Begleitung von Menschen, die sich von der Kirche verletzt und ausgestoßen fühlen – auch in Sachen Sexualität und Gender. Es braucht bei uns allen tiefere Sehnsucht nach der Gegenwart Gottes in uns, Sehnsucht nach Heiligkeit und Wahrhaftigkeit, die uns hilft, mit dem Herrn die Herzen der Menschen wirklich zu berühren, sie zu verwandeln und mit ihnen Reich Gottes zu suchen. Es braucht die Betenden, die die Einlassorte der Gnade in unsere Welt sind. Es braucht die Liebenden, die in der Lage sind, gerade auch denen die Füße zu waschen, die sich schon am weitesten entfernt haben. Es braucht die im Herzen Bekehrten – denn diejenigen Christinnen und Christen, die die Kirche im Lauf der Jahrhunderte stets verändert und neu in die Tiefe geführt haben, waren immer die Heiligen.
[1] https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/Dossiers_alt/dossiers_2018/MHG-Studie-gesamt.pdf
[2] Vgl. die unabhängige, von der Universität Passau erarbeitete Studie über sexuellen Missbrauch im Bistum Passau, im folgenden Link einsehbar, vor allem S. 61 f – dort auch mit Verweis auf andere Studien zu dieser Thematik: https://stefan-oster.de/wp-content/uploads/2025/12/Aufarbeitungsstudie_Bistum_Passau.pdf
[3] https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2022-06/franziskus-kritik-synodaler-weg-deutschland-jesuitenzeitschrift.html
[4] Vgl. verschiedene Ausführungen dazu auf meinem Blog: https://stefan-oster.de/?s=Der+Synodale+Weg
[5] https://www.synodalerweg.de/fileadmin/Synodalerweg/Dokumente_Reden_Beitraege/SV-VI/SV_VI_-_TOP_4_-_Monitoring.pdf
[6] https://www.herder.de/communio/theologie/was-das-juengste-papst-interview-fuer-den-synodalen-weg-bedeutet-pontifikaler-reform-daempfer/?gad_source=1&gad_campaignid=22539986071&gbraid=0AAAAADRjyd22g_ioNcLJz8b20-RcOOrZO&gclid=CjwKCAiAs4HMBhBJEiwACrfNZag7uqS_FUHERr13m7bTjFdbnV6TWvO0hHUGw0vFv9z3702_ifUv5BoCumYQAvD_BwE
[7] https://www.vatican.va/content/francesco/de/letters/2023/documents/20230805-lettera-sacerdoti.html
[8] Papst Franziskus, Wage zu träumen! Mit Zuversicht aus der Krise, München 2020, 111.
[9] https://www.dbk-shop.de/media/files_public/0f5800aa55a56d4ddeecb0ddfa09075f/DBK_2244.pdf

Comments
Sehr geehrter Herr Bischof,
mit tiefer innerer Bewegung habe ich soeben Ihren heutigen Beitrag „Die Selbstsäkularisierung setzt sich fort“ gelesen. Ihre Analyse trifft in beeindruckender Weise den Kern der hermeneutischen Herausforderungen unserer Zeit: nicht primär ein säkulares „Umfeldproblem“, sondern eine innere Selbstentleerung der Kirche durch ihre Amtsträger selbst, die in Fortsetzung weltlicher Denkformen kirchliche, ja katholische Identität zu verwässern droht.
Sie zeigen in Ihrem Beitrag beeindruckend, dass der Synodale Weg trotz berechtigter positiver Effekte – besonders in der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals – vor allem Polarisierungen freigesetzt hat, die das kirchliche Zeugnis eher fragmentieren als schärfen. Die Verstärkung von Lagerbildungen innerhalb der Kirche und gegenüber der Welt repräsentiert nicht eine gesunde plurale Substanz, sondern ein symptomatisches Auseinanderlaufen von Identität und Mission, wie es die große Tradition des kirchlichen Denkens schon früh thematisiert hat.
Ihr Hinweis auf die sakramentale Dimension von Kirche und Mensch legt den Finger auf die Wunde: ein Christsein, das ohne tiefes Eingreifen der Realpräsenz Christi in den Sakramenten und ohne das sakramentale Verständnis des Menschen in noch so gut gemeinten Stuhlkreisen verhandelt wird, verliert faktisch seine ontologische Substanz. Die Gefahr, dass synodale Reformanliegen am Ende eine Entsakramentalisierung des kirchlichen Verständnisses fördern, ist ein scharfer und notwendiger Befund.
In Ihrer Reflexion tritt klar hervor, was schon Romano Guardini mahnte: Der Mensch und die Kirche sind nicht nur „soziale Realitäten“, sondern Wirklichkeiten der Begegnung mit dem lebendigen Gott. Eine Kirche, die ihre Sakramentalität aus dem Blick verliert, verliert sich selbst und wird zu einem religiösen Subkulturprojekt unter vielen (vgl. Guardini, R., Vom Sinn der Kirche. Mainz, zahlreiche Auflagen; zuerst 1922). Die tiefe Sorge um das anthropologische Grundverständnis der Kirche, das Sie in Ihrem Beitrag so exzellent herausgearbeitet haben, verdienen große Anerkennung und theologische Beachtung. Sicherlich auch in Rom!
Mit herzlichem Dank für Ihre Standhaftigkeit im Dienst am Glauben und
in Verbundenheit im Gebet für unsere Kirche.
„Aber anderes als in anderen Ländern fragt sich das katholische Establishment hierzulande: Wollen wir diese überhaupt haben? Es sind nämlich überwiegend keine Interessenten, die sich von den Themen des synodalen Weges bewegen lassen, sondern offenbar weit häufiger Menschen, die nach Tiefe suchen, nach authentischer, existenzieller Spiritualität, nach der Schönheit der Liturgie, nach intellektueller Auseinandersetzung mit der großen Tradition. Also – um es mit dem inkriminierten Wort zu sagen – eher Konservative.“
Sehr geehrter Herr Bischof,
wer ist dieses „katholische Establishment“, von dem Sie sprechen? Gehöre ich als 50jähriger Religionslehrer an einer Realschule wohl dazu? Offensichtlich ja, denn ich bin ja katholisch sozialisiert und verwurzelt, habe ein Theologiestudium („Aber ja nur fürs Lehramt!“) absolviert. Somit gehöre ich nach Ihrer Defionition eindeutig nicht zur „hidden formation“, die jenseits der traditionellen Wege ihre Bildung im und Bindung zum Glauben gefunden hat. Da stimme ich Ihnen zu, denn ich zähle mich zur „faithful formation“, „loyal formation“, „visible formation“ oder „working formation“ – wenn ich mit solchen Begriffen arbeiten möchte.
Und nun rammen Sie – der weiter oben im Zuge des Synodalen Weges eine zunehmende Polarisierung beklagt – doch einen ziemlich steilen Pflock ein. Indem Sie – nach meinem Verständnis – eine Unvereinbarkeit insinuieren: Diese „hidden formation“, das seien Leute, die nach Tiefe suchen, nach existenzieller Spiritualität, nach der Schönheit der Liturgie, nach intellektueller Auseinandersetzung mit der großen Tradition.
Ich bin ein leidenschaftlicher Verfechter des Synodalen Weges – doch ich suche gleichzeitig täglich nach Tiefe und nach existenzieller Spiritualität, ich setze mich intellektuell mit der Tradition der Kirche auseinander (Ist diese aber durchweg „groß“? und ich lasse mich gerne berühren von schöner Liturgie. Und ich würde mich durchaus als einen „Konservativen“ bezeichnen.
Ist dieses Wort „inkriminiert“, wie Sie es behaupten? Ich wüsste nicht. Vielleicht hängt das aber auch mit Menschen zusammen, die heute in der Öffentlichkeit als „Konservative“ bezeichnet werden – es in meinen Augen aber nicht sind. In meinem Konservativ-Sein weigere ich mich, hinter Frömmigkeitsformen und Glaubensüberzeugungen zurückzufallen, die zum Beispiel in meiner Pfarrgemeinde von vielen Menschen aus meiner Großelterngeneration schon gelebt, bezeugt und geteilt worden sind. Da hat man sehr wohl aus ganzem Herzen den Rosenkranz gebetet, aber eben „ä bissel schneller – die Leit wollen jo aa emol widder hääm.“ Wenn Sie die Leute gefragt haben, dann haben die sich – schon allein von ihrem Wahlverhalten her – alle als Konservative gefühlt. Vermutlich hätten diese Leute aber ganz andere Bergriffe für viele der öffentlich auftretenden „Konservativen“ von heute gefunden.
Nein, solch steile Behauptungen ärgern mich, denn Sie betreiben in meinen Augen „Ausschließeritis“. Glauben die einen besser als die anderen? Bin ich, der ich dem Synodalen Weg anhänge, kein guter Christ? Die „große Tradition“ der Kirche fing auch irgendwann einmal an und sie lief nicht immer auf so geradlinigen Wegen, wie heute gerne der Eindruck erweckt wird. Und als Historiker muss ich sagen, dass es auch immer teils ganz handfeste (auch machtpolitische) Gründe gab, um Traditionen zu begründen. Eine ganz große Tradition ist die Bibel – und die sollten wir bei diesem Ringen nicht vergessen. Und unser Schöpfer hat uns auch den Verstand und das Urteilsvermögen gegeben, um darin zu lesen und diese Botschaft in unsere Zeit hinein zu übersetzen.
Langsam beschleicht mich aber das Gefühl, dass meine Frau Recht haben könnte, wenn sie sagt: „Vielleicht ist dieser konservative Weg genau das, was die Kirche retten kann. – Mich verlieren sie dann aber leider.“ Ja, mich vielleicht auch. Und das wäre schade, denn ich denke doch, dass mich die Kirche sehr gut gebrauchen kann.
Herzliche Grüße!
Ich habe den Eindruck, Sie werfen Bischof Oster Dinge vor, die er nicht gesagt hat.
Ich war früher einmal Lektor und bin aktuell vor Ort in meiner Pfarrei insbesondere wegen meiner Kinder engagiert. Natürlich oute ich mich gegenüber den kirchlichen Mitarbeitern und den anderen Ehrenamtlichen nicht als jemand, der den Synodalen Weg ablehnt. Ich habe keine Lust auf die Blicke und die unterschwellige passiv-aggressive Ablehnung. Lektor mache ich schon lange nicht mehr und das andere mache ich noch solange, wie es für meine Kinder hilfreich ist. Danach werde ich mir einen Ort suchen, wo ich nicht verurteilt und angeklagt werde.
Bischof Oster spricht das an und dafür bin ich ihm dankbar.
Sehr geehrter Herr Bischof, Ihre Ausführungen zur Sakramentalität sind wunderschön, tief und treffend! Daraus zu leben und uns dies immer wieder in Erinnerung zu rufen, ist unsere Aufgabe. Eine Aufgabe, die bereichert und den Sinn in unserem Leben aufzeigt. Schöner hätte man es eigentlich nicht auf den Punkt bringen können.
Zu Beginn sagen Sie selbst, dass Sie in einer „gewissen Pauschalisierung“ schreiben. Wäre es nicht besser, statt zu pauschalisieren zu differenzieren? Tun sich nicht genau deswegen Gräben auf, weil vieles zu sehr pauschalisiert wird? Dies zeigt sich auch, meiner Meinung nach, z.B. in folgender Aussage von Ihnen: „Einfache Gläubige, die treu aus den Sakramenten leben wollen, werden mehr und mehr zu scheinbaren Extremisten am rechten Rand.“ Ich selbst versuche treu aus den Sakramenten zu leben, mich hat jedoch noch nie jemand am rechten Rand eingeordnet. Warum auch? Oder genauso einseitig formuliert: „Es sind nämlich überwiegend keine Interessenten, die sich von den Themen des synodalen Weges bewegen lassen, sondern offenbar weit häufiger Menschen, die nach Tiefe suchen, nach authentischer, existenzieller Spiritualität, nach der Schönheit der Liturgie, …“ Ich habe den Synodalen Weg in Deutschland verfolgt, schon alleine deswegen, weil ich informiert sein möchte. Mich hat das hohe Engagement der Teilnehmer auch bewegt. Dabei sah ich vieles kritisch, bei manchem konnte ich dagegen gut mitgehen und trotzdem schließt dies nicht aus, dass ich nach Tiefe, nach dem Existentiellem, nach Schönheit, … suche. Warum muss man ständig das eine gegen das andere ausspielen? Ich merke schmerzlich, dass genau dieses Ausspielen bei durchaus engagierten und gläubigen Menschen in meinem persönlichen Umfeld der Grund dafür ist, dass sie sich von der Kirche zurückziehen. In einer Kirche, die so sehr polarisiert, finden sie keinen inneren Frieden und ihnen geht schlichtweg die Kraft aus, sich für eine Kirche einzusetzen, die weit entfernt von jeglicher Einheit ist. Das tut mir unendlich leid. Ich denke, dass es die Aufgabe von uns allen ist, sehr kritisch zu hinterfragen, wo wir selbst zu einer Spaltung beitragen, wo wir aufeinander zugehen können und wo wir uns distanzieren müssen. Liebe Grüße! Annette Ammerl
Sehr geehrter Herr Bischof,
vielen Dank für diesen tiefgehenden und notwendigen Beitrag. Ich teile Ihre grundlegende Diagnose: Die Krise der Kirche ist in erster Linie keine strukturelle, sondern eine geistliche. Wenn die Mitte der Sakramente, der Umkehr und der realen Gegenwart Christi verloren geht, läuft jede Reform Gefahr, zu einer bloßen Anpassung an den Geist der Welt zu werden.
Besonders wertvoll erscheint mir Ihre Betonung der Sakramentalität des Menschen und der Kirche. Darin liegt das Herz des Katholischen: Wir sind nicht nur eine ethische oder soziale Gemeinschaft, sondern ein Volk, in dem Gott real handelt. Wenn diese Dimension verblasst, wird der Glaube zum bloßen Diskurs und die Kirche zu einer religiösen NGO.
Ich stimme Ihnen auch darin zu, dass der Synodaler Weg vielfach dazu tendiert hat, Prozesse zu politisieren, die eigentlich geistlich sein müssten. Öffentlicher Druck, Mehrheitslogik sowie die Sprache von Macht und Kontrolle wirken kaum wie Wege echten geistlichen Unterscheidens. Vielmehr vertiefen sie Spaltungen und erwecken den Eindruck, als könne oder müsse Lehre durch Abstimmung oder Ermüdung verändert werden.
Ihre Bezugnahme auf die Warnungen von Papst Franziskus halte ich für sehr treffend: Die Gefahr, die Kirche in eine vorwiegend soziale statt sakramentale Struktur zu verwandeln, ist real. Wenn Begleitung ohne Umkehr, Inklusion ohne Wahrheit und Barmherzigkeit ohne Lebensverwandlung absolut gesetzt werden, verliert das Evangelium seine Kraft.
Ich bin fest überzeugt, dass echte Erneuerung — wie in allen Epochen der Kirchengeschichte — nicht aus Kommissionen oder Programmen hervorgeht, sondern aus Heiligen, aus lebendigen Gemeinschaften, aus Männern und Frauen, die durch Christus in den Sakramenten verwandelt werden. Ohne diese Wurzel wird keine Reform den Glauben tragen.
Danke, dass Sie mit Klarheit daran erinnern, dass die Zukunft der Kirche nicht in der Anpassung an die Welt liegt, sondern in einer tieferen Rückkehr zu Christus.
Mit Respekt und Dankbarkeit
Diakon Castillo Jiménez.
Ich bin dem Bischof dankbar für diesen Beitrag. Denn erst Herausarbeitung des Kerns der Differenzen, eine Darlegung der Positionen in erforderlicher Tiefe, wie sie hier vorliegt, kann eine Gesprächsgrundlage für den notwendigen Diskurs zur Verständigung ermöglichen. Dazu ist aber eine Bereitschaft erforderlich, anders als bisher. Als Beobachter des Synodalen Weges musste man den Eindruck gewinnen, dass – unter dem Primat einer effektiven Abarbeitung der vorab fixierten Agenda – der zulässige Einstiegspunkt in den Diskurs einen Konsens verunmöglichte, eine ergebnisoffene Diskussion eher verhindern sollte. Bereits daran wird das spezielle Synodalitätsverständnis deutlich.
Vielen Dank für die klare Analys, werter Herr Bischof Oster.
Ich möchte drei Punkte etwas deutlicher machen, die an der Basis bei der leider schweigenden Mehrheit der Kirchgänger durchaus verstanden werden:
1. Die Missbrauchsaufarbeitung durch den synodalen Weg spottet jeglicher Beschreibung. Weder die Ursachen, noch statistische bzw. empirisch evidente Realitäten wurden analysiert, noch aufgearbeitet. Die MHG-Studie weist, wie andere Vergleichsstudien zu kath. Kirche, ganz klar aus, dass etwa 80% der Taten durch Homosexuelle im Priestergewand erfolgten, viele durch Mehrfachtäter. Viele der Opfer sind Jugendliche zwischen 14 und 17. Wie kann es sein, dass man dagegen weder präventiv, noch aufarbeitend tätig geworden ist? Wo sind die Maßnahmen, dass eben keine Ephebophilie durch solche Täter mehr ermöglicht wird? Ist man wirklich so stark von LGBTQ-Lobbyisten unterwandert, dass man dort die empirischen Fakten nicht mehr diskutieren konnte? In USA hat James Martin ja auch jegliche Aufarbeitung um homosexuelle Netzwerke unterlaufen. Aber immerhin haben ihm dort Bischofe widersprochen und insbesondere sind die Laien Sturm gelaufen sind, als z.B. McCarricks 200 männliche Sexualpartner offenkundig wurden. Wie will man überhaupt eine glaubwürdige Aufarbeitung für sich reklamieren, wenn man das Übersehen des rosa Elefanten im Raum „politisch korrekt“ postuliert?
2. Spätestens durch die unkritische Übernahme der Kentler-Sexualmoral in den Werken des synodalen Wegs muss man sich als Katholik mit Graußen abwenden. Da wird der große Missbrauchs-Übervater der dt. Sexualpädagogik auch noch als Gallionsfigur der modernen „Wissenschaft“ verkauft. Schämen sich die linksliberalen Bischöfe denn nicht für solch eine dreiste Umdeutung der kirchlichen Sexualmoral? Von den Aposteln sind immerhin noch einige als Märtyrer gestorben, weil sie insbesondere auch die monogame Ehe zwischen Mann und Frau hochgehalten haben. Jetzt wird so getan, dass mit mehr ausgelebter Sexualität, vielen sexuellen Spielarten und insbesondere bezahlten Posten für LGBTQ-Vertreter die Kirche besser wird. Ernsthaft? Da war der Apostel Thomas wohl noch ein rückständiger Trottel, weil er sich solch deutscher Moral (seinerzeit in Rom und in Asien verbreitet) nicht anschließen wollte und lieber sein Leben für Chistus und insbesondere auch seine Ehemoral gab.
3. Die Tatsache, dass in keiner einzigen Predigt der Bischöfe Bätzing und Marx zu den Vollversammlungen der dt. Bischöfe der letzten Jahre jemals das Evangelium verkündet wurde, sondern stets ziemlich plumpe Politik verbreitet wurde, ist mehr als erschütternd. Erzbischof Marx spricht jüngst nur noch über „Fortschritt“ und „FakeNews“ (zu denen er offensichtlich alle Themen zählt, die er rechts von der SPD verortet), aber nie darüber, wie der einzelne zu Christus finden soll. Insbesondere das eigene Aufopfern für Christus kommt bei diesen Leuten nie vor. Umkehr und eigene Anstrengung scheint mir dort ebensowenig zur Lebensphilosophie zu gehören wie die unverfälschte Verkündigung der Lehre Christi. Seichte Reden über weltliche Utopien a la „eine Welt für alle“ ersetzen aber nicht die Mühen der Nachfolge Christi. Ich denke, das erklärt aber sehr gut, warum der synodale Weg keinerlei spirituelle Komponente hat: seine Anhänger wollen eine Discount-Religion weltlicher Prägung. Von geistiger Tiefe brauchen wie da noch gar nicht reden. Kein einfacher Gläubiger in D und insbesondere keiner der vielen heute weltweit verfolgten Christen wird auch nur ansatzweise vom Programm des synodalen Weg vertreten. Wenn man könnte, würde man im synodalen Weg sicherlich auch alle Heiligen und Märtyrer zuallererst loswerden. So inklusiv muss man im synodalen Weg dann doch nicht sein, denn solche Leute schaden einfach dem eigenen Image.
Eine Anfrage zur These, daß der „Klerikalismus“ die sysmische Ursache der sexuellen Mißrauchsfälle sei
Am Anfang war das „Kirchenvolksbegehren“ von der Organisation: „Wir sind Kirche“ Die da geforderte Reformagenda: die Demokratisierung der Kirche, die Liberalisierung der Sexualmorallehre und die Einührung des Frauenpriesterumes hatte nichts mit den viel später erst aufgedeckten Mißbrauchsfällen zu tuen. Wie kommt es nun, daß jetzt dies Programm als die Antwort auf diese Fälle avanciert?
Die „Therapie“ war so vor der Diagnose der systemischen Ursachen und man frug: Wie muß die systmische Ursache bestimmt werden, damit dadurch diese Reformagenda legitimiert wird? Unter dem „Klerikalismus“ wird nun einfach das verstanden, was der Reformagenda entgegensteht . So machte der Terminus der „sexualisierten Gewalt“ seine Karriere, da zur Klerikerherrschaft auch die gewaltsam ausgeübte Sexualität gehöre. So wird das Verältnis von der Gewalt zur Sexualität um dieser Reformagenda willen verdreht: Nicht mehr sol die Gewalt das Mittel sein, um den Sex zu erzwingen sondern der gewaltsame Sex soll nun ein Mittel der Klerikerherrschaft sein.
Die Bestimmung der systemischen Ursachen hat so nur den Zweck, dies antiklerikalisische Reformvorhaben zu legitmieren.
Uwe Lay, Dipomtheologe
Sehr geehrter Herr Bischof Oster,
ich weiß es zu schätzen, dass Sie sich auf solch intensive und differenzierte Weise mit dem Synodalen Weg auseinandersetzen. Auch wenn ich überrascht bin, dass Sie den Prozess auf so hohem dogmatischen Niveau anschauen (Menschenbild, Sakramentalität der Kirche), habe ich Ihre Ausführungen mit Interesse gelesen. Bis zu Punkt 6 kann ich Ihnen gut folgen, bei Punkt 6 komme ich allerdings beim letzten Absatz in die Gegenrede: meine Schlussfolgerung wäre zum Umgang mit allen Menschen (queeren, Frauen…) eine, die auch die auch der synodale Weg vorgeschlagen hat. Vermutlich ist Ihnen klar, dass aus der Annahme der Sakramentalität jedes Menschen auch geschlossen werden kann, dass Menschen mit anderer sexueller Orientierung und sogar Frauen 😉 gleiche „Rechte“ wie Segnungen und auch Zulassung zum mindestens diakonalen Amt (das es ja in der Kirchengeschichte nachweislich gab) zustehen könnten.
Ich glaube auch, dass der synodale Weg in seiner parlamentarischen Form letztlich kein optimaler Weg war, aber m.E. war er das, was zum damaligen Zeitpunkt möglich und denkbar war. Auch wäre die Wahl der Themen aus heutiger Sicht bestimmt ergänzungsbedürftig. Ich kann jedoch nicht nachvollziehen, dass Sie ausgehend von diesem Prozess die Gefahr einer Selbstsäkularisierung an die Wand malen.
Dennoch: um der Gefahr einer Polarisierung entgegenzuwirken, wäre eine eher konsensorientierte Form des Dialogs und der Enscheidungsfindung zukünftig sicher besser. Ich gehe aber davon aus, dass Sie wissen, dass solche Formen eine Bereitschaft und auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion erfordern, die ich – mit Verlaub gesagt – bei eher dogmatisch überzeugten Menschen nicht in allen Fällen gegeben sehe. Mich macht es einfach skeptisch, dass bei diesen Formen des Gesprächs zu häufig das Ergebnis im Katechismus steht und das Wehen des Geistes immer nur das Bestehende zulässt… Zudem erfordern konsensorientierte Formen deutlich mehr Zeit , was kein Hinderungsgrund sein sollte, aber bedacht sein muss.
Ich widerspreche Ihnen allerdings energisch bei Ihrer Polarisierung zwischen den Anhängern des synodalen Wegs und denjenigen, „die nach Tiefe suchen, nach authentischer, existenzieller Spiritualität, nach der Schönheit der Liturgie, nach intellektueller Auseinandersetzung mit der großen Tradition. Also – um es mit dem inkriminierten Wort zu sagen – eher Konservative.“ Hier fühle ich mich selbst ausgegrenzt, wie es ja auch schon in einem früheren Kommentar gesagt wurde. Seit meinem 14. Lebensjahr engagiere ich mich ehrenamtlich in den Pfarrgemeinden meiner Wohnorte, suche persönlich nach Vertiefung meines Glaubens, feiere gerne die „normale“ oder besonders gestaltete Liturgie…und dennoch glaube ich, dass unsere katholische Kirche reformbedürftig ist und Schritte gehen muss, um das Evangelium glaubwürdiger und näher an den Menschen zu verkünden. Für mich ist das kein Widerspruch – für Sie als Bischof aber offenbar schon. Das finde ich gerade im Sinne der Einheit kontraproduktiv.
Monika Krieg, Paderborn; Diplomtheologin und Supervisorin, langjährige Leiterin der Telefonseelsorge
Ich habe Herrn Bischof Oster nicht so verstanden, dass er pauschal ausgeschlossen hat, dass Anhänger des Synodalen Wegs eine tiefe Spiritualität pflegen. Nach nochmaligem Lesen des Abschnitts verstehe ich, wieso Sie ihn so verstanden haben. Ich denke aber nicht, dass diese Auslegung zwingend ist.
Es scheint mir doch nicht falsch festzustellen, dass es unter eher reformorientierten Katholiken mehr Menschen gibt, die in der kirchlichen Tradition und „strenger“ Liturgie eher ein Hindernis für die Verkündigung in einer modernen Welt sehen. Das Argument hört man jedenfalls öfter. Demgegenüber scheinen viele eher konservativen Katholiken – wenn man das mal so pauschal abgrenzen darf – sich gerade eher für diese Tradition und Liturgie zu interessieren als für die Reformthemen. Ich denke, so ganz falsch ist die Gegenüberstellung nicht.
Bischof Oster wollte damit niemanden ausgrenzen, sondern einfach sagen, dass wir gerade in einigen Ländern neuen Zulauf von jungen Menschen erleben und dass das mehrheitlich Menschen sind, die nicht primär nach den Themen des Synodalen Weges suchen. Und er hat die Frage aufgeworfen, ob es eine Stimmung gibt, die diese Menschen willkommen heißt. Diese Frage kann ich nachvollziehen.
Ohne dem Herrn Bischof vorgreifen zu wollen, die ihm in den Kommentaren unterstellte Ausgrenzung und Polarisierung ist dem Beitrag in keiner Weise zu entnehmen.
Beschrieben werden Erneuerungsbewegungen und die Motivation dieser Menschen, sowie deren geringes Interesse an der synodalen Reformagenda. Das ist zunächst lediglich ein Befund, dem selbstverständlich widersprochen werden darf, der aber nicht als Ausgrenzung bewertet werden kann.
Dass es Anhänger der Synodalen Weges gibt, die nach Tiefe und Spiritualität suchen, wird niemand ernsthaft bestreiten. Die Vorbehalte gegenüber genannten Erneuerungsbewegungen seitens mancher synodaler Protagonisten sind allerdings bekannt und mögen manche Reaktion erklären.
Danke an diejenigen, die versuchen, ein Missverständnis positiv aufzulösen (Jörgen, Markus Tiller) oder eine missverständliche Lesart, die meine Formulierungen ermöglicht haben. Daher zur Klärung: Natürlich habe ich nicht bestritten, dass es Anhänger der Themen des Synodalen Weges gibt, die nach Tiefe und existenzieller Spiritualität et. al. suchen. Und selbstverständlich will ich niemandem seinen Glauben und seine ernsthafte Suche absprechen, der Reformen in Richtung des Synodalen Weges will. Ich habe schlicht ein Phänomen beschreiben wollen, dass vielfach wahrzunehmen ist, und meines Erachtens auch zu wachsen scheint. Oft sind es junge Erwachsene, die das suchen, was ich aufgezählt habe, die aber in kirchenpolitischer Einordnung wenig bis gar kein Interesse haben an den Themen des Synodalen Weges, sondern darin auch die Lehre der Kirche bewahrt wissen wollen – und daher als konservativ wahrgenommen werden. Und tatsächlich gibt es auch die Debatte darüber, ob man solche Newcomer überhaupt haben will – eben weil sie kirchenpolitisch stehen, wo sie stehen. In einer Kirche, der jedes Jahr Hunderttausende den Rücken kehren, ist so eine Debatte zumindest bemerkenswert. Tatsächlich habe ich auch als Antwort auf meinen Beitrag von mehreren Seiten genau dieses Phänomen bestätigt bekommen: Von Geistlichen, die versuchen eine Antwort auf solche Suchende oder auch Rückkehrer zu geben. Aber eben auch von jungen Menschen, die sich in dieser Beschreibung wiederfinden. Beste Grüße und Dank für die Debatte. SO
Lieber Bischof Oster,
Ich möchte Ihnen von Herzen danken für Ihre Beiträge zum synodalen Weg,auch für Ihre Predigten, Podcasts, die immer hochaktuell sind (KI,Silvester Ansprache)und trotzdem lassen Sie uns teilhaben an Ihrem ganz persönlichen Glauben, Ihrem Ringen,Ihrer Ehrlichkeit und Ihrer Freude im Glauben. Dafür sind Sie sogar bereit, sich verletzbar und angreifbar zu machen. Aber so schenken Sie vielen, auf jeden Fall mir die große Freude, meinen Glauben zu vertiefen und auch mutiger zu leben. Ich darf die Jüngerin sein,die Jesus liebt (Osterfest 2025),das begleitet mich schon das ganze Jahr und ich freue mich jetzt schon, wieder die Karwoche und Ostern in Passau zu verbringen.
Ich habe viel verfolgt zum synodalen weg, um mich zu informieren. Es gäbe sehr viel zu sagen, aber 2 Punkte finde ich besonders krass und irritierend.
1. Der Vorschlag, Bischöfe auf Zeit zu wählen ( um die Macht zu kontrollieren?) Aber ein Bischof wird geweiht. Er ist als Stellvertreter Jesu beauftragt, die Eucharistie zu feiern, die Beichte zu spenden……Ich bin vor 40 Jahren konvertiert, ua wegen der Sakramente. Wir können doch nicht die Sakramente in Frage stellen, außerdem ist das Gremium dazu garnicht befugt.
2. Das Monitoring
Das macht mich sprachlos. Kontrolle pur! Wenn das kein Machtmissbrauch ist…allerdings jetzt von Seiten der Laien.
Ich bete für alle Beteiligten, dass wir als Kirche wieder zusammen finden und unserem Auftrag gerecht werden als Kinder Gottes den Glauben in die Welt zu tragen.
Lieber Bischof Oster,
ich teile Ihre Sorge um den Glaubensverlust hierzulande. Es gibt oft eine große Sprachlosigkeit und viele innere Selbstzweifel, die verhindern, dass der Glaube an die nächste Generation weitergegeben wird. Das beginnt schon in den Familien.
Sehr besorgt bin ich auch über Pläne, die Beschlüsse der neuen Funktionärs-Kaste mit Druckmitteln wie dem Monitoring oder dem medialen Pranger in die Diözesen und Pfarrgemeinden „reinzudrücken“. Das führt zur Entmündigung sowohl von Bischöfen als auch von einfachen Gläubigen.
Fatal ist, dass die neuen Funktionäre eine Agenda verfolgen, die sich offen gegen die Weltkirche und gegen Papst Leo stellt. Viele Synodale verkennen die Zeichen der Zeit: Wir leben in einer Epoche, in der das Bedürfnis nach Geborgenheit und Orientierung, hier und da auch nach einem tieferen Glauben wächst. Es braucht also in der Kirche nicht mehr Spaltungen, sondern mehr Ausrichtung auf Jesus, keine nationalen Sonderwege, sondern ein gemeinsames Mitgehen mit der Weltkirche.
Sehr geehrter Herr Bischof Oster,
haben Sie Dank für Ihre intellektuell redlichen und theologisch tiefgehenden Reflexionen zum Synodalen Weg. Es ist ein wertvoller Beitrag zur Debatte, wenn Positionen so klar profiliert werden. Dennoch möchte ich aus einer Perspektive, der es um die Authentizität der Nachfolge, Empathie und die Radikalität des Evangeliums geht, eine kritische Rückfrage stellen: Steht in Ihrer Argumentation der Mensch noch im Mittelpunkt, oder ist er nur noch Statist in einem sakramentalen System?
Das Sakrament ist für den Menschen da
Sie betonen den „Anspruch Gottes“, der im Sakrament liege, und warnen vor einer Überbetonung des Zuspruchs. Doch wenn wir diesen Anspruch mit dem Wirken Jesu konfrontieren, sehen wir eine Person, die konsequent das Leben über das Gesetz stellte. Er lehrte uns: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Mk 2,27).
Überträgt man dies auf die Sakramente, so wird deutlich: Sie sind keine ontologischen Statuen, die bewacht werden müssen, sondern Ereignisse der Befreiung. Ein Sakrament, das als Hürde für die authentische Liebe zwischen Menschen oder als Ausschlusskriterium für die Berufung von Frauen fungiert, läuft Gefahr, den Geist Gottes zu domestizieren. Wenn die „Sakramentalität“ der Kirche dazu führt, dass Menschen sich verletzt abwenden, opfert die Pastoral die Barmherzigkeit der Ordnung.
Historische Irrtümer der „unveränderlichen Lehre“
Ihre Sorge vor einer „Entsakralisierung“ durch Reformen erinnert an kirchengeschichtliche Wegmarken, an denen vermeintlich unveränderliche Wahrheiten korrigiert werden mussten. Ob es die Rechtfertigung der Sklaverei mit einer „gottgewollten Ordnung“ im 19. Jahrhundert war oder die Ablehnung der Religionsfreiheit bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil – oft wurde das Festhalten an starren Strukturen als Treue zum Glauben missverstanden.
Wahre Sakramentalität und geistliche Autorität müssen sich nicht vor Transparenz oder Machtkontrolle fürchten. Im Gegenteil: Ein Amt, das sich der Selbstreflexion stellt, gewinnt an Tiefe, weil es die eigene Hinfälligkeit nicht nur postuliert, sondern strukturell ernst nimmt.
Eine Anthropologie des Geistes statt der Biologie
Ihre Rückbindung an eine geschlechtliche Dualität (Adam/Eva, Maria/Christus) wirkt in einer Welt, die Vielfalt als Geschenk begreift, wie eine Einengung des Schöpfergeistes. Wenn wir glauben, dass alle Menschen als Ebenbilder Gottes geschaffen sind, dann ist die empathische Wahrnehmung queerer Identitäten oder die Sehnsucht von Frauen nach dem priesterlichen Dienst kein Angriff auf die Tradition. Es ist die Suche nach der Wahrheit des Geistes im Hier und Jetzt.
Fazit: Brot für die Hungernden
Lassen Sie uns das Sakrament nicht als exklusives Gut verstehen, das durch „Gatekeeper“ bewacht werden muss, sondern als Wegzehrung für Suchende. Die wahre „Selbstsäkularisierung“ findet dort statt, wo die Liebe erkaltet, weil Paragrafen wichtiger werden als Biografien.
Das Evangelium lädt uns ein, die Türen weit zu machen – nicht aus Modernisierungssucht, sondern weil Christus es war, der mit jenen am Tisch saß, die nach den sakralen Regeln seiner Zeit dort keinen Platz hatten. Eine Kirche, die authentisch und empathisch sein will, muss bereit sein, sich vom Leben der Menschen verwandeln zu lassen.
Mit freundlichen Grüßen und dem Wunsch nach einem fortgesetzten, ehrlichen Dialog,
Julian Gillesberger, Diakon
Sehr geehrter Herr Diakon Gillesberger,
auch wenn natürlich nicht ich angesprochen wurde, hoffe ich, es ist in Ordnung wenn ich mich an der Diskussion beteilige und meine Gedanken aufschreibe.
Sie schreiben von einer „Welt“, die z.B. die Auflösung der geschlechtlichen Dualität als Geschenk der Vielfalt begreift. Sie wünschen sich, dass sich die Kirche vom „Leben der Menschen“ verwandeln lassen muss, wenn sie authentisch und emphatisch sein will.
Diese „Welt“ und das „Leben der Menschen“, das zum Maßstab der Kirche werden soll, scheint mir aber doch vor allem aus einem relativ eng gezogenen Wahrnehmungskreis mit Fokus auf Zentraleuropa zu bestehen. Es scheint mir manchmal so, dass sich diese Region der Welt aus historischen Gründen besonders berufen fühlt. Wenn wir aber schon über die Lebensrealität der Menschen sprechen, sollte wir dann nicht den betrachteten Kreis etwas weiter ziehen?
Selbst innerhalb dieses relativ eng gezogenen Ausschnitts der Welt sind Themen wie die Wahrnehmung queerer Identitäten sehr junge und keineswegs unumstrittene Phänomene. Was davon in ein paar Jahrzehnten übrig ist, kann niemand von uns vorhersagen. Ich wäre vorsichtig damit, den Wesenskern einer 2000 Jahre alten Institution auf dieser Basis zu reformieren.
Europa hatte lange Zeit großen Einfluss in der Welt und auch großen Einfluss in der Kirche. Wir merken überall: Diese Zeiten scheinen sich dem Ende zuzuneigen. Veränderungen in der Kirche und auch im Verständnis der Sakramente gab es immer und es wird sie auch in Zukunft immer geben. Sie werden aber nicht von einem europäischen Regionalgremium vorgegeben und sie werden sich auch nicht an den Bedürfnissen der Katholiken in einer eng begrenzten Region der Weltkirche orientieren können.
Vielleicht müssen wir wirklich die „Zeichen der Zeit“ erkennen. Vielleicht sagen diese Zeichen uns aber schlicht, dass wir Europäer, nachdem wir Jahrhunderte lang den Ton abgegeben haben, uns jetzt mal umgekehrt von anderen führen lassen sollten.
Vielleicht könnte das sogar das Vermächtnis unseres Papstes Franziskus sein, auf das sich sowohl seine Kritiker als auch seine Befürworter einigen könnten.
Herzliche Grüße und herzliches Dankeschön für die aufrichtige Diskussion.
Sehr geehrter Herr Tiller,
vielen Dank für Ihren wertvollen und bedenkenswerten Einwand. Sie legen den Finger in eine Wunde, die wir in Europa oft übersehen: die Gefahr einer gewissen geistlichen Arroganz gegenüber der Weltkirche. Ihr Ruf nach einer „Umkehr der Perspektive“ und nach Demut gegenüber den Erfahrungen des globalen Südens ist ein wichtiger Korrektiv für jede synodale Debatte.
Dennoch möchte ich aus meiner liberalen, am Evangelium orientierten Sicht zwei Aspekte ergänzen, die mir für eine ehrliche Diskussion essenziell erscheinen:
1. Die Universalität des Leids und der Würde
Sie bezeichnen die Wahrnehmung queerer Identitäten oder die Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit als „junge“ und „regionale“ Phänomene. Doch aus einer empathischen Perspektive stellt sich die Frage: Sind dies wirklich nur „Trends“, oder ist es ein mühsamer Prozess des Erkennens von bereits immer existenter Wirklichkeit?
So wie die Kirche Jahrhunderte brauchte, um die Religionsfreiheit oder die unbedingte Gleichheit aller Ethnien nicht nur theoretisch, sondern strukturell anzuerkennen, so befinden wir uns heute in einem Lernprozess über die Vielfalt menschlicher Identität. Empathie darf nicht an geografischen Grenzen haltmachen. Wenn Menschen aufgrund ihrer Identität Ausgrenzung erfahren – ob in Europa, Afrika oder Asien –, dann ist die Frage nach ihrer Würde keine „regionale Befindlichkeit“, sondern eine universale Anfrage an das Evangelium.
2. Synodalität als gegenseitiges Lernen, nicht als Verstummen
Ich stimme Ihnen zu: Wir Europäer sollten nicht mehr den „Ton angeben“ im Sinne eines kolonialen Diktats. Aber bedeutet „sich führen lassen“ automatisch, die eigenen, schmerzhaft errungenen Einsichten über Machtmissbrauch und Diskriminierung zu verschweigen?
Papst Franziskus sprach oft von der Kirche als einem „Polyeder“, in dem jede Teilkirche ihre eigene Farbe einbringt. Unser Beitrag aus Europa – geprägt durch die schmerzhafte Aufarbeitung des Missbrauchsskandals – ist die Erkenntnis, dass Strukturen, die Kritik verhindern, dem Geist Gottes im Weg stehen. Diesen Beitrag müssen wir selbstbewusst, aber demütig in den weltkirchlichen Dialog einbringen. Es geht nicht darum, anderen etwas aufzuzwingen, sondern die prophetische Kraft der eigenen Ortskirche nicht zu ersticken.
3. Der Mensch als Maßstab – überall
Sie warnen davor, den „Wesenskern“ der Kirche auf Basis junger Phänomene zu reformieren. Doch was ist dieser Wesenskern? Wenn wir Jesus betrachten, sehen wir, dass sein Wesenskern die bedingungslose Zuwendung zum Individuum war, oft im direkten Bruch mit den „altehrwürdigen“ Traditionen seiner Zeit.
Vielleicht ist das „Zeichen der Zeit“ für uns in Europa tatsächlich die Demut. Aber wahre Demut verbeugt sich vor Gott und dem leidenden Menschen, nicht vor einer erstarrten Struktur. Ein Sakrament, das Menschen ausschließt, schmerzt in Deutschland genauso wie im globalen Süden – auch wenn dort vielleicht noch andere Worte dafür gefunden werden.
Ich danke Ihnen herzlich für diesen Perspektivwechsel. Er erinnert mich daran, dass mein Blickwinkel begrenzt ist – aber er entbindet uns nicht von der Pflicht, dort für Gerechtigkeit und Authentizität einzutreten, wo wir heute stehen.
Mit freundlichen Grüßen und Dank
Julian Gillesberger
Sehr geehrter Herr Diakon Gillesberger,
vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort.
Ich kann bei vielem mitgehen. Selbstverständlich wünscht sich niemand eine Kirche, die Menschen ausgrenzt oder gar diskriminiert. Eine emphatische Kirche ist mir ein großes Anliegen. Ich sehe aber nicht so recht, wieso der Synodale Weg darauf die naheliegende oder gar einzige Antwort sein soll.
Mir scheint es viel mehr um die Frage zu gehen, was wir meinen, wenn wir davon sprechen, „den Menschen in den Mittelpunkt“ zu stellen. Liebe ist nicht Affirmation. Und wir dürfen nicht Akzeptanz mit Zustimmung verwechseln.
Liebende Eltern werden sicher ihre Kinder in den Mittelpunkt stellen. Und sie werden ihre Kinder, so wie sie sind, akzeptieren und annehmen. Aber sie werden nicht alles, was ihre Kinder tun, befürworten und sie werden sich hoffentlich nicht auf einen Prozess einlassen, in dem 4 Kinder die Entscheidungen von 2 Eltern überstimmen können.
Der ein oder andere mag diesen Vergleich vielleicht als anstößig empfinden, aber so empfinde ich das. Eine Kindheit ohne Eltern ist einsam. Genauso wie eine Kirche ohne Hirten. Ich wünsche mir eine Kirche, die mich annimmt und aufnimmt. Aber eben auch eine Kirche, die mir den Weg zeigt und mich nicht einfach bestärkt, in dem was ich bin.
Ob die Themen, die uns gerade so bewegen, kurzfristige Trends sind oder sich verstetigen, wissen wir beide aktuell nicht. Die Kirche hat auf diese Unsicherheit in der Vergangenheit so reagiert, dass sie gewartet hat bevor sie gesellschaftliche Entwicklungen inkorporiert hat. Dann aber hat sie es mit voller Überzeugung und in Einheit getan. Das letzte große Zeugnis dieser Herangehensweise ist das 2. Vatikanische Konzil. Vielleicht wird es irgendwann ein 3. Vatikanisches Konzil geben, bei dem die Themen umgesetzt werden, die heute den Teilnehmern des Synodalen Weges unter den Nägeln brennen. Aktuell gibt es hierfür aber keinen Konsens in der Weltkirche.
Ich kann mich gut vorstellen, dass das für viele Menschen sehr schwierig zu akzeptieren ist. Ich verstehe das wirklich gut und ich will es nicht leichtfertig abtun. Die Einheit mit der Weltkirche verlangt uns viel ab, weil sie uns zeigt, wie wenig Einfluss wir selbst haben. Sie verlangt von uns Hingabe und letztlich auch Unterordnung. Aber sie ist auch ein großartiges Geschenk. Im Vater Unser beten wir „Dein Wille geschehe“. Und auch wenn wir nie sicher sein können, was Sein Wille genau ist, so können wir dem Satz jedenfalls einen Appell entnehmen, uns von unserem eigenen Willen zu distanzieren.
Ich befürchte, dass der Synodale Weg Erwartungen geweckt hat, die – wenn sie dann so nicht realisiert werden – zu noch mehr Schmerz und Enttäuschung führen werden. Wenn die Synodalversammlung Beschlüsse fasst, deren Umsetzung Rom verbietet, haben die Bischöfe die Wahl zwischen massiver Frustration in ihren Bistümern oder offenem Aufbegehren gegen Rom. Mir leuchtet nicht ein, wie uns das zu einer besseren Kirche machen soll.
„Dein Wille geschehe“ ist nicht nur Appell: „Sein Wille solle geschehen“. Es ist auch Versprechen: „Sein Wille wird geschehen“. Ich vertraue darauf: Er wird uns den Weg weisen.
Herzliche Grüße und Dankeschön für die Diskussion