Unser Streben nach Sicherheit – eine tödliche Bedrohung?

Predigt zu Allerseelen 2016 im Dom zu Passau (Das Bild von K. Löwe zeigt die Bischofsgruft unter der Altarinsel im Dom)

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Jesus sagte eben im Evangelium zu Martha: „Jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben! Glaubst Du das, Martha?“ Und ich möchte Sie und mich und uns alle heute, am Allerseelenabend, fragen: Glaubst Du das? Glaubst Du, dass der Glaube an Jesus dazu führt, dass wir nicht sterben. Glauben wir wirklich was wir glauben, was wir im Glaubensbekenntnis sagen? Was bedeutet es zu sagen: Ein Verstorbener, der wirklich an Jesus geglaubt hat, der geht nicht unter, der kommt nicht an den Ort der Verlorenheit, sondern der ist auf dem Weg ins Leben? Was bedeutet das, wie kann man sich das vorstellen?

Der Tod: Sturz ins Nichts?

Ich stelle es mir ungefähr so vor: In der Zeit vor Jesu Kommen schaut Gott, der Vater, Gott der Allmächtige, der Allliebende, dieser Gott schaut auf die Erde hinunter und er sieht so wenig Leben, so wenig ewiges Leben, so wenig ewiges Licht. Die Menschen zeugen zwar biologisches Leben, aber sie vergehen wieder, das nur biologische Leben vergeht wieder. Es geht vom Augenblick der Geburt auf den Tod zu. Und gerade der Tod ist für die Menschen ein Riesenproblem: Er kommt auf sie zu, unausweichlich, von vorne. Keiner weiß, was passieren wird. Der drohende Tod fühlt sich an wie die äußerste Katastrophe, wie der Sturz ins große Nichts, wie der Fall ins absolut Bodenlose, in die Bedeutungslosigkeit, in die große Leere. Die Menschen haben Angst davor, panische Angst. Sie denken und fühlen: „Ich, der ich doch so bedeutungsvoll bin, soll auf einmal weg sein, als wäre nichts gewesen.“ Und sie wollen sich selbst verewigen, durch Zeichen der Macht, durch Zeugung von Nachkommen, durch Bauen von Häusern, durch Anhäufung von Reichtum, durch unendliche Sorge um die eigene Gesundheit und vieles mehr. „Wenn ich doch dem Tod nur ein wenig abringen könnte und irgendwas tun könnte, das mir zeigt: Ich kann doch hier bleiben. Ich falle doch nicht in das große Vergessen.“ Diesen Kampf sieht Gott.

 Die Angst vor dem Tod hindert am Menschsein

Aber Gott sieht auch: diese Angst vor dem Tod, die führt dazu, dass der Mensch sich schwer tut, wirklich von innen her frei zu werden. Er muss ja festhalten, damit er nicht vergeht. Der Mensch tut sich schwer wirklich los zu lassen. Das würde seine kleine Welt ja noch vergänglicher machen. Er tut sich schwer, wirklich wahrhaftig und objektiv zu sein. Er muss ja erst mal schauen, wo er selbst bleibt. Und der Mensch tut sich schwer, wirklich zu lieben und sein Herz zu öffnen. Die Herzensöffnung könnte ihn ja verletzen, jemand könnte sein Herz brechen, dann würde er die Kontrolle verlieren. Eine Kontrolle, die sich so gerne festmacht, in dieser Welt, die Illusion, aus eigener Kraft bleiben zu können. All das und vieles mehr sieht Gott. Und er sieht, die Menschen zünden Feuer und andere Lichter an, die doch auch wieder ausgehen. Oder er sieht, wie sie – heute – so viele künstliche Lichter machen, die nie mehr ausgehen, um die Illusion aufrecht zu erhalten, dass es in ihnen vielleicht doch nicht so dunkel ist.

Selbstsicherung macht gottvergessen

Gott sieht das alles und ist voller Sehnsucht danach, unter seinen Lieblingsgeschöpfen zu wohnen, damit sie es endlich gut haben – und all den Wahnsinn nicht mehr brauchen. Aber sie denken nicht an ihn, sie sind so beschäftigt, ihre Selbstsicherung zu besorgen in dieser so bedrohlichen Welt. Sie sind gottvergessen, ihre Herzen so voll von allem Möglichen, aber die Sehnsucht nach Ihm, dem lebendigen Gott, ist verschüttet. Da ist so viel Dunkel. Es ist alles so besetzt mit dem eigenen „Ich will bleiben“ – und jeder strebt nur seine eigenen Ziele an, die Erfüllung seiner Bedürfnisse, das Leuchten seines Lichtes in der Welt. Und Gott sieht auch: Je mehr einer alles das tut, umso schlimmer wird es. Umso mehr wird der Tod wirklich tödlich, umso weniger wird einer etwas in sich haben, das mehr als alle ist, das wirkliches Leben ist, göttliches Leben.

 Jesus ist so anders!

Gott schaut auf diese Welt und er will ihr voller Sehnsucht, in absoluter Liebe und Freiheit das wirkliche Licht schenken, den wirklichen Sinn, die wirkliche Liebe und das wirkliche Leben. Gott schenkt uns seinen Sohn. Der kommt mitten in diese Welt und ist so anders. So völlig anders. Er ist so erschreckend, so abgründig tief. Er ist so herausfordernd, so unglaublich wahrhaftig. Er ist so wenig rücksichtsvoll, wenn es um bloße religiöse Konvention geht, und er ist so abgründig zärtlich, wenn es darum geht, in ein verlorenes Herz seine Liebe einzugießen. Er ist so voller göttlicher Vollmacht und so unfassbar demütig, ganz besonders dort, wo er seinen Weg einfach zu Ende geht. Mancher von denen, denen er begegnet ist, hat wenig bis gar nichts erkannt. Aber die, die etwas erkannt und gespürt haben, die waren entweder radikal bedroht oder radikal angezogen – oder beides. Petrus zum Beispiel sieht so vieles von Jesu Majestät immer wieder. Einmal fällt er einfach vor seine Füße und sagt: Herr, geh weg von mir, ich bin ein Sünder. Ein anderes Mal lässt er sich von ihm aus dem Boot rufen und geht über das Wasser, ehe seine kleingläubige Natur ihn von Zweifeln übermannt. Ein anderes Mal spricht Jesus davon, dass er selbst das Brot des Lebens ist, das man essen kann. Und viele verstehen ihn nicht, aber sie fühlen wohl eine Art unerträgliches Gewicht dieser Rede. Und laufen davon. Dieser Jesus ist so erschreckend anders. Aber Petrus bleibt mit der Begründung: Wohin sonst, sollten wir gehen? Aus Dir kommen Worte ewigen Lebens.

 Leben, das den biologischen Tod besiegt

Liebe Schwestern, liebe Brüder, mit Jesus ist mitten in unser todgeweihtes Leben ein anderes Leben eingebrochen. Das Leben Gottes. Jesus sagt uns nicht: Ich zeig Euch den Weg zum Leben mit Gott. Er sagt uns heute: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wir sind an solche Sätze irgendwie so gewöhnt, dass uns gar nicht mehr auffällt, mit welcher Wucht, welchem Gewicht sie gesprochen wurden. Wir müssten im Grunde niederfallen und anbeten und dem Herrn danken, dass er da ist, dass er gekommen ist: Er, die Auferstehung und das Leben.  Aber wie nun bekommen wir Anteil an diesem Leben, Anteil an Jesus? Nun wir sind getauft in seiner Kirche. Paulus sagt, wir sind auf seinen Tod getauft, damit wir mit ihm leben. Wir öffnen in der Hl. Messe unser Herz für dieses Leben, wir empfangen ihn und bitten den Herrn, dass er es immer tiefer durchdringt. Und wir glauben, das heißt: Wir vertrauen, dass Du es bist, Herr. Wir vertrauen, dass Dein ewiges Leben in unser sterbliches Leben hineinreicht, wir glauben, dass wir uns innerlich mit Dir verbinden können und so hoffen wir voller Vertrauen, dass dein Leben in uns die Oberhand behält und nicht vom biologischen Tod verschlungen wird. Wer an mich glaubt, sagst Du, der wird nicht zugrunde gehen.

 Das Gebet der Kirche für ihre Verstorbenen

Liebe Schwestern und Brüder, die Kirche Jesu Christi ist ein Leib, ein Organismus. Wir alle gehören dazu. Und wir alle tragen einander und helfen einander durch unsere Liebe, durch unsere Geschwisterlichkeit, durch unser Gebet, immer mehr von seiner Gegenwart durchdrungen zu werden. Und wir glauben, dass es möglich ist, dass diese andere, die natürliche Seite in uns zurück gedrängt werden kann von Ihm, dass sie kleiner werden kann: Die Seite, die sich so vor dem Tod ängstigt, die so gern festhält, die sich so gern selbst verewigt. Wir glauben, dass sie ihm Platz machen und weichen muss. Aber Sie wissen vermutlich auch: Der Kampf ist oft nicht leicht. Mein Ego und meine Ängste scheinen oft so viel stärker als Jesus in mir. Aber auch dafür haben wir die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, Betenden, Liebenden,  wir haben die Sakramente. Und unser Glaube hat immer hochgehalten, dass der Weg auch für unsere Verstorbenen weitergeht. Der Weg des Ringens darum, dass Jesus in ihnen der Sieger sein darf – und dass sie schließlich ganz zu ihm kommen. Aber: Unsere Verstorbenen können es nicht mehr aus eigener Kraft, viele, vielleicht sogar die meisten, sind noch auf dem Weg, sie warten noch auf Vollendung. Und wir glauben, dass ihnen unser Gebet hilft, diese Vollendung zu erreichen. Und das ist einer der Hauptgründe, warum wir heute hier sind und warum wir in diesen Tagen die Gräber unserer Lieben besuchen. Und so passen diese beiden Novemberfeste so gut zusammen, liebe Schwestern und Brüder. An Allerheiligen ehren wir alle Männer und Frauen, von denen wir wissen, dass sie so gelebt haben, dass Jesus schon in diesem Leben ganz und gar der Sieger ihres Herzens war. Und deshalb beten die Heiligen schon für uns, dass auch wir diesen Sieg erringen. Aber heute an Allerseelen beten wir mit der ganzen Kirche für alle diejenigen, die noch auf dem Weg zum Sieg sind. Zum Sieg, der bedeuten wird, dass unser Herr Jesus Christus alles in allem sein wird. Unser Retter, unser Erlöser, unser Glück und unser Heil. Das sind unsere Aussichten. Amen.