Diener der Gegenwart Gottes

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Zum Nachlesen: Predigt bei der Feier der Priesterweihe im Dom zu Passau am 27.6.2020 – Wer die Predigt im Video nachsehen möchte: bitte ans Ende scrollen.

 

Lieber Matthias Zellner, lieber Florian Schwarz,liebe Angehörige, Freunde, Bekannte, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, Schwestern und Brüder alle,

in meiner Ordensgemeinschaft, bei den Salesianern Don Boscos, da haben wir in Benediktbeuern nach der täglichen Hl. Messe noch eine halbe Stunde gemeinsam Betrachtung gehalten, also stilles Gebet oder persönliche Schriftlesung oder ähnliches. Es war eine Zeit mit Gott und vor Gott im Schweigen, die wir am Ende mit einem gemeinsamen Gebet der Hingabe abgeschlossen haben. Und ein älterer Mitbruder erzählte mir, wie diese Gebetszeit in seiner eigenen Ausbildungszeit noch angeleitet wurde. Alle Salesianer hatten gemeinsam eine bestimmte Bibelstelle zu betrachten und es wurden in die Stille dann in Abständen bestimmte Kommentare oder Punkte zum Nachdenken zu dieser Bibelstelle hineingesprochen. Aber was mich am meisten interessiert hat an der Erzählung des Mitbruders von früher war dies: Am Beginn der Gebetszeit hatte der Vorbeter immer den Satz gesagt: „Wir versetzen uns in die Gegenwart Gottes.“

Über Rituale, die ihre Bedeutung verlieren

Ich habe mich dann öfter gefragt, warum wir im Orden das heute nicht mehr so machen, aber mehr noch: Was bedeutet eigentlich diese Aufforderung: „Wir versetzen uns in die Gegenwart Gottes.“ Warum wir es heute nicht mehr so machen, liegt vermutlich daran, dass das Gebet der Mitbrüder individueller geworden ist, jeder betet in dieser stillen Zeit auf seine Weise. Das Ritual des Gemeinsamen ist weggefallen, es beschränkt sich nur noch auf den gemeinsamen Abschluss der stillen Zeit. Zudem, das wissen wir alle, manche allzu große Routine im religiösen Leben führt dazu, dass der innere Sinn gar nicht mehr mitvollzogen wird. Das Ritual wird bedeutungsleer und dann lässt man es eben. Und ganz ehrlich: Ist es nicht allzu oft so, dass sich auch bei uns routinierten Kirchgehern das Ritual verselbständigt – und dann inhaltsleer wird. Wie oft beten wir „Herr, erbarme dich“ – und wie oft meinen wir es auch von innen her, dass wir sein Erbarmen nötig haben? Wie oft antworten wir auf die Aufforderung „Erhebet die Herzen“ mit „Wir haben sie beim Herrn“ – und haben vielleicht noch nie wirklich darüber nachgedacht, ob das stimmt, dass wir unser Herz wirklich bei ihm, bei Jesus, haben. Wie oft sagen antworten wir am Ende der Lesung: „Dank sei Gott“ – und haben schon im nächsten Moment vergessen, was da gesagt wurde und wofür wir dankbar sind? Wie oft beten wir Vater Unser – und dafür, dass sein Wille geschehe – ohne uns zu vergegenwärtigen, dass wir tatsächlich einen Vater haben – und dass es tatsächlich Konsequenzen hätte, wenn wirklich sein Wille in unserem Leben geschehen würde. Wir spüren, liebe Schwestern und Brüder, dass allzu viel Routine zur Bedeutungsleere unserer Rituale führen kann.

Worauf richten wir den inneren Focus?

Und das ist vermutlich auch bei uns Salesianern so geworden mit der Aufforderung: „Wir versetzen uns in die Gegenwart Gottes.“ Aber, lieber Florian, lieber Matthias, heute möchte ich dafür werben, dass Sie sich diesen Satz oder zumindest das, was damit gemeint ist, zur ständigen Grundhaltung werden lassen. „Ich versetze mich in die Gegenwart Gottes.“ Wie meine ich das? Ich möchte es zuerst an einem weltlichen Beispiel verdeutlichen: Ich stelle mir vor, ich empfinde gerade intensiv Ärger oder Wut über einen Menschen. Und ich stelle mir gleichzeitig vor, wie mich dann mitten in der Wut jemand anderes fragen würde: „Kannst Du mir auch beschreiben, wie sich diese Wut gerade anfühlt?“ Und nehmen wir jetzt noch an, mir gelingt nun diese innere Bewegung: Ich lasse mich auf den Frager und seine Frage ein – und überlege, wie fühlt sich eigentlich Wut an? Ist es nicht so, dass ich in diesem Augenblick der Wut schon etwas von ihrer Intensität nehme? Und zwar deshalb, weil meine Aufmerksamkeit jetzt nicht mehr darauf gerichtet ist, worauf ich wütend bin, sondern auf die Überlegung, wie sich Wut anfühlt. Das heißt: Durch die Anfrage – wenn ich sie höre – kann es gelingen, innerlich in einen anderen Zustand zu kommen – mit einem anderen Focus meiner Aufmerksamkeit und dadurch auch weniger wütend.

Was heißt: Christus ist in unseren Herzen aufgeleuchtet?

Paulus schreibt nun davon, dass er in seinem Glauben in die Überzeugung gefunden hat, dass Christus in Ihm gegenwärtig ist. Und, liebe Schwestern und Brüder, als Getaufte dürfen wir glauben, dass Er in uns allen gegenwärtig ist. Die Taufe ist ja das Lebendigwerden seines Geistes, seiner Gegenwart in uns. Er ist da. Paulus sagt in der ersten Lesung: „Er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet.“ Also so, als würde da in uns etwas hell werden. Die Frage an uns ist aber: Sind wir auch da, bei ihm? Oder wie kommen wir zu Ihm dahin? Die salesianische Antwort von damals ist: „Wir versetzen uns in die Gegenwart Gottes.“ Ich würde sogar stärker betonen: Wir versetzen uns in die Gegenwart Jesu. Aber wie geht das? Sich da Hinein-versetzen? Hier kommen nun Vertrauen und Liebe ins Spiel: Ich kann mich eigentlich nur in die Gegenwart Jesu versetzen, wenn ich etwas von ihm schon erkannt habe und wenn ich schon angefangen habe zu vertrauen, zu glauben, dass er da ist. Wieder ein weltliches Beispiel: Stellen Sie sich einen Menschen vor, der sich sehr einsam fühlt und Sehnsucht hat nach Gemeinschaft, sein Herz ist verdunkelt und schwer. Und dann bekommt er einen schönen Brief vom vertrauten Menschen: Schon kann es sein, dass sich die Einsamkeit nicht mehr so massiv anfühlt – der andere Mensch ist in seinem Brief geheimnisvoll da. Das Herz des Einsamen wird heller, leichter, froher gestimmt. Aber diese Helle zieht meist nur dann ein, wenn die vorausgehende Beziehung zum Briefeschreiber intakt ist, wenn ich den gern hab. Oder denken Sie sich ein kleines Kind, das in einem Kaufhaus die Orientierung verloren hat und unter all den Leuten plötzlich nicht mehr weiß, wo die Mama ist. Es fängt an zu weinen, vor Verzweiflung. Die anderen Menschen helfen da wenig, die Verzweiflung zu lindern. Aber auf einmal sieht das Kind die Mama, und das Herz leuchtet auf und das Gesicht des Kindes strahlt dieses Leuchten aus. Weil die Beziehung zur Mama schon da war, aktualisiert sie sich jetzt in diesem Moment. Paulus sagt: Christus ist aufgeleuchtet in unseren Herzen. Und wir: „Wir versetzen uns in seine Gegenwart.“ Wird es hell?

Priestersein: Menschen ins Vertrauen führen, dass Gott da ist

Lieber Matthias, lieber Florian: Ich meine, der Dienst des Priesters ist zuerst und vor allem anderen dieser: den Menschen in das Vertrauen zu helfen: Gott ist da – für mich. Und zwar als der Befreier, als der Vergebende, als der Liebende, als der Überwinder von Leid und Tod. Als der, der stärker ist, und tiefer als jedes Gefühl, stärker auch als jeder Schmerz. Und wir feiern in der Eucharistie eben genau dies: Jesus ist da, Gott ist in den Gestalten von Brot und Wein da – die Liebe für uns. Wir hören im Wort Gottes: Gott ist da. Er geht mit uns, mit seinem Volk. Wir sagen in der Beichte: Gott ist da, es ist Vergebung, er holt dich zurück in die Gemeinschaft mit sich.

„Die Gottesfurcht ist der Anbeginn der Weisheit“

Ist das nicht ein unfassliches Geheimnis: Gott ist da!? Und Sie lieber Florian, haben diese Unfasslichkeit in Ihrem Primizspruch ausgedrückt: „Die Gottesfurcht ist der Anbeginn der Weisheit.“ Ja, das stimmt, weise werden heißt ein Mensch werden, der sich wirklich auf den anderen Menschen einlassen kann. Einer, der lernt zu sehen und zu hören und zu ahnen, wie Gottes liebender Blick auf der Welt ruht; der lernt auch im anderen Menschen Gottes Gegenwart erspüren – und er kann deshalb auch von sich wegschauen und ein demütiger Diener des anderen werden kann, wie wir im Evangelium gehört haben. „Wer bei euch groß sein will, sagt Jesus, der sei der Diener aller“. Aber so ein Dienst lebt nicht aus einer Haltung, die sagt: „Ich weiß ohnehin immer schon genau, was für dich richtig und gut ist“. Sondern dieser Dienst nähert sich dem anderen Menschen mit Respekt und Ehrfurcht vor dem Geheimnis des lebendigen Gottes in ihm. Und er weiß ja selbst auch um dieses Geheimnis. Denn die Gegenwart Gottes in uns ist zwar da, aber sie steht uns nicht einfach zur Verfügung wie ein Gegenstand, den wir benutzen und gebrauchen können. Sie ist vielmehr der innere Ort des Heiligen, der innere Tempel. Gottesfurcht ist zutiefst Ehrfurcht vor dem Geheimnis seiner Anwesenheit – und daher der Anfang echter Weisheit.

„Zeuge der Auferstehung und Liebe Christi sein“

Und Sie Matthias bringen mit Ihrem Primizspruch zum Ausdruck, dass Sie Zeuge der Auferstehung und Liebe Christi sein wollen. Auch dieser Wunsch bezieht sich notwendig auf das Geheimnis dieser geheimnisvollen Gegenwart. Wenn die Menschen spüren, Sie sind innerlich dort zuhause, dann sind Ihre Worte mehr als nur Worte, dann werden sie Zeugnis. Und dann wird die Botschaft des Evangeliums mehr als nur Botschaft, sie wird zum Zeugnis. Und der Zeuge ist einer, der tief von dieser Gegenwart durchdrungen ist. Es ist der Zeuge, der im anderen Menschen etwas berühren kann, etwas wecken kann, etwas eröffnen kann, was schon da ist und dann wachsen und lebendig werden kann: die befreiende Gegenwart Jesu.

Aus der Welt von heute kommt auch Gegenwind

Freilich: Die Welt in der wir leben, in oder außerhalb der Kirche, scheint von diesem Geheimnis immer weniger zu kennen, es immer weniger zu glauben, der Widerstand gegen so ein Bekenntnis wird größer. Menschen, die ausdrücklich mit Jesus gehen wollen, bekommen heftigeren Gegenwind. Und das werden Sie spüren. Sie gehen – das zeichnet sich längst ab – in eine Zeit und Gesellschaft, in der Priestersein auch viel umstrittener sein wird, als es in den letzten Jahrzehnten war. Wir wissen nicht, wie die Gestalt der Kirche aussehen wird, wenn Sie Ihr goldenes Priesterjubiläum feiern können. Vielleicht können Sie es dann gar nicht mehr feiern, weil sich die Umstände so verändert haben. Aber womöglich – und das ist auch meine eigene Erfahrung – wachsen uns auch immer wieder neue Generationen von jungen Christen zu, die leidenschaftliche Gottsucher sind – und die dankbar sind, dass es Sie gibt und dass Sie Ihr Leben zur Verfügung stellen.  Umso wichtiger wird sein, dass Ihr beide sowohl im Alleinsein wie auch in Gemeinschaft immer neu verinnerlicht, was Eure Primizsprüche ausdrücken. Und ich wünsche Euch, dass Ihr Freundinnen und Freunde habt und finden werdet, mit denen Ihr tief den Glauben beten, teilen, leben könnt, so dass es Euch selbst stärkt. Und sehr gerne möchte auch ich selbst versuchen, Euch in dieser Hinsicht ein Bruder zu sein.

Ein „Geistlicher“ werden

Liebe Mitbrüder, Ihr seid schon in Eurer Weihe zu Diakonen so genannte Berufschristen geworden. Wir sagen auch gerne „Geistliche“, weil das gläubige Volk die Sehnsucht hat, Männern zu begegnen, die aus der Kraft des Geistes leben und handeln. Die Priesterweihe vertieft diese Verbindung und Verbindlichkeit mit Christus und seinem Geist: Ihr werdet nun Männer, die Kraft ihres Amtes die Gegenwart des Herrn selbst erinnern, feiern und ja: sogar realisieren, also wirklich werden lasst. Gottes Gegenwart bindet sich an Euer Handeln im Gottesdienst der Kirche. Was für ein abgründiges Geschehen. Aber, meine Lieben, die Menschen werden es uns vor allem dann glauben, wenn sie spüren: Dieser Mensch, der das jetzt mit uns feiert, der lebt selbst aus diesem Geheimnis und steht darin.

In zerbrechlichen Gefäßen….

Das Entlastende für uns ist: Auch wenn wir dieses Geheimnis, wie Paulus sagt, in zerbrechlichen Gefäßen tragen, weil wir schwache, fehlerhafte Menschen sind, so bleibt trotzdem wahr: Christus ist auch darin gegenwärtig, manchmal sogar gerade darin, gerade in unsrer Verwundung und Verwundbarkeit. Aber unser Beten und Bitten und Mühen soll und darf sein: Herr hilf mir, dass ich mich immer neu, was auch kommt, in deine Gegenwart zurückversetzen kann. Wenn meine Versuchung groß ist: Ich versetze mich in die Gegenwart Jesu. Wenn ich zu faul zum Beten bin, es aber dran wäre: Ich versetze mich in die Gegenwart Jesu. Wenn ich lieblos bin und gar keine Lust oder Freude an der Begegnung mit einem schwierigen Menschen habe: Ich versetze mich in die Gegenwart Jesu. Wenn ich die Not oder Armut in meiner Umgebung nicht sehen will oder kann: Herr lass in deiner Gegenwart sein und mit deinen Augen sehen. Erinnert, verinnerlicht immer und immer wieder den Herrn.  Lasst Euch die Haltung, in der Gegenwart Gottes leben zu wollen, zur Grundhaltung Eures Lebens werden. Und kehrt auch immer wieder dahin zurück – auch durch das Sakrament der Versöhnung, auch durch das Beten der Schrift und besonders auch durch den Dienst der Liebe am anderen.

Diener der Gegenwart Gottes

Wir versetzen uns in die Gegenwart Gottes: Liebe Brüder, wir sind als Gläubige der Kirche von Passau Euch beiden überaus dankbar, dass Ihr unsere Priester sein wollt, Diener der Gegenwart Gottes. Und wir sind Euren Eltern, Familien, Freunden, Ausbilderinnen und Ausbildern so dankbar, dass sie mitgeholfen haben und mitbegleitet haben auf Eurem Weg. Lasst nun fortan vor allem den Herrn selbst Euren eigentlichen Ausbilder sein, denn Er hat zugesagt, dass Er immer in Eurer Gegenwart bleiben wird. Was auch kommen mag – und bis zum Ende der Welt. Amen.

Hier die Predigt auch zum Nachhören und Nachsehen:

 

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