„Du musst dein Leben ändern!“ Ein Rilke-Gedicht und unsere Vorsätze fürs Neue Jahr

In Ansprachen, Glauben erklärt, Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Ansprache zur Jahresschlussandacht, Silvester 2016  (zu: Heb 1:1-6 und zu Rilke: „Archaischer Torso Apollos“)

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

im Jahr 1908 schreibt der Dichter Rainer Maria Rilke in Paris eines seiner bekanntesten Gedichte. Vermutlich ist es entstanden nach einem Besuch im Louvre-Museum, wo er vor einer beschädigten antiken Statue des Gottes Apollo steht. Die Statue ist ein Torso, also ein Gebilde, dem Kopf und Gliedmaßen fehlen. Diese Statue hat ganz offenbar einen sehr intensiven Eindruck auf Rilke gemacht, den er im Gedicht verarbeitet. Es trägt den Titel „Archaischer Torso Apollos“ und es lautet folgendermaßen:

„Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“

Die guten Vorsätze zum neuen Jahr

„Du musst dein Leben ändern“. Wie oft, liebe Schwestern, liebe Brüder, wie oft fassen wir zum Ende eines Jahres Vorsätze, die in diese Richtung gehen: Du musst dein Leben ändern. Und in den meisten Fällen beziehen sich die Vorsätze auf unsere Gesundheit: Wir machen ab morgen mehr Sport, wir essen weniger Fleisch, wir hören auf zu rauchen, wir trinken weniger Alkohol, wir wollen abnehmen und so weiter. Bisweilen beziehen wir uns auch auf unser soziales Leben: Wir nehmen uns mehr gemeinsame Zeiten mit den Familienmitgliedern vor, dem Ehepartner, den Kindern, den nahen Verwandten, die sich vielleicht vernachlässigt fühlen. Dafür weniger Handy, weniger Internet, weniger Fernsehen. Oder wir nehmen uns vor, endlich mal unsere Wohnung zu befreien von Dingen, die wir nicht mehr brauchen. Alles Dinge, alles Vorschläge, die gut und wichtig und sinnvoll sind. Und ich möchte Sie durchaus ermutigen, sich etwas Realistisches vorzunehmen und dann auch umzusetzen.

Was brauche ich wirklich? Und was die Gesellschaft?

Aber wäre das schon das, was Rilke meint, wovon von dem Rilke berührt ist? Oder wäre es auch schon ein Grund, warum Sie heute Abend hier in der Kirche sind, zum Ende des alten und zum Beginn des neuen Jahres? Welche Veränderung suchen wir Menschen in der Tiefe, welche Veränderung brauche ich selbst tief in mir? Aber auch welche Veränderung braucht unsere Gesellschaft? Was hilft ihr weiter? Noch einmal: Nicht, dass die genannten Vorschläge nicht gut und hilfreich wären – auch im Sinne eines Weges der kleinen Schritte: Wenn viele Menschen viele kleine Dinge neu tun, kann etwas Großes, Neues entstehen. Zum Beispiel: das im Vergleich zu vielen anderen Ländern hohe Umweltbewusstsein, das Menschen bei uns in Deutschland heute haben, ist über Jahre aus kleinen Schritten der Bewusstseinsbildung und Veränderung gewachsen. Kleine Schritte eines Einzelnen sind gut und wichtig: Oder wenn Sie durch das Gebet auch darin gestärkt werden, mit dem Rauchen aufzuhören, ist auch das gut. Aber noch einmal gefragt: ist es schon das, was uns im tiefsten Inneren Veränderung erfahren lässt, neu werden lässt?

Ein Wechsel der Perspektive

Rilke schildert sein Erlebnis vor dem Torso Apollos als einen Perspektivenwechsel. Er ist so bewegt von dem, was er sieht, dass auf einmal nicht mehr nur er selbst etwas anschaut, sondern er fühlt sich angeschaut. „Da ist keine Stelle, die dich nicht sieht, du musst dein Leben ändern.“ So endet das Gedicht. Es ist als schaute ihn die Statue an, oder als bräche aus der Statue in der Begegnung mit ihr eine Kraft hervor, die Rilke berührt und fast buchstäblich an-spricht. Rilke denkt in diesem Moment um, er denkt, hört, sieht vom Kunstwerk her. Das Kunstwerk schaut ihn an, es spricht zu ihm. Und es findet eine Begegnung statt, die ihm so ins Herz geht, dass er spürt: So geht es mit mir nicht weiter.

Vom Sehen zum Angeschaut-werden

Wir wissen nicht, liebe Schwestern und Brüder, was Rilke dann genauer meint mit „Leben ändern“. Er führt es nicht aus, was er genauer ändern will oder kann. Es hört sich nur ziemlich ganzheitlich oder umfassend an. Er spricht nicht davon, Ernährungsgewohnheiten zu ändern, oder auch nicht davon, seinen künstlerischen Stil zu erneuern. Er spricht von „Leben ändern“. Und ich würde vermuten, es hat mit der grundsätzlichen Haltung zu tun, mit der Rilke hier dem Kunstwerk begegnet, oder wie er hier vom Kunstwerk angerührt wird. Seine Sicht auf den Gegenstand vom bloßen Sehen zum Gesehen-werden vom Kunstwerk erzählt wohl schon etwas von dem, was das „Leben ändern“ hier bedeuten kann. Kann es sein, dass das, was Rilke gerade widerfährt, schon das Neue ist? Ihm passiert etwas, was so bedeutsam scheint, dass es eben nicht nur für diesen Moment des Museumsbesuches bedeutsam ist, sondern für das ganze Leben bedeutsam wird. Er erfährt etwas wie eine neue Einstellung zu diesem Kunstwerk – und von hier offenbar zu allem anderen, was ihm im Leben zukünftig auch noch begegnen wird. „Du musst dein Leben ändern“. Wie geht Rilke von diesem Ereignis weg? Was hat sich schon geändert, so dass nachher diese Änderung sich auf alle Lebensbereiche beziehen wird?

Eine innere Tür hat sich geöffnet

Ich würde vermuten wollen, dass Rilke nicht nur mit dem Gegenstand, sondern eben darin auch mit sich selbst neu in Berührung gekommen ist. Und zwar mit einer Tiefe in sich, die vorher nicht einfach schon bekannt war, die aber da war. Ihm ist etwas Neues aufgegangen, wie wir sagen. Ihm hat sich eine innere Tür geöffnet, die jetzt eben offen ist und die offen bleibt. Und die ihm von jetzt an hilft, der Welt auch mit dieser neu entdeckten inneren Dimension zu begegnen. Es hilft ihm neu sehen. Das Neue ist in ihm da und es bleibt da.

Neue Fähigkeit der Wahrnehmung

Für mich hieße so etwas: Es ist als hätten sich mir innerlich neue Augen und Ohren geöffnet, mit denen ich die Welt und die Wirklichkeit besser sehe und höre und wahr-nehme. Das Wort wahrnehmen ist hier ganz wörtlich zu verstehen: Etwas oder jemand kann sich mir zeigen, wie es ist, eben wie es wahrhaftig ist  – und nicht wie ich es gern hätte. Und ich kann es gewissermaßen von sich her empfangen, auf-nehmen, wahr-nehmen. Ich hätte also gelernt, dass sich die Welt, die Menschen, die Dinge, die Schöpfung auch als etwas zeigen, das sich von sich selbst her ausdrückt, das gewissermaßen spricht. Als etwas, was auch mich an-sprechen will. Wir sagen ja ganz oft: Das oder das spricht mich an. Aber meinen wir dann wirklich, was wir sagen? Nämlich, dass das andere mir wirklich etwas zu sagen hat. Oder bedeutet diese Redewendung eher ein oberflächliches: „das gefällt mir, das will ich haben?

Sind wir gute Zuhörer?

Wenn wir anderen Menschen begegnen, ist uns so eine neue Haltung, wie ich sie von Rilke her zu beschreiben versuche, eigentlich ganz gut verständlich. Wir erleben, wie Menschen von sich her sprechen und uns etwas sagen können, was uns womöglich berührt oder irgendwie innerlich verändert. Aber, liebe Schwestern und Brüder, ist uns das für die Werke der Kunst oder für die Schöpfung oder für den alltäglichen Umgang mit der Welt ebenso verständlich? Dass wir uns so auf die Wirklichkeit einlassen können, dass wir sie neu und anders sehen – und eben nicht immer nur für die eigenen Zwecke benutzen und gebrauchen? Und mal ehrlich: Können wir die anderen Menschen tatsächlich auch so sehen und hören, dass sie uns wirklich in die Tiefe des Herzens sprechen und dort etwas berühren können? Oder sind uns die allermeisten Menschen doch nur Menschen, die wir eh schon meinen auswendig zu kennen und von denen wir daher eh nichts mehr erwarten, schon gar nichts, was mich bewegt? Können wir zum Beispiel wirklich zuhören, mit Geduld, mit der Bereitschaft, etwas vom anderen zu hören, etwas zu lernen, was ich nicht schon zu kennen meine? „Du musst dein Leben ändern“, sagt Rilke.

Mit neuen Augen: Vom bloßen Sehen ins tiefere Schauen

Rilke wird also von dem Torso Apollos weggegangen sein mit der Möglichkeit, die Welt neu zu sehen, weil auch in ihm eine neue Tür aufgegangen ist. Oder – um ein anderes Bild zu verwenden – weil er die inneren Augen gewaschen hat, oder weil er die innere, getrübte Brille endlich abgenommen wurde. Er ist vom bloßen Sehen zum tieferen Schauen gekommen. Aber wie sähe dann ein Leben aus, das sich in dieser Weise geändert hätte? Wie würde ich dem Vielem, was mir begegnet, in innerlich erneuerter Weise gegenübertreten? Zunächst würde ich es für möglich halten, dass ich in vielen Situationen von Menschen, Tieren, Pflanzen, Dingen, Situationen angesprochen werde. Ich wäre offener im Herzen. Und ich würde dann feststellen, dass mir meine neu gewonnene Innerlichkeit hilft, auch anderen Menschen, Dingen und Situationen eine Innerlichkeit zuzutrauen und mit ihr zu rechnen. Eine Innerlichkeit, die nicht auf den ersten äußeren Blick erkennbar ist. Ich würde daher oftmals genauer hinsehen, genauer hinhören, genauer wahr-nehmen wollen, was sich zeigt, was sich gibt – und zwar ohne, dass ich auf den ersten Blick schon damit fertig wäre. Ich wäre wieder offen für Neues, für neue Möglichkeiten des Wahren, Schönen und Guten. Ich würde – wie man so sagt – mit neuen Augen durch die Welt gehen.

Das innere Leuchten von Menschen und Dingen

Liebe Schwestern und Brüder, wir sind noch in der Festwoche von Weihnachten. Wir haben in den letzten Wochen unsere Häuser und Märkte, unsere Gärten und Fenster, unsere Adventskränze und Christbäume geschmückt – vor allem mit Lichtern und Sternen und anderem, was die Dinge schön macht. Es ist eine Tradition, die aus dem Glauben kommt. Was will uns dieser Ausdruck des Glaubens sagen? Heißt es, dass wir im Angesicht des Geheimnisses von Weihnachten lernen, die Dinge neu zu sehen? Dass die Dinge und Häuser, die Natur und die Menschen von sich her leuchten? Und dass sie eigentlich viel strahlender sind, als wir im schnellen Vorbeigehen sagen? Wollen wir hier äußerlich zum Ausdruck bringen, was uns innerlich passiert ist? Nämlich dass mitten in mir selbst etwas aufgegangen ist, das mir hilft, die Welt buchstäblich im neuen Licht, im neuen Glanz zu sehen? Ja, im Grunde, liebe Schwestern und Brüder, geht es genau darum: In der Liturgie der Weihnachtszeit bejubeln wir den Gott, der nach oben und nach innen die Tür neu aufgestoßen hat. Die Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass sie von sich selbst aus, durch eigene Anstrengung nicht über sich selbst hinauskommen, dass sie nicht aus eigener Kraft in den Himmel kommen, und dass sie auch nicht aus eigener Kraft die Herzenstiefe in sich erreichen können, die wirkliche Hoffnung schenkt, unsterbliche Hoffnung.

Der Himmel und die Herzen sind neu geöffnet

Aber dann kommt das Kind vom Himmel her. Es öffnet den Himmel – und es wird zugleich aus der tiefsten inneren Tiefe eines menschlichen Ja geboren. Maria hat das Ja gesagt und sich mit ihrem ganzen Leben und Wesen Gott zur Verfügung gestellt. Als der Engel sie eingeladen hatte, einen einzigartigen Auftrag Gottes zu erfüllen, hat sie gespürt: „Das wird dein Leben ändern!“. Und sie war fortan in der Lage, in ihrem Kind, in diesem Kind den verheißenen Messias für ihr Volk zu sehen. Auch dann noch, als er verfolgt und verspottet wurde, verleumdet und gefoltert, verurteilt und grausam ermordet. Sie steht unter dem Kreuz und sieht im Gekreuzigten den, der die Verheißung erfüllt hat und erfüllen wird. Sie schaut am Kreuz immer noch die Herrlichkeit der Liebe Gottes, die so groß ist, dass sie sich so ausleeren, so ausbluten kann. Welches Herz braucht man, um das sehen zu können?

Es braucht Kinderaugen und Kinderherzen

Liebe Schwestern, liebe Brüder, in uns Menschen, in jedem Menschen liegt dieses Geheimnis schon verborgen und ganz besonders bei denen, die getauft sind. Es ist das Geheimnis der Gegenwart dessen, der vom Himmel gekommen ist, um in der Tiefe unseres Herzens zu wohnen. Daher geht an uns die Frage: Können wir uns so öffnen, dass uns geholfen wird, dieses unfassbare Geheimnis des Christuskindes neu zu sehen? Dass wir davorstehen und uns anrühren lassen und erkennen: „Du musst Dein Leben ändern“! Wenn ja, dann sind wir im Grund dort, wo alle Menschen stehen, die eine solche Art der Erneuerung, der Umkehr, der Bekehrung erlebt haben. In der Bibel steht bei Bekehrung das Wort Metanoia, das bedeutet im Grunde, Um-denken, neu denken, neu erkennen, die Welt mit neuen Augen sehen! Und Jesus sagt: Im Grunde braucht es Kinderaugen dafür und Kinderherzen, die staunen und vertrauen können.

Die Endzeit hat schon längst begonnen

Wir haben im Bibeltext für diesen heutigen Abend aus dem Hebräerbrief gehört. Der Text sagt, dass Gott viele Male und auf vielerlei Weise zu Israel gesprochen hat. Immer neu hat er sich gezeigt, vor allem durch die Propheten, die von ihm besonders bewegt waren. Jetzt aber, fährt der Text fort, jetzt aber, in dieser Endzeit, hat er zu uns gesprochen durch den Sohn. Er ist der Abglanz des Vaters, durch ihn ist das All geschaffen, er hat die Reinigung von den Sünden bewirkt, die Reinigung unserer Herzen. Liebe Schwestern, liebe Brüder, diese Endzeit hat schon lange angefangen. Es wird aus dem Himmel nicht noch mehr kommen, als schon gekommen ist. Wir leben schon seit langem mit dem Kommen Jesu in unserer Welt, mit der Öffnung des Himmels und der Öffnung unserer Herzen. Aber unser Problem ist: Gott will uns an sich ziehen, er will uns retten, er will uns helfen, neu zu denken, neu geboren zu werden. Aber er kann es nicht ohne uns. Er sehnt sich danach, dass wir dieses Kommen ernst nehmen, dass wir ihn wirklich in uns aufnehmen wollen, dass wir ihn mit inneren Augen sehen und lieben lernen wollen. Er will, dass wir unsere Herzen öffnen und wenn wir sie einmal geöffnet haben, dann spüren wir: Er war im Grunde immer schon da und hat darauf gewartet, dass er endlich von innen her mit aufsperren darf.

Der Vorsatz der Christen: Beziehungspflege mit dem Herrn

Um von hier zur Ausgangsfrage zurück zu kommen, liebe Schwestern, liebe Brüder, was wären denn Vorsätze für das Neue Jahr? Und was wird es uns bringen? Das Wesentliche wird unser Gebet sein und unsere Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Kirche; zur Gemeinschaft derjenigen, die ihn schon kennen und feiern. Das Wesentliche ist die Beziehungspflege mit dem Herrn. Jeden Tag. Warum ist sie wesentlich? Weil es im Grunde die Beziehung ist, die allein uns die tiefste Veränderung unseres Lebens bewirken kann, die uns einen neuen Blick auf uns selbst und die Welt schenken wird, ein neues Herz, wie die Bibel sagt. Auch der Verliebte hat einen veränderten Blick auf die Welt, eine rosarote Brille, wie wir manchmal sagen. Aber wir ahnen dennoch, dass dieser verliebte, veränderte Blick manchmal mehr mit Chemie des Körpers zu tun hat und daher nicht selten kurzlebig ist. Aber der Blick eines Verliebten ist trotz seiner Kurzlebigkeit auch ein Hinweis, ein Hinzeigen auf das, was Jesus bringen will: das Leben in der Freundschaft mit ihm, im vertrauensvollen, tiefen Glauben, das meinen Herzensblick auf die Welt verändern wird. Nicht einfach rosarot, sondern mit dem Gespür für das Wahre, Gute und Schöne in allem, was es gibt.

Die Hilfe für die, die sie brauchen

Und von dort verstehen wir nun vielleicht auch besser, was die Herausforderungen für einen Christen heute sind. Und was uns auch Vorsatz für das Neue Jahr werden kann: Wir hören zum Beispiel im Matthäus-Evangelium: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Der Glaubende, liebe Schwestern und Brüder, der sieht mit dem Herzen auch in den Armen, in den Kranken, in Menschen auf der Flucht seine Gegenwart, sein Licht. Der Glaubende sieht – im Bild von Weihnachten gesprochen – in einem ganz normalen Menschen das Licht. So wie wir einen ganz normalen Tannenbaum mit Christbaumkerzen zum Leuchten bringen, so sieht einer, der Christus im Herzen hat, auch die Christuskerze im anderen leuchten – und ganz besonders in einem Armen, der von außen her gesehen gar nicht zu leuchten scheint. Und der Glaubende will helfen, dass dieses Licht heller leuchtet, damit es auch von anderen wahr-genommen wird. Und so könnten Vorsätze in ihrem konkreten Leben auch folgendermaßen lauten: Ich will mich um den alten Nachbarn mehr kümmern, der niemanden mehr hat, und der einfach einen Zuhörer braucht. Ich möchte regelmäßig für die bettlägerige Frau einkaufen gehen, weil sie nicht mehr aus dem Haus kann. Ich will dem Kind der Flüchtlingsfamilie bei den Hausaufgaben helfen. Ich will die alleinerziehende Mama unterstützen und nach ihren Kindern schauen. Ich will versuchen, zu dem Menschen gut zu sein, der mich am meisten zum Zorn reizt. Solche Sachen und ähnliche Dinge sind möglich, liebe Schwestern und Brüder. Aber die Erfahrung lehrt: Nicht gleich zu viel. Lieber einen guten Vorsatz und dem treu bleiben.

Bewahrung der Schöpfung und Schutz des Lebens

Und ein Glaubender sieht auch, dass die verwundete Natur, die geplagte Schöpfung, von einem Schöpfer erzählt, der sie schön gemacht hat und gut – damit sich der Mensch an ihr freut und sich von ihr nährt. Und der Glaubende will mithelfen, dass sie bewahrt und nicht zerstört wird. Und ebenso sieht ein Glaubender, dass das Leben, jedes Leben, von Gott kommt, weil noch kein Physiker, kein Biologe je künstlich Leben herstellen konnte und wird herstellen können. Es ist eine Gabe, die unverfügbar ist und bleibt. Aber sie ist zerbrechlich, ganz besonders ganz am Anfang des Lebens, wo eine Schwangerschaft in unserer Gesellschaft so oft als Störung empfunden wird und am Lebensende ein alter, kranker Mensch als allzu hoher Kosten- und Pflegefaktor. Liebe Schwestern, liebe Brüder, ganz besonders menschliches Leben ist unverfügbar im Angesicht dessen, der Kind geworden ist für uns und gelitten hat bis zum Ende für uns. Was sagt es über unseren Glauben und unser Menschenbild, wenn in unserem Land pro Jahr 100 000 Kinder abgetrieben werden und im Grunde fast kein behindertes Kind mehr das Licht der Welt erblickt? 100000 pro Jahr sind 270 pro Tag, das wären in Zukunft einmal 10 Schulklassen, an einem einzigen Tag in Deutschland. Wollen wir nicht mit allen Mitteln, die wir haben, den Frauen beistehen, die ungewollt schwanger werden, oder die ein Kind mit Behinderung erwarten? Und wollen wir uns trotzdem auch um die sorgen, die schon abgetrieben haben, vielleicht so oft deshalb, weil sie niemanden hatten, der zum Helfen bereit war?

Die Wohnungsnot in unserem Land

Und auch die Armen, etwa die Wohnungslosen sind Herausforderung für uns, angesichts dessen, der von sich gesagt hat, dass er keinen Ort hat, wo er sein Haupt hinlegen kann. Auch in ihnen hat Jesus sein Licht angezündet. In unserem Land leben inzwischen über 860000 Menschen wohnungslos – und zwar vor allem wegen fehlendem Wohnraum insgesamt, wegen fehlendem bezahlbarem Wohnraum und wegen ungewollter Armut. Die Prognosen zeigen, dass schon in 2018 die Zahlen weiter massiv steigen werden. Liebe Schwestern, liebe Brüder, wir sind berufen, auch in den Armen, den Flüchtenden, denen auf der Straße Jesus zu begegnen. Und auch wir als Kirche wollen nach Kräften unseren Teil dazu beitragen, dass hier existenzielle Not behoben wird. So wie wir es im vergangenen Jahr auch schon getan haben, durch die Bereitstellung unseres Konradinums durch die Caritas, das solche unmittelbare Not von Menschen hier bei uns lindert.

Der Arme hilft uns auch, Christus zu erkennen

Und wenn wir uns also als Christen erweisen, zum Beispiel denen gegenüber, die in Not sind, dann kann es bisweilen auch umgekehrt sein: Die Begegnung mit dem Menschen in Not kann uns helfen, in ihm Jesus zu erkennen, der jede Not für uns auf sich genommen hat. Die Liebe zu den Armen hilft bisweilen den zu sehen, der für uns arm geworden ist, damit wir ein reiches Herz bekommen. Aber, liebe Schwestern, liebe Brüder, einmal mehr: an dieser Beziehung hängt tatsächlich alles. Kennen wir Christus und sind wir mit Ihm befreundet? Kennen wir ihn so, wie ihn die Kirche in ihrer großen Überlieferung kennt und in ihren großen Frauen und Männern des Glaubens – und nicht so wie wir ihn gerne hätten. Wir dürfen uns getrost in diese Gemeinschaft der Glaubenden hineinstellen. Ja, mehr noch, wir brauchen diese Gemeinschaft, um den Geist und die innere Qualität dessen zu erfahren, der für uns Kind geworden ist und der der ganzen Schöpfung sein Licht angezündet hat. Hier erfahren wir, wie er unser inneres Dunkel hell macht, wie er Sünden vergibt, wie er uns nährt an Leib und Seele und wie er dem Tod seinen Stachel genommen hat.

Der neue Anfang

Ist mit Ihm etwas Neues losgegangen? Ein neues Zeitalter, eine neue Schöpfung? Ja, natürlich, von alledem spricht unser Glaube an Weihnachten: denen, die im Finstern sitzen, ist ein helles Licht aufgeleuchtet. Das Dunkel des Todes hat seine Kraft verloren. Der verschlossene Himmel ist wieder offen. Und auch unsere Herzen werden weit und tief und offen für die anderen und seine Schöpfung. Und deshalb, sagt uns die Schrift, deshalb leben wir nicht mehr in der Finsternis, wir leben im Licht. Wir kennen das Licht, das jeden Menschen erleuchtet. Oder in einem anderen Bild: Wir kennen das Land der Ruhe, wir sind innerlich mit ihm vertraut. Dort ist die Heimat. Wir sind heimgekehrt und dürfen jederzeit heimkehren, wenn wir uns draußen oder im Oberflächlichen oder in der Sünde mal wieder verlaufen haben. Und heimkehren heißt natürlich auch: Wir wollen umkehren, wir wollen immer wieder neu lernen, mit dem Herzen zu sehen. Wir wollen lernen Ihm zu vertrauen, zu hoffen und zu lieben. Und morgen, am Beginn des neuen Jahres, feiert die Kirche Maria: Wenn Jesus der neue Anfang von Gott her für uns ist, dann ist sie die Erste, der Anfang der neuen Schöpfung, die davon vollständig in Anspruch genommen war. Sie hat mir Ihrem Ja das Kommen des Herrn ermöglicht. Ein Kommen, das uns hilft Rilke zu verstehen, aber eben doch noch viel, viel mehr. Jesus sagt als Kind zu uns nicht nur: Du musst Dein Leben ändern. Sondern er sagt: Du kannst Dein Leben ändern, weil ich dich liebe und weil ich dein Leben bin. Möge er unser neues Jahr segnen. Amen.

 

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