Mission geht nur gemeinsam. Ein Interview mit Bischof Stefan Oster und Reinhardt Schink über tiefe geistliche Begegnungen, Mission und Wege zu einem gemeinsamen Aufbruch mit dem Kongress „Mission is Possible“ mit Konstantin Mascherc vom Eins Magazin.
Konstantin Mascherc: Sie beide treten mit großer Freud dafür ein, dass das Wort Mission zu einem hoffnungsvollen Wort wird. Was macht Sie so optimistisch?
Bischof Stefan Oster: In erster Linie ist es das Evangelium selbst, das mich optimistisch macht. Wir als Menschen der Kirche, als Christinnen und Christen, die getauft sind, haben den Auftrag, das Evangelium in die Welt zu tragen. Papst Franziskus sagte einmal, dass jeder Christ nicht nur eine Mission hat, sondern jeder Christ ist eine Mission, kraft seines Getauftseins. Andererseits muss man sagen, dass wir als katholische Kirche in volkskirchlichen Strukturen verankert sind.
Das hilft zwar dabei, nah bei den Menschen zu sein, aber der Missionsgedanke hat deutlich an Gewicht verloren. Wir haben „Seelsorge“ betrieben, also die pastorale Sorge um die, die da sind. Das ist gut und richtig. Aber weil zumindest gefühlt eh alle dabei waren, haben wir nicht wirklich gelernt oder versucht, Menschen zu erreichen, die Jesus nicht kennen. Deshalb müssen wir Mission neu denken und lernen. Der Begriff selbst ist etwas in Verruf geraten. Niemand will missioniert werden. Daher gefällt mir das Bild: Mission heißt, ein Bettler sagt dem anderen Bettler, wo es das gut Brot gibt.
Reinhardt Schink: Dem stimme ich ganz zu. Mission heißt nicht, dass wir alles besser wissen, sondern dass wir den entscheidenden Tipp geben. Wir hauen dem anderen nicht die Wahrheit um die Ohren, sondern wir sind wie ein Wegweiser. Ein Wegweiser zu Jesus. Wir sind Zeugen, wir vertreten eine Meinung, schließlich reden wir von einer universellen Wahrheit, die alles durchdringt. Aber wir tun es nicht mit einer imperialistischen Sicht, von oben herab. Sondern in einer demütigen Haltung, in der wir das Beste, was wir im Leben erlebt haben, teilen. Das Bild vom Bettler ist stark, weil es verdeutlicht, dass Mission sich nicht auf Macht stützt. Vielmehr ist sie Begegnung auf Augenhöhe. Nicht Macht, sondern teilen und das Gespräch auf Augenhöhe sind entscheidend. Damit werden auch Aspekte der Einheit angesprochen, die über das Bild der Bettler hinausgehen. Einheit ist selbst schon ein Zeugnis, an dem die Welt Gott erkennen wird.
Dieser Optimismus ist nicht plötzlich entstanden, sondern hat eine längere Geschichte, nämlich die ökumenisch-missionarischen Begegnungen in Passau. Wie kam es dazu?
Bischof Oster: Angefangen hat es mit einer Einladung zu einem Treffen aus der evangelisch-freikirchlichen Szene 2020. Der Katholik Johannes Hartl, den ich schon lange kenne, war auch mit dabei, ebenso wie Ekkehart Vetter und Reinhardt Schink von der Evangelischen Allianz, Ulrich Eggers von SCM und Willow Creek sowie einige andere. Da ist der Eindruck entstanden, dass Mission gelingen kann, wenn wir das alle miteinander machen. Und die Katholische Kirche ist ein großer Player in der Welt. So kam ich dazu. Das erste Treffen war noch in der Corona-Zeit und fand in Nürnberg statt. Es begann damit, dass wir uns über unser Missionsverständnis ausgetauscht haben.
Wir sind dann sehr schnell in tiefe theologische Fragen eingestiegen und haben festgestellt, dass wir das nicht in zwei oder drei Stunden am Nachmittag abhandeln können. Dann habe ich die Gruppe nach Passau eingeladen, um uns intensiv über Theologie auszutauschen. Ab 2021 haben wir uns dann jedes Jahr einmal in Passau getroffen und die Gruppe wurde größer. Wir haben mit verschiedenen Leiterinnen und Leitern darüber gesprochen, was die Voraussetzungen unseres theologischen Ansatzes sind. Alle haben etwas mitgebracht. Ich sprach über die Eucharistie, die evangelikalen Geschwister haben über die Heilige Schrift und das Schriftverständnis gesprochen. Vor allem aber haben wir miteinander gebetet.
In den Gesprächen ist etwas vom Verständnis gewachsen. Wir haben uns als Geschwister kennengelernt, weil wir uns alle nach Christus ausstrecken. Darin wurde eine gemeinsame Heimat spürbar. Uns verbindet so viel, auch wenn wir aus einem unterschiedlichen Stall kommen. Die Treffen waren immer lebhaft. Es waren meistens dann 40 bis 50 Leute aus Deutschland und Österreich aus sehr unterschiedlichen Bereichen – katholisch, evangelisch, methodistisch, pfingstlich, orthodox, aus verschiedenen Werken, auch der Evangelischen Allianz. Beim dritten Treffen sind wir auch an die Öffentlichkeit gegangen, haben ein Gebetstreffen organisiert – United Praise – mit mehreren Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften aus Passau.
Da trafen sich direkt 200 Menschen. Das war eine tolle Erfahrung. Und in dem Austausch über gelingende und gelungen Initiativen entstand die Frage, was wir gemeinsam machen können. Dann kamen wir auf die Idee, miteinander nach außen zu gehen. Einerseits ökumenisch und andererseits als Zeichen, wo etwas gelingt. Und so entstand die Idee des Kongresses „Mission is Possible“. Johannes Hartl hat dann angeboten, mit dem Gebetshaus die Organisation zu übernehmen und so findet dann der Kongress im Juni 2026 in Augsburg statt.
Reinhardt Schink: Für mich war besonders erstaunlich, wie die Entwicklung verlaufen ist. Alles begann damit, uns theologisch auszutauschen, einander wahrzunehmen und zu verstehen. Bei den Treffen in Nürnberg zeigte sich aber, dass es, wenn wir über Einheit reden, nicht „nur“ darum geht, übereinstimmende theologische Aussagen zu formulieren – was zweifelsfrei sehr wichtig ist. Sondern es war spürbar, dass wir gemeinsam in eine geistliche Realität hineinwachsen, die Jesus selbst schon geschaffen hatte. Daher gingen das theologische Verstehen Hand in Hand mit einem Zusammenwachsen auf der Herzensebene. Bei allen Unterschieden hat mich das sehr bewegt. Ich erinnere mich auch an Diskussionen, bei denen klar wurde, dass wir vermutlich niemals eine gemeinsame Meinung erreichen werden, dass uns aber auf einer tieferen Ebene Jesus selbst verbindet.
Da finden sich Herzen in Respekt und Vertrauen. Wir konnten sogar über Konkurrenzverhältnisse innerhalb der Christenheit und über Interessensgegensätze sprechen. Das hat Machtfragen entschärft und einen Raum eröffnet, in dem wir uns als Geschwister und nicht als Funktionsträger begegneten. Dann hat mich der Vorschlag für United Praise in Passau überrascht. Dieses gemeinsame Gebet in der Stadt war für mich ein echter Durchbruch – keine Ökumene des kleinsten gemeinsamen Nenners, sondern eine gemeinsame Zeit in der Gegenwart des wiederkommenden HERRN. Das ist ein Geschenk, das wir nur gemeinsam empfangen können. Wir durften erleben, wie Gott sich zu seiner Verheißung stellt. Das war wie eine Extraportion Segen. Dazu kam das entspannte Zusammensitzen an lauen Sommerabenden im Haus der katholischen Kirche in Passau. Auch solche Zeiten prägen und tragen dazu bei, dass Vertrauen wachsen kann.
Bischof Oster, Sie haben schon den Kongress angesprochen. Nun gibt es ja Kongresse wie Sand am Meer. Was wird das Besondere sein an diesem Kongress?
Bischof Oster: In der Form hat es das in Deutschland noch nicht gegeben. Unterschiedliche Denominationen treffen sich um eines gemeinsamen Anliegens willen und wollen in die zunehmend säkulare Welt hineinsprechen, hinein zeigen, hineinleben, hineinlieben und Zeugnis dafür sein, dass Christus auch in dieser Welt Menschenherzen gewinnt. Und weil wir alle bereit sind, voneinander zu lernen. Ich glaube, das ist bisher einzigartig. Es gab schon oft überkonfessionelle Kongresse, auf denen aber dann oft hauptsächlich die Gemeinsamkeiten betont werden und jeder muss auch von dem, sagen wir mal, speziellen der eigenen Herkunft etwas abgeben, damit es passt. Der ökumenische Charakter ist aber, dass alle kommen, so, wie sie sind und alle Denominationen haben auch mit ihren Besonderheiten Raum.
Reinhardt Schink: Für mich liegt auch ein wesentliches Merkmal darin, dass wir darin Einheit leben und spüren, dass unser Glaube nie nur etwas für mich selbst ist, sondern einen dienenden Charakter hat. Wir werden erstaunt feststellen, dass auch den anderen Denominationen Mission wichtig ist. Sie rufen zum gleichen Jesus Christus. Kurz: Mission geht auch gemeinsam. Wir ermutigen uns gegenseitig, öffentlich vom Glauben zu sprechen, wir teilen Erfahrungen und lernen voneinander. So leben wir Einheit, denn der persönliche Glaube hat auch immer den Anderen im Blick. Ohne die intensiven Zeiten der bisherigen Treffen und den gemeinsamen Glaubensweg wäre der Kongress nicht möglich. Der Kongress geht nur miteinander und füreinander.
Bischof Oster: Das schöne ist, dass es nicht einfach ein Event ist, sondern dass dem eine gewachsene Freundschaft vorausgeht.
Sie beide sind an der Kongressgestaltung beteiligt. Und das hört sich nach Aufbruch an: Verschiedene Konfessionen, junge Menschen, neue Formate, internationale Impulse. Was begeistert sie am meisten an diesem Kongress?
Reinhardt Schink: Mich begeistert, dass so viele unterschiedliche Menschen und Werke zueinanderfinden. Jeder bringt etwas mit, nicht alle das gleiche, sondern ganz unterschiedliche Komponenten. Keiner der Beteiligten hätte den Kongress alleine bewerkstelligen können, aber gemeinsam geht das. Sehr deutlich wird dies bei der Organisation und Logistik: Ohne das Gebetshaus Augsburg könnten wir den Kongress nicht stemmen. Ganz persönlich begeistert mich auch diese innere Freude und Bewegtheit, die über alles Äußere hinausgeht. Es ist ein bisschen so, wie eine Geburtsanzeige. Darin stehen die Eckdaten: Name, Datum, Gewicht und Größe. Aber die wirkliche Freude spürt man erst, wenn man das Baby im Arm hat. Und genauso ist es auch. Wir reden hier über viel Äußeres – wer dabei sein wird und so weiter. Aber wenn es dann soweit ist, werden wir tief im Herzen viel mehr erleben als gehaltvolle Vorträge und gute Musik, davon bin ich überzeugt.
Bischof Oster: Natürlich werden wir tolle Gäste haben, zum Beispiel Niki Gumble, der die Alpha-Kurse initiiert hat, auch Johannes Hartl und Veronika Lohmer werden da sein. Und ich glaube, das wird Menschen motivieren für die eigene geistliche Praxis und die Mission vor Ort. Das begeistert mich.
Reinhardt Schink: Ich habe die Hoffnung, dass von dem Kongress ein Impuls ins ganze Land ausgeht, dass Gott unsere Herzen mit dem Evangelium bewegt. Wir nehmen die Silent Revival in anderen europäischen Ländern wahr und mein Herzensanliegen ist, Jesus diesen Kongress als Startpunkt für etwas Ähnliches in Deutschland nimmt. Anfänge sehen wir schon, dass junge Menschen aus eigener Motivation rausgehen und anderen von Jesus erzählen.
Stellen Sie sich vor, sie stehen in einem Fahrstuhl und fahren zehn Stockwerke hoch. Mit Ihnen steht noch eine Person im Fahrstuhl und sie haben nur diese kurze Fahrt lang Zeit, von dem Kongress zu erzählen und dafür zu begeistern. Was würden Sie sagen?
Bischof Oster: Ich würde sagen, lass dich anzünden, inspirieren und mitnehmen von Gottes Kraft. Das ist eine wertvolle Erfahrung. Und dort, wo wir unseren Glauben teilen, verschenken und weitergeben, dort vermehrt Gott den Glauben und dort wird man umso mehr empfangen. Am meisten lernt man, wenn man selbst lehrt. Gottes Gaben sind dazu da, vermehrt zu werden. Und wenn wir etwas weitergeben, werden wir selbst aufgebaut und ermutigt. Das nimmt dem Wort Mission ein wenig die negative Neigung – wir geben weiter, was uns im Herzen brennt, stärken und motivieren einander.
Ist das ein historischer Moment, ein Kairos für eine neue geistliche Einheit?
Bischof Oster: Das kann gut sein. Wir haben ja eben erst auch 1700 Jahre Nizäa gefeiert, das Glaubensbekenntnis auf das wir uns alle beziehen, bald feiern wir 2033, das Todes- und Auferstehungsjahr Christi. Das sind auch Kairos-Momente, in denen Christen zusammenwachsen und in denen wir gemeinsam Fragen, was der Wille des Herrn ist. Indizien sind schon sichtbar. Reinhardt sprach von der Silent Revival, was ich auch unter dem Stichwort Hidden Formation kenne. In der Osternacht 2025 ließen sich in Frankreich 17.000 Erwachsene taufen, viele ohne kirchliche Vorgeschichte. Sie haben ihre Glaubensformation an unseren Strukturen vorbei erhalten, oftmals im Internet. Auch das zeigt: Gott wirkt auf neuen Wegen. Der Kongress greift das auf und ja, das ist ein gewisser Kairos.
Reinhardt Schink: Wir erleben in unserer Gesellschaft gerade eine Un-Kultur der Spaltung und der Empörung. Der Egoismus wurde weltweit auf den höchsten politischen Ebenen salonfähig. In diesem gesellschaftlichen Klima hören wir den Ruf Gottes zu Sanftmut, Vergebung und Gnade. Finden wir als Nachfolger von Jesus Christus so zusammen, dass unser Miteinander ein Zeugnis dafür ist, dass die Liebe Gottes stärker als die Empörungsunkultur ist? Daran wird sich auch die Zukunft der Kirche entscheiden. Haben wir noch Salzkraft? Oder stoßen wir in dasselbe Horn von Empörung und Spaltung? Der Kongress ist ein kleiner Schritt, um diesen Ruf aufzugreifen.
Bischof Oster: Du sprichst etwas sehr Wesentliches an. Denn spalterische Tendenzen gibt es überall an unterschiedlichen Enden des christlichen Spektrums. Deswegen ist es wichtig, das Verhältnis von Wahrheit und Liebe zueinander zu finden. Das ist eigentlich mein Lebensthema. Von unterschiedlichen Seiten kommen die Leute und meinen, sie wüssten Bescheid, beschimpfen sich gegenseitig als Besserwisser.
Aber damit verraten wir, was wir glauben, denn derjenige, der diese Wahrheit ist, stirbt auch für den, der ihm die Nägel durch die Hände getrieben hat und die Lanze in die Seite gerammt hat. Es ist diese Wahrheit, die im Tiefsten keine Besserwisserei ist, sondern vergebende Liebe. Und das ist trotzdem eine profilierte Wahrheit, kein Wischi-Waschi, sondern es geht darum, von Christus verändert zu werden und durch ihn neu geboren zu sein. Er will uns zu neuen Menschen machen. Und wenn ich das nicht will, wenn ich selbst Herr meines Lebens sein will, muss ich etwas in mir bekämpfen. Das ist durchaus eine Herausforderung.
Reinhardt Schink: Ja, das trifft den Nagel auf den Kopf. Und mögen wir vom Kongress den Impuls mitnehmen, in der Herzenshaltung Jesu, – also in Sanftmut -, für die Wahrheit einzustehen.
In der Debatte um die Wahrheit, scheint es immer um die richtige Theologie zu gehen. Dass es darum geht, die richtigen Grundannahmen zu setzen und den korrekten Lehrsätzen zu folgen. Aber mit euren Statements habt ihr nun eine weitere Perspektive eröffnet?
Bischof Oster: Ich denke immer daran, wen Jesus in den Evangelien am meisten kritisiert. Das sind die Berufstheologen, die Gesetzeslehrer, Pharisäer und Hohenpriester. Das sind die Adressaten der Schelte. Ich glaube, das ist kein Zufall. Die Frage ist, welche Art von Wissen und Erkenntnis wir wirklich brauchen, auch theologisch. Als Theologen stehen wir in der Gefahr, eine Reihe von Lehrsätzen zu nehmen, unsere Erkenntnisse über Gott zu nehmen, kluge Dinge zu schreiben, Gott zu erklären, alles zwischen Buchdeckel zu packen, in unser Regal zu stellen und uns zu freuen, dass wir Gott im (Be-)Griff haben. Aber das bedeutet nicht, dass sich diese Gotteserkenntnis ins Leben in lebendige Liebe übersetzt hat. Ich glaube, das ist die größte Versuchung.
Ein alter weiser Priester, den ich selbst nie kennengelernt habe, wurde mal gefragt, wer der größte Theologe des 20. Jahrhunderts im Katholizismus sei. Und alle dachten er sagte Karl Rahner oder Hans Urs von Balthasar. Aber der alte Priester sagte, er glaube, der größte Theologe von allen ist der Teufel. Alle waren schockiert, und er erklärte dann, dass der Teufel die ganze Bibel auswendig kennt, er konnte sie Jesus selbst zitieren. Er kennt die Schrift und weiß alles. Aber er liebt nicht.
Das ist die entscheidende Dimension, dass sich das Wort Gottes in unserem Leben zeigt. Es geht eben nicht zuerst darum, selbst Recht zu behalten, argumentativ zu gewinnen, mich mit theologischen Theorien gegen meine Gesprächspartner durchzusetzen. Jesus selbst kam in ein religiös gesetztes Judentum. Die Theologen der Zeit meinten genau zu wissen, wie der Messias zu sein hat. Und dann kommt Jesus, redet vom Vater und vom veränderten Herz. Das ewige Wort Gottes, der Logos und damit in gewisser Weise die Theo-Logie selbst, wird in Jesus zum Menschen, und ist gleichzeitig die Fleisch gewordene Liebe in Person.
Reinhardt Schink: Ich glaube, die große Gefahr und Tragik damals wie heute ist, dass wir versuchen, das Wort Gottes in unsere Vorstellung reinzupressen. Wir haben oft Gott so in unser festes Schema verankert, dass wir gar nicht zulassen, dass er uns noch mal als der ganz Andere begegnet. So, wie er es letztlich damals gemacht hat. In den ganzen Diskussionen, in denen sich Menschen immer auf das Wort und auf Theologie berufen, höre ich eine große Not heraus, von Geschwistern, die erleben, dass das Wort Gottes relativiert und nicht mehr ernst genommen wird. Es wird uminterpretiert und verfälscht. Hiergegen wenden wir uns, das darf nicht sein. Wir dürfen das Wort Gottes uns nicht nach unserem eigenen Gusto zurechtbiegen.
Aber gerade weil es die universale Wahrheit ist, steht es auch über unserer eigenen Erkenntnisfähigkeit. Neben der Gefahr der Relativierung des Wortes Gottes besteht die Gefahr, dass wir unsere eigene begrenzte Erkenntnisfähigkeit mit dem ewigen Wort Gottes gleichsetzen. Doch indem wir uns auf die gleiche Ebene mit Gottes Wort stellen, würden wir es ebenso relativieren. Dazu kommt noch eine weitere Dimension unseres Glaubens: Wir beten nicht zu einem theologischen Lehrsatz sondern zu einer lebendigen Person. Aber diesen lebendigen und auferstandenen HERRN, werden wir nie ganz erfassen können. Also ja, wir müssen den Ruf nach einer guten Theologie hören, denn Relativismus ist eine Gefahr in unserer Zeit. Und dennoch dürfen wir nicht auf der anderen Seite vom Pferd fallen und Gott auf unser menschliches Verständnis und unsere Erwartungen beschränken.
Einheit ist in der Evangelischen Allianz ein wichtiges Thema. Der Ansatz, den wir hier sehen und den der Kongress verfolgt, geht aber darüber hinaus und trifft sicher auch auf Skeptiker.
Reinhardt Schink: Ein Gründungsimpuls der Evangelischen Allianz war Einheit zu leben, in aller Unterschiedlichkeit. Es ist das Bekenntnis, das Jesus im Zentrum stark genug ist, uns zu verbinden. Und das gilt über konfessionelle Grenzen und theologische Unterschiede hinweg.
Wie kommen wir dann dahin, dass wir uns nicht gegenseitig die Köpfe waschen, sondern die Füße?
Bischof Oster: Das ist eine wunderbare Formulierung – genau das ist die entscheidende Frage!
Reinhardt Schink: Ich glaube, das ist ein längerer Prozess, der zwei Punkte beinhaltet. Das eine ist das Wort von Paulus, das wir ernstnehmen sollten: Im Anschauen seines Bildes werden wir ihm immer ähnlicher (siehe 2. Kor. 3:18). Dies führt zu einer Veränderung unserer Herzen und unserer Gesinnung. Wenn wir ihm ähnlicher werden, werden wir auch so handeln wie ER – und das beinhaltet die Bereitschaft, einander zu dienen und demütig zu sein.
Der zweite Punkt ist ein Hinweis aus der Bergpredigt: Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ Bei dieser großartigen Verheißung geht es um mein Herz und meine Motivation. Ein reines Herz zu haben bedeutet, aus der richtigen Motivation heraus zu handeln und auf das richtige Ziel ausgerichtet sein. Wie Johannes der Täufer: ER muss immer größer werden und ich immer geringer (vgl. Joh 3:30). Ich will nicht mein eigenes kleines Fürstentum bauen, sondern mitbauen an seinem Reich. Ich bin überzeugt, dass der Weg zu Gott uns in Gemeinschaft führt. Das braucht Demut und ein reines Herz.
Bischof Oster: Daran kann ich gut anschließen. Die wichtigste programmatische Rede Jesu, die hast du gerade angesprochen, Reinhardt, ist die Bergpredigt. Die beginnt mit dem Satz: „Selig sind die arm sind.“ Wörtlich steht da „im Geist“, man könnte auch „im Herzen“ übersetzen. In der Einheitsübersetzung heißt es „die arm sind vor Gott“. Und ich finde das passend, denn darin kommt zum Ausdruck, dass das Allerwesentlichste in meinem Leben nicht aus mir selbst kommt, sondern von Gott. Es ist etwas, was wir empfangen. Dazu brauche ich Demut.
Für mich ist das Thema Anbetung wichtig. Das ist nicht immer einfach in der Betriebsamkeit und Geschäftigkeit. Eigentlich passt es da oft nicht. Sich aber bewusst Zeit zu nehmen für Anbetung, auf das Kreuz zu schauen, auf eine Ikone, auf die Eucharistie zu schauen, auch zu erleben, dass sich überhaupt nichts tut und trotzdem zu bleiben. Das ist eine Einübung in eine Haltung, nichts tun zu können, sondern von Gott und von seiner Gnade abhängig zu sein. Da sind wir wieder bei dem Bild vom Bettler, der selbst nichts hat, sondern auf Gott angewiesen ist. In dieser Haltung können wir anderen Bettlern zeigen, woher wir das gute Brot haben.
Lesen Sie auch das Interview über den ökumenische Gebetsabend „United Praise“ mit Nadja Neubauer von Radio Horeb: „United Praise“ Passau
