Kirchliche Jugendarbeit und ihre Herausforderungen heute

In Verschiedenes von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Geleitwort für: Angela Kaupp/Patrik C. Höring (Hg.), Handbuch Kirchliche Jugendarbeit. Für Studium und Praxis, Freiburg/Basel/Wien 2019

Kirche im Umbruch, Kirche in der Krise, Kirche im Aufbruch – an keiner anderen Gruppe von Menschen lassen sich nach meiner Einschätzung Veränderungsprozesse so deutlich nachvollziehen und verstehen, wie in der Altersgruppe, die selbst am stärksten von Veränderung geprägt ist: an den Jugendlichen. Das gilt auch für die Kirche und ihre Veränderungsprozesse in einer sich verändernden Welt. Der Kirche läuft die Jugend davon, weil sie so unveränderlich wirkt, sagen die einen; weil sie ihnen so wenig zu sagen weiß, sagen andere, weil sie so wenig spirituell ist, sagen wieder andere; weil sie zu wenig glaubwürdig ist, sagen ohnehin viele; weil ihre Botschaft nicht mehr in diese Welt passt, sagen vor allem viele junge Menschen. Wieder andere – auch die Autoren in diesem Handbuch – wissen: Kirche ist für Jugend gerade deshalb attraktiv, weil sie zum sozialen, gesellschaftlichen, politischen und religiösen Engagement einlädt, weil sie Gemeinschaft erleben lässt, weil sie zur Identitätsfindung in der Jugend einen zentralen Beitrag leisten kann und vieles mehr. Und nicht wenige junge Menschen erleben Orte, an denen sich eine sich verändernde Kirche auf junge Menschen einlässt, sich von ihnen mitbestimmen lässt – und die nicht selten gerade dort als Kirche im Aufbruch erlebt wird. Kirche und Jugend, Jugend in Kirche, Kirche mit Jugend, Kirche ohne Jugend – ein vielgestaltiges Verhältnis wird in vorliegendem Handbuch in hoher Fachkunde referiert – u.a. von der empirischen, soziologischen, psychologischen Darstellung der aktuellen Situation der jungen Menschen, über die Akteure und Handlungsfelder zu Konzepten und Prinzipien. Das Buch zeigt: Die Vielfalt wächst, so wie sich „die Jugend“ auch in zunehmender, nie auf einen Nenner zu bringender, wachsender Vielfältigkeit darstellt. Ich freue mich sehr, dass dieses umfassende Handbuch nun vorliegt – und gratuliere den Herausgebern und Autoren von Herzen zum Gelingen.

Entwicklungsaufgaben in der Jugendzeit sind Reifungsaufgaben, die positiv bewältigt werden können und die scheitern können. Für Entwicklungsaufgaben der Kirche gilt ähnliches. Ich schreibe diese Zeilen gerade im Eindruck von zwei maßgeblichen Ereignissen, die mich als Bischof, zumal als „Jugendbischof“ der Bischofskonferenz, besonders bewegen: die Weltbischofssynode, die im Oktober 2018 in Rom stattgefunden hat und die Veröffentlichung der so genannten MHG-Studie, die das erschreckende Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Klerikern an Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten in unserer Kirche wissenschaftlich untersucht und dargestellt hat. Das Schlussdokument der Jugendsynode spricht von einer synodalen Kirche, die Kirche nicht nur für, sondern mit Jugendlichen als Protagonisten ist und sein will, die missionarisch und diakonisch Zeugnis gibt von der transformierenden Kraft, die durch die Gegenwart Jesu Christi in unserer Welt und Kirche am Werk ist. Wenn wir in diesem Sinn Kirche sein wollen, und wenn Kirche auch als Ganze Person oder Subjekt ist, theologisch als Braut des Lammes oder als „Subjekt Kirche“, dann haben wir als Glieder der Kirche, zumal die Verantwortlichen, auch eine gemeinsame Reifungsaufgabe: Die Hinwendung, der Aufblick zu Gott und der innere Aufstieg zu ihm, ist für Christen immer verbunden mit der Fähigkeit und dem Entschluss zum Abstieg in die Alltäglichkeiten, aber auch in die Niedrigkeiten und die Gebrochenheiten der normalen Welt, in der wir leben; also auch in die normale, bunte, frohe, enthusiastische, gefährdete, verletzliche, gebrochene Welt der jungen Menschen.

Wie sehr sind wir als Frauen und Männer der Kirche fähig, uns wirklich auf sie einzulassen, hörend, mitgehend, verstehen-wollend, sie aushaltend, interessiert an ihrem Weg, an ihrer Einzigartigkeit, an ihren Interessen und Fähigkeiten, wie auch an ihren Verletzungen, Veränderungen, Wachstumsprozessen? In welchem Interesse wollen wir mit ihnen Kirche sein? Vielleicht damit unsere Kirchen wieder voll sind – und damit der Betrieb dann auch weitergehen kann, wie wir ihn als mittlere und ältere Generation gewohnt sind und gerne hätten? Mit so einem Interesse würden wir sie allerdings  letztlich „benutzen“, so wie manche von ihnen in der Kirche noch viel schlimmer „benutzt“ worden sind – zur Befriedigung egozentrischer Bedürfnisse? Oder wollen wir deshalb mit ihnen Kirche sein, weil wir uns vom Herrn gesandt wissen, ihnen begleitend beizustehen in ihrer Suche nach Identität und Sinn und mit ihnen Räume zu erschließen, in denen es für sie möglich wird, den Herrn und sein Heilsangebot auch in ihrem eigenen Leben zu entdecken, damit ihr Leben weit wird und tief und voller Sinn und Freude und in der wachsenden Fähigkeit, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen und mit Konflikten und Verletzungen umgehen zu können? Und dass sie so aktive Mitglieder unserer Glaubensgemeinschaft sein können; Menschen, die auch uns Erwachsenen helfen, liebesfähiger zu werden? Wollen wir das? Können wir es?

Aus persönlicher Erfahrung gesprochen gibt es einige wesentliche Faktoren, die für junge Menschen heute kirchliches Handeln, kirchliche Lebensräume und Menschen der Kirche anziehend machen:

  1. Am wichtigsten ist die Authentizität der kirchlichen Protagonisten: Lebt jemand, was er verkündet? Stimmen Leben und Glauben so gut es geht überein? Kann sich jemand auch zu seinen Grenzen bekennen? Und hat er wirklich ein Herz für junge Menschen?
  2. Eine herausfordernde Verkündigung des Evangeliums, die deutlich macht und existenziell spüren lässt, dass es wirklich um den Herrn geht – und um seine Lebensrelevanz für jedes Leben, besonders auch für das junge Leben. Die Fähigkeit von Protagonisten, die Lehre der Kirche, die bisweilen so sperrig daherkommt, authentisch ins Jetzt hinein zu bringen ohne sie zu verändern oder zu verkürzen.
  3. Die Erfahrung junger Menschen, gut begleitet zu werden, in die Freiheit und Befähigung zu eigener Entscheidung – hinein in den Lebensweg, in Beruf und Berufung und in die Übernahme von Verantwortung.
  4. Die Erfahrung einer Gemeinschaft, die ihren inneren Zusammenhalt der Bezugnahme auf Gott verdankt, die also ausdrücklich spirituelle Gemeinschaft ist – und die sich deshalb (!) für Jugendliche noch einmal anders anfühlt als die Gemeinschaft im Sportverein oder in der Jugendfeuerwehr.
  5. Ein freiwilliger Dienst an der Gesellschaft, besonders an benachteiligten Menschen.
  6. Die Aufnahme jugendlicher Ästhetik und die Möglichkeit für junge Menschen, Kirche mitzugestalten.

Wenn solche Faktoren zusammenkommen, lässt sich an den vielen Orten kirchlichen Lebens feststellen, dass junge Menschen kommen, dass sie gerne kommen und selbst aktiv werden. Freilich bleiben die entscheidenden Fragen: Wie wird man eigentlich ein authentischer Verkündiger? Und wie gehen heute Formen der Verkündigung, die so attraktiv sind, dass junge Menschen auch jenseits verpflichtender Formen (wie etwa der Sakramentenvorbereitung) freiwillig dabeibleiben? Wie gelingt gemeinschaftliches Leben – aus dem Gebet und aus dem sozialen Engagement? Es hängt im Grunde immer entscheidend an den Menschen, die hier vorangehen. Und damit sind wir auch bei einer wesentlichen Herausforderung für die Ausbildung von Menschen der Jugendpastoral von heute und morgen: Wir brauchen eine Ausbildung, die nicht einfach nur noch „mehr vom selben“ ist, die also nicht mehr nur einübt in die Begleitung von volkskirchlichen Sozialisationsformen von Gläubigwerden und Kirche-sein, die kaum noch greifen. Wir brauchen vielmehr Zeugen und Zeuginnen, VerkündigerInnen, DienerInnen in der pluralen Welt, die Leidenschaft haben für Gott und seine Welt – und neue Methoden und Ausdrucksformen kennen und eingeübt haben für und mit jungen Menschen von heute und morgen. Unsere Ausbildung in der Kirche und darüber hinaus in diese Richtung zu entwickeln, ist eine wesentliche Aufgabe der Kirchlichen Jugendarbeit und für sie. Unverzichtbare theoretische Grundlagen dazu kann man bereits in diesem Handbuch lernen. Das Entscheidende ergibt sich in Verbindung mit der Theorie aus der Einheit eines geistlichen Lebens und der konkreten Praxis jugendpastoralen Dienens. Möge das Buch seinen guten Teil dazu beitragen, dass das Leben junger Menschen gelingt – in allen seinen Dimensionen.

 

 

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