Was ist die Vision? Über die Menschenwürde und das christliche Bild vom Menschen

Was ist die Vision? Über die Menschenwürde und das christliche Bild vom Menschen. Die Predigt von Bischof Stefan Oster am Hochfest Mariä Himmelfahrt in Altötting.

Die Predigt oben als Video. Und hier als Text zum Nachlesen:

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

in den letzten Monaten denke ich viel nach über das Verhältnis von Staat und Religion, von der Gesellschaft einerseits und der Frage: Wieviel Religion braucht eine Gesellschaft oder auch: Welche Religion braucht sie – und vor allem: Welches Bild von uns Menschen ist nötig, dass ein freiheitlicher Rechtsstaat wie unserer funktionieren kann?

Wir haben im Jahr 1949 – bald nach der Katastrophe der Naziherrschaft und des Weltkrieges – ein wie ich finde großartiges Grundgesetz bekommen. Es formuliert zunächst in einer Präambel, dass sich das deutsche Volk dieses Grundgesetz „in Verantwortung vor Gott und dem Menschen“ gegeben hat. Und im ersten Artikel formuliert es dann in großartiger Weise diesen Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Dieser Satz ist gewissermaßen der Konstruktionspunkt für alle folgenden Artikel des Grundgesetzes und er macht vor allem deutlich, dass der Staat nicht über dem Menschen steht, sondern dem Menschen zu dienen hat.

 Deskriptiv oder normativ?

Und soweit ich sehe, gibt es kaum jemanden in unserem Land, der diesen Satz nicht unterschreiben würde: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Nun gibt es aber eine Debatte darüber, ob dieser Satz lediglich eine Beschreibung ist oder ob er eine Forderung stellt. Ist er also deskriptiv gemeint oder normativ? Die allermeisten, die sich damit beschäftigen, sagen: Er ist normativ gemeint im Sinn von: Die Würde des Menschen darf nicht angetastet werden, sie darf nicht verletzt werden. Und das ist deshalb eine wichtige Rechtsauffassung, weil wir natürlich oft genug erleben, wie Menschenwürde verletzt wird. Wenn Menschen versklavt werden oder wenn sie vergewaltigt werden; oder wenn Unschuldige getötet werden beispielsweise, wird die Menschenwürde verletzt. Und das darf im Grunde in unserem Land nicht sein. Und deshalb soll auch verletzte Menschenwürde wieder hergestellt werden.

Was bedeutet Würde?

Nun ist aber die große Frage: Was bedeutet eigentlich Würde? Für uns als Christen ist das im Grunde nicht so schwer zu beantworten: Wir glauben, dass wir in einzigartiger Weise als Gottes Ebenbilder geschaffen wurden. Wir haben Vernunft und Freiheit – und wir sind deshalb auch wahrheitsfähig. Auch dann noch, wenn wir lügen oder Böses tun oder uns selbstverschuldet versklaven, zum Beispiel durch Süchte. Die Ebenbildlichkeit Gottes als Quelle unserer Würde kann uns niemand nehmen, wir können sie nur selbstverschuldet verdunkeln. Und umgekehrt – damit sind wir beim heutigen Fest: Unser Herr Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Er hat im tiefsten Sinn durch seine Menschwerdung bestätigt, was Menschsein bedeutet. Und er hat im gewissen Sinn auch vollständig wiederhergestellt, dass auch in uns unsere unverlierbare Würde wieder sichtbar werden und zur Geltung kommen kann. Und er hat uns in seiner Mutter die neue Schöpfung geschenkt: Diejenige, in der und durch Gott zur Welt kommt. Und er hat uns damit auch unsere eigene Berufung gezeigt, die im Grunde die Berufung jedes Menschen ist: Unser Herz ist fähig, Gott in uns wohnen zu lassen. Und er hat uns befähigt, so zu leben, dass diese unfassbare Würde auch nach außen erfahrbar werden kann durch unser Leben mit IHM und den anderen Menschen. Dass wir also unser Leben so gestalten, wie es in der Präambel des Grundgesetzes heißt: In Verantwortung vor Gott und den Menschen.

 Würde nur philosophisch?

Und wenn wir das ernst nehmen, liebe Schwestern und Brüder, dann sehen wir auf einmal, dass für uns als Christen eigentlich viel klarer ist, was Würde bedeutet als für andere, die versuchen, es lediglich philosophisch zu erklären. Also zum Beispiel mit Immanuel Kant, der im 18. Jahrhundert begründet hat, warum der Mensch niemals nur Mittel zum Zweck sein darf, sondern, wie er formuliert, immer ein Zweck an sich selbst ist. Weil er mit seiner Vernunft und seiner Freiheit einzigartig in der Welt ist und daher Würde hat. Wir sehen aber, die nur philosophische Begründung lässt uns den ersten Artikel des Grundgesetzes nur normativ begreifen, also nur als eine Forderung, ohne dass dann freilich schon genau geklärt wäre, was denn inhaltlich gefordert wird. Wir Christen haben den Vorteil, dass für uns der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ immer schon auch beschreibend, deskriptiv verstanden wird. Unser Verständnis ist schon ausgefüllter. Und ohne Gott im Hintergrund muss er immer neu ausgefüllt und diskutiert werden – je nach Zeit und Situation.

Es geht um das Menschenbild

Wie meine ich das? Nun hinter der Rede von der Würde des Menschen steht ein bestimmtes Menschenbild – und damit auch ein Verständnis von dem, wer oder was der Mensch grundlegend ist. Also: Ist der Embryo im Mutterleib schon ein Mensch, eine menschliche Person, und damit Träger der unantastbaren Menschenwürde? Wir sagen als Christen: Ja, natürlich! Oder ist der Mensch, der im Koma liegt und aller Voraussicht nach bald sterben wird, immer noch ein Träger dieser Würde? Und wir sagen: Ja, natürlich! Wir nehmen nach unserem Glauben vom Menschsein und seiner Würde nichts weg, auch dann nicht, wenn der Mensch gerade bestimmte Merkmale und Eigenschaften wie Vernunft oder Freiheit noch nicht oder nicht mehr erfüllt. Aber er ist ein menschliches Wesen, von Gott geschaffen und damit Träger der Personwürde. Und daher ist in unserem christlichen Verständnis auch der Ort, in dem und durch den ein Mensch zu Welt kommt, besonders geschützt und Träger der Würde, also insbesondere die Frau und insbesondere Ehe und Familie. Folglich formuliert das Grundgesetz schon im Artikel 6 auch diesen Satz: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“ Und es ist klar, dass die Väter und Mütter des Grundgesetzes erstens die Einehe damit gemeint haben und nicht die Vielehe und zweitens die gängige Einheit von Vater, Mutter und ihrem Kind oder ihren Kindern. Die meisten von der Grundgesetautoren waren christlich geprägt. Und viele haben das katholische Verständnis von der Ehe als Sakrament geteilt, als einem geheiligten Bund. Wie sehen an diesen Beispielen: Der Glaube sagt uns: Es gibt Gott und Gott ist die Wirklichkeit schlechthin. Und Er ist Herr über Leben und Tod. Und der Mensch als sein Lieblingsgeschöpf und Ebenbild ist in allen seinen Facetten Träger der Würde, die er empfangen hat. Und als solcher ist er zu schützen. Der Glaube sagt also: Es ist so.

 Wenn der Glaube verschwindet, verschwindet das christliche Menschenbild

Aber wenn wir nun immer säkularer werden, das heißt, wenn der Glaube immer mehr verdunstet oder in Frage gestellt wird: Wenn der Einfluss der christlichen Kirchen in unserem Land immer weniger relevant wird. Dann verschwindet mehr und mehr der beschreibende Charakter des Begriffs von Menschenwürde. Und es bleibt der normative Charakter, also die Auffassung, die Würde soll geschützt werden. Aber gleichzeitig geht damit einher, dass immer neu darum gerungen wird, was wir mit Würde eigentlich meinen. Gottes Ebenbildlichkeit kann es ja nicht mehr sein. Und zweitens fragen wir: Wer ist denn dann im vollen Sinn dieser Mensch, der schützenswerter Träger dieser Würde ist?

 Einige Beispiele der Veränderung

Und jetzt zähle ich Ihnen Dinge auf, von denen ich annehme, dass die allermeisten Mütter und Väter unsers Grundgesetzes daran noch nicht einmal im Entferntesten gedacht haben, als sie den Satz von der unantastbaren Würde ins Grundgesetz hinein formuliert hatten: Zum Beispiel die Diskussion um Abtreibung als Menschenrecht, die vielfach auch bei uns geführt wird. Frankreich ist in dieser Hinsicht bisher am weitesten gegangen und hat das Recht auf Abtreibung als Freiheitsrecht in seiner Verfassung verankert. Oder anderes Beispiel: Unser deutsches Verfassungsgericht hat 2020 das Recht auf selbstbestimmtes Sterben betont und deshalb ist es seither bei uns möglich, aus der Beihilfe zum Suizid auch ein Geschäftsmodell zu machen. Für mich ein Dammbruch – und eine Verkehrung dessen, was wir mit Menschenwürde meinen, die Geschenk unseres Gottes ist. Oder: Ein einflussreicher Politiker einer C-Partei stimmt gegen die Erlaubnis von Leihmutterschaft in unserem Land. Und er tut dies zu einem Zeitpunkt, an dem er sich mit seinem Partner schon geeinigt hatte, sich im Ausland ein Kind aus Leihmutterschaft zu erwerben. Und die Leihmutter schon schwanger war.

 Ist alles erlaubt, wenn es Gott nicht gibt?

Oder: Wenn wir die Christopher-Street-Days betrachten mit ihren vielen Facetten von offen zur Schau gestellten Lebensweisen, sexuellen Präferenzen und angeeigneten Identitäten, dann wird auch hier unmittelbar anschaubar, wie fundamental sich Gesellschaft verändert hat. Und ja, es ist ein Ausdruck der Freiheit der Menschen, den unsere Demokratie ausdrücklich ermöglicht. Und es wird zugleich deutlich, wie schwer wir uns als gläubige Menschen tun, all das, was da gezeigt oder inhaltlich vertreten wird, mit unserem christlichen Menschenbild zu versöhnen. Wir stellen angesichts mancher Dinge die ehrliche Frage: Entspricht das der Würde, die uns von Gott gegeben ist – oder widerspricht es ihr? Hat der Schriftsteller Dostojewski am Ende Recht, wenn er sagt: Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt?

 Zur Liebe berufen

Mir ist dabei aber wichtig zu betonen, dass wenn wir als Christen die Sache mit der Menschenwürde ernst nehmen, dass es für uns dann auch angesichts des Christopher-Street-klar sein muss, dass ausnahmslos alle Menschen, die da teilnehmen, geliebte Kinder Gottes mit unverlierbarer Würde sind. Und dass wir sie in ihrer Freiheit zu achten haben – ohne damit schon gut heißen zu müssen, was dort gezeigt oder vertreten wird. Aber in jedem Fall glaube ich, dass die geglaubte Abwesenheit oder geglaubte Nichtexistenz Gottes, den Spielraum dessen, was im gesamten Kontext rund um das Thema Geschlecht und Gender möglich ist, massiv erweitert hat. Und dass das meiste davon gerade nicht dem biblischen Menschenbild entspricht.

Und dann politisch eher auf die andere Seite geblickt: Dasselbe, die Anerkenntnis der Würde jedes Menschen als einem geliebten Kind Gottes, gilt auch für die Achtung von Menschen auf der Flucht oder von Menschen aus anderen Kulturen, Ethnien und Glaubensvorstellungen. Oder von Menschen am Rand der Gesellschaft oder von Menschen mit Behinderung. Oder von Alten oder von Frauen und Kindern. Es gilt immer. Wir sind immer zur Achtung von jedem Menschen berufen und vor allem: nie zur Gewalt. Wir dürfen und sollen klar sagen, was unserem Verständnis vom Menschen entspricht und was nicht, aber wir sind auch berufen, es in Liebe zu tun, die dann in uns lebt, wenn auch wir mit Christus verbunden leben.

 Das biblische Menschenbild – und die vielen anderen Menschenbilder

Liebe Schwestern und Brüder, Ich bin überzeugt, dass unser Grundgesetz und damit unsere freiheitliche Demokratie im Wesentlichen das biblische Bild vom Menschen als Hintergrund hatte. Und ich befürchte, dass es gerade die in unserer Gesellschaft fortschreitende Entfernung davon ist, die unsere Demokratie gefährdet. Auch wenn es genau diese Demokratie ist, die diese Entfernung erlaubt und möglich macht. Aber dann denke ich auch, dass andere Menschenbilder als unseres, noch dazu in aller möglichen Vielfalt, beinahe automatisch dazu tendieren, dass das Auseinander und Gegeneinander der verschiedensten Interessen zunimmt. Und dann zugleich damit der Ruf zunimmt nach der einfachen und schnellen Lösung durch eine starke Autorität an der Spitze, die sich durchsetzt und den Laden noch zusammenhält.

Was ist die Vision?

Ich habe vor ein paar Tagen ein Interview von Juli Zeh gesehen, eine wichtige Schriftstellerin in unserem Land, zugleich Juristin und Verfassungsrichterin in Brandenburg. Sie sprach davon, dass uns als Land die Vision fehlt: Wo wollen wir im positiven Sinn gemeinsam hin? Was eint uns in unserem Land? Ich glaube, sie hat recht. Aber von uns als katholischen Gläubigen kommt das Angebot einer Vision, die wir heute feiern. Wir dürfen glauben: Was auch kommen mag, welches Glück, welches Unglück, welches Gelingen, welches Scheitern, auch welche gesellschaftliche Lebensform da womöglich kommen mag: Unser Beitrag wird dazu sein. Wir kennen unsern Herrn, wir lieben ihn und unsere Kirche, die in Maria ihr Urbild hat. Und je mehr wir uns innerlich mit ihr verbinden, desto mehr verbinden wir uns wie von selbst mit ihrem Sohn. Und unsere Vision für diese Zeit ist: Wir halten den Himmel offen – und dieser Himmel ist nicht nur ein Gedanke, nicht nur eine leise Ahnung. Der Himmel beginnt jetzt schon in unserem Herzen und er öffnet sich besonders an Festen und Tagen wie diesen. Weil wir Kinder der Mutter sind, die unser Herr schon in den Himmel aufgenommen hat. Gehen wir voll Dankbarkeit hinaus und laden Menschen ein, mit uns zu gehen – und den offenen Himmel auch gemeinsam zu entdecken, als geliebte Kinder Gottes. Amen.


Hören Sie auch die Predigt „Was Maria mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat“ von Bischof Stefan Oster an Mariä Himmelfahrt am 15.08.2025 in Altötting.