Was ist die Vision? Über die Menschenwürde und das christliche Bild vom Menschen. Die Predigt von Bischof Stefan Oster am Hochfest Mariä Himmelfahrt in Altötting.
Die Predigt oben als Video. Und hier als Text zum Nachlesen:
Liebe Schwestern, liebe Brüder,
in den letzten Monaten denke ich viel nach über das Verhältnis von Staat und Religion, von der Gesellschaft einerseits und der Frage: Wieviel Religion braucht eine Gesellschaft andererseits. Oder auch: Welche Religion braucht sie – und vor allem: Welches Bild von uns Menschen ist nötig, dass ein freiheitlicher Rechtsstaat wie unserer funktionieren kann?
Wir haben im Jahr 1949 – bald nach der Katastrophe der Naziherrschaft und des Weltkrieges – ein, wie ich finde, großartiges Grundgesetz bekommen. Es formuliert zunächst in einer Präambel, dass sich das deutsche Volk dieses Grundgesetz „in Verantwortung vor Gott und dem Menschen“ gegeben hat. Und im ersten Artikel formuliert es dann in großartiger Weise diesen Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Dieser Satz ist gewissermaßen der Konstruktionspunkt für alle folgenden Artikel des Grundgesetzes und er macht vor allem deutlich, dass der Staat nicht über dem Menschen steht, sondern dem Menschen zu dienen hat.
Deskriptiv oder normativ?
Und soweit ich sehe, gibt es kaum jemanden in unserem Land, der diesen Satz nicht unterschreiben würde: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Nun gibt es aber eine Debatte darüber, ob dieser Satz lediglich eine Beschreibung ist oder ob er eine Forderung stellt. Ist er also deskriptiv gemeint oder normativ? Die allermeisten, die sich damit beschäftigen, sagen: Er ist normativ gemeint im Sinn von: Die Würde des Menschen darf nicht angetastet werden, sie darf nicht verletzt werden. Und das ist deshalb eine wichtige Rechtsauffassung, weil wir natürlich oft genug erleben, wie Menschenwürde verletzt wird. Wenn Menschen versklavt werden oder wenn sie vergewaltigt werden; oder wenn Unschuldige getötet werden beispielsweise, wird die Menschenwürde verletzt. Und das darf im Grunde in unserem Land nicht sein. Und deshalb soll auch verletzte Menschenwürde wiederhergestellt werden.
Was bedeutet Würde?
Nun ist aber die große Frage: Was bedeutet eigentlich Würde? Für uns als Christen ist das im Grunde nicht so schwer zu beantworten: Wir glauben, dass wir in einzigartiger Weise als Gottes Ebenbilder geschaffen wurden. Wir haben Vernunft und Freiheit – und wir sind deshalb auch wahrheitsfähig. Auch dann noch, wenn wir lügen oder Böses tun oder uns selbstverschuldet versklaven, zum Beispiel durch Süchte. Die Ebenbildlichkeit Gottes als Quelle unserer Würde kann uns niemand nehmen, wir können sie nur selbstverschuldet verdunkeln. Und umgekehrt – damit sind wir beim heutigen Fest: Unser Herr Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Er hat im tiefsten Sinn durch seine Menschwerdung bestätigt, was Menschsein bedeutet. Und er hat in gewissem Sinn auch vollständig wiederhergestellt, dass auch in uns unsere unverlierbare Würde wieder sichtbar werden und zur Geltung kommen kann. Und er hat uns in seiner Mutter die neue Schöpfung geschenkt: Diejenige, in der und durch Gott zur Welt kommt. Und er hat uns damit auch unsere eigene Berufung gezeigt, die im Grunde die Berufung jedes Menschen ist: Unser Herz ist fähig, Gott in uns wohnen zu lassen. Und er hat uns befähigt, so zu leben, dass diese unfassbare Würde auch nach außen erfahrbar werden kann durch unser Leben mit IHM und den anderen Menschen. Dass wir also unser Leben so gestalten, wie es in der Präambel des Grundgesetzes heißt: In Verantwortung vor Gott und den Menschen.
Würde nur philosophisch?
Und wenn wir das ernst nehmen, liebe Schwestern und Brüder, dann sehen wir auf einmal, dass für uns als Christen eigentlich viel klarer ist, was Würde bedeutet als für andere, die versuchen, es lediglich philosophisch zu erklären. Also zum Beispiel mit Immanuel Kant, der im 18. Jahrhundert begründet hat, warum der Mensch niemals nur Mittel zum Zweck sein darf, sondern, wie er formuliert, immer ein Zweck an sich selbst ist. Weil er mit seiner Vernunft und seiner Freiheit einzigartig in der Welt ist und daher Würde hat. Wir sehen aber: Die nur philosophische Begründung lässt uns den ersten Artikel des Grundgesetzes nur normativ begreifen, also nur als eine Forderung, ohne dass dann freilich schon genau geklärt wäre, was denn inhaltlich gefordert wird. Wir Christen haben den Vorteil, dass für uns der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ immer schon auch beschreibend, deskriptiv verstanden wird. Unser Verständnis ist schon ausgefüllter. Und ohne Gott im Hintergrund muss er immer neu ausgefüllt und diskutiert werden – je nach Zeit und Situation.
Es geht um das Menschenbild
Wie meine ich das? Nun hinter der Rede von der Würde des Menschen steht ein bestimmtes Menschenbild – und damit auch ein Verständnis von dem, wer oder was der Mensch grundlegend ist. Also: Ist der Embryo im Mutterleib schon ein Mensch, eine menschliche Person, und damit Träger der unantastbaren Menschenwürde? Wir sagen als Christen: Ja, natürlich! Oder ist der Mensch, der im Koma liegt und aller Voraussicht nach bald sterben wird, immer noch ein Träger dieser Würde? Und wir sagen: Ja, natürlich! Wir nehmen nach unserem Glauben vom Menschsein und seiner Würde nichts weg, auch dann nicht, wenn der Mensch gerade bestimmte Merkmale und Eigenschaften wie Vernunft oder Freiheit noch nicht oder nicht mehr erfüllt. Aber er ist ein menschliches Wesen, von Gott geschaffen und damit Träger der Personwürde. Und daher ist in unserem christlichen Verständnis auch der Ort, in dem und durch den ein Mensch zur Welt kommt, besonders geschützt und Träger der Würde, also insbesondere die Frau und insbesondere Ehe und Familie. Folglich formuliert das Grundgesetz schon im Artikel 6 auch diesen Satz: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“ Und es ist klar, dass die Väter und Mütter des Grundgesetzes erstens die Einehe damit gemeint haben und nicht die Vielehe und zweitens die gängige Einheit von Vater, Mutter und ihrem Kind oder ihren Kindern. Die meisten von den Grundgesetzautoren waren christlich geprägt. Und viele haben das katholische Verständnis von der Ehe als Sakrament geteilt, als einem geheiligten Bund. Wir sehen an diesen Beispielen: Der Glaube sagt uns: Es gibt Gott und Gott ist die Wirklichkeit schlechthin. Und Er ist Herr über Leben und Tod. Und der Mensch als sein Lieblingsgeschöpf und Ebenbild ist in allen seinen Facetten Träger der Würde, die er empfangen hat. Und als solcher ist er zu schützen. Der Glaube sagt also: Es ist so. Also deskriptiv, nicht nur normativ.
Wenn der Glaube verschwindet, verschwindet das christliche Menschenbild
Aber wenn wir nun immer säkularer werden, das heißt, wenn der Glaube immer mehr verdunstet oder in Frage gestellt wird: Wenn der Einfluss der christlichen Kirchen in unserem Land immer weniger relevant wird. Dann verschwindet mehr und mehr der beschreibende Charakter des Begriffs von Menschenwürde. Und es bleibt der normative Charakter, also die Auffassung, die Würde soll geschützt werden. Aber gleichzeitig geht damit einher, dass immer neu darum gerungen wird, was wir mit Würde eigentlich meinen. Gottes Ebenbildlichkeit kann es ja nicht mehr sein. Und zweitens fragen wir: Wer ist denn dann im vollen Sinn dieser Mensch, der schützenswerter Träger dieser Würde ist?
Einige Beispiele der Veränderung
Und jetzt zähle ich Ihnen Dinge auf, von denen ich annehme, dass die allermeisten Mütter und Väter unsers Grundgesetzes daran noch nicht einmal im Entferntesten gedacht haben, als sie den Satz von der unantastbaren Würde ins Grundgesetz hinein formuliert hatten: Zum Beispiel die Diskussion um Abtreibung als Menschenrecht, die vielfach auch bei uns geführt wird. Frankreich ist in dieser Hinsicht bisher am weitesten gegangen und hat das Recht auf Abtreibung als Freiheitsrecht in seiner Verfassung verankert. Oder anderes Beispiel: Unser deutsches Verfassungsgericht hat 2020 das Recht auf selbstbestimmtes Sterben betont und deshalb ist es seither bei uns möglich, aus der Beihilfe zum Suizid auch ein Geschäftsmodell zu machen. Für mich ein Dammbruch – und eine Verkehrung dessen, was wir mit Menschenwürde meinen, die Geschenk unseres Gottes ist, der auch Herr über Leben und Tod ist. Oder: Ein einflussreicher Politiker einer C-Partei stimmt gegen die Erlaubnis von Leihmutterschaft in unserem Land. Und er tut dies zu einem Zeitpunkt, an dem er sich mit seinem Partner schon geeinigt hatte, sich im Ausland ein Kind aus Leihmutterschaft zu erwerben. Und als die Leihmutter schon schwanger war.
Ist alles erlaubt, wenn es Gott nicht gibt?
Oder: Wenn wir die Christopher-Street-Days betrachten mit ihren vielen Facetten von offen zur Schau gestellten Lebensweisen, sexuellen Präferenzen und angeeigneten Identitäten, dann wird auch hier unmittelbar anschaubar, wie fundamental sich Gesellschaft verändert hat. Und ja, es ist ein Ausdruck der Freiheit der Menschen, den unsere Demokratie ausdrücklich ermöglicht. Und es wird zugleich deutlich, wie schwer wir uns als gläubige Menschen tun, all das, was da gezeigt oder inhaltlich vertreten wird, mit unserem christlichen Menschenbild zu versöhnen. Wir stellen angesichts mancher Dinge die ehrliche Frage: Entspricht das der Würde, die uns von Gott gegeben ist – oder widerspricht es ihr? Hat der Schriftsteller Dostojewski am Ende Recht, wenn er sagt: Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt?
Zur Liebe berufen
Mir ist dabei aber wichtig zu betonen, dass wenn wir als Christen die Sache mit der Menschenwürde ernst nehmen, dass es für uns dann auch angesichts der Christopher-Street-Days klar sein muss, dass ausnahmslos alle Menschen, die da teilnehmen, geliebte Kinder Gottes mit unverlierbarer Würde sind. Und dass wir sie in ihrer Freiheit zu achten haben – ohne damit schon gut heißen zu müssen, was dort gezeigt oder vertreten wird. Aber in jedem Fall glaube ich, dass die geglaubte Abwesenheit oder geglaubte Nichtexistenz Gottes, den Spielraum dessen, was im gesamten Kontext rund um das Thema Geschlecht und Gender möglich ist, massiv erweitert hat. Und dass das meiste davon gerade nicht dem biblischen Menschenbild entspricht.
Und dann politisch eher auf die andere Seite geblickt: Dasselbe, die Anerkenntnis der Würde jedes Menschen als einem geliebten Kind Gottes, gilt auch für die Achtung von Menschen auf der Flucht oder von Menschen aus anderen Kulturen, Ethnien und Glaubensvorstellungen. Oder von Menschen am Rand der Gesellschaft oder von Menschen mit Behinderung. Oder von Alten oder von Frauen und Kindern. Es gilt immer. Wir sind immer zur Achtung von jedem Menschen berufen und vor allem: nie zur Gewalt. Wir dürfen und sollen klar sagen, was unserem Verständnis vom Menschen entspricht und was nicht, aber wir sind auch berufen, es in Liebe zu tun, die dann in uns lebt, wenn auch wir mit Christus verbunden leben.
Das biblische Menschenbild – und die vielen anderen Menschenbilder
Liebe Schwestern und Brüder, Ich bin überzeugt, dass unser Grundgesetz und damit unsere freiheitliche Demokratie im Wesentlichen das biblische Bild vom Menschen als Hintergrund hatte. Und ich befürchte, dass es gerade die in unserer Gesellschaft fortschreitende Entfernung davon ist, die unsere Demokratie gefährdet. Auch wenn es genau diese Demokratie ist, die diese Entfernung erlaubt und möglich macht. Aber dann denke ich auch, dass andere Menschenbilder als unseres, noch dazu in aller möglichen Vielfalt, beinahe automatisch dazu tendieren, dass das Auseinander und Gegeneinander der verschiedensten Interessen zunimmt. Und damit zugleich der Ruf zunimmt nach der einfachen und schnellen Lösung durch eine starke Autorität an der Spitze, die sich durchsetzt und den Laden noch zusammenhält.
Was ist die Vision?
Ich habe vor ein paar Tagen ein Interview von Juli Zeh gesehen, eine wichtige Schriftstellerin in unserem Land, zugleich Juristin und Verfassungsrichterin in Brandenburg. Sie sprach davon, dass uns als Land die Vision fehlt: Wo wollen wir im positiven Sinn gemeinsam hin? Was eint uns in unserem Land? Ich glaube, sie hat recht. Aber von uns als katholischen Gläubigen kommt das Angebot einer Vision, die wir heute feiern. Wir dürfen glauben: Was auch kommen mag, welches Glück, welches Unglück, welches Gelingen, welches Scheitern, auch welche gesellschaftliche Lebensform da womöglich kommen mag: Unser Beitrag wird dazu sein. Wir kennen unsern Herrn, wir lieben ihn und unsere Kirche, die in Maria ihr Urbild hat. Und je mehr wir uns innerlich mit ihr verbinden, desto mehr verbinden wir uns wie von selbst mit ihrem Sohn. Und unsere Vision für diese Zeit ist: Wir halten den Himmel offen – und dieser Himmel ist nicht nur ein Gedanke, nicht nur eine leise Ahnung. Der Himmel beginnt jetzt schon in unserem Herzen und er öffnet sich besonders an Festen und Tagen wie diesen. Weil wir Kinder der Mutter sind, die unser Herr schon in den Himmel aufgenommen hat. Gehen wir voll Dankbarkeit hinaus und laden Menschen ein, mit uns zu gehen – und den offenen Himmel auch gemeinsam zu entdecken, als geliebte Kinder Gottes. Und leisten wir auch damit einen Beitrag für das gelingen unserer Demokratie. Amen.
Die Predigt „Was ist die Vision? Über die Menschenwürde und das christliche Bild vom Menschen“ von Bischof Stefan Oster kann hier nachgehört und heruntergeladen werden:
Hören Sie auch die Predigt „Was Maria mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat“ von Bischof Stefan Oster an Mariä Himmelfahrt am 15.08.2025 in Altötting.

Comments
Die Würde verteidigen – aber wo ist die Diakonie?
Lieber Stefan,
Du stellst in Deiner Predigt zu Mariä Himmelfahrt eine Frage, die tatsächlich zu den großen Fragen unserer Zeit gehört: Woraus lebt die Menschenwürde, wenn ihre religiöse und metaphysische Begründung gesellschaftlich immer weniger selbstverständlich wird? Man hört dabei Joseph Ratzinger ziemlich deutlich mit. Seine Bundestagsrede von 2011 kreiste um dieselbe Sorge: Ein freiheitlicher Rechtsstaat kann nicht dauerhaft gleichgültig gegenüber der Frage bleiben, was Recht eigentlich zu Recht macht und welches Verständnis vom Menschen diesem Recht vorausliegt.
Gerade der Vergleich mit Ratzinger zeigt für mich allerdings auch, wo ich Dir nicht mehr ohne Weiteres folgen kann.
Benedikt hatte vor dem Bundestag ausdrücklich daran erinnert, dass das Christentum dem Staat kein Offenbarungsrecht vorgegeben hat. Es verwies auf Natur und Vernunft als Erkenntnisquellen des Rechts. Jerusalem, Athen und Rom stehen bei ihm für genau diese Denkbewegung: biblischer Glaube, philosophische Vernunft und Rechtsdenken begegnen einander. Das ist anspruchsvoller, als einer säkularen Gesellschaft ihre verlorenen christlichen Voraussetzungen vorzuhalten.
Bei Dir verschiebt sich dieser Akzent. Für uns Christen, sagst Du, sei viel klarer, was Würde bedeute, als für jene, die sie „lediglich philosophisch“ erklären wollten. Da werde ich skeptisch. Denn damit entsteht beinahe der Eindruck, hier stehe ein christlich gefülltes Menschenbild einer säkularen Gesellschaft gegenüber, der mit Gott allmählich auch die anthropologische Grundlage abhandenkommt.
Das ist mir philosophisch zu kurz. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob Du damit ausgerechnet Ratzinger gerecht wirst. Der wollte die Vernunft weiten. Er wollte sie nicht durch Offenbarung ersetzen. Gerade deshalb konnte er 2011 vor einem säkularen Parlament so reden, wie er geredet hat.
Deutlicher wird mein Problem dort, wo Deine Predigt politisch konkret wird. Abtreibung, assistierter Suizid, Leihmutterschaft, Christopher-Street-Day, Gender: Hier benennst Du Entwicklungen, wirst konkret und urteilst. Dann folgt der Satz: „Und dann politisch eher auf die andere Seite geblickt.“ Es kommen Flüchtlinge, Menschen anderer Kulturen und Religionen, Menschen am Rand, Menschen mit Behinderung, Alte, Frauen und Kinder.
Ich verstehe, was Du damit zeigen willst. Das christliche Verständnis von Menschenwürde lässt sich keinem politischen Lager zuschlagen. Nur funktioniert die von Dir hergestellte Balance für mich nicht.
Auf der einen Seite stehen konkrete Entwicklungen, die Du als anthropologische Fehlentwicklungen beschreibst. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die wir achten sollen.
Das ist nicht dasselbe.
Wenn Du schon „politisch eher auf die andere Seite“ blickst, dann müsstest Du auch dort konkret werden. Dann müsste von Rassismus die Rede sein, von der Entrechtung von Flüchtlingen, von der Verachtung des Schwachen. Von einer Ökonomie, in der der Wert eines Menschen sehr schnell mit seiner Verwertbarkeit verwechselt wird. Von menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen. Von einer Sprache, die Menschen nach Herkunft oder Nützlichkeit sortiert. Vielleicht auch von der erstaunlichen Geschwindigkeit, mit der sich manches christliche Milieu inzwischen mit politischen Bewegungen arrangiert, deren Menschenbild mit dem Evangelium nur schwer zusammenzubringen ist.
Dann würde sichtbar, wie unbequem ein christliches Menschenbild tatsächlich ist. Es taugt nicht zur Absicherung eines politischen Milieus.
Mein eigentliches Problem mit Deiner Predigt liegt aber noch woanders. Es ist ekklesiologisch.
Die Kirche erscheint bei Dir weithin als Hüterin eines Menschenbildes, das sie einer Gesellschaft entgegenhält, die sich davon entfernt. Das gehört zu ihrer Aufgabe. Aber es ist mir zu wenig Kirche.
Denn wenn wir ernst nehmen, was wir über die Gottebenbildlichkeit sagen, dann können wir Menschenwürde nicht nur erklären und verteidigen. Sie muss an uns erfahrbar werden.
Und hier fehlt mir in Deiner Predigt die Diakonie.
Das fällt umso mehr auf, weil gerade Benedikt XVI., dessen Denken hinter vielen Deiner Überlegungen steht, in Deus caritas est Verkündigung, Sakrament und Liebesdienst unauflöslich zusammengedacht hat. Die Diakonie ist bei ihm kein freundlicher Zusatz zu einer ansonsten schon vollständigen Kirche. Sie gehört zu ihrem Wesen.
Das verändert die Perspektive.
Wenn jeder Mensch Gottes Ebenbild ist, reicht es nicht, festzustellen, wo unsere Gesellschaft diese Wahrheit verdunkelt. Dann muss Kirche dort zu finden sein, wo die Würde eines Menschen tatsächlich unter die Räder kommt.
Beim alten Menschen, den niemand mehr besucht.
Bei der Frau, für die eine Schwangerschaft keine bioethische Debatte ist, sondern eine existenzielle Notlage.
Beim Migranten, der jahrelang zwischen Behörden, Unterkünften und Arbeitsverboten hängt.
Beim Menschen, der psychisch, sozial oder wirtschaftlich nicht mehr mithalten kann.
Beim Obdachlosen. Beim Pflegebedürftigen. Beim Strafgefangenen.
Und selbstverständlich auch bei dem Menschen, dessen Lebensform wir moraltheologisch nicht teilen. Gerade er muss erfahren können, dass er an der Tür unserer Kirche nicht zuerst erklären muss, wer er ist und wie er lebt, bevor wir in ihm den Menschen sehen.
Sonst bleibt die Gottebenbildlichkeit eine richtige anthropologische Aussage. Aber sie wird noch nicht zum Evangelium.
An Mariä Himmelfahrt fällt mir das besonders auf. Denn eigentlich liegt die Korrektur schon im Evangelium des Tages.
Maria singt im Magnificat von einem Gott, der die Niedrigen erhöht und die Hungernden sättigt. Der die Mächtigen von ihren Thronen stürzt und die Reichen leer ausgehen lässt. Man muss daraus kein sozialpolitisches Programm machen. Aber man darf diese Sätze auch nicht so lange spiritualisieren, bis von ihrer irdischen Zumutung nichts mehr übrig bleibt.
Wenn Maria Urbild der Kirche ist, wie Du am Ende Deiner Predigt sagst, dann gehört das Magnificat zu diesem Urbild dazu.
Und dann bekommt auch Dein schönes Bild vom Offenhalten des Himmels für mich noch einmal eine andere Richtung. Der Himmel bleibt nicht offen, weil wir der Gesellschaft zuverlässig sagen, wo sie sich vom christlichen Menschenbild entfernt hat. Er öffnet sich dort, wo etwas von dem geschieht, wovon Maria singt.
Wo ein Niedriger aufgerichtet wird.
Wo ein Hungriger satt wird.
Wo ein Mensch wieder merkt, dass er nicht übersehen ist.
Darum würde ich die Frage nach der Menschenwürde am Ende anders an uns als Kirche zurückgeben. Wir können lange darüber sprechen, auf welcher philosophischen oder theologischen Grundlage der erste Satz unseres Grundgesetzes steht. Die wichtigere Frage an uns selbst ist irgendwann: Was folgt eigentlich daraus, dass wir ihn aus unserem Glauben heraus so unbedingt bejahen?
Wo wird durch uns verletzte Würde wieder sichtbar?
Und wo reden wir über die Würde des Menschen, ohne uns von seiner konkreten Not wirklich stören zu lassen?
Vielleicht wäre genau das ein starker Beitrag der Kirche zu einer freiheitlichen Demokratie. Wir müssten ihr nicht ständig erklären, dass sie von Voraussetzungen lebt, die sie selbst nicht geschaffen hat. Das weiß sie im Grunde längst. Wir könnten ihr zeigen, was diese Voraussetzungen wert sind.
Eine Kirche, die bei Menschen bleibt, wenn es unbequem wird. Die sich nicht zuerst dafür interessiert, welchem Milieu jemand angehört. Die den Menschen nicht auf Leistung, Herkunft, sexuelle Biographie, Gesundheit oder moralische Übereinstimmung reduziert.
Wenn wir tatsächlich glauben, dass die Würde jedes Menschen von Gott kommt und deshalb unserer Verfügung entzogen ist, dann ist Diakonie nicht die soziale Abteilung dieses Glaubens.
Sie ist sein Ernstfall.
Und vielleicht liegt genau hier auch die Grenze jeder kirchlichen Kulturkampfrhetorik: Christus hat uns nicht dazu berufen, ein christliches Milieu gegen andere Milieus zu verteidigen. Er hat uns zu den Menschen geschickt.
Zu allen.
Und meistens zuerst zu denen, die gerade jemanden brauchen.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ist nicht normativ. Normativ ist erst Satz 2. Das kann man daran sehen, dass man einen Menschen beliebig demütigen kann (siehe in den KZs), er aber danach immer noch die gleiche Würde besitzt. Er kann nicht würdelos werden. Das ist der Ausfluss der Gottesebenbildlichkeit.
Würde ist auch ein sozialer Begriff. Würde völlig allein ohne Mitmenschen ist sinnlos. Sie entsteht im Gegenüber und dessen Anerkennung. Wo diese vollständig verneint wird (Dornenkrone, Purpurmantel, Verhöhnung), ist Gott der Garant der verbleibenden Würde, das immer vorhandene Gegenüber.
Im übrigen ist die Enzyklika Leo XIV. in seinen sorgfältigen Erörterungen über die Menschenwürde sehr aufschlussreich.