Pfingsten – und die Leidenschaft für Fußball. Die Predigt von Bischof Dr. Stefan Oster SDB zum Ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Pokalfinales der Männer am 23.05.2026.
Liebe Fußballfans, Schwestern und Brüder im Glauben alle miteinander,
wir sind heute am Vortag des Pfingstfestes – und es ist wirklich erstaunlich, was man alles an Parallelen herausholen könnte zwischen dem Pfingstfest und einem Fußballfinale. Wir haben eben den Bibeltext über das Pfingstereignis gehört, über ein Fest also, das zunächst ein jüdisches Fest ist. Das Wort Pfingsten kommt von griechisch Pentecoste und heißt fünfzig: Es bezieht sich zunächst auf den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Fünfzig Tage nach dieser Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei wird Mose in der Wüste auf dem Sinai die Zehn Gebote und das Gesetz empfangen, die Tora. Man kann sagen: Gott verbürgt sich mit seinem Wort in seinem Volk. Israel wird die Gesetzestafeln fortan mit sich führen, als sein Hauptheiligtum. Dadurch entsteht auch immer wieder Selbstvergewisserung für das Volk: Gott ist wirklich mit uns.
Und Pfingsten sagt für uns Christen im Grunde fast dasselbe – mit einem Aspekt der Verlebendigung und Vertiefung. Gott ist mit uns, Gott ist unter uns, Gott ist in uns. Und er ist natürlich so viel mehr als Gesetzestafeln aus Stein. Er ist lebendig machender Geist. Das haben die Jünger in Jerusalem an Pfingsten erfahren. Und sie erleben es wie Feuer. Und zwar wie ein Feuer, das eint. Und das offenbar möglich macht, dass sich Menschen verstehen, auch Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Sprachen. Sie lernen gewissermaßen die eine Sprache sprechen, die Sprache der Verbundenheit, der Freude, der Liebe, zur der sie der Geist Jesu befähigt. Und viele von ihnen, vor allem die Apostel, werden hinausgehen und mit ganzem Einsatz, aber vor allem auch in Demut und Liebe zu bezeugen, was der Geist in ihnen bewirkt hat, an neuem Leben, an neuer Zugehörigkeit, an neuer Verbindung mit Gott. Und sie sind bereit für diese Überzeugung ihr Leben aufs Spiel zu setzen.
Sie spüren schon, liebe Fußballfans, wo wir hier mit dem Fußball zusammenkommen: Die Liebe zum Sport, die Freude am Fußball und die Leidenschaft für unser Team führen uns zusammen. Und als Fans sind wir ja tatsächlich nicht einfach nur Zuschauer. Es gibt nämlich einen deutlichen Unterschied zwischen zwei Perspektiven, nämlich zwischen der Beobachter- und der Teilnehmerperspektive. Bin ich einer, der als nüchterner Beobachter und Analytiker im Stadion oder vor dem Fernseher sitzt? Oder bin ich einer, der mit Kopf und Herz innerlich mitgeht, innerlich mitspielt? Die beiden Trainer der heutigen Finalgegner, Vincent Kompany und Sebastian Hoeneß, sind ja auch keine Mitspieler auf dem Platz. Und doch sind sie so wichtig für das Gefüge der Mannschaft, für das Gemeinsame, für die Motivation, für die Taktik. Sie sind innerlich voll dabei und sie einen ihr Team. Und viele von uns sind natürlich auch mit dem Herzen voll dabei. Und die Spieler spüren die Energie der Fans von den Rängen im Stadion. Und auch das, liebe Schwestern und Brüder, ist eine Parallele zum Gottesdienst der Gläubigen. Auch hier und jetzt bei unserer Feier ist es möglich, den distanzierten Beobachter zu geben, der guckt, was die da vorne so veranstalten. Und es gibt daneben diejenigen unter uns, die sich hineinnehmen lassen in eine gläubige Erfahrung von: Wir sind gemeinsam Gottesfamilie. Über unsere Konfessionen hinweg – wir feiern unseren Gott in seinem Geist – und wir beten und bitten um Segen für unsere Leidenschaft, den Fußball. Und darum, dass es fair bleibt, dass nichts passiert, dass nicht betrogen wird, dass unsere Gegnerschaft sich nur auf den Wunsch bezieht, das Spiel zu gewinnen. Und dass wir als Fans einander respektieren und uns vielleicht sogar daran freuen, dass wir einen respektablen Gegner mit tollen Fans haben. Oder auch daran, dass die gegnerische Mannschaft ein großartig herausgespieltes Tor erzielt. Weil wir den Fußball lieben. Wir beten also darum, dass das, was uns verbindet, viel wesentlicher ist, als das, was uns heute Abend zu sportlichen Gegnern macht.
Wir alle wissen aber, liebe Schwestern und Brüder, dass es auch anders kommen könnte. Am Pfingstfest, so haben wir gehört, gab es auch einige Spötter. Die haben die Apostel in ihrer Begeisterung sprechen gehört und dann gelästert: Sie sind vom süßen Wein betrunken! Und nach Pfingsten werden die von Jesus begeisterten Menschen hinausgehen und nicht nur auf Begeisterung der anderen treffen. Im Gegenteil: Sie werden auch Hass erleben und Verfolgung und Gefängnis und Folter. Obwohl sie im Grunde eine Botschaft der Liebe, des Friedens, der Vergebung und des neuen Lebens mit Christus bringen. Und wenn wir ehrlich hinschauen, sind Verachtung des Anderen mit allen üblen Folgen und Spaltungen nicht nur außerhalb der christlichen Gemeinschaft, sondern auch innerhalb des Christentums da gewesen – im Laufe der Geschichte, immer wieder. Es ist ja ganz offensichtlich ein Thema der Menschheitsgeschichte, das auch das Christentum immer wieder befallen hat: Spaltung, Ausgrenzung, gegenseitiger Hass. Und die sind bestimmt nicht vom Heiligen Geist bewirkt.
Aber davon, dass es das alles gibt, sogar unter gläubigen Christen, liebe Schwestern und Brüder, davon können wir eine sehr wesentliche Lektion lernen. Nicht alles, was bei Menschen im Stadion und auch nicht alles, was bei Christen nach Begeisterung und Leidenschaft aussieht, ist schon vom Heiligen Geist. Wir kennen auch Formen von Fanatismus, der die Andersheit der Anderen nicht erträgt. Oder Fanatismus, der aus eigenen Verletzungen geboren wird und dann nach außen gegen andere eskaliert. Wir kennen Hass, der den Glauben oder auch den Fußball nur benutzt, um die eigenen Aggressionen auszuleben. Wir kennen Fanatismus, der Leidenschaft missbraucht, um Menschen in die eigene politische Ecke zu ziehen. Und vieles mehr.
Liebe Schwestern und Brüder, ich bin deshalb jedes Jahr dankbar und begeistert, dass ich hier mit Menschen beten und feiern darf, die ganz unterschiedlich sind: Evangelische und Katholische, und wir haben auch jüdische und muslimische Geschwister unter uns. Und wir sind hier als VfB-Fans und als Bayern-Fans. Wir wollen den Sieg unseres Teams, natürlich! Und wir wissen, dass es gut möglich ist, dass wir in diesem Wunsch enttäuscht heimfahren. Aber wir wollen auch, dass trotzdem die Leidenschaft für den Sport und für das Spiel und für das Gemeinsame gewinnt. Gottes Geist eint uns auf einer tieferen Ebene, er eint uns als Menschen und als Fußball-Begeisterte. Für uns alle, für die Vertreter der Kirchen und Religionen, für den Fußballbund, für die Menschen, die sich um Sicherheit sorgen, für die beiden Finalvereine und alle Spieler, Teammitglieder und Fans ist das ein so schönes und wichtiges Zeichen. Wir sind geeint im Glauben an Gott, wir sind darin losgelöst von Gedanken an Feindschaft, wir sind geeint in der Freude am Spiel und beten jetzt miteinander um Gottes reichen Segen für den heutigen Nachmittag, für den Abend und besonders für das Spiel. Danke fürs Mitbeten. Und für Eure Begeisterung. Amen.
