Segens- und Heilungsgottesdienst

In Predigten von Pressestellekommentieren

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

was ist das Heil? Dieses Wort steckt in unseren Worten heilen und Heilung. Aber Heil ist irgendwie umfassender, ganzheitlicher. Es meint den ganzen Menschen. Und wenn wir es in einem gläubigen Zusammenhang lesen und verstehen, dann spüren wir erst recht dass das Heil den ganzen Menschen meint. Sein Ganz-sein – und zwar so, wie Mensch-sein eben ganz sein kann.

Liebe Schwestern und Brüder, das Problem dabei ist: In dieser Welt, so wie wir sie mit unseren leiblichen Augen sehen, mit unseren Händen anfassen, mit unseren Sinnen erfassen können, in dieser Welt wird es kein endgültiges Ganz-sein geben. Wir wissen es, denn der Tod, der uns alle erwartet, ist ein dramatischer Widerspruch gegen Ganz-sein, gegen Heil-sein. Der leibliche Tod ist – weltlich gesprochen – das katastrophale Gegenteil von Ganz-sein. Er fühlt sich nämlich an, wie Gar-nicht-mehr-sein. Und wenn wir die vielen Nöte betrachten, deretwegen viele von uns hier sind, dann sind ganz viele von diesen Nöten letztlich eine Art Auswirkung unserer biologischen Endlichkeit, unserer Sterblichkeit. Wir alle sind in unserem Leben von irgendwelchen Gebrechen, Krankheiten, Verlusten betroffen. Alle. Wir alle sind in unserem Leben davon betroffen, dass wir älter werden, dass unser Leib nicht mehr genau so will, wie in der Kindheit und Jugend, obwohl wir uns doch oft noch so jung fühlen würden. Wir alle sind davon betroffen, dass auch unser seelisches Leben nur mehr oder weniger funktioniert. Wir sind eben oft nicht offen, warmherzig, froh, tief, voller Liebe. Wir sind oft oberflächlich, abweisend, betrübt und voll Groll. Nichts in diesem Leben ist ganz heil. Und keiner von uns ist ganz heil, weder an seinem Leib, noch an seiner Seele.

Und dabei sehnen wir uns doch so sehr nach dem Heil, nach dem Ganzen. Nun gehört manches von dem, was ich aufgezählt habe, zum normalen Lebenslauf. Unser Älterwerden, unsere verschiedenen Stimmungen und Launen, die Verluste, die wir nicht selbst im Griff haben und kontrollieren können. Aber Krankheit ist noch einmal etwas anderes. In der Schrift lesen wir heute ausdrücklich, dass Jesus die Jünger losschickt, um den Kranken heilend und heilsam zur Seite zu stehen. Jesus heilt. Und er befähigt seine Jünger ebenfalls, heilsam und heilend zu wirken. Und im Evangelium heißt es sogar öfter, „er heilte alle Kranken“. Mit diesem alle, sind dann insbesondere die gemeint, die ihm begegnet sind und die um seine Hilfe flehten. Gleichzeitig setzt er fast immer den Glauben der Menschen voraus, die er heilt. „Geh, Dein Glaube hat dir geholfen“, heißt es ebenso oft im Evangelium nach den Heilungserzählungen. Andererseits aber konnte Jesus in seiner Heimat wenig oder gar keine Wunder tun, wie berichtet wird. „Und er wunderte sich über ihren Unglauben“, heißt es dann. Er erzählt den Menschen aus seiner Heimat dann die Geschichte aus dem Alten Testament, zu einer Zeit, in der es viele Menschen mit Lepra gab, aber nur der Syrer Naaman wurde damals geheilt. Das macht sie zornig. Sie glauben nicht. Es gab also auch bei Jesus schon nicht einfach einen Automatismus des Heilens, und auch die meisten seiner Anhänger wurden irgendwann alt und krank und alle starben irgendwann in diesem Leben. Auch die, die er einst von ihrem körperlichen Gebrechen geheilt hatte. Das heißt aber: Selbst der allertreueste Jünger Jesu muss damit rechnen, dass er in diesem Leben nicht ganz heil ist und bleibt, dass auch er vielmehr ebenfalls Krankheit und Tod erleiden wird.

Aber warum heilt Jesus dann überhaupt körperliche Gebrechen? Wenn es keinen bleibenden Wert hat, wenn auch der Geheilte dennoch wieder krank oder alt wird und stirbt? Ich denke, Jesus heilt physische Leiden, weil er uns damit zeichenhaft zu verstehen gibt, dass mit ihm, mit Jesus, in diese oft unheilvolle Welt der Anfang vom Ewigen Heil schon eingebrochen ist. Er ist der Heiland, der der alles heil macht. Und damit beginnt er jetzt schon, immer wieder und die äußere Heilung ist ein Hinweis auf das umfassende Heil, an dem wir einst teilhaben dürfen.

Aber die andere, die tiefere Seite ist die: Jesus schenkt uns den Anbruch des Heils zuallererst in der Seele, in der Tiefe unseres Herzens. Und das Wunder ist. Dort, in der Tiefe unseres Herzens, dort wird dieses Heil eben nicht mehr vergehen, wenn wir es aus eigener Schuld nicht verspielen. Anders also als bei der körperlichen Heilung. Dort, in der Seele, bleibt es, wächst es, wird es tiefer. Und je mehr es in uns wächst, je mehr der Geist Jesu von unserem Inneren Besitz ergreift, desto mehr werden wir durch ihn auch fähig, auch mit unseren körperlichen Gebrechen, mit unserer Not, mit unserem Altwerden und anderem umzugehen. Wenn wir in Jesus gehen, können wir lernen, das Leid zu tragen, anzunehmen, wir werden reifer und tiefer. Und vielleicht lernen wir darin sogar, ein Zeugnis von der Gegenwart Jesu zu geben – trotz allem, trotz der Schmerzen und der Not. Weil dann in uns und durch diese Not hindurch seine Gegenwart hindurch scheint.

Vielleicht hat das der eine oder andere von Ihnen schon einmal erlebt, dass er bei einem wirklich gläubigen Menschen am Krankenbett stand, um ihn in seiner Krankheit zu trösten. Und dann sind Sie am Ende selbst getröstet und heiler wieder weggegangen als Sie gekommen sind. Einfach weil der Kranke mit seinem Glauben ein Zeugnis davon geben konnte, dass die Krankheit, die Bedrohung mit dem Tod nicht das Letzte ist. Er gibt Zeugnis davon, dass er schon in dieser Welt, die vergeht, aus der Quelle des Neuen, des Ewigen Lebens leben darf.
Der heilige Papst Johannes Paul II. hat in seinem allerletzten Todeskampf zu seinen Umstehenden gesagt: „Ich bin froh, seid Ihr es auch.“ Liebe Schwestern und Brüder, wie tief muss ein Mensch im Glauben sein, wenn er so etwas in dem Moment sagen kann, wenn ihm alle körperlichen Funktionen gerade am Versagen sind?

Ein kranker oder leidender Mensch, der gläubig ist, der kann sein Leiden Jesus übergeben in der Hoffnung und in dem Vertrauen, dass Jesus es mit ihm trägt. Und mehr noch, er darf der Hoffnung sein, dass in der Verbindung mit Jesus auch sein eigenes Leid erlösende Wirkung haben kann. Er kann sein Leid in der Kraft Jesu tragen und nimmt so teil an Jesu Kreuzweg für die Welt, an seinem erlösenden Leiden für die Welt. Wir Christen leben nicht wie unverbundene Individuen nebeneinander her. Wir sind durch den Herrn alle miteinander verbunden. Und ich bin überzeugt davon, dass wir im Himmel einmal staunen werden, wenn wir erkennen dürfen, wer alles für uns gebetet, geliebt, gelitten hat, damit wir nun dort oben in der Fülle des Lebens sein dürfen.

Das Heil, das Ganz-sein, das wir in dieser Welt erreichen oder besser geschenkt bekommen können, ist ein Ganz-sein, das Zeugnis von diesem Trotzdem gibt. Es ist ein Ganz-sein, das mitten in den schwierigen Umständen bei seinem unverbrüchlichen Ja zu Gott und im Vertrauen, in der Hoffnung und in der Liebe bleiben kann. Solches Heil-sein ist heilig sein. Es lebt aus der Gegenwart des Herrn in dieser Welt.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir in diesem Gottesdienst in besonderer Weise das Heil und auch Heilung erhoffen, dann zuallererst in diesem Sinn: dass wir Anteil bekommen an Jesus, an seiner heilstiftenden Gegenwart in unserer Seele. Dass wir in seinen Frieden finden können, ganz egal was da noch kommt in dieser so schönen aber oft eben auch so leidbringenden Welt.
Wir sollen und dürfen aber auch beten, dass er uns Schmerzen nimmt, dass er körperliche Heilung schenkt, wo wir krank sind oder leiden. Ich bin sicher, dass er in einer Atmosphäre des Glaubens auch wundersam wirken will und kann. Aber ich bin ebenso sicher, dass sein Hauptziel ist, dass wir alle hier aus dem Gottesdienst gehen, voller Stärkung, voller neuer Hoffnung und innerer Kraft, trotz allem anderen, was uns Not bereitet. Eben weil dieses andere schon überwunden ist. Weil unser Herr schon den Sieg davon getragen hat. Er will uns wirklich allen das Heil schenken und hat schon längst damit begonnen. In unserer Seele. Dafür sind wir von Herzen dankbar. Amen.

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