Tag der Ordensjubilare

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, liebe Ordensjubilare mit Ihren Angehörigen, Gästen und Freunden,

der Text, den wir aus der ersten Lesung gehört haben, ist einer der Schlüsseltexte des Alten Testaments; einer der Schlüsseltexte für die Geschichte und Identität des Volkes Israel, einer der Schlüsseltexte folglich auch für uns Christinnen und Christen, zumal für uns Ordensleute. Es ist auch ein Text, der sich wunderbar eignet, zum Beispiel um unsere Kinder spielerisch ins Geheimnis Gottes einzuführen. Es ist ein Text, an dem wir sehr viel lernen können über Gott, über sein Geheimnis, über unser Verhältnis zu Ihm. Es ist ein Text, an dem wir wachsen.

Mitten in seiner alltäglichen Arbeit, beim Hüten des Viehs, begegnet Mose dem Herrn. Allerdings heißt es da: Er trieb das Vieh über die Steppe hinaus. Er geht also womöglich einen Schritt weiter als sonst, weiter hinaus, oder vielleicht darf man auch interpretieren, tiefer in die Wüste hinein, tiefer in den Ort der Einsamkeit; tiefer deshalb auch in das Innere seines Herzens, dort wo wir mit Gott alleine sind. Und da begegnet ihm äußerlich diese Erscheinung, er begegnet dem Dornbusch, der nicht verbrennt.

Mose lässt sich rufen, von dem, was er da wahrnimmt. Er wird persönlich angesprochen. Er ist gemeint und kein anderer. Aber der Ruf ist tief und geheimnisvoll und offensichtlich auch mächtig. Mose erfährt, dass er auf heiligem Boden steht. Er zieht die Schuhe aus, er erfährt, dass Gott selbst mit ihm spricht und verhüllt sein Gesicht. Die Menschen des Alten Bundes waren überzeugt davon, dass sie Gott nicht ins Angesicht sehen könnten, ohne zu sterben, so groß, so heilig, so abgründig anders, so herausfordernd haben sie ihren Gott wahrgenommen. Die Gesten des Mose, das Ausziehen der Schuhe und das Verhüllen des Gesichts, sind Gesten tiefer Demut. Er ehrt den Ort, an dem er steht, er ehrt sein Gegenüber und macht durch dadurch deutlich, dass er vor Gott von sich her nichts vorzubringen hat. Im Evangelium, das wir gehört haben, preist Jesus die Kleinen, die Unmündigen selig, denen Gott sich offenbart hat. Und Jesus meint hier nicht nur einfach physische Kleinheit oder gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit, auch wenn das Letztere dennoch mitklingt. Er meint eher die innere Haltung der Armut, die weiß, dass sie Gott gegenüber nichts vorzubringen hat, die weiß, dass sie alles von ihm zu erwarten hat. Er meint eine Haltung, die sich nicht selbst für groß und klug und weise hält. Denen, die mit ihrem Herzen so unterwegs sind, denen offenbart er sich. Gott ist ja selbst Liebe und er sehnt sich nach der liebenden, ehrfürchtigen Antwort des Menschen.

Mose zieht also die Schuhe aus, weil er auf heiligem Boden steht. Und im Grunde tut er dieses Äußere auch innerlich. Auch in ihm, in seiner Seele, ist heiliger Boden. Gott hat unsere Seele dazu geschaffen, um in ihr wohnen zu können. Aber dazu muss unsere Seele im Vertrauen wachsen, dass sie nicht in den eigenen Schuhen geht, das sie nicht ausschließlich in sich selbst steht und nicht ausschließlich sich auf sich und die eigene Kraft verlässt. Vielmehr steht sie in ihm, in Gott. Und das Geheimnis der Gottesbeziehung, das Geheimnis des Gebetes ist, dass wir je tiefer ins Vertrauen, in die Beziehung mit dem Herrn finden, je aufrichtiger, je innerlich ärmer wir zu Ihm gehen; je mehr wir unsere Versuche der Selbstsicherung loslassen, je mehr wir vertrauen lernen, dass alles, was für unser inneres und äußeres Leben wichtig ist, wirklich von Ihm kommt.

Und aus dieser Erfahrung, liebe Schwestern und Brüder, aus diesem Gehen des Weges kommt auch das, was Moses dann als seine Sendung, als seinen Auftrag erfährt: Er soll zum Pharao gehen, er soll das Volk aus Ägypten führen. Gott bedient sich konkreter Menschen, um etwas von dem, was er selbst tun will, tatsächlich zu tun, mit ihrer Hilfe. Mose gehorcht und erfährt im Verlauf dieses Gespräches auch noch den Namen des Allerhöchsten. Wir haben den Text bis Vers 12 gehört, aber im Vers 14 kommt die berühmte Stelle, an der der Herr seinen Namen offenbart: Ich bin der Ich-bin-da.

Liebe Schwestern und Brüder, mit den Augen des Herzens gelesen, offenbart uns dieser Text wunderbares. Es gibt einen tiefen, inneren Zusammenhang zwischen dem Ruf Gottes an uns, zwischen der eigenen inneren Haltung im Bezug auf Gott, zwischen der Erfahrung unseres Auftrages, unserer Sendung und schließlich zwischen dem immer tieferen Vertraut-werden mit dem Herrn. Den Namen Gottes kennen, bedeutet sein Wesen kennen, bedeutet, ihn von innen her besser verstehen.

Und meine Lieben, wir alle haben das Privileg, dass wir viel weiter sind als Mose: wir haben nämlich Jesus, er hat uns noch einmal und in viel umfassenderer, radikalerer Weise gezeigt, wer Gott ist, welchen Namen er hat: Der Name ist sehr reich, sehr vielschichtig. Jesus selbst bedeutet Gott rettet. Er ist Retter, aber er ist auch der Immanuel, der Gott mit uns. Er ist unser Heiland, unser Erlöser, er ist der, der unendlich liebt, er ist der, an dem sich der Lauf der Welt und jedes einzelnen entscheidet. Er ist unser Richter, das Alpha und das Omega, er ist das Lamm Gottes, das sich hinrichten lässt für uns, er ist der, der uns seinen Geist schenkt, seine Freude und seine Hoffnung und vieles mehr. Er ist alles für uns.

Sie, liebe Ordensjubilare, haben vor vielen Jahren den Ruf unseres Herrn gehört. Den Ruf, der da lautete: Folge mir nach, ich will Dein Leben ganz für mich. Ich will Dir zeigen, wohin Du gehörst und ich will Dir immer tiefer meinen Namen offenbaren. Nicht einfach als Wissen im Kopf, sondern als Erkenntnis im Herzen. Damit Du weißt, wofür Du gemacht bist, damit Du weißt, woraus letztlich alle Freude kommt. Und ich will Dich senden, ich will Dir einen Auftrag geben für die Kirche, für das Volk Gottes, für die Menschen und die Welt.

Ich danke Ihnen allen, liebe Schwestern und Brüder, dass Sie den Ruf angenommen haben und ihm so treu bis heute gefolgt sind. Sie alle wissen, dass die Kirche in unserer Gesellschaft und in unserer Zeit viele krisenhafte Symptome erlebt. Sie wissen, dass das Ordensleben in manchen Bereichen dramatisch zurück geht. Aber vielleicht wissen Sie auch, dass es mancherorts Aufbrüche gibt, Zeichen neuer Hoffnung, Zeichen neuer Tiefe. Ich bitte Sie: bleiben Sie weiterhin treu. Denken Sie an die alte Prophetin Hanna im Tempel: Sie war eine Witwe von 84 Jahren. Was sie wohl alles erlebt hat. Ihr Mann war früh gestorben, sie hatte sicher auch Aufs und Abs im religiösen Leben erlebt, sie hatte die römische Besatzung ihres Landes erlebt, sie hatte erlebt, dass ein brutaler skrupelloser König Herodes das Land und das Volk ausbeutet anstatt regiert. Aber sie hat gebetet, gefastet, ihre Zeit im Tempel verbracht – einfach so. Aus Treue und Liebe zum Herrgott. Und nun wird sie, am Ende ihres Lebens zusammen mit dem alten Simeon gewürdigt, den Erlöser zu schauen, der heiligen Familie zu begegnen.

Mose hat diesen Erlöser nicht sehen können, wir können es, Schwestern und Brüder, und wir können ihm begegnen. In der Eucharistie, im täglichen Leben unseres alltäglichen Mühens. Wenn wir nur innerlich die Schuhe ausgezogen haben, wenn wir innerlich treu bleiben und dran bleiben, dann bleiben wir Zeuginnen und Zeugen, dass der Erlöser lebt und einen Namen hat: Er ist der Gott mit uns. Wir kennen ihn und wir wollen ihn weiterhin der Welt zeigen, selbst dann noch wenn immer weniger von Ihm wissen wollen.

Aber, liebe Schwestern und Brüder, ich sehe zwar einerseits eine große, weithin reichende Abwendung von Gott in unserem Land. Aber ich sehe immer wieder auch Zeichen des Aufbruchs, Zeichen der Zuwendung zu Gott, gerade auch unter jungen Menschen. Oftmals sind es kleine Zeichen, aber so beherzt. Wie schön ist es, einen oder mehrere junge Menschen zu erleben, bei denen man spürt, dass sie ein Herz für Gott haben, bei denen man spürt, dass sie dabei sind innerlich die Schuhe auszuziehen und in sich selbst heiligen Boden zu betreten – um zu hören, welchen Namen Gott hat und welchen Auftrag er für sie hat. Ich bitte Sie alle, bleiben Sie treu, bleiben Sie dem Herrn verbunden, und beten Sie für unsere Kirche, für unser Bistum, für unsere Priester und vor allem auch für die Menschen, die der Herr auch heute noch in seine engere Nachfolge ruft.

Und ich möchte schließen mit einem ganz, ganz herzlichen Dank für alles, was Sie in Ihrem bisherigen Leben im Weinberg des Herrn waren und sind und was Sie beigetragen haben, dass sein Name in unserer Kirche nicht vergessen wird. Weil Sie zu den Menschen gehören, die diesen Namen in ihrem Herzen erkannt haben. Gott segne Sie. Amen.

 Bild: Pressestelle Bistum Passau