Unsere Haare auf dem Kopf, die Hölle und der Unendliche – zum Abschied von Direktor Rudolf Nerl

In Predigten, Verschiedenes von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Lieber Herr Direktor Rudolf Nerl, liebe Frau Nerl, liebe Angehörige, Freunde, Bekannte, liebe Mitglieder der Schulfamilie unserer Gisela-Schulen, lieber Dr. Markus Eberhardt mit Familie, ehrwürdige Maria-Ward-Schwestern, verehrte Fest- und Ehrengäste dieses denkwürdigen Tages,

das Evangelium des heutigen Tages (Hl. Christophorus Mt 10,28-33) enthält einen der Sätze, die Christenmenschen vertraut und lieb und teuer sind. Er lautet „Bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt, fürchtet Euch also nicht“. Dieser Satz aus dem Mund Jesu steht für die Aufforderung zu einem Vertrauen, dass Gott der Vater die Seinen wirklich kennt – bis in die kleinste Ausprägung wie die Zahl der Kopfhaare. Und dass er sie liebt und beschützt. Wie schön! Wie hoffnungsvoll.

Die Rede von der „Hölle“ – heute?

Zugleich aber haben wir aus demselben Evangelium eben auch folgenden Satz gehört: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann.“ Wie krass, wie irritierend klingt das, zumal für heutige Ohren? Kann man heute noch von der Hölle reden? Und wer ist da gemeint, den man fürchten soll, der diese Macht hat, in das Feuer der Hölle zu stürzen?  Beide Male ist Gott selbst gemeint. Einmal sollen wir uns nicht fürchten, weil er uns beschützt – und einmal sollen wir gerade ihn fürchten, weil er die Macht hat, uns verlorengehen zu lassen.

Was uns Halt gibt

Ich will versuchen, beide Pole auszuleuchten und auch auf den Dienst von Rudolf Nerl zu beziehen. Sicher haben viele von Ihnen schon einmal erlebt, wie es ist, wenn man einen nahen Menschen verliert, besonders etwa bei Eltern oder sehr prägenden Menschen, also bei sehr wichtigen Beziehungspartnern. Und wenn man versucht, solchen Verlust emotional im Bild zu beschreiben, was da in einem innerlich vor sich geht, dann  sagen nicht wenige Menschen, es ist als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Also im Bild: Da ist eine Erfahrung, die mich innerlich destabilisiert, ein Verlust von etwas, was mir umgekehrt viel Stabilität gegeben hat. Jemand, auf den ich bauen konnte, ist nicht mehr da. Die Welt ist mir ein Stück haltloser geworden, unsicherer. Und Haltlosigkeit, Bodenlosigkeit produziert Furcht. Woran halt ich mich fest? Was gibt mir eigentlich Halt? Was trägt zur eigenen Stabilität bei in der Selbsterfahrung und Welterfahrung? Beziehungen, so sie denn gelingen, geben Halt. Und die wichtigsten Beziehungen, so sie denn gelingen, geben am meisten Halt, stärken die eigene Identität, stärken Selbstsein und Selbstbewusstsein.

Ein junger Mensch kommt neu in die Schule….

Und nun stellen Sie sich einen jungen Menschen vor, eine Schülerin etwa, die neu an die Gisela-Schulen kommt. Ein junger Mensch, der dabei ist, nach und nach den Beziehungshorizont der eigenen Familie zu überschreiten, zu erweitern – und hinauszugehen und neue Freunde zu finden; Beziehungen, die tragen helfen und die helfen, man selbst zu werden und sich selbst neu zu entdecken. Aber jeder weiß, dass das nicht so leicht ist, irgendwo neu hinzukommen, wo noch keine Beziehungen gewachsen sind. Kennt nicht jeder von uns das Gefühl, dass man sich in manchen Kontexten, in denen man zuerst einmal fremd ist, unangenehm beobachtet oder manchmal gar bedroht fühlt? Wird man mich annehmen, wird man mich mögen? Oder bleibe ich ein Fremdkörper? Was sagen die anderen über mich?

Ein Klima der Annahme

Eine der wesentlichen Qualitäten von Leitung ist aus meiner Sicht, ein Klima zu schaffen, in dem grundsätzliche Annahme, grundsätzliche Bejahung gelebt wird. Noch vor der Leistung ist der Mensch da, als Person mit Würde und Wert, und er braucht Annahme und Anerkennung. Für Rudolf Nerl war und ist dies einer der wesentlichen Grundsätze seiner Pädagogik. In jedem Menschen, vor allem jedem jungen Menschen, kommt uns ein Geschöpf Gottes entgegen, eine einzigartige Kostbarkeit; selbst dann, wenn der Jugendliche nervt und ich gerade wenig von seiner Kostbarkeit erkennen kann. Junge Menschen brauchen Annahme, brauchen Freundschaft und Rudolf Nerls Anliegen, aber auch seine besondere Fähigkeit ist es, ein Klima der Annahme zu schaffen – und dies auch ausstrahlen zu lassen auf das Kollegium und die Schülerinnen. Denn vermutlich kennen auch das die meisten Erwachsenen: Nicht wenige unserer immer noch bestehenden Komplexe, Ängste oder andere psychophysische Defizite gehen oft immer noch auf traumatische Erfahrungen in unserer Schul- oder Jugendzeit zurück, auf Hänseleien, Mobbing, Ausschluss und mehr. Deshalb: Junge Menschen brauchen Annahme, brauchen Freundschaft und das schafft innere Stabilität.

Ein Halt, der nur endliche Beziehungen übersteigt

Und wenn ich eben sagte, dass auch noch der junge Mensch wertvoll ist, der gerade am widerständigsten oder am meisten kratzbürstig ist und gar nicht wertvoll erscheint, dann beruht eine grundsätzliche Fähigkeit zur Annahme eben nicht mehr nur einfach auf der Fähigkeit zur Sympathie, zur Einfühlung. Sie reicht tiefer, sie hat einen anderen Grund und einen anderen Halt. Rudolf Nerl hat auch in einem Zeitungsinterview vergangene Woche, aber auch im persönlichen Gespräch mit mir, sehr deutlich gemacht, dass diese innere Mitte für ihn Jesus Christus ist und das Leben aus der Eucharistie. Die Tiefe und Qualität dieser Beziehung gibt Rudolf Nerl einen Halt, der den Halt überschreitet, der allein aus menschlichen Beziehungen entsteht. Denn wie eingangs gesagt: Auch die wesentlichsten Beziehungen unseres Lebens, die zu Eltern, Geschwistern, zu besten Freunden all diese Beziehungen sind auch endlich, sind daher auch brüchig und gefährdet.

Wie sehr brauchen wir den Applaus?

Und dazu kommt: auch unsere besten Beziehungen sind nie ganz heil. Wer wäre von uns nicht gefährdet, den anderen Menschen zu benutzen für die eigenen Egoismen, für die eigene Selbstdarstellung, für den eigenen Erfolg. Gerade wir Geistliche wissen um diese Gefährdung, und dasselbe gilt wohl auch für Lehrerinnen und Lehrer: Handle ich so, damit meine Schüler mich mögen? Bin ich deshalb nur nett? Oder will ich auch gerecht sein und wahrhaftig? Brauche ich den Applaus der Gläubigen oder den der Schülerinnen? Um nicht missverstanden zu werden: Jeder von uns braucht Anerkennung – auch damit wir spüren, dass wir mit unserer Arbeit nicht ins Leere hinein laufen, jeder Geistliche, jede Lehrerin, jeder Lehrer braucht das. Aber unser Problem ist: Je mehr ich den Applaus der Zielgruppe brauche und davon lebe, desto weniger wird es mir wirklich um den anderen Menschen als anderen gehen. Sondern zumeist nur um den anderen Menschen als Ausdruck meines Erfolges und meiner Selbstdarstellung.

Die Notwendigkeit des inneren Haltes

Das heißt: Gerade als Menschen, die beruflich ihre Selbstwirksamkeit in der Erfahrungen mit anderen machen, mit denen und für die sie unterwegs sind, gerade als solche brauchen wir einen inneren Halt, der selbst nicht mehr von endlichen Beziehungen abhängt. Sonst sind wir immer gefährdet, zu manipulieren oder manipuliert zu werden. Und ein gewachsener, gereifter Glaube an Christus schenkt diese Qualität. Also ein Glaube, der trägt, der inneres Fundament ist, und nicht nur wieder nur etwas Oberflächliches, mit dem wir uns auch noch einmal selbst dekorieren wollen.

„Ich habe einen Vater…“

Aber, und das sagt das Evangelium heute, wer das Geschenk empfangen hat, in diese Vertrauensbeziehung mit Gott zu finden und aus ihr zu leben, der darf etwas von diesem Halt erfahren, weil er vertrauen kann: Was auch immer kommt: Ich habe einen Vater, ich habe einen Halt, der selbst dann noch nicht tot zu kriegen ist, wenn ich sterbe.

Die Hölle der Lieb- und Sinnlosikgeit

Und wenn das stimmt, dann gilt umgekehrt: Wenn ich nicht in diesen inneren Halt finde, der vom Endlichen unabhängig ist, dann muss ich dieses innere Vakuum immer neu zu stillen versuchen mit nur Endlichem. Dann muss die innere Leere angefüllt werden mit Anerkennung, Macht, Vergnügen, Reichtum – alles weltliche Sicherheiten, die in sich nicht einfach schlecht sind. Wenn ich aber keinen anderen Halt habe als diese, dann verhindern sie, dass ich am Ende ein wirklich Liebender werde, oder ein wirklicher Pädagoge. Und von hier lässt sich dann auch das Höllenwort des Evangeliums vom Anfang deuten: Wenn die innere Sehnsucht nach dem Halt, der mehr als nur endlich ist, wenn diese Sehnsucht immer nur mit Endlichem gestillt wird, dann ist am Ende die notwendige Konsequenz der innere Absturz ins unendlich bodenlose Loch der Lieblosigkeit, der Sinnlosigkeit, der Egozentrik. Und das wird für jeden die Hölle.

Niedernburg: Mehr als nur eine normale Schulen

Und das, lieber Herr Nerl, das haben Sie immer auch versucht im Blick auf die Jugendlichen, auf Ihre Schülerinnen zu leben und zu zeigen: Es gibt mehr als das neueste Handy und den neuesten Modetrend, es gibt mehr als die Likes auf Instagram und die Anerkennung für die besten Noten. Es gibt in Dir eine Kostbarkeit, die nicht davon abhängt, welche Noten und wie viele Likes Du hast. Und dieses Mehr, die Ahnung davon, der Glaube daran, bei Ihnen und bei Vielen, die mit Ihnen gehen, die macht es aus, dass unsere Niedernburg-Schulen immer noch mehr sind als gewöhnliche Schulen. Es ist ein Ort, wo junge Menschen berührt werden können von dem, von dem aller Wert, aller Sinn und alle Liebe kommt. Von dem, der radikal unabhängig von allem Endlichen ist und der sich dennoch auf jeden einzelnen endlichen Menschen so einlässt, dass er weiß, wie viel Haare einer auf dem Kopf hat. Lieber Herr Nerl, im Namen unseres Bistums möchte ich Ihnen danken für all Ihren Dienst, Ihre unermüdliche Sorge um das Wohlergehen von Schule und allen Menschen in ihr. Und vor allem auch für Ihr Glaubenszeugnis. Gott segne Sie, Ihre Familie, unsere Giselaschulen und alle, die sich diesen Schulen verbunden fühlen. Amen.

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