Wie Schafe unter die Wölfe? – Vom Gewicht Jesu in meinem Leben

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDB2 Kommentare

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Religionslehrerinnen und –lehrer,

die Kirche legt uns heute einen schwierigen Text im Evangelium vor, der zumindest auf den ersten Blick so gar nicht zu passen scheint für den Anlass, den wir hier und heute begehen.Und Ihr habt das Problem, das wir mit dem Text haben, so gelöst, dass Ihr einen Satz aus dem heutigen Evangelium (Mt 10,16-23) verwendet und ihn zu einem Halbsatz verkürzt habt: „Seht ich sende euch….“ steht auf dem schönen Liedblatt für den Gottesdienst. Und es stimmt ja. Ich darf Euch heute die Missio geben, die Sendung im Auftrag unserer Kirche, die Sendung hinein in die Welt der Menschen, besonders der jungen Menschen, hinein in die Welt des Religionsunterrichtes. Aber Ihr wisst es ja selbst, und wir haben es eben im Evangelium gehört: Wenn man diesen Satz aus dem heutigen Evangelium zu Ende liest, steht da: „Seht, ich sende Euch – wie Schafe mitten unter die Wölfe!“ Nehmt euch vor den Menschen in Acht. Sie werden euch vor Gerichte, bringen, auspeitschen. Es wird eine Spaltung geben, die quer durch die Familien geht, Geschwister gegen Geschwister, Kinder gegen Eltern und Eltern gegen Kinder. Und dann steht da der grimmige Satz: „Ihr werdet von allen um meines Namens willen gehasst werden.“ Meine Lieben, das sind keine schönen Aussichten für Menschen, die Jesus sendet.

Wie Schafe unter die Wölfe?

Aber was steht da noch dabei? Der erste Teil dieser Sendungsrede aus dem Matthäusevangelium, der ist gestern in der Hl. Messe vorgetragen worden und darin fordert Jesus die Apostel, die er sendet, zu etwas auf, was ebenfalls ziemlich radikal ist: Sie sollen kein Geld, keine Vorratstasche, keinen Wanderstab, kein zweites Hemd und anderes mitnehmen. Mit einiger Sicherheit bedeutet diese Radikalität im Umkehrschluss: „Verlasst Euch ganz auf mich, auf meine Gegenwart mit Euch und in Euch. Das, was Ihr zu sagen, zu verkünden habt, bin ich. Ich bin die personifizierte Anwesenheit des Reiches Gottes und wenn einer Euch hört, hört er mich.“ Und wohl nur deshalb kann Jesus sagen: „Heilt Kranke, weckt Tote auf, treibt Dämonen aus.“ Nur deshalb, weil er dann wirklich dabei ist, weil er durch die Jünger und in den Jüngern selbst wirkt. Und deshalb sagt er auch: „Umsonst habt Ihr empfangen, umsonst sollt Ihr geben!“

Wer ist „wirklich“ für mich?

Liebe Empfängerinnen und Empfänger der Missio, was wäre aus so einem Sendungstext für uns zu gewinnen, wenn wir ihn nicht allzu sehr einfach glattbügeln oder als Ausdruck einer bestimmten Zeit verstehen wollen, die mit heute nichts mehr zu tun hat? Und was wäre vor allem für Sie alle daraus zu gewinnen? Ich möchte mich dieser Frage mit Hilfe einer anderen Frage nähern. Die Frage heißt: Wie wirklich ist Jesus in meinem Leben? Was meine ich mit „wirklich“? Nun, Sie alle wissen, dass die Qualität von Beziehung, die Sie zu einem anderen Menschen haben, dazu führt, dass dieser Mensch mehr oder weniger wirklich in ihrem Leben wird, mehr oder weniger Gewicht in der Realität Ihres Lebens hat. Für die Mutter eines Neugeborenen zum Beispiel, ist die Beziehung zu diesem Kind nicht selten gerade die wichtigste Beziehung ihres Lebens. Das Kind hat ungeheures Gewicht, weil es ihr Leben bestimmt. Und wenn wir sensibel sind, merken wir einer solchen Mutter nicht selten auch dann an, dass sie Mutter ist, wenn das Kind gerade nicht da ist. Aber sie ist beseelt von dem Wunsch und dem Gedanken, dass es dem Kind gut gehen möge, ihr Herz, ihre Gedanken, ihr Handeln drehen sich um ihr Kind. Das Kind ist in einem sehr tiefen Maß wirklich in ihrem Leben. Es hat Gewicht. Wenn ich als Außenstehender dazu käme und Mutter und Kind sähe, fände ich das wahrscheinlich schön oder süß, aber ich bin auch froh, dass ich mich nicht um das Kind zu kümmern brauche, bei der Mama ist es ja bestens versorgt, sie hat die Verantwortung.  Und ich kann mich meinen Dingen zuwenden, die für mich in diesem Sinn wirklich sind.

Wie wirklich ist Jesus für mich?

Daher die These noch einmal: Die Qualität und Intensität der Beziehung bestimmt, wie wirklich der andere in Ihnen ist. Nun glauben wir als Christen, dass es tatsächlich möglich ist, mit Christus in einer Beziehung zu leben, in einer persönlichen Beziehung, dass es möglich ist, ihm im Gebet zu begegnen oder im Wort der Schrift oder sehr intensiv in der Eucharistie, hier im Gottesdienst. Und wenn Sie nun fragen, wie intensiv kann oder soll das sein, dann sagt die Schrift sehr, sehr deutlich: Nichts ist wichtiger als diese Beziehung. „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben, mit ganzem Herzen, ganzer Kraft, mit allen Gedanken.“ Ich weiß, dass das für viele, vermutlich für uns alle, eine richtige Herausforderung ist, eigentlich rein menschlich gesprochen eine dramatische Überforderung. Wie soll man Gott lieben?

Aber die Jünger und nicht wenige Menschen nach ihnen, bis heute durch die ganze Geschichte des Christentums hindurch, waren überzeugt davon, dass ihre Sendung, ihr Gesandt-Sein davon abhing, wie viel Raum sie dem Herrn in sich geben, wie viel Gewicht er bekommt, wie sie die Beziehungspflege mit ihm leben, wie sehr sie sich danach sehnen, ihn kennen- und lieben zu lernen – in der Kraft des Heiligen Geistes. Und im Maß, in dem das wächst, liebe Schwestern und Brüder, in dem Maß kommt dann als Lehrer oder Prediger eben nicht nur ein Schriftgelehrter oder auch nicht nur ein Schullehrer mit viel Wissen, sondern tatsächlich ein Gesandter,  ein Zeuge, eine Zeugin. Eine solche Person bringt nicht nur Sätze mit, die sie im Studium gelernt hat, sondern sie ist mehr und mehr erfüllt von einer Gegenwart, einer Wirklichkeit, die anders ist als alles, was die Menschen sonst kennen und erwarten.

Diese Wirklichkeit polarisiert

Und wenn es so ist, liebe Schwestern und Brüder, dann zeigt der Blick in unsere Kirchengeschichte bis heute, dass die Begegnung mit solchen Christinnen und Christen wirklich heilsam war und ist, dass sie von innen her Licht schenken kann und Sinn und Tiefe, dass sie manchmal auch physisch heilend ist, dass sie die Dämonen, die uns heute versklaven, verjagen kann. Und dass sie in einem sehr tiefen Sinn vom Tod zum Leben hinüber führt. Aber das Problem ist: Im Augenblick, in dem ein Mensch so unterwegs ist, und die Menschen in gewisser Hinsicht auch mit einer neuen, einer tieferen Wirklichkeit konfrontiert, in dem Augenblick wird dieser Mensch polarisieren, auch wenn er es gar nicht will. Er fordert ja heraus, sich auf diese Wirklichkeit einzulassen oder sie von sich fern zu halten, er fordert heraus zur Entschiedenheit, zur Entscheidung für das Leben. Und in Situationen, in denen die Abwehr gegen die Wirklichkeit Gottes in einer Welt, in einer Gesellschaft zunimmt, in dem Maß wird die Polarisierung Züge von dem annehmen, was im Evangelium geschildert ist: der Riss von Ja oder Nein zu Christus wird sich mitten durch die Familien ziehen, wird womöglich zu Hass und Verfolgung führen, wie wir es ja in nicht wenigen Ländern unserer Welt erfahren.

Zeuge oder nur Schriftgelehrter?

Aber was heißt das nun für Sie, als Lehrerinnen und Lehrer im Fach Religion in einer immer noch volkskirchlich geprägten Gesellschaft wie der unseren? Nun, zuerst denke ich, sind Sie herausgefordert, Ihre persönliche Christusbeziehung wirklich zu leben und immer neu zu vertiefen – andernfalls bleiben Sie ein bloßer Schriftgelehrter mit der negativen Konnotation wie es diese Gruppe in der Bibel bei Jesus hat. Zeuge, Zeugin werden wir nur im Maß der Intensität unserer eigenen Beziehung zum Herrn. Aber zweitens: Ein Zeuge sein, bedeutet nicht einfach im Schulunterricht permanent ein wildes Bekenntnis abzulegen, das die Schüler nicht verstehen oder nicht nachvollziehen können. Ein Zeuge kann sich in die Umstände fügen und vor allem kann er bewegt durch die Liebe des Herrn, sich wirklich um die Kinder und Jugendlichen um ihrer selbst willen bemühen. Er braucht nicht täglich ihre Bestätigung, er steht ja im eigenen. Er kann sich ihnen so zuwenden, dass er sie dort abholt, wo sie stehen. Aber er will nicht, dass sie dort stehen bleiben. Er will, dass sie was lernen, dass sie wachsen, als Menschen, als Personen und im gelingenden Fall auch als Gläubige. Aber wenn das letzte nicht gelingt, dann geht ein Schüler vielleicht dennoch heim und ist berührt von dem Geheimnis, das seine Lehrerin irgendwie umgibt, auch wenn sie nicht ausdrücklich davon spricht. Und vielleicht erinnert er sich später sogar einmal daran, dass sie es war, die in seinem Herzen eine Sehnsucht berührt und geweckt hat, der er mal nachspüren möchte.

Boten der Freude!

Liebe Auszusendende, Ihr seid gesandt, Ihr werde heute gesandt mit der Zusage des Herrn: Ich bin bei Euch, egal was kommt. Ob die Zeiten gut oder weniger gut werden, ob Euch die Schüler lieben oder ablehnen, ob Ihr viel oder weniger Erfolg habt: Er ist dabei. Und Ihr dürft mit dem gehen, der der Sinn Eures Lebens ist und der Sinn der ganzen Geschichte. Ihr seid dazu gemacht, Ihm den Raum in Eurem Herzen zu geben, der Ihm gebührt. Und wenn Ihr einmal müde seid, erschöpft, dann wisst, dass Er auch darin mitgeht. Rein pragmatisch gesprochen und ohne das verzwecken zu wollen noch das Folgende: persönlich erlebe ich diese Beziehung zum Herrn auch als den besten Schutz vor Burnout-Erfahrungen! Ich wünsche Euch jedenfalls sehr, dass Ihr auch das erfahren dürft, wovon unser verehrter Papst Franziskus so gern und so oft spricht wenn er sagt: Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das ganze Leben derer, die Christus begegnen. Ihr dürft Botinnen und Boten der Freude sein. Seid es! Amen.

 

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