Von der Sehnsucht Gottes unter den Menschen zu wohnen

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDB1 Kommentar

Lesungstexte: 1 Kön 8, 22-23.27-30; Eph 1,3-14; Lk 19,1-10

Verehrte Schwestern, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Ehrengäste, Schwestern und Brüder im Glauben,

wenn wir das Wort hören, jemand habe ein Dach über dem Kopf, dann kommen uns viele Assoziationen. Wir denken zuerst an die, die keines haben, Menschen in Not, Menschen auf der Flucht, Menschen, die auf der Straße leben. Viele, viele Menschen in der Welt haben kein Dach über dem Kopf, obwohl es doch zum menschlichen Leben so elementar dazu gehört, wie Nahrung und Kleidung. Ein Dach über dem Kopf. Insofern sind wir zunächst einmal froh und dankbar allen, die dazu beigetragen haben, dass Sie liebe Schwestern in Thyrnau jetzt wieder ein vernünftiges Dach über dem Kopf haben – und dass es nicht reinregnet und dass es warm hält im Winter und kühl im Sommer. Der Mensch braucht ein Zuhause und das Dach über dem Kopf ist ein Bild für ein solches sicheres Zuhause.

 Wofür steht das Dach?

Aber das alte Dach eines ehemaligen fürstbischöflichen Jagdschlosses und jetzigen Zisterzienserklosters hat natürlich noch einmal eine weitere Bedeutung: Die große Solidargemeinschaft aus Dorf, aus Landkreis, aus Staat und Kirche, das hohe Engagement aus ehrenamtlichen Mitwirkenden, aus Handwerkern, Architekten und vielen, vielen Beteiligten zeigt, dass uns dieses Dach und sein Gebäude auch etwas wert ist. Es ist etwas wert, weil wir hier einen Beitrag zum Erhalt eines Denkmals leisten, der uns erinnert, der uns hilft, nicht zu vergessen, von welchen Wurzeln wir eigentlich leben. Wir haben eine Herkunft, liebe Schwestern, liebe Brüder, eine Herkunft aus der Geschichte über die Generationen hinweg und wir haben auch geistlich gesprochen eine Herkunft. Und der Erhalt eines alten Kultur- und Klostergebäudes erinnert uns daran. Daher ist so eine Feier, wie die heutige, auch ein intensiver Beitrag für unsere Vergewisserung darüber, wer wir sind, als Frauen und Männer in unserem Land, unserer Kultur, unserer Geschichte. Gerade in Zeiten, in denen die Welt so unsicher zu werden scheint, in Zeiten, in denen es ein Auseinanderdriften auf dem europäischen Kontinent gibt, Zeiten, in denen viele, viele Menschen dabei sind, ihrer Heimat verlustig zu gehen und damit oft auch eines Teils ihrer Identität, in solchen Zeiten, ist es gut, sich zu erinnern, welches Dach wir eigentlich über dem Kopf haben im Sinne unserer Geschichte, unserer Kultur, unserer Herkunft. Und nicht, dass Sie mich missverstehen: Ich spreche hier nicht von einer Sicherung, der Identität, die sich abgrenzen möchte, sondern von der Kraft einer Kultur, eines Glaubens, einer Geschichte, die gerade weil sie Tiefe hatte und hat, offen ist und wandelbar und bereit, immer neu auch anderen bei sich Heimat zu geben.

 Gottes Sehnsucht: Wohnen unter den Menschen

Und das verweist uns schließlich auf die Schrifttexte, die wir heute gehört haben. Aus dem Alten und dem Neuen Testament. Es sind Schrifttexte, die davon sprechen, dass Gott selbst unter den Menschen Wohnung nimmt, dass er sich unter den Menschen ein Haus baut, dass er einem Haus und seinen Besuchern oder Bewohnern Heil schenkt, dass er in seiner Anwesenheit heilend und heilsam ist. Im Alten Testament betet der König Salomo für den eben errichteten Tempel und dafür, dass dort der Name Gottes wohnen möge und dass dort Segen ausgehen möge für Israel und für seine Nachkommen, die königliche Familie. Sein Vater David hatte in einem der Psalmen schon Gott mit den Worten gepriesen: „Du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels“ (Ps 22,4). Es gibt in Israel immer wieder die geheimnisvolle Erfahrung der machtvollen Gegenwart Gottes, auf dem Sinai vor allem, im Bundeszelt auf dem Weg durch die Wüste und immer wieder im Tempel. Und diese Erfahrung hatte immer auch eine Entsprechung im aufrichtigen, ehrfürchtigen Gebet der Menschen. Wohnung nimmt Gott im Tempel, aber insofern der zugleich von Menschen kultiviert ist, die ihn als Gott ehren und achten, lieben und lobpreisen. Wenn dem so ist, wenn es diese Bewegung vom Aufstieg der Menschenherzen und dem Abstieg der göttlichen Zuwendung gibt, dann kommt der Segen.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,  wir können im Grunde das ganze Alte und Neue Testament unter diesem Focus lesen: Gott will unter den Menschen, unter seinem Volk wohnen. Nicht, weil er es selbst bräuchte, sondern weil er sie liebt und weil er weiß, dass wenn der Mensch in seinem Innern, in seinem Herzen Gott wirklich Priorität einräumt, als Einzelner und als Gemeinschaft dann geht davon Segen aus. Dann ist der Himmel offen, dann ist der Himmel ein Dach über uns, das nicht nur verschlossen, sondern offen ist, durchlässig für den, der uns den eigentlichen Schutz, das eigentliche Dach gibt. Und deshalb, liebe Schwestern von Thyrnau, bin ich so dankbar, dass Sie hier sind. Dass Sie Gott die Ehre geben mit ihrem Gebet und Ihrem Dienst vor Gott und für die Menschen und füreinander. Sie sind uns lebendige Erinnerungszeichen dafür, wo wir unser eigentliches Haus haben, unsere eigentliche Heimat, wo das eigentliche Dach ist, unter das wir uns bergen können.

Wir sind dazu bestimmt, Gottes Herrlichkeit zu loben

Die zweite Lesung aus dem Epheserbrief des Neuen Testaments vertieft dieses Thema: Wir haben einen Hymnus vom Anfang des Briefes gehört, einen Hymnus, in dem Gott dafür gepriesen wird, was er an uns getan hat: Was hat er getan? Er hat uns alle miteinander schon geliebt, bevor wir überhaupt auf der Welt waren! Er hat uns in Christus erlöst, zurückgeführt in die Beziehung zu ihm und er hat uns dazu bestimmt, dass wir das der Welt sagen. Und dazu, dass wir ihm die Ehre geben. An einer Stelle heißt es: „Wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt.“ Liebe Schwestern und Brüder, ob Sie Ordensfrau oder Ordensmann oder Priester sind, oder ob Sie als Getaufter zum Volk Gottes gehören: Wenn Sie einmal fragen sollten, was denn der Sinn, die Bestimmung Ihres Lebens wäre: Dann hätten Sie eine Antwort: Sie sind zum Lob der Herrlichkeit Gottes bestimmt. Jeder Mensch ist es, ausdrücklich oder unausdrücklich, in dem, was er tut und wie er es tut. Mancher tut es mehrmals am Tag, ganz ausdrücklich, wie Sie liebe Schwestern: Sie loben Gott und danken Ihm für alles, was er tut und getan hat. Andere tun es weniger ausdrücklich, durch schlichten Dienst, durch Hingabe, durch Treue im Glauben, durch Übernahme von Verantwortung, durch die Liebe zu Gott und den Menschen.

Etwas in uns will lieber die eigene Herrlichkeit loben

Aber, liebe Schwestern und Brüder, die menschliche Tragödie ist doch die: Wie schnell vergessen wir es, dass wir alle miteinander zum Lob Seiner Herrlichkeit bestimmt sind? Und wie leicht kommt bei uns allen, auch bei mir, in unser Leben, Denken und Tun etwas hinein, das meint: „mein Leben ist zum Lob meiner eigenen Herrlichkeit bestimmt. Ich bin so großartig, ich brauche Gott nicht!“  Wie viele Superstars und Supersternchen suchen wir nicht heute in unserer Kultur, und wie gerne wäre diese seltsame Seite in mir auch einmal Superstar. Liebe Schwestern, liebe Brüder, im Maß, in dem so eine Ego-Kultur um sich greift, in der der Mensch zuerst und zuletzt sich selbst lobt, in dem Maß verschwindet der Segen, in dem Maß gehen wir in die innere Leere, in dem Maß werden wir süchtig nach Anerkennung und verlernen das Ausruhen bei dem, der alleine allen Lobes würdig ist – und der uns ohne Ende liebt.

Die Anwesenheit Jesu verwandelt das Herz

Das Evangelium schließlich erzählt genau die Geschichte davon, wie es ein Ineinander von einer solchen Bekehrung und dem Einzug Gottes in ein Haus kommt: Der oberste Zollpächter Zachäus, sehr reich, ist vermutlich ein Egozentriker, wie er im Buch steht. Einer, der immer wieder viel zu viel von Menschen gefordert, erpresst hatte, zum Lob der eigenen Herrlichkeit. Aber er bleibt dennoch unruhig in seinem Herz und suchend, vermutlich weil er spürt, dass die eigene Herrlichkeit, der eigene Reichtum nie wirklich zufrieden macht . Gott sei Dank spürt er es. Und er unternimmt viel, um Jesus zu begegnen. Jesus spricht ihn schließlich an, geht in sein Haus und als Zachäus realisiert, wen er da wirklich bei sich hat, dreht sich seine Egozentrik in Freigabe und Freigebigkeit. Er gibt ein Mehrfaches zurück, wo er betrogen hat, er bekommt ein neues, ein offenes, ein verwandeltes Herz. Und genau das bringt dem Haus den Segen: Jesus sagt es: „Heute ist diesem Haus das Heil widerfahren.“ Gott will im Menschenherzen einziehen, er will gelobt und geliebt werden einfach weil er Gott ist – noch einmal: nicht weil er es braucht, sondern weil er den Menschen liebt und das Menschenherz so gemacht hat, dass es durch nichts anderes wirklich zufrieden wird, als durch die Begegnung mit Ihm.

Liebe Schwestern von Thyrnau: Sie haben ein neues Dach, möge es ein Bild dafür sein, dass Gott bei Ihnen, in Ihnen, unter Ihnen wohnt, dass Er Sie schützt, dass auch die Mutter des Herrn, die Sie so verehren, unter Ihnen sei und Ihnen mithelfe, immer mehr selbst Wohnort Gottes zu werden, ein Haus, in dem die Menschen spüren, hier im Kloster öffnet sich eine andere Welt, hier wird der Boden tiefer und der Himmel weiter, hier lerne ich immer besser verstehen, woher ich komme und wohin ich gehe. Danke von Herzen, dass Sie sich darum mühen, danke für Ihren treuen Dienst vor Gott und für die Menschen, danke, dass Sie für uns alle beten, die wir heute hier sind. Und danke allen, die mitgeholfen haben, dass das Haus hier in Thyrnau nun wieder ein vernünftiges Dach hat. Gott segne Sie alle. Amen.

 

Kommentare

  1. Gudrun Wasserfaller

    Sehr geehrter Herr Bischof,

    Danke für die Textstellen die so entscheidend sind, dass Kirche wächst.
    Ihre Herzensgüte zu den Menschen ist immer wieder sehr beeindruckend für mich und ich bin dafür sehr dankbar.
    Vielleicht darf ich dazu auch eine Bitte und Frage formulieren ohne dass Sie es für ungut nehman.
    Die Kirche hat „keinen Zuwachs“,Kirchenaustritte vermehren sich? wie es immer wieder beklagt wird.
    Wenn ich so die hl Schrift beobachte sind in der Güte, vor allem bei Paulus immer wieder große Herausforderungen zu betrachten.
    Zb Könige 8,Vers 30 „Höre sie und verzeih“
    Vll wächst die Kirche nicht weil sie zuwenig im Wachstum gefordert wird?
    In den Predigten vielerorts wird einfach die Herausforderung zuwenig dargestellt.
    Die Predigten brauchen zwei Beine, die Liebeszusage Gottes doch gleichzeitig auch die Ansprache über vorliegende Sünden und Vergehen.
    Jede Predigt sollte auch überführen und eigentlich nach dem Gottesdienst die Beichtstühle füllen.
    Vll würde Kirche, der Leib Christi wieder wachsen wenn zur Liebesbotschaft mehr Herausforderung geboten und gefördert wird.
    Warum sonst sagt Vers30 sonst so etwas aus.
    Wir sollten wachsen, dann wird Kirche wachsen

    GLG

Kommentieren