Ware gegen Würde?

Ware gegen Würde? Eine Stellungnahme von Bischof Stefan Oster zum Thema Leihmutterschaft und zur aktuellen Debatte.

Die Stellungnahme oben als Video – und hier als Text zum Nachlesen:

Meine Lieben,

das Thema Leihmutterschaft ist in aller Munde, nachdem der CDU-Politiker Jens Spahn und sein Partner Daniel Funke mitgeteilt haben, dass sie auf diesem Weg ein Kind bekommen haben. Das bedeutet, eine Frau hat im Auftrag des Paares Spahn/Funke ein Kind ausgetragen und wird in aller Regel dafür bezahlt. Es wird dabei auch gesagt, dass Partner Daniel Funke der Vater sei, dass die Zeugung also offenbar durch eine Samenspende erfolgt ist.

Natürlich kenne ich weder die persönlichen Motive noch die näheren Umstände der Geburt – und kann daher auch darüber nicht urteilen. Dennoch hat es gute Gründe, dass Leihmutterschaft in unserem Land verboten ist. Der wesentlichste Grund ist aus meiner Sicht ein Verstoß gegen die Menschenwürde. In aller Regel empfinden Eltern die Geburt eines gemeinsamen Kindes als Geschenk, als eine Gabe, die nicht zur Verfügung steht – und die deshalb auch nicht gekauft werden kann oder gekauft werden darf. Als Christen glauben wir, dass Kinder ein Geschenk Gottes sind – und ihre Würde als Personen auf Gott zurückgeht.

Menschen empfinden es aber auch deshalb als Geschenk, weil Kinder auch wieder – in aller Regel – aus der Liebesverbindung der Eltern hervorgehen. Und weil auch die Erfahrung der Liebe selbst ein Geschenk ist, dass ich nicht kaufen kann. Es ist unverdient, wenn mich jemand liebt. Aber ich habe Verantwortung, insofern ich mich auf diese Liebe einlasse. So genannte käufliche Liebe ist deshalb genau das Gegenteil von Liebe: ein Geschäft.

Jeder Mensch ist einzigartig und wächst in einzigartigen Beziehungen heran. Die Prägung eines Kindes beginnt im Mutterleib. Die einzigartige Beziehung von Mutter und Kind bewirkt eine tiefgehende Prägung und Voraussetzung für das kommende Leben: in Bindung, Emotionalität und in der heranwachsenden Wahrnehmung einer Welt. Das Kind fühlt die Gefühle der Mutter mit, es hört ihre Stimme, es erfährt die liebende Zuwendung schon im Mutterleib und entwickelt eine Bindung zur Welt über die Mutter, die zunächst die ganze Welt des Kindes ist. Natürlich ist es auch möglich, dass ein Kind auch schon von Anfang an die innere Ablehnung der Mutter erlebt und damit in gewisser Weise „der ganzen Welt“.

Dann kommt das Kind zur Welt und idealerweise bildet die Gemeinschaft der fürsorgenden Eltern, von Vater und Mutter den geistigen und emotionalen Fürsorgeraum, in dem das Kind aufgehoben ist. Unsere Tradition sagt: Die Gemeinschaft von Mann und Frau ist „uterus spiritualis“ eine Art geistlicher Uterus, in dem und durch den das Kind Mama und Papa natürlicherweise erfährt. Es ist das einzigartige Kind genau dieser Mutter und genau dieses Vaters, es hat von Natur her eine einzigartige, unersetzbare und unwiederbringliche Rolle im neuen Familiengefüge. Es ist Bruder oder Schwester von genau diesem Geschwisterkind und Enkel von genau dieser Oma oder diesem Opa. Nie mehr kann ein anderes Kind diese natürlichen Rollenverhältnisse ausfüllen, die einem Kind kraft Geburt zukommen. Und diese Rollenverhältnisse sind natürlicherweise die besten Bedingungen für die Ausbildung von Identität: Das Lernen, das Sich-identifizieren und auch das Sich-emanzipieren von Mama und Papa, von ihren ursprünglichen Erzeugern. Gerade Identitätsbildung ist eine große Frage für Heranwachsende: Wer ich bin, lerne ich auch tiefer verstehen, wenn ich lerne, woher ich komme.

Dieses Kind von Jens Spahn und Daniel Funke heißt Georg und ist jetzt schon öffentliche Person – und es ist diese Person als „gekaufte Ware“. Was für eine Last es damit einmal zu tragen hat, ohne dass es jetzt schon davon wüsste!

Ich bin völlig überzeugt, dass jedes Kind vor allen anderen Rechten zunächst ein Recht auf seine natürlichen Eltern hat – und zwar vielmehr als dass potentielle Eltern ein Recht hätten, sich ein Kind „anzuschaffen“ oder „machen zu lassen“ oder gar „einzukaufen“. Natürlich weiß ich auch, dass die natürlichen Umstände für ein Kind so schrecklich sein können, dass jede andere Lösung für ein Aufwachsen besser sein könnten als die ursprünglich gegebenen. Aber dass im Normalfall die ursprünglich gegebenen Verhältnisse aus der Natur der Dinge die jeweils besten sind, dürften wenige Pädagogen und Psychologen bestreiten.

Wenn also ein prominenter CDU-Politiker in Sachen Leihmutterschaft zur Erfüllung eigener Wünsche gegen die Gesetze des Landes und gegen die Grundlinien der eigenen Partei in dieser für unser Menschenbild so wichtigen Sache bewusst verstößt – und damit auch noch positiv werbend für Leihmutterschaft eintritt, halte ich das für einen echten Skandal. Zumal dann, wenn dieser Politiker sich öffentlich zur katholischen Kirche bekannt hat. Er hat aus meiner Sicht damit einen Schritt getan, den wir als Glaubensgemeinschaft auch in Zukunft nie werden mitgehen können.

Den Beitrag hier als Audio: