1000 Jahre sind für den Herrn wie ein Tag!

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt anlässlich des 950-jährigen Bestehens von Kloster St. Nikola

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Freundinnen und Freunde von St. Nikola, ehrwürdige Schwestern vom Deutschen Orden, liebe Fest- und Ehrengäste,

ausgerechnet heute, in der 2. Lesung zu diesem 2. Adventssonntag dessen Vorabend wir feiern, hören wir ein Wort, das wir zu unserem festlichen Anlass in Beziehung setzen können: Der Autor reflektiert auf die Frage, wann denn der Herr wiederkommt, denn ohne Frage gab es in der frühen Christenheit auch so etwas wie eine Naherwartung: Er kommt bald – und dann wird alles erneuert werden. Aber der Autor des 2. Petrusbriefes sagt dazu: „Ihr dürft nicht übersehen, meine Lieben, dass beim Herrn tausend Jahre wie ein Tag sind!“

Fast 1000 Jahre Geschichte

1000 Jahre sind beim Herrn wie ein Tag – und wir feiern heute mit einigem Geschichtsbewusstsein fast die 1000 Jahre dieses Ortes, dieses Klosters und damit auch dieser Kirche. Was ist hier nicht alles passiert?! Vieles davon haben die Teilnehmer im Symposium schon gehört: Kloster, Chorherren-Stift mit Höhen und Tiefen, Heim- und Werkstatt für Künstler, Hospital, Kaserne, Flüchtlingslager, Kloster der Deutschordensschwestern, Fachakademie, Kindergarten, Altenheim und anderes mehr – und schließlich auch Universität. Und diese Kirche St. Nikola wurde nach ihrer Karriere als Klosterkirche und Pfarrkirche schließlich auch Universitätskirche. Dies und vieles mehr ist hier passiert. Die Mauern könnten noch so viel mehr erzählen als wir alle wissen könnten. 950 Jahre! Aber aus der Sicht Gottes: 1000 Jahre sind wie ein Tag.

Klöster als Keimzellen von Universität

Hier in Passau kam die Universität übrigens spät zum Kloster. In ihren europäischen Anfängen war es genau anders herum: Die Klöster, die Mönche waren die Prototypen der Gebildeten, der Gelehrten und die Idee der europäischen Universität ist ohne den klösterlichen und geistlichen Ursprung im Grunde nicht denkbar. Auch diese Entwicklung begann vor bald 1000 Jahren: als älteste europäische Universität gilt diejenige in Bologna, und ihre Gründungszeit fällt in etwa mit der von St. Nikola zusammen.

Zufall oder Gottes Fügung?

Aber, liebe Schwestern, liebe Brüder, was bedeutet eine solche Überlegung im Advent? In der Zeit, die wir begehen als Warten auf die Ankunft des Herrn. Kommt das Erkennen, das Denken zum Glauben nun wieder hinzu? Die Universität zur Kirche, zum Kloster? Oder ist das eher ein Zufall, da wir in einer Zeit leben, in der wir gesellschaftlich meinen, das Wissen und Erkennen der Welt entfernt sich immer weiter vom Glauben. Und zwar so weit, dass wir ihn dieser Welt kaum noch erklären und vermitteln können. Ist die Symbiose von Universität und Kloster hier in St. Nikola nur mehr historischer Zufall und daher beliebig auflösbar? Oder hat Gottes Fügung hier gewirkt und ineinandergefügt, was zusammengehört? Vernunft und Glauben, Erkennen und Vertrauen? Für den Herrn sind 1000 Jahre wie ein Tag? Und wir warten auf sein Kommen!

 „Bereitet dem Herrn den Weg!“

Die Liturgie der Kirche schenkt uns heute, an diesem 2. Advent, großartige, prophetische Texte für dieses Herannahen. Der Prophet Jesaia ruft dem Volk zu: Man möge dem Herrn den Weg bahnen, Täler sollen sich heben, Berge sich senken, was krumm und hügelig ist, möge gerade und eingeebnet werden. Damit er kommen kann. Und im Evangelium beansprucht Johannes der Täufer diese Metaphern für sich: Er selbst sei die Stimme, die in der Wüste ruft: Bereitet dem Herrn den Weg, ebnet ihm die Straßen! Damit er kommen kann.

Innerlichkeit und äußere Distanzen

Ist der Herr nun weit weg oder ist er nah? Nun, für ihn sind 1000 Jahre sind für ihn wie ein Tag. Wir sprechen in der Frage danach, wo Gott denn ist, wie von selbst in zeitlichen oder räumlichen Metaphern. Wenn er nahe ist, dann denken wir entweder Entfernungen oder wir denken Zeiträume. Es dauert nicht mehr lange! Aber, liebe Schwestern, liebe Brüder, so müssen wir es eben tun, wenn wir Wirklichkeiten unserer Seele zum Ausdruck bringen wollen. Wenn wir zum Beispiel Qualitäten von Beziehungen aussagen wollen, nutzen wir auch solche Metaphern: Jemand ist nah bei mir sage ich über jemanden, mit dem ich innig verbunden bin. Oder: Jemand ist in Distanz zu mir – wenn die Beziehung schwierig ist. Sicher ist Ihnen schon einmal folgendes aufgefallen: Es ist möglich, dass die Person, die gerade unmittelbar neben Ihnen in der Kirchenbank sitzt oder in der Uni neben Ihnen im Hörsaal, oder die Ihnen im überfüllten Bus buchstäblich auf die Pelle rückt, dass Person Ihnen viel, viel weiter entfernt sein kann, als der geliebte Freund, die geliebte Freundin zuhause. Und zwar auch dann, wenn der andere sich gerade am anderen Ende der Welt aufhält! Innere Nähe und äußere Nähe können so weit auseinanderklaffen, auch wenn sich freilich die innere Nähe danach sehnt, dass die äußere Nähe überbrückt wird. Und dass wir den anderen auch anschauen und berühren können. Aber es ist eben möglich, dass wir innerlich nah und äußerlich ganz weit weg sind.

Der Glaubende ist ein adventlicher Mensch

Das Geschehen des Kommens Gottes, für den 1000 Jahre wie ein Tag sind, ist aus der Sicht des Glaubenden zuallererst ein inneres Geschehen, mehr noch ein inneres Ringen. Der Kampfplatz gewissermaßen ist unser Herz. Und das führt uns nun zur gläubigen Erfahrung des Advents: Im Grunde ist das Leben des Glaubenden ein einziger Advent, ein Warten auf den Herrn. Aber dieses Warten wird nur dann gläubige Erwartung, gläubiger Ausdruck einer Sehnsucht, wenn es zuvor schon einmal berührt worden ist, von der Erfahrung: Der Herr ist schon da. Er lebt schon geheimnisvoll unter uns. Er ist uns schon nahe. Und ja, er ist es deshalb wert, ihn immer neu zu suchen und zu erwarten.

Der geistliche Mensch lebt eher in dem einen Tag als in den 1000 Jahren

Liebe Schwestern und Brüder aus dieser Überlegung hat sich mir auch immer wieder folgendes Phänomen gezeigt: Sehr häufig, wenn ich tiefe geistliche Autorinnen oder Autoren lese, dann scheint mir, als wäre dort anfanghaft die äußere Zeit- und Raumerfahrung relativiert. Diese Menschen leben aus der Erfahrung: der Herr ist nicht nur nahe. Er ist da. Und dieses Dasein ist ihnen so wirklich, dass sie sein Erscheinen gewissermaßen unmittelbar erwarten. Es ist, als müssten nicht mehr 1000 Jahre vergehen oder eine Riesenstrecke überwunden werden. Es ist eher als wären sie verbunden mit einer geheimnisvollen Wirklichkeit, die im Grunde nur noch durch einen Schleier, einen Vorhang zurückgehalten würde. Und im Vergleich zu dieser Erfahrung wird dann die raumzeitliche, so genannte normale Wirklichkeit als brüchig erfahren, als etwas, was zu Ende geht, als etwas, was eher schon tot als wirklich lebendig ist.

Das Nichtige vergeht, wenn das Wirkliche sich ganz zeigt

Denn wenn sich diese von ihnen geglaubte, ersehnte und auch anfanghaft erfahrene Wirklichkeit in ihrer vollen Gegenwart aufschließt, also, wenn der Herr sich endlich in seiner vollen Majestät zeigt, dann muss alles Nichtige vergehen, alles, was nicht schon irgendwie auf ihn und sein Kommen hin geordnet gewesen wäre; alles was meinte, ohne ihn auszukommen. Die Welt ohne Gott erfahren die großen Gestalten unseres Glaubens als nichtig. Und damit verbunden auch die Zeitspannen und räumlichen Distanzen. Für den Herrn sind ja 1000 Jahre wie ein einziger Tag.

Wie sehr sind wir offen auf Sein Kommen?

Wenn Johannes der Täufer ruft, wir mögen dem Herrn den Weg bereiten, dann stellt er uns die Frage: Wie sehr sind wir innerlich bereit und bezogen auf den Herrn? Darf er kommen und alles neu machen? Sind wir wirklich offen auf seine liebende und zugleich überführende, wahrhaftige und zugleich richtende Gegenwart? Eine Gegenwart, die uns nicht einfach richten, sondern aufrichten will in dem, was wir schon angefangen haben zu leben. Erwarten wir ihn schon, oder sind wir allzu viel mit Nichtigem beschäftigt? Oder im Bild gesprochen: Sind auf der Straße der Ankunft des Herrn noch zu viele Hügel und krumme Wege zwischen uns und ihm? Anhänglichkeit an Nichtigkeiten, Eigenschaften, die sein Kommen verwehren, Zerstreuungen, die das Finden in die Tiefe der Wirklichkeit verhindern? Sind wir so bei Ihm, dass er kommen kann?  Das wir ihm voll Freude entgegengehen können? Oder sind wir der tiefen Überzeugung, dass er wenn überhaupt dann noch lange nicht kommt? Weil wir lieber in den Zeiträumen von 1000 Jahren denken als in der Gegenwart des einen Tages mit Ihm zu leben wünschen?

950 Jahre St. Nikola

Liebe Schwestern und Brüder, was hat dieser Ort St. Nikola nicht alles erlebt? Äußerliche Aufstiege und Niedergänge und innerliche Menschen, die in ihrem persönlichen und gemeinschaftlichen Auf und Nieder dem Herrn die Wege geebnet haben. Ja, es hat hier sicher schon vor 950 Jahren Menschen gegeben, die dem Herrn und seinem Kommen näher waren als vermutlich die allermeisten von uns ihm heute sind. Für den Herrn sind 1000 Jahre wie ein Tag.

Beten für diesen Ort!

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche uns und Ihnen allen, dass wir hier in St. Nikola noch viele Jahre ein gutes Miteinander erleben dürfen von kirchlichem Leben, von klösterlichem Leben, von universitärem Leben, von Bildung und Ausbildung für viele Menschen in Glaube und Vernunft. Und ich möchte Sie einladen, mit mir dafür zu beten, dass vor allem diese Kirche und alles, was mit St. Nikola zusammenhängt, immer mehr ein besonderer Ort sein kann. Ein Ort, an dem für viele Menschen die Innerlichkeit wachsen kann, an dem für viele Menschen die erworbene Bildung und die angeeignete Erkenntnis wirklich Dienstfunktion gewinnen kann für den Aufbau von Gesellschaft und Kirche. Und ich bete darum, dass ganz besonders das Vertrauen wächst, dass der Herr schon ganz nahe ist. Denn 1000 Jahre sind für ihn wie ein Tag – wie heute. Amen.

(Bild: Krinninger)

 

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