50-jähriges Jubiläum der Kirche St. Peter in Passau

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

derzeit sind die Zeiten für uns als Kirche nicht so ganz leicht. Viele Schlagzeilen und Kommentare stellen uns ein Zeugnis aus, das nicht allzu freundlich ist. Die Zahl der Austritte aus der Kirche steigt fortwährend, ist zu lesen, die Zahl der Taufen geht zurück, die Gesamtzahl der Katholiken natürlich auch. Wenn auch, und das darf man auch einmal anmerken, der Rückgang bei uns im Bistum prozentual ein wenig langsamer voranschreitet als überall sonst in Deutschland. Aber freilich: Rückgang bleibt Rückgang, daher schmerzt die Entwicklung und freut uns natürlich nicht. Aber allenthalben kann man lesen, die Gründe seien vor allem die veralteten Ansichten der Kirche oder auch von mir selbst, insbe-sondere wenn es um die klassischen, medial so intensiv diskutierten Reizthemen geht. Dass unsere evangelischen Geschwister – und ich sage das mit ehrlichem Bedauern, weil wir im selben Boot sitzen – durchgehend seit Jahren noch höhere Austrittszahlen haben als wir, widerlegt eine solche Behauptung allerdings schon im Ansatz. Nach meiner festen Überzeugung hängt der Rückgang freilich einerseits mit der mangelnden Glaubwürdigkeit derer zusammen, die für die Kirche stehen. Also wir Bischöfe, die Priester, die Hauptamtlichen. Mancher öffentliche Skandal macht uns zu schaffen und schadet der Kirche insgesamt. Ohne Frage.

Aber ich glaube natürlich auch, dass es das nicht alleine ist. Denn: Ist nicht die Kirche immer schon die Kirche der Sünder gewesen? Wenn wir heute mit dieser Kirche auch den heiligen Petrus als ihren Patron feiern, dann erinnern wir uns deutlich, dass Petrus trotz der innigen, jahrelangen Nähe zu Jesus zunächst alles andere als ein Held des Glaubens war. Er ist erst nach der Auferstehung Jesu und nach Pfingsten da hinein gereift. Vorher war dieser große Apostelfürst, wie wir ihn nennen, mehrfach auch ein Versager. Die mangelnde Glaubwürdigkeit der Repräsentanten gehört damit aber in die ganze Geschichte der Kirche – schon die großen Apostel waren allesamt auch Sünder, allesamt auch Lernende, allesamt Menschen, die Umkehr nötig hatten. Freilich darf uns das nicht einfach rechtfertigen. Das wäre zu einfach für uns. Aber ein erster Hinweis ist damit schon gegeben: Die Kirche ist zwar von Jesus gegründet. Sie hat in Maria ihre Urgestalt, denn Maria ist gleichsam der erste, heilige Wohnort Gottes in der Welt im Neuen Testament. Aber die Kirche bleibt auch nach Maria immer auch die Kirche der Sünder. Sie ist im Grunde auch dafür da, dass Menschen wie Du und ich in sie hineingehen, in ihr leben, um durch das, was die Kirche uns zu schenken hat, allmählich bessere Menschen werden.

Und mit der Frage, was uns die Kirche zu geben hat, sind wir bei diesem Bau hier, bei diesem modernen, mächtigen, monumentalen Kirchenbau. Er ist im Inneren sehr stark auf das Wesentliche konzentriert. Das große Kreuz fällt uns sofort in den Blick und dominiert auch die Innenausstattung. Es ist Christus, der Ge-kreuzigte – und es erinnert uns an Paulus, der auf seinen großen Missionsreisen am Beginn der Kirche nichts anderes verkündigen wollte als eben ihn, als Christus, den Gekreuzigten. Liebe Schwes-tern und Brüder, die zweite Lesung hat uns vor Augen geführt, zu was wir in der Kirche, in diesem Haus aus Steinen berufen sind. Der Apostel schreibt uns: Christus will uns alle als lebendige Steine zu einem lebendigen Haus erbauen, zu einer heiligen Priester-schaft, die Gott gefällt und die ihm geistige Opfer darbringt. Was heißt das in einer Sprache für heute? Es heißt zunächst, dass wir als Christinnen und Christen berufen sind, anderen Menschen Heimat zu geben, ihnen Haus zu sein. Als Einzelne und als Gemeinschaft, lebendige Steine, die ein Haus bauen. Und was für ein Haus sollen sie bauen? Eine Art Tempel, eine Art Kirche, weil sie zusammen erfahrbar werden sollen als Gemeinschaft, als Ort, in dem sie selbst und andere Menschen wiederum Jesus begegnen können. Jesus als dem Gekreuzigten, als dem Auferstandenen, Jesus als dem, der unser Leben berührt, bereichert, vertieft, befreit und verwandelt. Wenn jeder von uns berufen ist, Angehöriger dieses priesterlichen Volkes zu sein, dann ist jeder von uns beru-fen, zugleich ein Vermittler zu sein, ein Vermittler auf Jesus als den Gekreuzigten und Auferstandenen.

Liebe Schwestern und Brüder: diese Mitte hier in unserer Kirche St. Peter, dieser Gekreuzigte will nicht nur eine Mitte aus Holz sein, er will die Mitte unserer Herzen sein, die Mitte unserer Gemeinschaften. Er will, dass wir in dieser Kirche hier alle miteinander ein Verweis auf ihn werden, also ein priesterliches Volk.

Aber natürlich: Bevor wir das können, müssen wir ihn erkannt haben. Im Evangelium fragt er die Jünger, für wen die Leute ihn halten. Und die Antworten sind vielfältig. Viele erkennen einfach nicht, wer er ist. Und heute erkennen ihn auch nicht mehr so viele, auch deshalb, weil sie nicht mehr erkennen, wer die Kirche ist und wozu sie da ist. Wenn die Kirche so oft nicht auf Jesus verweist und wenn sie durch ihren Verweis nicht Menschen in die Beziehung zu ihm hineinhilft, hat sie im Grunde ihre Daseinsberechtigung verloren, dann wird sie im Grunde eben dort, wo es nicht gelingt, auch nicht weiterbestehen. Sie hat dann kein Fundament. Soziale Projekte und Feste organisieren können andere auch, oft sogar besser. Aber den Geist Jesu, den Heiligen Geist, den hat nicht jeder. Daher: Wenn uns nicht miteinander der Geist Jesu verbindet und unterscheidet und auch zum liebenden Handeln bewegt, dann werden wir unter dem heutigen Druck der Säkularisierung irgendwann eingeebnet sein, wie alle anderen auch, dann werden wir wie Salz, das keinen Geschmack mehr hat. Und wenn es nicht von lebendigen Steinen gefüllt wird, dann braucht man auch diesen Tempel aus Stein nicht mehr als Versammlungsraum, als Raum der Gottesbegegnung, als Ort, an dem wir ihm danken, ihn feiern, zu ihm flehen.

Liebe Schwestern und Brüder, was hat dieser Bau in den letzten 50 Jahren unserer Kirche nicht alles erlebt. Bewegte Zeiten; das Konzil ging gerade zu Ende. Aufbruchstimmung gab es allenthal-ben. Die Kirche hat auf dem Konzil neu verstanden und sogar tiefer verstanden, wer sie ist und wie sie zur Welt steht und zu den anderen Konfessionen und Religionen. Die Christen fühlten sich neu gestärkt im Glauben, in der Fähigkeit, den Glauben in der Welt selbst zu leben und zu artikulieren, in der Liturgie aktiv teilzuhaben. Dann kamen die 68er und folgenden Jahre. Gesellschaft-liche Umbrüche, Infragestellung von fast allen Werten, gleichzeitig aber Erneuerung der Gesellschaft und eben auch der Kirche. Es kamen die 80er und 90er, das Ende des Kalten Krieges, die Wiedervereinigung, die ökologische Bewegung, die technische Revolution und vieles, vieles mehr. Und zugleich erleben wir in all diesen Zeiten wachsenden Wohlstand, wachsende gesellschaftliche Freiheit aber auch weniger Verbindlichkeit im gemeinsamen Leben, stark veränderte Lebensverhältnisse für viele.

Und alsbald gehen vielerorts in solchen neuen gesellschaftlichen Bewegungen und eingerahmt von ihnen innerkirchlich die Rückgänge los: bei den Priesterzahlen, bei den Ordensleuten, bei den Gottesdienstbesuchern, bei den engagierten Gläubigen, beim geistlichen Leben. Und ehrlich gesagt, wir alle stehen heute bisweilen ein wenig ratlos vor diesen Phänomenen. Wie antworten wir auf die allenthalben anhaltenden Rückgänge? Wie wird Kirche neu, wie kann sie wieder wachsen? Und zwar in die Tiefe und in die Breite?

Nach meiner Einschätzung, Schwestern und Brüder, kommt die Erneuerung aus dem, was Karl Rahner uns schon vor vielen Jah-ren mit auf dem Weg gegeben hat, als er prophetisch sagte: Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein. Und mit Mystiker meinte er nicht etwa jemanden, dem die Mutter Gottes regelmäßig im Wohnzimmer erscheint. Er meinte, einen Mensch, der etwas erfahren hat und ich würde ergänzen, der dann auch von dieser Erfahrung Zeugnis geben kann, der diese Erfahrung mit seinem Leben tief in Verbindung bringen kann.

Glauben wir zum Beispiel wirklich, Schwestern und Brüder, dass der Gekreuzigte in unserem Herzen gegenwärtig ist, dass er unse-re Herzen bewegen kann, dass er uns alle erneuern kann? Haben wir eine solche Erfahrung? Etwas davon haben wir sicher alle, sonst wären wir nicht hier, aber können wir solche Erfahrung auch schon selbstverständlich mit anderen teilen und mitteilen? Können wir sie in uns auch vertiefen, lebendiger werden lassen? Der Heilige Geist in uns liebt es jedenfalls, uns mit Christus mehr und mehr bekannt zu machen, so dass unsere Kenntnis von ihm und unsere Liebe zu ihm wachsen. Aber dazu brauchen wir auch wirkliches Interesse an ihm, wir brauchen auch die Erfahrung, dass wir alle Bekehrung nötig haben. Immer neu. Wir brauchen Gelegenheiten, in denen wir uns miteinander im Glauben stärken, unterstützen, uns den Glauben mitteilen. Und wenn Sie sagen: Was soll ich mich da groß beschäftigen, dann sag ich Ihnen einfach aus tiefster Überzeugung: Christus ist die faszinierendste, größte, liebenswerteste, wahrhaftigste, freieste und herausforderndste Gestalt, die je unter uns gelebt hat. Wenn wir ernsthaft anfangen, nach ihm neu zu fragen, dann wird uns allen neu aufgehen, wer er war und ist und dass er hier tatsächlich in dieser Kirche gegenwärtig ist und bleibt, hier in St. Peter in Passau: Der König aller Zeiten, unser Bruder und Herr.

Liebe Gläubige von St. Peter, mir ist wohl bewusst, dass es eine Stadtpfarrei heute auch in unserem Bistum insgesamt nicht einfacher hat als zum Beispiel eine Pfarrei auf dem Land, gar nicht. Der Säkularisierungsdruck in der Stadt ist stärker, das Angebot noch pluraler, die Menschen wählerischer, das Ehrenamt weniger ausgeprägt. Ich bin daher froh und dankbar für alle, die sich heute für diese große, mächtige und prächtige Kirche und vor allem für die hier lebende Gemeinde engagieren. Ich danke allen von ganzem Herzen, allen Priestern, Diakonen, allen Haupt- und Ehrenamtlichen, die sich hier engagiert haben und es immer noch tun. Die Zahl 50, das weiß ich in diesem Jahr aus persönlicher Erfahrung, hat tiefe Symbolkraft: Sie bezeichnet im Alten Testament ein Jubeljahr, ein Jahr das aufatmen lässt, ein Jahr der Freude. Und im neuen Testament signalisiert sie den Übergang ins Neue, in die Zeit des Heiligen Geistes. Pfingsten kommt von Pentecoste und heißt: 50. Der fünfzigste Tag nach der Auferstehung ist auch ein gewaltiger Anfang von Kirche. Die Apostel haben zunächst Tag und Nacht mit der Mutter des Herrn im Obergemach gemeinsam gebetet, aber am Pfingsttag, am fünfzigsten Tag, sind die Türen aufgegangen, der Geist hat sie wie Feuer erfasst und sie konnten hinausgehen und unter Einsatz ihres Lebens jedem Menschen erzählen, was Jesus für ihr Leben bedeutet. Ich wünsche Ihnen sehr, lieber Pfarrer Trum, liebe Pfarrangehörige von St. Peter, dass Ihnen aus dem Geist des Gebets, aus dem Verweilen bei Jesus die Kraft des Geistes zuwächst, von neuem und voller Freude die Gegenwart des Gekreuzigten unter den Menschen zu bezeugen. Lasst uns also feiern, meine Lieben, lasst uns dankbar feiern, dass der Herr uns liebt und dass wir bei ihm allein die Freude finden, die letztlich alle Sehnsucht unserer Seele stillen kann. Amen.

 

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