Gott der Vater – und der Acker unseres Herzens. Die Predigt von Bischof Stefan Oster anlässlich der Feier des 275. Jahrestages des Bestehens der Kirche in der Pfarrei Hl. Dreifaltigkeit in Dommelstadl.
Mit einem festlichen Kirchenzug, einem Festgottesdienst und einem großen Fest feierte die Pfarrei Dommelstadl das 275-jährige Weihejubiläum ihrer Rokoko-Kirche. Der Festtag zeigte eindrucksvoll, wie eng Kirche und Dorfleben in Dommelstadl bis heute zusammengehören. Nach einem farbenfrohen Kirchenzug der Ortsvereine und einem herzlichen Willkommen durch die Kindergartenkinder zogen die Geistlichen um Bischof Stefan Oster, Pfarrer Stefan Seibold und Dr. Franz Haringer in das festlich herausgeputzte Gotteshaus ein, um gemeinsam mit rund 150 Gläubigen den feierlichen Jubiläumsgottesdienst zu begehen.
Von Herzen, Lügen und dem „Vorschuss“ Gottes
In seiner Festpredigt schlug Bischof Stefan Oster eine Brücke vom aktuellen Evangelium direkt in die Herzen der heutigen Menschen. Als Ausgangspunkt wählte er das bekannte Gleichnis vom Sämann. Der Bischof begann mit einer alltäglichen Beobachtung: Wie oft formt man sich spontan ein Urteil über einen Menschen, das sich nach einem echten Gespräch von „Herz zu Herz“ als völlig falsch erweist? Im Glauben gehe es im Grunde genau darum: um die Erfahrung von Beziehungsqualität. Bezugnehmend auf Joseph Ratzinger erklärte Oster, dass die Übersetzung des Gottesdienstes in die Volkssprache einfach gewesen sei – die „Übersetzung ins Geheimnis“ hingegen sei die eigentliche, tiefere Aufgabe. Das Kirchengebäude selbst sei ein Versuch, zu dieser Übersetzung beizutragen und das Geheimnis Gottes mit dem Herzen verstehbar zu machen.
Das Gleichnis vom Sämann: Ein Bild für unser Herz
Gott offenbart und spricht weit mehr, als wir oft aufnehmen. Wie der Sämann im Evangelium sät er verschwenderisch auf allen Böden – und das in Dommelstadl nun schon seit 275 Jahren durch sein Wort und die Sakramente. Die verschiedenen Böden (der zertrampelte Weg, der felsige Boden, die Dornen oder die fruchtbare Erde) seien Bilder für das menschliche Herz. „Ehrlich gesagt, ich kenne das alles in mir“, fügte der Bischof nachdenklich hinzu. Oft höre man das Evangelium zum tausendsten Mal, oder ein gutes Wort werde sofort wieder vom Alltagsbetrieb verschlungen.
Die Leistungsgesellschaft und ihre Lügen
Gleichzeitig warf Bischof Oster einen kritischen Blick auf die Gesellschaft. Nicht nur Gott spricht in unser Herz, sondern auch die Welt um uns herum – und die transportiere oft Lügen. In unserer Gesellschaft stehe das Thema Leistung über allem: „Du bist, was du leistest. Und wenn du nichts mehr leisten kannst, bist du nichts mehr.“ Tief im Herzen trage fast jeder die lähmende Frage: „Genüge ich den Erwartungen?“ Verletzende Sätze wie „Das lernst du nie, dafür bist du zu doof“, die schon Kindern eingeredet werden, sinken tief ein und hinterlassen lebenslange Komplexe.
Zuspruch kommt vor dem Anspruch
Das Wort Gottes setzt genau hier einen klaren Kontrapunkt: Es ist zuerst Zuspruch, und zwar gegen die Lügen der Leistungsgesellschaft. Die wichtigste Botschaft lautet: „Du bist ein geliebtes Kind Gottes – vor aller Leistung und trotz aller Schuld oder Versagen.“ Das kostbarste Wort Jesu sei „Abba“ (Papa). Gott ist nicht nur der unnahbare, majestätische Schöpfer, sondern ein Vater, der uns liebt.
Daraus ergebe sich auch das wahre Fundament der Kirche: Weil wir einen gemeinsamen Vater haben, sind wir wahrhaft Brüder und Schwestern und keine bloße Zweckgemeinschaft. Jesus versucht fortwährend, uns „hineinzulieben“ und den Herzensacker aufzulockern. Erst aus diesem bedingungslosen Zuspruch und der Dankbarkeit heraus entsteht ein gesunder Anspruch – vergleichbar mit den Regeln in einer guten Ehe, die man sich aus Liebe und nicht aus Zwang gibt. Christsein bedeute eben nicht, stur Verbote und Gebote abzuarbeiten, sondern aus einer lebendigen Beziehung heraus zu leben.
Die abgelenkte Generation und der Blick nach Malawi
Mit Sorge blickte der Bischof auf die heutige Zeit. Jugendliche hatten ihm unlängst anvertraut, sie seien die „abgelenkte Generation“, die täglich sechs bis sieben Stunden online verbringe. Wie soll in dieser permanenten Reizüberflutung noch etwas in die Tiefe des Herzens fallen? Wie sollen wir so noch echte Vergebung lernen, die das innerste Geheimnis des Glaubens ausmacht?
Zum Abschluss teilte der Bischof Eindrücke von einer Reise ins afrikanische Malawi, einem der ärmsten Länder der Welt. Trotz Korruption, täglicher Stromausfälle und katastrophaler Infrastruktur feierten die Menschen dort Gottesdienste voller unbändiger Freude und Tiefe.
Nach dem Gottesdienst setzten die Dommelstadler das Jubiläum im schmucken Pfarrzentrum fort. Bei bester Stimmung und kulinarischer Verpflegung zeigte sich wieder das, was das Dorf ausmacht: die Fähigkeit, Gemeinschaft zu leben und gemeinsam zu feiern.
Die Predigt „Gott der Vater – und der Acker unseres Herzens“ hier zum Nachhören:
Hören Sie auch die Predigt „Wer bin ich? Und für was bin ich da?“ von Bischof Stefan Oster zur Firmung in Sammarei.
