Aussendungsfeier der ReligionslehrerINNNEN an Gymnasien

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Referendare,

Im Psalm 121 lesen wir das folgende, vertrauensvolle Gebet an Gott: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er lässt deinen Fuß nicht wanken; er, der dich behütet, schläft nicht. Nein, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“
Nun, im heutigen Evangeliumstext (Mk 4,35-41) lesen wird dagegen, dass Jesus selig schläft und schlummert, er, der König von Israel, ist mit seinen Jüngern auf dem See unterwegs. Der See wird unruhig, Wasser fließt ins Boot, es scheint unterzugehen. Und er schläft. Wenn Gott Mensch wird, mit allem, was in dieser Welt zum Menschsein dazu gehört, dann muss auch dieser Mensch schlafen, auch wenn er der Hüter Israels ist.

Liebe Schwestern und Brüder, die Kirche ist ein Boot, oft wurde sie mit der Arche Noah verglichen – sie fährt durch die Zeiten und wird geglaubt als der Ort, an dem die Menschen ihr Heil, ihre Rettung finden durch Christus. Und derzeit scheinen wir bei uns die Kirche so zu erleben, dass sie in besonders stürmischen Zeiten unterwegs ist, durch den Fluss, durch das Wasser der Zeit. Stürmische Zeiten erlebt die Kirche und es scheint mehr Wasser hinein zu fließen ins Boot, als man wieder hinausschöpfen könnte. Es gibt allerhand Anstrengungen, umtriebige Geschäftigkeit. Wird es gelingen, die Kirche vor dem Untergang zu retten? Kriegt man das einfließende Wasser rechtzeitig wieder hinaus? Irgendwann kommt jemand auf die Idee, den schlafenden Herrn zu wecken. Er lässt sich wecken und handelt sofort. Der Sturm und der See gehorchen ihm. Und sie gehorchen so unmissverständlich, dass das schon wieder zum Erschrecken der Jünger ist. Sie sind entsetzt, ergriffen von Furcht und fragen sich: Was ist das für ein Mensch?

Ja, liebe Schwestern und Brüder, wo ist in diesem Boot unser eigener Ort? Worauf schauen wir zuerst, womit sind wir beschäftigt? Wir alle stellen fest, dass es dem Kirchenschiff seit langem nass reingeht. Und viele von uns versuchen Löcher zu stopfen, versuchen das Boot auf dem bisherigen Kurs zu halten, versuchen, Eimer in die Hand zu nehmen und mit großer Muskelkraft das Wasser wieder hinaus zu befördern. Und vielen von uns fällt es dabei oft gar nicht so schwer, nicht nach hinten zu schauen, denn sie erleben irgendwie und glauben: „Jesus schläft ja eh!“ Er ist vielleicht schon irgendwie da auf unseren Altären, in unseren Bildern, Statuen und Texten. Aber diese Dinge schlafen doch auch, sie scheinen so leblos. Sie scheinen einfach nur den Rahmen abzugeben, in dem wir Kirche „machen“ wollen, in dem wir Kirche veranstalten wollen. So, wie wir es halt die letzten Jahrzehnte auch gemacht haben. Und wir organisieren weiter und weiter, Pfarrfeste und religiöse Vorträge und Aktionen gegen Genmais und für soziale Gerechtigkeit – und wir gehen sonntags in die Kirche, zwischen 10 und 11. Gut, vielleicht nicht mehr jeden Sonntag, aber immerhin, immer wieder. Wir sind gläubig….. Und das Schiff sinkt weiter! Obwohl doch alles gut ist. Obwohl doch alle guter Absicht sind und auch glauben wollen. Aber Jesus schläft halt. Und der Sturm der Zeit, der auf unser Kirchenboot einstürmt, wird nicht kleiner, er wächst an.

Bis wir irgendwann tatsächlich auf die Idee kommen, wir könnten uns doch umdrehen und wirklich Ihm zuwenden und Ihn aufzuwecken versuchen. Wir könnten in unserer Not ernsthaft versuchen, Ihn anzusprechen, ernsthaft zu vertrauen versuchen, dass Er auch aufwachen und uns hören kann. Wir könnten Ihn bitten, das Nötige zu tun, damit das Boot nicht kaputt geht, damit wir selbst in all unseren Mühen nicht vor lauter Erschöpfung untergehen. Und die Rettung kommt von Ihm. Von einem Handeln, das so überraschend, so machtvoll, so intensiv ist, dass wir staunen und vor Ehrfurcht niederfallen. Glauben wir dass er das könnte?

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, liebe Referendarinnen und Referendare, es hat in der Kirche und ihrer langen Geschichte nie ernsthafte und tiefergreifende Erneuerungserscheinungen gegeben ohne das, was die Schrift Bekehrung nennt. Ohne das, was mit einer neuen, intensiven Umkehr und ehrlichen Gottsuche gemeint ist, ohne dass Menschen ihr Leben und ihr Vertrauen wirklich restlos auf Ihn gesetzt hätten. Auf Ihn, von dem alle anderen gesagt hatten: „Er hört uns doch eh nicht, er schläft.“

Sie haben Theologie studiert, sie sind Katholische Theologin und Theologe. Theos und Logos steckt da drin. Gotteslehre und Sie alle werden nun Gotteslehrer und Gotteslehrerin für Kinder und Jugendliche. Was für ein Anspruch! Nein, da sagen wir lieber: Religionslehrer, das klingt neutraler, da können wir uns darauf beschränken, diese biblische Geschichte vom Boot und vom schlafenden Jesus in der Vergangenheit zu belassen. Wir können uns darauf beschränken, sie mit anderen Bildern der Bibel zu vergleichen und vielleicht auch zu fragen, ob es in anderen Religionen auch ähnliche Motive gibt und wir können uns von außen fragen, ob das Wunder tatsächlich passiert ist oder ob uns der Evangelist eine nette symbolische Geschichte erzählen wollte, mit einer bestimmten Bedeutung für den Glauben der Menschen von damals.

Liebe Referendare, wo stehen Sie in dem, was ich versucht habe zu schildern. Ein Standpunkt könnte sein: Sie sehen die Frage nach der Zukunft der Kirche eben nur als interessantes Phänomen der Geschichte an? Und Sie betrachten sie so ähnlich wie andere kulturgeschichtliche Phänomene auch, zum Beispiel wie sich Industrienationen in den letzten 50 Jahren verändert haben. Daraus kann man spannenden, lehrreichen Unterricht machen. Aber vermutlich werden die Schüler spüren, dass die Frage nach der Kirche nicht Ihre eigene Frage ist. Man wird spüren, dass Ihnen die Frage, wie das Wasser aus dem Boot wieder heraus kommt, nicht persönlich wichtig ist, sondern bestenfalls interessant.

Oder wollen Sie, dass Ihre Schüler spüren, dass Sie schon selbst im Boot sind? Dieser Wunsch wäre mir als Bischof natürlich schon lieber, aber ich kann ihn bei Ihnen nicht erzwingen. Ich kann nur sagen, wenn Sie glaubwürdig Religion unterrichten wollen, dann müssen Sie irgendwie selbst im Boot sein. Und wenn das der Fall ist, dann gäbe es wieder mehrere Perspektiven: Sind Sie bei denen, die intensiv, aber kraftraubend alles Mögliche tun, um das Wasser wieder rauszuschöpfen. Und die dann, wenn es nicht gut genug funktioniert, die eigenen Anstrengungen noch einmal verdoppeln? Bis sie am Ende völlig erschöpft sind oder als Lehrer ausgebrannt sind? Oder gehören Sie zu denen, die sich wirklich umwenden, die sich dem schlafenden Jesus zuwenden, im Vertrauen, dass Er der Einzige ist, der das Boot auf Kurs halten kann, weil es Sein Boot ist und übrigens auch Sein See und Sein Sturm?

In welcher Weise kommt Jesus also bei Ihnen im Gedanken und Herzen vor, wenn Sie diese Geschichte in der Schule erzählen? Als interessantes religionsgeschichtliches Phänomen? Oder als der, an den Sie schon irgendwie glauben, den Sie aber für schlafend halten und der eh nicht eingreifen wird? Oder als der, der Ihr eigentlicher und tiefster Halt ist, als der, mit dem Sie in einer persönlichen Beziehung leben, als der, den Sie verehren als den Schöpfer des Himmels und der Erde, als der, der seinen Jüngern zugesagt hat, dass die Kirche niemals untergehen wird, bis er endgültig wiederkommt?

Wenn es in Richtung dieser zuletzt genannten Haltung geht, dann wird es Ihnen auch nicht egal sein, ob Ihre Schüler mit in seinem Boot sind oder nicht. Dann wollen Sie Ihre Schüler zuallererst mit Ihm selbst bekannt machen. Dann wollen Sie mithelfen, dass der schlafende Jesus auch im Herzen Ihrer Schüler erwacht. Und dass er im Herzen Ihrer Schüler dann auch aufsteht, dass er dort die Stürme des Lebens beruhigt, dass er ihnen Sinn schenkt und Tiefe schenkt. Und das wird Ihnen umso besser gelingen, je mehr Jesus schon in Ihrem eigenen Herzen erwachen durfte, je tiefer Sie selbst vertrauen, dass er da ist und eben nicht schläft. Denn der Hüter Israels, der schläft und schlummert nicht, sagt uns der Psalmist.

Liebe Referendare, es liegt an Ihnen, welche Antwort Sie geben auf die Sehnsucht Jesu, in Ihrem Herzen und in dem Ihrer Schüler aufzustehen und auf dem Meer des Lebens Halt zu geben. Es liegt an der Qualität Ihrer Beziehungspflege im Umgang mit Jesus, es liegt – im Bild gesprochen – an Ihrem Standort im Boot der Kirche. Meine Empfehlung: Stehen Sie so nah wie möglich bei Ihm, jeden Tag, im Gebet, im Betrachten Seines Wortes, in der Einübung ins Vertrauen, dass Er wirklich da ist und der Herr der Kirche ist. Er liebt Sie ohne Ende und er will von jedem von Ihnen geliebt werden, zu Ihrem eigenen Heil und zum Heil derer, zu denen Er Sie sendet. Und er will Sie segnen, jeden Tag neu für Ihren Dienst an den Kindern und Jugendlichen. Und als Ihr Bischof möchte ich Ihnen in Seinem Namen diesen Segen heute zusprechen und Sie in Seinem Namen senden. Verbunden mit einem herzlichen Dank dafür, dass Sie sich auch senden lassen. Amen.

Bild: R. Kickinger

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