Darstellung des Herrn und Tag des geweihten Lebens

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

die Liturgie der Kirche stellt uns an diesem Festtag eine alttestamentliche Lesung vor, aus dem Buch Maleachi, dem letzten Buch im Alten Testament. Darin spricht der Prophet davon, dass „der Herr, den ihr sucht, plötzlich im Tempel erscheint“. Aber, so schließt er gleich eine Frage an, „wer kann denn eigentlich ertragen, wenn er erscheint?“ Wir fragen uns: Warum soll das schwer zu ertragen sein? Der Prophet gibt die Antwort: „Er, der da erscheinen soll, ist wie das Feuer im Schmelzofen und die Lauge im Waschtrog. Er reinigt die Söhne Levis“, heißt es. Mit den Söhnen Levis sind diejenigen aus den Stämmen Israels gemeint, die dem Herrn geweiht sind und die die priesterlichen Dienste im Tempel vollziehen. Es sind die, die in besonderer Weise Gott gehören. Wenn also der Herr erscheint, wird er für die Leviten wie eine Art Feuer der Reinigung sein – und dann, so heißt es im Text weiter, dann werden sie dem Herrn wieder die richtigen Opfer darbringen. Im selben Buch hatte der Prophet zwei Kapitel vorher nämlich die Tempelpriester anklagend gefragt, wo ihre Ehrfurcht bleibe, ihre wirkliche Gottesverehrung. Er klagt sie der Faulheit an, des mangelnden Eifers für Gott. Er klagt sie der Schlamperei an, sie würden ihren Dienst vernachlässigen und ohne Andacht die Opfer bringen – zum Beispiel Opfertiere, die sowieso fehlerhaft waren und daher ausgemustert gehörten. Schon im Alten Testament ist also die Frage nach dem rechten Kult relevant und die Klage Gottes, dass dem Gottesdienst gleichsam das Herz fehlt. Aber wenn der Herr im Tempel erscheint, heißt es, dann eben wird er die Tempeldiener und durch sie dann auch die Israeliten reinigen, wie durch Feuer hindurch – und dann werden sie wieder in rechter Weise Gott verehren.

Und nun, liebe Schwestern und Brüder, nun erscheint der Herr tatsächlich im Tempel. Er erscheint in der Gestalt äußerster Erniedrigung und Demut. Maria und Josef bringen ihr Kind und vollziehen damit zwei Vorschriften: Sie lösen den Erstgeborenen aus und zugleich bringt die Mutter ein Reinigungsopfer dar, weil sie im Judentum 40 Tage lang nach der Geburt als unrein galt. Maria und Josef beugen sich also in tiefer Demut unter das Gesetz und bringen ihr Kind an den Ort, den der Zwölfjährige Jesus später das Haus seines Vaters nennen wird und noch später wird der erwachsene Jesus die Händler aus dem Haus seines Vaters vertreiben. Denn der Tempel ist für Gott reserviert, Schwestern und Brüder, hier erscheint er uns! Hier kommt zum ersten Mal dieses Kind in den Tempel, aber eben nicht gleich wie Feuer, sondern unscheinbar, fast alltäglich.

Aber was ist dann mit der im Alten Bund angesagten Reinigung, mit der Erneuerung der Herzen? Wie erfüllt sich hier die Prophezeiung? Die Erzählung lenkt unseren Blick auf zwei Greise, auf den alten Simeon und die alte Witwe Hannah. Beide werden als fromm beschrieben. Simeon heißt es, war gerecht und wartete auf die Errettung Israels. Der Geist ruhte auf ihm, sagt der Text. Und Hannah hatte nach dem frühen Verlust ihres Mannes ihrem Gott Tag und Nacht im Tempel gedient, mit Gebet und Fasten, Jahrzehnte lang. Und ausgerechnet diese beiden werden nun gewürdigt, den Herrn zu sehen, nach einem Leben im Gebet, im Ausharren, im Vertrauen auf den rettenden Gott. Sie beide, die alten Beter, erkennen den Herrn. Kann es sein, liebe Schwestern und Brüder, dass das Beten, das Fasten, das schlichte, geduldige Gottvertrauen und das Warten auf Ihn unser Herz reinigt? Und zwar so, dass es allmählich immer mehr befähigt, den Herrn zu erkennen? Ist es nicht so, dass diese beiden alten Menschen von innen her erkannten, mit wem sie es da zu tun hatten, weil sie gewissermaßen ihr ganzes Leben mit dem Herzen ausgestreckt auf Ihn hin verbracht hatten?

Wir kennen alle so etwas ähnliches in unserem eigenen Leben: Ist es nicht auch bei uns Menschen so, dass es oft erst dann eine gegenseitige Herzenserkenntnis gibt, wenn man einander ähnlich ist, wenn man zum Beispiel durch ähnliche Erfahrungen hindurch gegangen ist? Ist es nicht so, dass sich z.B. Menschen, die durch intensives Leid gehen oder gegangen sind, ebenfalls Menschen zum Gespräch suchen mit ähnlichen Erfahrungen, weil sie sich dort im Herzen erkannt und aufgehoben fühlen. Denken Sie zum Beispiel an Trauergruppen oder Selbsthilfegruppen. Man versteht und erkennt einander.

Und nun also erkennen ihn, den Herrn aller Herren, der in der Gestalt eines kleinen Kindes kommt, ihn erkennen zwei Menschen, die ihr Herz vom Heiligen Geist haben formen lassen. Im beständigen inneren Leben mit ihm. Ich bin sicher, Schwestern und Brüder, dass Hanna und Simeon in ihrem Leben durch vieles hindurch gegangen sind. Ich bin sicher, dass sie manche Zweifel ausgehalten, manches Leid durchgetragen haben, dass sie viele Fragen hatten an ihren Gott immer wieder. Zum Beispiel, was das denn nun sei mit dem auserwählten Volk; oder wo der Messias denn bleibe, oder wo überhaupt noch echter Glaube lebendig sei und so fort. Und dennoch. Sie sind treu geblieben. Der Tempel, in dem wir sie beide antreffen, war der Hauptlebensort für sie. Es war der Ort, wo sie innerlich zuhause waren. Und offenbar war es bei Hanna sogar so, dass sie dort fast schon gewohnt hat, wenn es heißt, sie diente Gott Tag und Nacht im Tempel mit Fasten und Gebet.

Liebe Schwestern und Brüder, was macht uns innerlich wach und hellhörig für Gott, was macht uns empfindungsfähig für Seine Gegenwart? Wir haben den Heiligen Geist empfangen, alle. Aber wir leben so oft nicht in Ihm. Wir sind oftmals so hineingezogen in die Dinge dieser Welt, so absorbiert vom täglichen Kampf, von Sorgen, von vordergründigen Bedürfnissen, von Ängsten oder der Suche nach dem schnellen Vergnügen. Da fehlt uns manchmal der Glaube, dass uns der Herr wirklich vorbereiten will; dass er uns wirklich tiefer, liebender, im Herzen froher machen will; und ja, er will uns einüben ins Vertrauen, er will, dass wir lernen unser Herz auf ihn hin auszustrecken. Und dazu geht er einen Läuterungsweg mit jedem von uns, einen Trainingsweg der Reinigung, wie durch einen Schmelzofen. Es gibt nämlich keine einzige Situation in unserem Leben, in der er uns nicht erziehen kann und will. Keine einzige Situation, durch die er uns nicht sagen kann und will: „Schau mit dem Herzen, höre, spüre: Ich bin da. Egal, ob du gerade durch Freude oder durch Qual gehst. Verlass Dich einfach auf mich – und Du wirst immer mehr zu einem Menschen, der meine Gegenwart in allen Dingen erkennt, der vertraut, dass ich da bin, der deshalb auch wirklich gelassen und froh durch dieses Leben gehen kann, egal was kommt.“

Ja, Schwestern und Brüder, so sagt es uns der Herr. Es stimmt, wir sind im Wartestand, im Advent dieses Lebens, alle. Aber wir geweihte Personen sind diejenigen, die jetzt schon wissen, oder wissen sollten, auf wen sie warten. Wir kennen den schon, der die Sehnsucht unserer Herzen schon berührt hat, der uns schon eine leise, tiefe Herz-zu Herz-Beatmung gegeben hat, damit wir ausharren, damit wir in der Freude und im Frieden bleiben. Er ist unsere erste Liebe und er ist da, Schwestern und Brüder und wir, die Mitglieder des geweihten Lebens haben das große Privileg und zugleich die Aufgabe, Beispiele zu sein. Wir sind Beispiele dafür, dass er wirklich da ist und ein Leben erfüllen kann. Ja, es ist ein Leben, das auf viel Wertvolles und Schönes verzichtet. Aber wir verzichten nicht einfach um des Verzichtens willen. Wir verzichten, weil er uns dazu berufen hat, jetzt schon ganz Ihm zu gehören, dem König der Könige. Und in seiner Kraft verzichten wir auch deshalb, damit andere Menschen wiederum sehen, worum es in der Tiefe dieses Lebens wirklich geht. Es geht um Ihn. Um den, der im Tempel immer neu dargestellt und auf diesem Altar hier immer neu dargebracht wird. Es geht darum, unser Herz zu einem Ort der Anbetung werden zu lassen, zu einem Ort der Freude an Jesus. Wie beim alten Simeon. Er darf auf seine alten Tage das Kind sehen und versteht: „Das ist das Licht, das die ganze Welt erleuchtet.“ Dieser und niemand anderer trägt die Sehnsucht aller Völker in sich. Dieser und niemand anderer ist in der Lage unser Menschenherz frei zu machen und tief und lebendig und gottfähig. Ordensleute und Personen des geweihten Lebens sind Zeuginnen und Zeugen dieses verwandelnden Lichtes.

Liebe Schwestern und Brüder, wir alle merken, dass die Krise der Kirche in unserem Land und die Krise des Ordenslebens zutiefst zusammen hängen. Wenn der Glaube schwindet, schwinden die Biotope, in denen Herzen miteinander und durcheinander lernen, sich für den Herrn zu öffnen; dann schwinden die Orte, in denen Entscheidungen zur Ganzhingabe wachsen und reifen können. Und mit den Ordensleuten schwinden dann wieder Zeuginnen und Zeugen einer Gegenwart, die das Menschenherz verwandeln und erfüllen kann und will.

Ich danke daher von Herzen allen Menschen im geweihten Leben, vor allen unseren älteren Ordensleuten. Sie haben durchgehalten und halten durch. Sie sind noch da als beispielhaftes, lebendiges Zeugnis für die Gegenwart Christi. Und bitte lassen Sie sich nicht entmutigen von manchen Strömungen und Stimmungen in und außerhalb der Kirche. Kehren Sie lieber immer wieder zu Ihrer ersten Liebe zurück, zu Jesus. Und lassen Sie immer neu Ihr Herz zu einem Ort der Anbetung werden. Dann haben Sie, mit Jesus selbst gesagt, schon in diesem Leben „das Bessere erwählt“ (Lk 10,42). Sie haben den gewählt, der Sie berufen hat und der Sie verherrlichen will. Sie haben den gewählt, den uns seine Mutter heute und jeden Tag in die Arme und ans Herz legen will, im Tempel unseres Inneren. Sie haben den Schatz im Acker gewählt, der kein wertvoller Gegenstand, sondern eine lebendige Person ist. Sie sind durch die enge Tür gegangen und dürfen erfahren, dass diese Tür in die Weite eines Lebens führt, das nie mehr aufhört. Ja, lassen Sie uns unseren Kult von innen her erneuern, lassen Sie uns immer neu gegenseitig daran erinnern, dass wir im Gottesdienst und in unseren Gebeten mit einer lebendigen Person zu tun haben. Und dass wir beim Gottesdienst unendlich viel mehr tun, als nur Gedanken im Kopf abrufen und sprechen. Lassen Sie uns Abend für Abend dankbar und aus tiefer Überzeugung mit dem alten Simeon sagen, dass wir Ihn kennen: „Meine Augen haben das Heil gesehen, ein Licht das die Heiden erleuchtet und Herrlichkeit für sein Volk Israel.“ Danke für alles. Gott segne Sie. Amen.

Bild: B. Osdarty

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