Besuch des Dekanates Regen

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Meine lieben Mitbrüder, liebe Herren Pfarrer Prellinger und Nirschl, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

diese letzten beiden Tage im Dekanat Regen waren für mich sehr intensive Tage, voller Begegnungen mit Menschen, voller Dankbarkeit und Staunen über den Reichtum des Engagements in diesem Teil der Kirche von Passau, über den Reichtum an Begabungen und Charismen, über die vielfältigen Formen des Lebens, Lehrens und Feierns unseres Glaubens und des Dienstes am Menschen und der Weggemeinschaft mit den Menschen. Die Kirche von Passau und die örtliche Kirche im Dekanat Regen mit ihren fünf Pfarrverbänden ist schön und sie ist lebendig. Sie hat eine tief im Leben der Bevölkerung eingewachsene Präsenz. Und ich bin von Herzen dankbar für alles Gute, für alle Treue, für allen gelebten, erfahrbaren Glauben unter Ihnen. Es ist schön, hier im Bayerischen Wald mit Ihnen allen und für Sie Bischof sein zu dürfen. Danke auch für alles Wohlwollen.

Gleichwohl erleben wir – das wissen Sie alle – unsere Kirche in Deutschland zur Zeit in einer Krise, die aus meiner Sicht sehr tiefgreifend ist. Und wir erleben die Symptome dieser Krise auch hier im Dekanat Regen. Wir erleben nicht erst jetzt, sondern im Grunde seit Jahrzehnten eine Art schleichenden Glaubensverlust, eine Art schleichende Entfremdung von unseren religiösen Überzeugungen. Oft und oft habe ich mit Menschen gesprochen, treuen Katholikinnen und Katholiken, die sich schwer damit tun, dass es nicht gelingt, den Glauben in ähnlicher Verbindlichkeit an die nächste oder übernächste Generation weiterzugeben. Sicher gibt es auch hier und heute viele unter Ihnen, die das nachvollziehen können. Und Sie alle hier erleben, wie der Kirchenbesuch Jahr für Jahr abnimmt, Sie alle erleben, dass die Kirche von Passau im Grunde nicht genügend Priester hat, um alle strukturell geschaffenen Seelsorgsstellen abzudecken, und zwar gilt das sowohl für den Klerus wie auch für die hauptamtlichen Laienmitarbeiter in der Pastoral. Viele freie Stellen bei den Priestern können wir dankenswerterweise durch die Mithilfe indischer oder polnischer Priester besetzen. Aber wir alle ahnen wohl auch, dass auch das nicht das Zukunftsmodell schlechthin sein kann.

Vielen von uns ist daher bewusst, dass es genau so wie bisher nicht weitergehen wird und auch nicht weitergehen kann. Ich habe es schon öfter öffentlich gesagt, dass mich die zurückgehende Zahl der Kirchenbesucher stark beschäftigt. Ich kann mich erinnern als ich 1990 als junger erwachsener Mann in einer Stadtpfarrei in Regensburg zusammen mit vielen anderen gedacht habe: Na ja, langsam sind im Grunde nur noch die Älteren hier. Aber, meine Lieben, seit 1990 – und das ist so lange nicht her – seitdem hat sich der durchschnittliche Kirchenbesuch noch einmal halbiert. Und alleine in der Zeit von 2012 auf 2013, also in einem Jahr, haben wir in Deutschland zehn Prozent beim durchschnittlichen Kirchenbesuch verloren.

Es ist also so, dass wir einerseits viel Reichtum, viel Gewachsenes haben, vieles, was weiterläuft und gut funktioniert, andererseits spüren wir den Umbruch und fragen uns: Wohin geht eigentlich die Reise mit unserer Kirche, mit unserem Glauben? Mit unserer Gemeinschaft als diejenigen, die zu Christus gehören? Mein Versuch, diese Reise zu verstehen ist: „Schau zunächst dorthin, wo nicht Rückgang ist, sondern wo tatsächlich neues Leben, wo Wachstum ist – und versuche zu verstehen, woran das liegt.“ Und eine wichtige Erkenntnis daraus ist, dass dort, wo sich Wachstum ereignet, dort gibt es über all bei den Menschen eine neue, intensive Hinwendung zu Christus und zwar persönlich und gemeinschaftlich. Und es gibt ein neues, tiefes Interesse an den Inhalten unseres Glaubens und an einem vertieften geistlichen Leben.

Schon zu Beginn dieses neuen Jahrtausends haben die Deutschen Bischöfe ein Papier veröffentlicht mit dem Titel „Zeit zur Aussaat“. In dem schrieb Bischof Joachim Wanke von Erfurt als eine der ersten Diagnosen: „Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt die Überzeugung, neue Christen gewinnen zu können“. Sind wir ehrlich, Schwestern und Brüder, stimmt das auch für uns? Und wenn es so ist, wenn diese Überzeugung fehlt, woran liegt das? Liegt es daran, dass wir uns in unserer volkskirchlichen Struktur allzu lange und zu sehr darauf verlassen haben, dass die Struktur alleine schon trägt? Der Religionsunterricht ist organisiert, die Hl. Messen sind organisiert, die Sakramentenvorbereitung für die Erstkommunion, Firmung oder Ehe ist organisiert, die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft werden im Pfarrbüro und seinen Büchern gut verwaltet. Es gibt Pfarrfeste und Krankenbesuchsdienste, es gibt die Caritas, die macht das Diakonische, es gibt den Kirchenchor, den Frauenbund, die Kolpingfamilie, die Jugendverbäde und vieles, vieles mehr. Alles Kirche. Alles läuft irgendwie. Und wir verlassen uns, dass es läuft.

Aber, Schwestern und Brüder, läuft es wirklich, oder läuft es eben doch nicht mehr einfach so selbstverständlich? Die meisten von uns kennen Zeiten, in denen alles das Aufgezählte noch dazu beigetragen hat, dass auch der Glaube und seine Inhalte ziemlich selbstverständlich in der Gemeinschaft der Menschen angekommen ist, angenommen worden ist und da und dort auch gewachsen ist. Aber Sie alle, wir alle, wissen, dass das heute eben gar nicht mehr selbstverständlich ist; die Strukturen, die wir haben, sind gut. Sehr vieles läuft auch sehr gut, wir sind gut organisiert, aber im Grunde gelingt in eben diesen Strukturen die Weitergabe unseres Glaubens lange nicht mehr so gut wie einst.

Ich bitte Sie, mich nicht falsch zu verstehen, ich will natürlich nicht einfach für die Veränderung oder gar die Abschaffung von vielem Guten und Gewachsenen plädieren. Aber meine Frage ist: Kann sich mitten in dem Gewachsenen auch Neues ereignen und dadurch das Gewachsene auch nach und nach von innen her verwandeln? Und ihm ein neues Gesicht geben? Ich möchte Ihnen dazu zwei Fragen stellen. Die erste ist: Wo lernt ein Jugendlicher oder ein erwachsener Mensch heute, was wir glauben und wie wir diesen Glauben persönlich leben? Ist es nicht eigenartig, dass wir in nahezu jeder Pfarrei einen oder mehrere Chöre haben, in denen man lernen kann, was man in der Kirche singt und wie man es singt? Aber wenn wir fragen, wo gibt es eigentlich einen Ort, wo man lernen kann, was man und wie man in der Kirche glaubt, dann kommen wir schnell an Grenzen. Einen Ort, an dem wirklich gute Glaubensunterweisung stattfindet? Und zwar so, dass es interessant ist, lebendig ist, tief ist und wirklich aus dem Herzen unseres kirchlichen Glaubens kommt? So dass es mich hinführt zu einer persönlichen Begegnung mit Jesus und auch zu der Frage, ob ich mich nicht persönlich für ihn entscheiden kann oder soll? Wo sind die Menschen, die das könnten, die in dieser Weise Glaubensunterweisung geben könnten? Wo sind unsere Glaubenszeugen, unsere Evangelisierer? Und ich bitte Sie, jetzt nicht einfach auf die Hauptamtlichen zu schauen. Es stimmt schon, die haben die größere Verantwortung dafür, aber deren Verantwortung besteht auch darin, mitzuhelfen, dass Sie alle, dass wir alle immer mehr zu Glaubenszeugen werden, zu Menschen, die wissen, wem sie glauben, was sie glauben – und die auch fähig sind, ehrlich und gut darüber Auskunft zu geben.

Aber „Unterweisung“ das ist nur die eine Seite, die Seite des Wissens, der Kenntnis des Glaubens. Die andere Seite ist die Seite des Vertrauens, der Liebe, letztlich des Gebetes. Meine zweite Frage ist also: Wo lernt ein Mensch, der Christ werden will, heute wirklich das Beten? Und zwar nicht einfach ein Beten in der Form von Aufsagen von Wörtern, die man lernt. Auch das ist gut, aber natürlich nicht ausreichend. Ich frage mich, wo lernt er ein tieferes, echteres, persönliches Beten. Ein Beten, das hineinführt in die lebendige Beziehung zu Christus, ja mehr noch, ein Beten, das diese lebendige Beziehung selbst ist. Wie leben Sie Ihre Beziehung zu Christus, Schwestern und Brüder, wieviel Zeit schenken Sie dem, den wir nach dem allerersten und wichtigsten Gebot, das er uns gegeben hat, über alles lieben sollen, mit ganzem Herzen, ganzer Kraft, allen Gedanken? Wenn Sie nun sagen, das kann ich nicht, dann möchte ich uns fragen, haben wir Ihn dann schon wirklich kennen gelernt? Oder ist die Sache mit dem Wissen dann doch nicht so weit her? Denn eine Person lieben, oder in ein Gebet finden, das Ausdruck meiner Liebe ist, das kann ich nur, wenn ich die Person kenne, wenn ich um sie weiß. Und so gibt es eine tiefe Wechselwirkung zwischen dem Glaubenswissen und dem lebendigen Vollzug unseres Betens. Stellen Sie sich vor, in unserem Herzen wäre wirklich einmal aufgegangen, dass Jesus Christus tatsächlich der wahrhaftigste, der freieste, der liebenswürdigste, der herrlichste Mensch ist, der uns je begegnet wäre; der Gottmensch selbst. Und wir wären von dieser Erkenntnis berührt worden im Innersten und wir dürften wirklich glauben, was wir in der Eucharistie feiern: Nämlich dass er auch da ist, dass er unter uns ist und unser Leben begleitet. Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir davon tatsächlich tief berührt wären, dann würden wir völlig selbstverständlich mehr Zeit, viel Zeit mit Ihm verbringen wollen, dann würden wir selbstverständlich auch oft und oft in dem Buch lesen wollen, das er uns hinterlassen hat, und das nur von Ihm erzählt. Dann wäre unser Herz voll von Ihm und wir könnten viel erzählen von Ihm, weil wir Ihn schon wirklich kennen gelernt haben und weil unser Mund davon spricht, wovon das Herz erfüllt ist.

Hier, Schwestern und Brüder, hier würde der Glaube neu, hier würde er ansteckend und tief und lebendig. Wissen Sie, wenn ich gefragt werde, was man machen kann, dass junge Menschen wieder in die Kirche gehen, dann sage ich immer: Ich will gar nicht, dass sie einfach in die Kirche gehen. Ich will nicht einfach, dass die Kirche wieder voller ist, nur damit sie auch voll ist. Ich will vielmehr, dass sie Christus begegnen, ich will ihnen von dem Geschenk etwas geben, das ich selbst als Geschenk meines Lebens empfangen habe. Und wenn ein Jugendlicher oder ein erwachsener Mensch dann anfängt zu entdecken, dass sich diese Begegnung mit Jesus in der Kirche ereignet oder dass er entdeckt, dass er im Augenblick, wo diese Begegnung stattfindet, schon in der Kirche ist, dann ist es gut. Dann fängt Kirche an, aus ihrer Mitte neu zu leben. Und ich bin sicher, sie fängt dann auch wieder an zu wachsen.

Aber wenn das alles so ist, liebe Schwestern und Brüder, dann hätte ich eine kleine Vision für dieses Dekanat. Wie wäre es, wenn man miteinander überlegen würde, einen fortlaufenden Glaubenskurs z.B. auf Ebene eines Pfarrverbandes oder des Dekanates zu etablieren? Ähnlich wie bei jemandem, der Führerschein machen wollte: In unseren Fahrschulen gibt es so etwas. Da kann ein Fahrschüler sich jederzeit einklinken, weil es fortlaufende Kurse gibt und er kann so lange lernen, bis er bereit ist zur Fahrprüfung. In einem gewissen regelmäßigen Abstand wiederholen sich die Inhalte. Ein solcher Glaubenskurs dürfte aber aus meiner Sicht nicht nur die Wissensebene ansprechen. Er könnte zugleich eingebettet sein in Formen der Einführung ins Gebet, am besten auch mit der Hilfe guter Musik. Lieder aus Taizé oder moderne Lobpreismusik böten sich an, es könnte auch Einübungen ins Schweigen vor Gott und Ähnliches mehr dabei geben.

Ich bin sicher, wir brauchen heute dringend solche neuen Orte des neuen Hineinfindens in den Glauben. Und wenn Sie Menschen sind, die dabei gerne mitwirken oder wenn Sie welche kennen, die den Glauben richtig gut erklären können oder solche, die wirkliche, tiefe Beter sind und auch da hineinführen können, dann tragen Sie die Dinge dem Dekan oder Ihrem Pfarrer vor und machen Sie sich gemeinsam auf die Suche nach solchen Orten des Lernens von Glauben. Sie müssen übrigens nicht meinen, der Bischof wäre hier kein Lernender mehr. Wir sind es alle, zeitlebens, solange wir in dieser Welt unterwegs sind. Aber ich darf Ihnen versprechen, wenn Sie wirklich Sehnsucht haben, wenn Sie dem Herrn näher kommen wollen, wenn Sie verstehen wollen, wer Er ist und warum Er aller Liebe und allen Lobes würdig ist, dann machen Sie sich auf die Suche, und Sie werden nicht enttäuscht werden. Fangen Sie an und suchen und finden Sie bitte miteinander Formen, Orte, Gruppen, Gemeinschaften, mit denen eine solche Entdeckungsreise möglich wäre. Der Geist Gottes möge Sie dazu führen und er wird Sie dazu führen.

Und ich bin sicher, Ihr neuer Dekan, der Pfarrer Prellinger und sein Prodekan, der Pfarrer Nirschl, werden Ihnen dabei mit geistlichem Rat zur Seite stehen. Sie, beide haben für dieses neue Amt einen längeren und intensiven menschlichen und geistlichen Werdegang hinter sich: Pfarrer Prellinger als erfahrener Jugendseelsorger auf Kreis- und Diözesanebene, als langjähriger Pfarrer einer wichtigen Stadtpfarrei des Bistums. Pfarrer Nirschl als Pfarrer einer ebenso wichtigen Pfarrei hier in der Region, im „Klouster“, wie die Leute zu Rinchnach sagen. Die Menschen hier kennen und schätzen Sie beide als Seelsorger, als umsichtige, freundliche und Gott und den Menschen zugewandte Männer. Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Bereitschaft, diese Ämter zu übernehmen. Und ich bitte Sie alle, liebe Schwestern und Brüder, Ihren neuen Dekan und seinen Stellvertreter auch intensiv im Gebet zu begleiten. Ich bin sicher, dass sie die Richtigen sind, um die Kirche, auch die Kirche hier im Bayerischen Wald gut durch solche Zeiten des Umbruchs zu führen. Und sie sind die Richtigen, um zusammen mit Ihnen allen hinzuhören auf den Geist Gottes, der uns und Ihnen allen den Weg zeigen wird. Dazu segne Sie, Herr Dekan, Herr Prodekan und Sie alle, liebe Brüder und Schwestern, unser menschenfreundlicher Herr und Gott. Amen.

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