Das Klima, die Krisen und der Weg in den Frieden

Ansprache zur Jahresschlussandacht an Silvester 2019 im Passauer Dom

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

wenn wir auf das vergangene Jahr zurückblicken, dann sind zwei Worte des Jahres sicherlich das „Klima“ und „Krise“. Und ich möchte mit Ihnen über diese Worte im engeren und weiteren Sinn nachdenken. Zunächst: Die Sorge um das Klima treibt viele Menschen um, ganz besonders viele junge Menschen. Und ich denke, sie haben Recht. Sie hören auf die zahlreichen Wissenschaftler, die uns belegen, dass der Klimawandel real ist – und dass er wohl nicht nur, aber auch menschenverursacht ist. Und dass darunter in der Welt wieder einmal vor allem diejenigen leiden, die wenig privilegiert sind. Ich konnte beim letzten Weltjugendtag in Panama dabei sein – und bin Menschen vom indigenen Volk der Kuma begegnet. Sie mussten ihre angestammten Inseln vor der Küste verlassen und aufs Festland ziehen, weil der steigende Meeresspiegel schon ihre Häuser unterspült hatte. Jetzt leben sie mehr oder weniger ghettoisiert und ohne gesellschaftliche Anerkennung in ärmlichsten Behausungen am Rand der Großstadt von Panama City. Wo die Schöpfung geschändet wird, leidet der Mensch und die Armen unter ihnen am meisten. Und es geht auch nicht nur um das Klima. Weil alles mit allem zusammenhängt, geht es auch um den Schutz der Böden, der Wälder, der Ozeane, der Vielfalt der Arten und mehr. Wir ahnen es, liebe Schwestern und Brüder, unser aller Lebensstil auf diesem Planeten braucht Mäßigung. Weniger ist mehr, sagen wir gern – und neigen doch dazu immer noch mehr zu konsumieren, zu verbrauchen, wegzuwerfen. Und zugleich fühlen wir uns ohnmächtig oder suchen nach Ausflüchten. Was bringt es denn, wenn ich mich in meiner kleinen Welt persönlich einschränke, aber gleichzeitig im Amazonas die Wälder bewusst abgebrannt werden aus kommerziellen Interessen, oder wenn man sich in Riesenländern wie China oder Indien insgesamt weniger für Umweltschutz zu interessieren scheint als hier bei uns oder als ich persönlich, fragen sich nicht wenige. Was soll das also bringen? Wir spüren bei nicht wenigen Menschen große Verunsicherung in solchen Fragen, ebenso wie in der Politik. Die Klimakrise macht uns zu schaffen.

Das politische Klima

Ein solcher Wandel der ökologischen Verhältnisse produziert auch wirtschaftliche und soziale Veränderung und bringt deshalb weltweit auch Migration hervor. Ebenso wie Kriege oder dramatische Armut. All das treibt Menschen in die Flucht. Sie verlassen weltweit ihre Heimat, um anderswo mehr Chancen zu haben auf ein gutes Leben. Sie kommen auch zu uns, sie sind vor allem 2015 sehr zahlreich zu uns gekommen – und das hat bei uns auch das politische Klima verändert und es hat unsere politische Landschaft verändert. Und wiederum auch nicht nur bei uns, sondern in Europa und in vielen Ländern der Welt. Wir sprechen daher auch schon von einer Krise der Demokratie und einer Krise Europas, die sich abzeichnet und in der in einigen Ländern auch die Frage nach dem Umgang mit Migranten ein entscheidender Faktor ist für die Veränderung politischer Rahmenbedingungen. Die Sehnsucht nach starken, entschlusskräftigen Führungsgestalten nimmt zu Langwierige demokratische Meinungsbildungsprozesse scheinen für manche Menschen kaum noch in der Lage zu sein, angemessen auf die Probleme zu reagieren. Auch das politische Weltklima ist geprägt von Konflikten, Krisen und wachsenden Unsicherheiten. Der Brexit, die Wahl in Amerika, die Handelskonflikte mit China sind nur ein paar Schlaglichter, die uns verunsichert fragen lassen: Wie wird es werden?

Das mediale Klima

Gleichzeitig merken wir, wie ganz besonders unsere veränderte Medienlandschaft und die Prozesse der Meinungsbildung ein Klima hervorbringen, in dem Emotionalisierung und Polarisierung ein Hauptinteresse zu sein scheinen. Emotionen und Polarisierungen erhöhen Klickzahlen und Likes im Internet und in den klassischen Medien.  Und auch am eigenen Leib erlebe ich häufig, wie schwierig es ist, heute differenziert zu argumentieren und darin auch wahrgenommen zu werden, über bloße Überschriften hinaus, die wiederum möglichst zugespitzt und emotional sind – in alten und neuen Medien. Angeblich leben wir ja im Informationszeitalter. Aber ganz ehrlich: die unfassbare Fülle von zugänglichen Informationen führt eher dazu, dass wir immer noch mehr nur Informationshäppchen wahrnehmen, eben in Form von Überschriften und dabei insgesamt immer noch oberflächlicher werden. Das mediale Klima wird rauer und trägt auch in der Gesellschaft allenthalben zu Polarisierungen bei. Der Ton unter den politischen Akteuren wird schärfer, populistischer, zumindest von einigen – die dann aber auch wieder besonders wahrgenommen werden, eben weil sie populistisch zuspitzen. Und der Drang, möglichst schnell zu sein, verschärft die Oberflächlichkeit. Viele Menschen beschleicht das Gefühl, für ruhige, intensive Überlegung und Debatten ist kaum mehr Zeit. Die Probleme sind entweder riesig oder sie werden riesig geredet. Politik erscheint vielen als hektischer Betrieb, der dauernd hinterher hechelt und häufig eh schon zu spät kommt.

Das innerkirchliche Klima

In der Kirche ist es kaum anders. Auch hier machen wir oft den Eindruck, Getriebene zu sein. Die Krise über das Bekanntwerden der Missbrauchsverbrechen überschattet die Debatten. Und viele Gläubige drängen, beflügelt durch die intensive mediale Begleitmusik auf plakative Lösungen und Liberalisierungen. Jetzt endlich bestehe die Chance, die immer wieder kehrenden Reizthemen so abzuräumen, dass sie nicht mehr im Weg stehen, dass man sich für seine Kirche endlich nicht mehr schämen muss. Viele mögen sich nämlich, obwohl sie katholisch sind, nicht gerne zu einer Kirche bekennen, die immer noch keine Priesterinnen hat und immer noch nicht alle Lebensformen gleichermaßen segnet und die immer noch die Priester durch die Zölibatsverpflichtung knechtet. Die Kirche müsse endlich im Heute ankommen in der Moderne denken also die einen. Während die anderen denken, es müsste im Gegenteil alles eher wieder so werden wie früher, oder wenigstens sollte alles so bleiben, wie es jetzt ist. Nicht wenige sagen, es gebe jetzt schon Spaltungstendenzen in der Kirche, die alsbald klar ans Licht treten würden, vor allem beim vor uns liegenden Synodalen Weg der Kirche in Deutschland. Zudem sehen wir: Für sehr viele, besonders für viele junge Menschen ist die Kirche und ihr Glaube überhaupt kein Faktor mehr. Sie leben in einer Gesellschaft, die sich in vielem, was ihr wichtig ist, von dem entfernt, was der Kirche wichtig ist. Die beiden großen Kirchen verlieren daher ständig Mitglieder durch Austritte und durch mehr Verstorbene als neue Getaufte. Bei vielen Menschen wächst die innere Distanz schneller als wir meinen – und viele Menschen in unseren Pfarreien stehen ratlos vor der Frage, wie es denn gelingen könne, jungen Menschen den Weg zur Kirche zu zeigen. Die Zahl der Gottesdienstbesucher sinkt kontinuierlich und fast überall, während der Altersdurchschnitt eben jener Gottesdienstbesucher kontinuierlich steigt. Wird es so sein, liebe Schwestern und Brüder, dass in wenigen Jahren der letzte das Licht ausmacht? Sie sehen auch die Kirchen sind in der Krise und in ihnen ist auch das Klima nicht immer allzu wärmend oder einladend.

Die Hoffnung für die Welt

Und nun, liebe Schwestern und Brüder, nach diesen Schlaglichtern über Krisen und schlechtes Klima möchte ich mit Ihnen auf das Weihnachtsereignis schauen – und von dort her verstehen, was uns die beiden Worte „Klima“ und „Krise“ auch bedeuten können. Denn aus unserem Glauben kommt von dort her die eigentliche Hoffnung, aus meiner Sicht sogar die einzige Hoffnung für diese Welt. Zunächst, was ist das allgemeine Klima, in das Jesus hineingeboren wurde? Israel war seit langem unter der römischen Fremdherrschaft. Diese war weitgehend verhasst. Der jüdische König Herodes war ein Vasallenkönig der Römer. Jesus kommt also eigentlich in das Reich des ersten römischen Kaisers Augustus, der auch als Friedenskaiser verehrt wurde, der den Titel des Pontifex Maximus trug, also des obersten Priesters oder Brückenbauers, wie das wörtlich heißt. Und er ließ sich als Sohn des Göttlichen verehren. In diese Herrschaft kommt derjenige als ein Baby, der nach unserem Glauben als der eigentliche Pontifex geglaubt wird, als der eigentliche Hohepriester und Brückenbauer in den Himmel. Und es ist der, den wir als Friedenskönig und als den eigentlichen Gottessohn verehren. Er kommt als Baby in ein Klima der Kälte und der Ablehnung und sein Leben ist von Anfang an bedroht: Die Verwandten und die Herbergsleute in Bethlehem haben keine Unterkunft für Josef und die hochschwangere Maria. Sie sind auf einen Stall angewiesen. Und Herodes trachtet dem Neugeborenen sofort nach dem Leben. Auch die römische Staatsmacht wird ihn später unter Pontius Pilatus als einen Volksaufwiegler hinrichten lassen – qualvoll am Kreuz – wie den letzten Verbrecher.

Was ist das für ein Friede?

Aber eben von diesem Ungewollten hören wir in der Weihnachtsnacht, dass die Engel den Hirten den Frieden ansagen. Und dass der Friede den Menschen gewährt werde, die unter Gottes Wohlgefallen stehen. Was ist das für ein Friede? Schauen wir zunächst auf Ihn, auf den Gottessohn selbst. Wie wirkt er auf die, die sich Ihm nähern und auf die, die sich als Jünger rufen lassen? Ganz offenbar hat er als Person eine ungeheure Ausstrahlung und Autorität, wenn er ruft. Aber er kommt trotz dieser Autorität  nicht zuerst als Herrschender, nicht als Befehlender – sondern er kommt zuerst als Diener, als Heilender, als Befreier von Krankheit und Verstrickung in Sündenlast, als Vergebender, als einer, der die Tür zum Vatergott wieder öffnet. Und wenn er machtvoll befiehlt, dann dem Bösen, dem Dämonischen, den widergöttlichen Kräften. In seiner Gegenwart herrscht deshalb eine Atmosphäre, ein Klima des Heils, ein Klima des Friedens; und er verheißt es diesen Frieden auch den Seinen: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“, sagt er beim Abschiedsmahl und fügt hinzu: „Das ist nicht ein Frieden, wie die Welt ihn gibt – Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“ Wir sehen, liebe Schwestern und Brüder, woher sein Friede kommt: Aus seinem Inneren – aus seiner Personmitte, aus seiner tiefsten Identität: Jesus ist und bleibt im Frieden – bis zum Tod am Kreuz. Und die Quelle dieses Friedens ist sein inneres Verbunden-Bleiben mit dem Vater. Alle, die ihm wirklich begegnen wollten, müssen gespürt haben: Da ist ein Abgrund an Tiefe, an Frieden, an Freude, die er den Seinen auch verheißt. Und sie müssen gespürt haben: diesen Frieden empfange ich dann, wenn ich Ihm dem Platz in mir einräume, der Ihm gebührt, wenn er Herr sein darf in meinem Leben, wenn ich Ihn sein lasse, wer er ist: Der Herr über Himmel und Erde und der Herr über mein Leben, vor allem über mein inneres Leben. Wo immer wir uns wirklich überlassen, Ihm unser inneres Leben eröffnen – dort wächst der Glaube, wächst das Vertrauen und mit alledem wächst der Friede. Und sein Friede strahlt aus. Und er lässt sich auf die anderen nieder, die auch mit Ihm gehen, die Seine Jünger sein wollen, die Ihn lieben, denen er seinen Geist gibt. Nach der Auferstehung und nach Pfingsten gehen seine Jünger bis an die Grenzen der Erde – und zeigen den Menschen und leben ihnen vor, was Er gesagt hat: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ Bei Ihm ist der Friede.

Wie Jesus lieben?

Und wenn Sie fragen, liebe Schwestern und Brüder, wie man denn Jesus lieben könne, wenn wir doch nur Geschichten über Ihn kennen aus der Bibel – und von denen wissen wir doch gar nicht mal, ob sie wahr sind. Dann frag ich Sie: Kann man Mozart lieben, oder Goethe? Ja natürlich, man kann tief in ihre Musik und ihre Dichtung eintauchen, man kann verstehen lernen, wie sie gedacht, gefühlt, geschrieben, Musik gemacht haben. Und je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, desto mehr beginnen sie auch in unserem Denken und Fühlen lebendig zu werden. Und all das geht bei Jesus auch, aber eben noch viel mehr: Wir glauben, dass Mozart und Goethe in ihren Werken weiterleben. Aber dennoch sind sie tot. Wir aber kennen einen Lebenden, einen, der seinen Geist schenken will, einen der sich uns in der Eucharistie gibt, der uns in der Beichte immer neu Versöhnung schenkt. In dessen Wort wir in der Kraft seines Geistes eintauchen und verstehen lernen können. Und Jesus beginnt spätestens seit der Taufe in mir zu leben – und dann immer mehr in dem Maß, indem ich lerne, Ihm wirklich zu vertrauen und Ihn tatsächlich den Herrn sein zu lassen. Im Grunde kann man Jesus viel leichter lieben als Mozart – weil Sein Geist in uns schon da ist und uns in dieses Vertrauen führen will. Aber zugleich ist es doch schwerer, weil sich in uns etwas gegen Ihn wehrt. Denn keiner von uns will als Mensch in einer nur natürlichen Verfassung die Herrschaft über sein eigenes Leben einem anderen überlassen, keiner will aus sich heraus einfach gehorchen, keiner will sein Leben verändern lassen, vielleicht will man auch ungern manche schlechte Angewohnheit lassen, die uns aber lieb geworden ist oder manche Bitterkeit, an der ich festhalte, um einen Grund zur Anklage zu haben gegen andere oder gegen die Ungerechtigkeit der Welt.

Der Friede kommt von Ihm

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, ich bin der tiefen Überzeugung, dass die eigentliche Quelle des Friedens, die Quelle eines erneuerten friedvollen Klimas aus Ihm kommt. Für unser persönliches Leben ohnehin, aber dann auch für die Kirche, für unsere Gemeinschaften, Einrichtungen und Pfarreien. Für die Kirche in Deutschland. Dort, wo es uns zuerst und vor allem um Ihn geht, um Sein Evangelium, um die Versöhnung mit dem Vater, da verändert sich auch unser eigener Blick auf die anderen Menschen, auf die Kirche, auf die Welt um uns. Ich habe vorhin die Tendenzen zur Spaltung in der Kirche erwähnt und die Hoffnungen, die auf dem Synodalen Weg liegen. Ich möchte uns alle fragen: Versperrt uns in der Kirche von heute irgendetwas den Weg zu Jesus selbst, außer wir selbst? Können Menschen in und außerhalb der Kirche heute wirklich zu Ihm finden? In der Gemeinschaft der Glaubenden, in der Eucharistie, in der Bibel? Und dann den Weg gehen? Ich bin überzeugt: Sie können es. Und vielleicht gab es sogar zu keiner Zeit so viele Möglichkeiten, Ihn auch wirklich zu finden und in der Tiefe zu entdecken. Freilich, wir bräuchten alle miteinander mehr echte und ehrliche Zeuginnen und Zeugen dieses Friedens. Wir bräuchten Menschen, die das Evangelium vom erneuerten Herzen, vom Frieden in der Seele ausstrahlen – weil sie Jesus kennen und lieben.

Das Beispiel der Edith Stein

Erst kürzlich habe ich in einer Biographie über die Heilige Edith Stein folgendes gelesen: Sie war ja Jüdin, ist katholisch geworden und trat als Sr. Benedicta vom Kreuz in den Orden der Karmelitinnen ein, zuletzt war sie aus Sicherheitsgründen in der Nazizeit im Karmel in Echt in Holland.  Aber auch von dort ist sie im August 1942 mit ihrer leiblichen Schwestern von der Gestapo abgeholt wurden, um nach Auschwitz gebracht zu werden. Wir haben einige Zeugnisse von ihr, von einem Zwischenaufenthalt im Lager Westerbork, von wo die Deportation dann ein paar Tage später weiter in die Gaskammer ging. Ein Augenzeuge schreibt: „Unter den neu angekommenen Gefangenen beeindruckte Sr. Benedicta mich durch ihre Ruhe. Während die Neuangekommenen nur jammerten und ihre Verzweiflung unbeschreiblich war, ging Sr. Benedicta zu den Frauen, tröstete sie, half ihnen und beruhigte sie wie ein Engel.“ Und zwei andere Männer erzählen: Der Friede und die tiefe Ruhe in ihr hinterließen einen bleibenden Eindruck. Sie selbst sagte zu einem der beiden: „Was auch immer kommt, ich bin für alles bereit. Das Jesuskind ist hier auch mitten unter uns.“

Gräben überwinden

Diese Berichte erzählen von einem Menschen, der im Inneren zuhause war, bei Jesus, dem Friedenskönig – und dieser Mensch konnte deshalb nach außen eine Klima des Friedens ausstrahlen – und zwar in der denkbar friedlosesten Umgebung, die vorstellbar war, in der Hölle eines Konzentrationslagers. Und glauben wir nicht liebe Schwestern und Brüder, dass das nur ein Weg für große Heilige wie Edith Stein ist. Der Weg ist für jeden, der sich für den Herrn öffnet und einen Frieden bei Ihm und mit Ihm sucht, einen Frieden, der mehr ist als nur Waffenstillstand, der mehr ist als die Abwesenheit von Streit. Die Kirche jubelt an Weihnachten mit all ihren Gläubigen über das Kind, eben weil er der Friedenskönig für alle ist und sein will. Und in jeder Heiligen Messe sprechen wir uns vor der Kommunion diesen Frieden zu – weil er in Ihm schon da ist. Das heißt für unsere Kirche und unsere Polarisierungen. Wir werden diese Gräben nach meiner festen Überzeugung nur überwinden, wenn wir Seiner wirklichen Gegenwart unter uns in Seiner Kirche vertrauen lernen, wenn wir Ihm näherkommen – und wenn wir uns in Ihm und Seinem Frieden tatsächlich als Geschwister erkennen, als Menschen, die Er befreit, denen er vergeben und die er erlöst hat. Wo er wirklich die Mitte ist, da wachsen Frieden und Einheit. Und dort verändert sich und erneuert sich dann auch von innen her Seine Kirche.

Frieden für die Gesellschaft

Und was bedeutet das für das Leben in der unruhigen, polarisierten Gesellschaft? Der Staat steht den Christen eigentlich immer schon mit einer gewissen Skepsis gegenüber, jedenfalls denen, die ernsthaft das Evangelium leben wollen. Christen haben in einigen wesentlichen Bereichen andere Werte und Überzeugungen als eine in vielen Bereichen immer liberaler werdende Gesellschaft. Und es wird wohl so sein, dass die Spannung zwischen Kirche und Gesellschaft nicht geringer, sondern größer werden. Es kann sein, dass der Anpassungsdruck größer wird, dass viele Menschen eben lieber Werte einer modernen Gesellschaft übernehmen und leben wollen – und dann auch noch irgendwie nach Vereinbarkeit mit dem Christentum suchen. Aber auch hier gilt, liebe Schwestern und Brüder: Wo wir den Kern preisgeben, wo wir aufhören zu glauben, dass Jesus wirklich da ist und in seiner Liebe auch unser Leben tragen und verändern will, wo wir aufhören, ihn anspruchsvoll sein zu lassen, wo wir sein wollen, wie alle anderen auch – da kommt vielleicht irgendwann so etwas wie äußere Ruhe, weil wir mit manchen Themen in Ruhe gelassen werden. Aber es ist dann womöglich eine Grabesruhe, denn so in Ruhe gelassen, werden  wir auch irgendwann niemanden mehr interessieren. Dann werden wir wie das Salz sein, das schal geworden ist, von dem Jesus im Evangelium spricht, das die Menschen zertreten. Dann brauchen wir aber auch nicht mehr glauben, dass von Jesus ein Friede kommt, den die Welt nicht geben kann. Eine angepasste Kirche ist nicht die Kirche Jesus Christi.

Das Engagement für die Schöpfung

Und schließlich die Frage nach dem Klima der Schöpfung. Die Welt erlebt einen Klimawandel hatten wir gesagt und der Mensch belastet die gesamte Schöpfung in vielerlei Hinsicht. Welchen Beitrag können die Christen dazu leisten? Zur Verbesserung des Klimas und für eine Kultur der Nachhaltigkeit? Ich glaube, wir Christen könnten und müssten eigentlich die sein, denen Verzicht leichter fällt als anderen; oder wir müssten auch die sein, die die Schöpfung mehr lieben, weil wir in ihr die Spuren ihres Schöpfers erkennen. Deshalb sind wir auch verpflichtet das unsere dazu beizutragen, dass die Schöpfung bewahrt wird. Und soviel wir können zu ihrem Erhalt beizutragen. Aber bei aller Bedrohung haben wir auch keinen Grund zur Panik. Wir glauben nämlich, dass auch hier der Schöpfer und der Erlöser der Natur letztlich auch wieder Jesus selbst ist. In Ihm ist alles geschaffen, er hält die Welt in seiner Hand. Und er bleibt der Herr auch noch in den Katastrophen der Zeit. Das Evangelium spricht davon, dass am Ende der Zeit Naturkatastrophen kommen werden und Kriege und Not und Zerstörung. Wir wissen nicht wann das sein wird, und deshalb gibt es auch keinen Anlass, die Sorge um die Schöpfung schon mal bleiben zu lassen. Aber wir hören auch mitten in die Ankündigungen der Katastrophen hinein immer noch seine Stimme aus dem Evangelium: „Wenn all das beginnt, richtet euch auf, erhebt euer Haupt, denn eure Erlösung ist nahe.“ – Jesus ist der Friedenskönig und schenkt einen Frieden, der größer ist als die Welt. Wir gehen in das Jahr 2020. Aller Voraussicht nach könnte es für das Klima, für die Gesellschaft, für die Kirche wieder ein unruhiges Jahr werden.

Krise als Wendepunkt

Ich möchte Sie daher einladen, dass wir das Wort Krise auch in seiner wörtlichen Bedeutung aus dem Griechischen ernst nehmen. Es bedeutet auch Wendepunkt und es bedeutet Entscheidung. Ich möchte deshalb uns alle einladen, dass wir uns neu und ausdrücklich für unseren Glauben entscheiden, so dass wir mit dem Friedenskönig innerlich verbinden, durch unser regelmäßiges persönliches Gebet, durch eine tägliche Zeit der Stille, durch den Gottesdienst und den Empfang der Sakramente, durch das Lesen des Evangeliums. Ich wünsche uns allen, dass wir so wieder mehr in die Tiefe kommen – und dass wir dann auch die sind, die in gelassener Freiheit und innerem Frieden ernsthaft unseren Teil zum Verzicht und zum Erhalt der Schöpfung beitragen. Wir könnten als Christen auch die sein, die wirklich zu ihren Glaubensüberzeugungen und zum Evangelium stehen – und darauf verzichten, auf andere, die aus dem vermeintlich anderen Lager sind, draufzuhauen. Wir könnten die Debatte im Internet humaner machen, indem wir uns vornehmen, im nächsten Jahr keine einzige Polemik und schon gar keine Hassbotschaft loszulassen. Wir könnten uns vornehmen, auch einmal in ein ernsthaftes und interessiertes Gespräch mit denen einzutreten, die wir eigentlich gar nicht verstehen. Wir könnten uns vornehmen, in besonderer Weise auch für die zu beten, die wir gar nicht leiden können, oder von denen wir glauben, dass sie uns selbst nicht mögen. Wir könnten uns vornehmen, bevor wir Negatives über andere erzählen wollen, zuerst zu überlegen, was eigentlich das Gute an diesem Menschen sein könnte. Und warum Jesus diesen Menschen mindestens genauso gern hat wie mich selbst. Wir könnten Jesus vor allem bitten, dass er aus mir persönlich wirklich ein Werkzeug seines Friedens macht. Uns alle, jeden und jede dort, wo wir stehen. Ich wünsche Ihnen allen diesen Frieden des Herrn und ein gesegnetes Neues Jahr 2020.