Der Mensch zwischen Depression und dem Sinn der Welt

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt am Weihnachtstag 2019 im Passauer Dom.

Liebe weihnachtliche Festgemeinde, Schwestern und Brüder,

die folgende Geschichte habe ich vor einiger Zeit von ihrer Hauptperson erzählt bekommen. Ich erzähle sie verfremdet weiter, damit die Person, die darin vorkommt, auf keinen Fall identifiziert werden kann. Daher sind die äußeren Fakten stark verändert, mir geht es um den inneren Kern, um die Frage nach dem Sinn. Stellen Sie sich also einen erfolgreichen Unternehmer vor, einen Mann, der viel erreicht hat, der zu Geld gekommen ist, der viele Mitarbeiter hat, eine gute Frau, zwei Kinder – und eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Auch ehrenamtlich ist er tätig als engagiertes Mitglied bei  einer großen wohltätigen Vereinigung von wohlhabenden Menschen für Ärmere. Aber eines Tages stellt sich heraus: die Ehe des Mannes ist eigentlich schon länger brüchig geworden; er hatte sich vor allem um seine Karriere gekümmert, sie hatte zwar den damit verbundenen Wohlstand genossen, sich aber innerlich immer weiter von ihm entfernt. Sie leben mehr oder weniger getrennt nebeneinander – und sorgen sich gemeinsam um die Kinder. Er spürt die Distanz zu seiner Frau, fühlt sich emotional unausgelastet und sucht sich eine Geliebte. Die Sache fliegt auf. Die Ehe geht in die Brüche. Er zieht zuerst bei seiner Geliebten ein. Die Kinder, in der Pubertät, leiden sehr unter der Trennung. Ihre schulischen Leistungen gehen runter, sie verbünden sich gegen den Vater – und wollen nichts mehr von ihm wissen. Der Mann lebt sein Leben weiter, immer noch im Streben, beruflich noch mehr zu erreichen. Die Scheidung zur ersten Frau läuft. Aber auch die Beziehung zur neuen Freundin ist nicht stabil. Er lebt allein. Sein Unternehmen gerät in eine Krise. Er muss Mitarbeiter entlassen und fühlt sich schließlich einsam und leer. Es folgt ein Zusammenbruch und er sinkt in die Depression. Die Welt erscheint ihm sinnlos. Er hat keine Lust und keine Kraft mehr, morgens aufzustehen. Wofür auch? Wofür leben? Wofür sich abarbeiten? Was bringen Geld und Macht und Ansehen – wenn da niemand ist, der sich zuhause mit ihm darüber freut? Und er glaubt nun: Es gibt eigentlich gar keinen wirklichen Sinn. Eigentlich ist alles nur selbst ausgemacht und ausgedacht: „Sinn ist, was wir für sinnvoll halten. Und wenn wir darin scheitern, oder uns getäuscht haben, dann ist tatsächlich alles sinnlos.“ Wenn sich das als nichtig erweist, wofür wir am meisten Kraft aufgewendet haben, dann ist auch der Kraftaufwand sinnlos, dann ist Leben sinnlos. Der Gedanke an Suizid liegt ihm nahe. Und er wird ihm lange nicht aus dem Kopf gehen….

Im Anfang…..

In diese Geschichte hinein, liebe Schwestern und Brüder, hören wir heute noch einmal den berühmten ersten Satz aus dem Weihnachtsevangelium von heute. „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Der Evangelist Johannes schlägt damit eine Brücke zu den allerersten Worten der Bibel: „Im Anfang, heißt es im Buch Genesis „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde“. Und wenn wir dort weiterlesen, dann hören wir, dass Gott die Welt durch sein Sprechen, durch sein Wort geschaffen hat. Immer wieder heißt es: „Gott sprach und es wurde“. „Gott sprach: Es werde Licht und es wurde Licht“, zum Beispiel. Johannes wird uns dann in seinem Evangelium die Geschichte von Jesus erzählen – aber er stellt sie hier in den Kontext der gesamten Schöpfungsgeschichte. „Im Anfang“ handelt nämlich auch vom Paradies, vom heilen Anfangszustand der Schöpfung, von der selbstverständlichen Harmonie zwischen Gott und seinem Lieblingsgeschöpf, dem Menschen. Im Anfang geht Gott wie selbstverständlich in dem Garten umher, in den er den Menschen gesetzt hat. Und der Mensch ist der Hüter dieses Gartens, eine priesterliches Wesen also, das zwischen Gott und der Schöpfung steht und die Güte Gottes in die Schöpfung hinein vermittelt. Der Mensch gibt den Lebewesen Namen, heißt es. Er erkennt also ihr Wesen, er lebt in inniger Verbindung mit ihnen – und lebt ebenso innig mit dem Schöpfer. Der Mensch ist daheim, ganz daheim und Gott ist bei ihm daheim.

Die Welt ist voller Sinn

Und in diesem Anfang war nun „das Wort“, so hören wir heute. Im griechischen Originaltext steht dafür das Wort „Logos“ und das bedeutet so viel! Es bedeutet zum Beispiel auch Vernunft, es bedeutet Lehre, es bedeutet Sinn, es kommt in all unseren Disziplinen vor, die auf „logie“ enden:  vor, die Biologie, Geologie, die Theologie und so viele mehr. All dieses Logos-hafte, dieses Worthafte will uns sagen: Die Welt, die ganze Schöpfung ist nicht einfach dumpfe Masse, die uns zur Verfügung steht. Sie ist in sich selbst sinnhaft, sinnvoll, worthaft und daher erkennbar. Liebe Schwestern und Brüder, jeder Naturwissenschaftler setzt dieses selbstverständlich voraus. Er erforscht die Natur unter der Voraussetzung, dass er in ihr Gesetzmäßigkeiten erkennen kann, die schon da sind, die der Natur eingegossen sind – eben weil auch sie erkennbar ist, sinnvoll, logoshaft ist. Und wie ist das nun mit dem Menschen? Der Mensch ist aus demselben Logos geschaffen, und ist mit einer Vernunft begabt, die das Wahre und das Gute erkennen kann – und die es dann auch verwirklichen kann. Eine heile, die ungebrochene menschliche Vernunft erkennt die innere Ordnung Gottes, die Ordnung der Wahrheit und der Liebe.

Der Sündenfall: Ich bin selbst der Sinngeber

Aber, liebe Schwestern und Brüder, zwischen diesem lichten, logoshaften Anfang der Schöpfung und dem Kommen des Erlösers, dazwischen liegt das, was wir den Sündenfall nennen. Oder nennen Sie es einfach: die innere und äußere Entfernung der Menschen von Gott. Die Welt ist seither dunkler geworden. Und die tiefen bildhaften Erzählungen der Bibel schildern diesen Sündenfall als das Essen vom Baum der Erkenntnis, vom Baum des Logos. Und ich meine, man kann es so deuten: Seit der Mensch davon gegessen hat, misstraut er Gott und seiner Ordnung von Liebe und Wahrheit. Und der Mensch denkt sich: „Womöglich gönnt mir Gott auch gar nicht, dass ich so werde wie er. Also nehme ich mir die Frucht einfach. Ich nehme mir den Logos also selbst zu eigen. Ab jetzt gilt das als sinnvoll, was ich selbst für wahr und gut halte. Ich bin der Maßstab meines Denkens und Handelns, ich befinde über die Welt und setze mir die Ziele, die zuerst einmal mir nützen. Das ist mein Logos, mein Sinn, dem ich dem Ganzen abgewinne und ihm auch noch selber gebe.“ Der Mensch, der sich von Gott abgewendet hat, neigt also dazu, auch außerhalb seiner Ordnung zu leben; er neigt dazu sein eigenes Maß der Dinge zu sein. Sicher, er lebt Kompromisse mit den anderen, die auch noch da sind, und versucht sich zu arrangieren, oder man versucht gemeinsame Sinngebung, die dann oft auch wieder nur gruppenegoistische Sinngebung ist. Denn im Grunde dreht sich alles um den Menschen und seine eigene Sinnstiftung – unabhängig von der Gottes.

Ein Licht, das schon da ist

Doch es kann nun sein: Wenn einer scheitert in seinen Versuchen der Sinngebung. Und wenn er dann sehr tief fällt, wenn er zum Beispiel wie der verlorene Sohn im Gleichnis am Ende mutterseelenallein im Schweinestall sitzt – und er nicht mal mehr dort zu essen bekommt; wenn ihm alle vermeintliche eigene Macht zur Sinngebung zwischen den Händen zerfällt, wenn alles dahin ist – dann ist es möglich, dass in ihm auf einmal ein Licht aufleuchtet, das schon da ist. Ein Licht, das von der ursprünglichen Heimat erzählt. „Ein Licht, das die Menschen erleuchtet“, wie es heute im Evangelium heißt. Es erleuchtet sie von innen her. Der verlorene Sohn erinnert sich in der Depression des Schweinestalles tief in sich an die frühere, treue Zuwendung seines Vaters, bei dem er es doch besser hatte. Und er macht sich demütig auf den Rückweg in die Versöhnung. Und ja, das ist die Wahrheit, liebe Schwestern und Brüder: Ohne wirklich Reue, ohne Umkehr, ohne die Anerkennung, dass Gott wirklich Gott ist und nicht ich selbst – ohne die gibt es keinen Zugang zu dem, was Jesus das Reich Gottes nennt.

Das Wesentliche kann man nicht selbst machen

Liebe Schwestern und Brüder, im heutigen Evangelium haben wir dann auch den berühmten Satz gehört: „Und das Wort ist Fleisch geworden – und hat unter uns gewohnt.“ Warum ist Jesus, der Logos, das Wort selbst, zu uns gekommen? Warum ist Weihnachten geworden? Damit wir erkennen, dass letztlich aller Sinn, alle Liebe, alles Leben von Gott geschenkt wird – und nicht von uns gemacht werden kann oder gekauft werden muss. Es kann gefunden werden, entdeckt werden, es kann angenommen, es kann gepflegt werden, es kann durch unsere Mitwirkung wachsen – aber es kann nie einfach selbst produziert werden. Und eigentlich wüssten wir das doch tief in unserem Herzen. Wir wüssten doch, dass man Liebe oder echte Freundschaft oder Vertrauen nicht einfach kaufen und nicht machen kann. Wir erkennen doch, dass bei dem, was im Leben am allerwichtigsten ist, im Grunde alles Geschenk ist, alles Gabe ist, die wir nur dankbar annehmen und pflegen können.

Die Rettung: Niederknien vor dem Kind in der Krippe

Und so ist es mit Weihnachten. „Das Wort ist Fleisch geworden – und hat unter uns gewohnt“. ER, der Sinn von allem ist zu uns gekommen, damit wir lernen, dass unser Leben schon sinnvoll ist, bevor wir etwas geleistet oder gemacht haben – und dass es immer sinnvoller wird, je mehr wir ihn, Jesus, und die anderen Menschen lieben lernen und in der Wahrheit leben, dass der Sinn von allem letztlich von Gott kommt. Aber ja, dazu braucht es Herzen, die innerlich arm sind, die ihre Selbstherrlichkeit niederlegen – und die vor dem Kind in der Krippe ehrlich niederknien und es anbeten und annehmen können. Für den Mann, den ich eingangs geschildert habe, wäre genau das, glaube ich, wirklich die Rettung, das demütige Niederknien vor dem eigentlichen Sinngeber, das Gehenlernen an der Seite des Kindes, das innere Wachsen und Reifen und Heilerwerden im Vertrauen auf Jesus. Schon mehrmals durfte ich so einen Weg wirklich bei Menschen erleben – und damit auch die Wahrheit sehen, dass Gottes Heil wirklich nahe ist. Und von dort gewinnt auf einmal auch so viel anderes in der Welt wieder an Schönheit und neuem Sinn, weil wir sehen dürfen, dass das Licht der Welt von IHM und nicht zuerst von uns kommt. Oder wie es Papst Franziskus sagt: Mit Jesus kommt immer und immer wieder die Freude. Frohe Weihnachten Ihnen allen. Amen.

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