Der Rausch und die Erfahrung des Geistes

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Pfingstpredigt 2020 – übertragen aus der Andreas-Kapelle am Passauer Dom.

Liebe Schwestern und Brüder,

heute möchte ich mit Ihnen zu Beginn über den Rausch nachdenken, nicht weil zur Zeit unsere Volksfeste ausfallen. Ich komm darauf, weil am Ende unserer Lesung über die Pfingsterzählung bei einigen Spöttern ein Verdacht aufkommt. Sie erleben die Jünger, die da voll des Geistes in vielen Sprachen verstehbar sind – und sie sagen: Die sind doch betrunken! Hat also der Rausch vom süßen Wein etwa Ähnlichkeit mit dem, was Gottes Geist in uns wirken will und kann? So dass sie beides miteinander verwechseln können? Und deshalb möchte ich uns fragen, was macht denn für uns Menschen den Rausch manchmal so anziehend, für manche sogar so anziehend, dass sie süchtig werden nach dem Rausch?

Drei Kennzeichen der Sehnsucht nach Rausch

Ein erstes Moment ist glaube ich, der Wunsch sich einfach mal gehen lassen zu können, sich einfach zu überlassen, sich nicht permanent kontrollieren zu müssen, nicht dauernd denken müssen: Was sage ich, wie wirke ich, was wird jetzt von mir gefordert? Sondern einfach sein dürfen und sich dabei auch selbst mal vergessen können. Ohne alle diese echten oder vermeintlichen Anforderungen an mich selbst. Eine Art ersehnter Kontrollverlust also

Ein zweites Moment: den Raum des Alltäglichen, des Öden, des Spannungslosen, des Immer-gleichen verlassen können. In eine andere Wirklichkeitserfahrung eintauchen können, wo irgendwie mehr geboten ist.

Ein drittes Moment in mancher Rauscherfahrung: Ungehemmt Gemeinschaft erleben, das Miteinander ohne seltsame Blockaden und Etiketten und gegenseitiges Vergleichen; sich einfach aufeinander einlassen können, vielleicht sogar ein aufregendes spontanes sexuelles Abenteuer erleben dürfen, das manche Langeweile mit dem allzu bekannten Zuhause versüßt.

Die Jünger: Kontrolliert oder frei?

Liebe Schwestern und Brüder, ist in solchen und ähnlichen Phänomenen des Rausches etwas vergleichbar mit dem, was der Heilige Geist am ersten Pfingsten gewirkt hat? Wie ist das zum Beispiel mit der Kontrolle vor einem öffentlichen Auftritt, wie die Jünger ihn hier haben? Würden wir nicht alle aus einem sehr natürlichen Interesse darauf achten, dass wir gut rüberkommen, dass wir alles richtig machen und sagen, dass wir so viel wie möglich selbst in der Hand haben? Aber offensichtlich erleben die Menschen die Jünger so ganz anders, so frei, so authentisch, so wenig inszeniert, so ohne Angst! Ist es nicht so, dass sie diese Form von Kontrolle aus der Hand gegeben haben – und einfach davon sprechen, was ihnen über den auferstandenen Jesus aus dem Herzen kommt? Und ein Verstehen bei den Zuhörern gibt es dann offensichtlich auch nur bei denen, die ihnen ebenfalls mit einem einigermaßen offenen, interessiertem Herzen entgegen kommen. Die anderen, die in distanzierter Skepsis außen vor bleiben und spotten – die verstehen nichts. Die sehen nur Ähnlichkeit mit dem Rausch. Aber der Unterschied zur Spontaneität im Rausch wäre wohl der: Ein Mensch, der im Rausch handelt und sich danach nüchtern noch einmal sehen würde, würde sich über sich selbst zutiefst schämen. Ein Mensch, der erfüllt vom Heiligen Geist spricht und handelt, würde danach eher erstaunt und verwundert sein darüber, wie frei, lebendig, authentisch er dabei war.

Im Alltäglichen den Geist erfahren

Der zweite Punkt: Den Raum des Alltäglichen, Öden, immer Gleichen mal verlassen wollen, Eintauchen in ein anderes Erleben. Nun, ein glaubender Mensch, ein Mensch des Geistes Gottes wird ein Mensch sein, der mitten im Alltäglichen verbunden sein kann mit der tieferen Wirklichkeit. Wir haben vor dem Evangelium eine berühmte Pfingstsequenz gesungen. Darin lautet eine Zeile über die Wirkung des Gottesgeistes: „In der Arbeit schenkst du Ruh‘, hauchst in Hitze Kühlung zu, schenkst Trost in Leid und Not“. Hier ist immer wieder dieses „in“, mitten „im“ Alltäglichen, in der Plackerei, auch in Schmerz und Leiderfahrung – und eben nicht daneben oder woanders! Der Mensch des Geistes hat einen Zugang, der ihm diese konkrete Lebenswirklichkeit nicht einfach langweilig, anstrengend oder nichtssagend sein lässt. Er bleibt in der inneren, liebenden Verbindung mit dem Herrn, der uns zugesagt hat, bei uns zu bleiben. Mehr noch: Wir wissen von großen Heiligen, wie beispielsweise Anna Schäffer, die viele Jahre krank ans Bett gefesselt war, dass sie gerade in solchen Situationen des Leidens innerlich tief gereift sind – durch die Verbundenheit mit Christus in seinem Geist. Jesus sagt im Johannesevangelium, wer aus dem Geist lebt, wird nie mehr Durst haben. Das heißt, so ein Mensch ist geheimnisvoll dort angekommen, wo der Sinn, die Tiefe, das Leben schon in dieser Welt da sind. Und so ein Mensch muss deshalb auch nicht mehr das Außergewöhnliche, den Rausch suchen. Auch weil er weiß, dass der Kater nach dem Rausch erst recht offenbart, dass die Flucht in den Rausch am Ende noch viel öder und banaler ist, als die konkrete Wirklichkeit. Die Jünger bleiben im Hier und Jetzt und sie gehen in dieser Haltung des Bleibens hinaus in die konkrete Welt der Menschen – oft gerade in deren Not. Und sie weisen dann mit ihrem ganzen Leben auf die so trostreiche Gegenwart Gottes und seines Geistes hin: mitten im Hier und Jetzt.

Ungehemmte Gemeinschaft: Brüder und Schwestern

Und der dritte Punkt: Der Wunsch nach ungehemmter Gemeinschaftserfahrung, nach tiefer Begegnung und Berührung. Vielleicht haben Sie das auch schon einmal erfahren: Wer innerlich frei und wahrhaftig wird, durch die Erfahrung des Geistes Jesu, der wird auf geheimnisvolle Weise tief beziehungsfähig mit so vielen und für so viele. Der vermag andere Menschen an sich heranzulassen, sich von ihnen berühren zu lassen. Der vermag manchmal sogar manchen Knoten im Herzen anderer zu lösen, so dass sich der andere dann selbst öffnen kann für den Geist, aber auch für die Begegnung untereinander. Und es findet spontan und frei Begegnung statt. Ich hab ja schon oft gesagt, dass unsere christliche Anrede als Schwestern und Brüder nicht einfach nur frommes oder gar pseudofrommes Gerede ist. Diese Anrede speist sich vielmehr aus der Erfahrung, dass die eigentliche Wirklichkeit, die uns in der Kirche zusammenführt Gottes Geist ist; ein Geist, der uns hilft, in echte Gemeinschaft zu finden, in eine Freiheit und Offenheit, die uns anders miteinander verbunden sein lässt als weltliche oder biologische Bande es könnten. Freilich, der Verdacht, dass „meine Brüder und Schwestern“ nur frommes Gerede ist, hängt auch damit zusammen, dass wir uns so schwer tun, das auch wirklich zu glauben, was da von Pfingsten und vom Geist erzählt wird. Und deshalb ist es so wichtig, dass wir Zeuginnen und Zeugen haben, die uns diese Wirklichkeit erschließen, die uns mit ihrem Leben die Wahrheit von der Gegenwart des Geistes zeigen: So dass wir spüren: in der Nähe dieses Menschen, da erfahre ich, dass etwas anders ist, da erfahre ich Lebendigkeit, Tiefe, Offenheit, und eben auch Angenommen-sein in Gemeinschaft

Die Sucht nach Rausch und die Kehrseite Sehn-Sucht

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht sehen wir nun klarer, dass der Rausch schon in manchen Punkten irgendwie Ähnlichkeit hat mit der Geisterfahrung, aber letztlich doch nur verzweifelte Flucht ist. Oder wir sehen, dass die Sucht nach dem Rausch doch nur die Kehrseite der verzweifelten Sehn-Sucht nach dem Geist Gottes ist oder nach tieferer Freiheit, nach mehr Sinn, letztlich nach Erlösung.

Plötzliche Geisterfahrung

Und die Erfahrung des Geistes für jeden von uns kann auf vielerlei Weisen geschehen. Ich teil es mal grob in zwei Weisen ein. Da ist einmal das spontane, oft plötzliche tiefe Berührt-werden oder Erfüllt-werden, zum Beispiel in einem lebendigen Gottesdienst; oder einer intensiven Gemeinschaftserfahrung, oder im Überwältig-werden von der Schönheit der Schöpfung oder der Kunst; oder im Berührt-werden durch eine Tat hingebungsvoller Liebe. All das kann in mir etwas hervorrufen, was mich spontan in die Freude, in Dank, in Lebendigkeit, in eine Art persönliches Pfingsten führt. Oder auch in einen wirkungsvollen Impuls für Umkehr, für Reue, für Lebensveränderung. Das ist das eine.

Kontinuierliche Geisterfahrung

Und dann ist da die andere Weise, die weniger plötzlich, sondern eher kontinuierlich ist. Das ist die ständige Mitarbeit mit dem Geist Gottes in mir selbst, der mir helfen will zu wachsen und mich zu verändern, der mir helfen will, ein tieferer, reiferer Mensch zu werden. Und dazu gehört aber notwendig das Gebet, die Stille, der Umgang mit dem Wort Gottes, der bewusste Empfang der Sakramente. Fragen wir uns: Wieviel Gelegenheit geben wir selbst dem Geist Gottes jeden Tag in uns zu wirken? Und zwar so, dass wir nicht einfach nur Sprechende sind, sondern auch Hörende, Spürende, Antwortende? Liebe Schwestern und Brüder, ich bin überzeugt: Ohne tägliches Gebet, Stille, Schriftlesung tut sich der Geist schwer, in uns zu wirken. Und dazu kommt auch unser Dienst im Leben dazu: Der Geist ist in Person die absichtslose Liebe, die wirklich den anderen meint – um seinetwillen. Gibt es in unserem Leben solche Momente absichtsloser Liebe für den anderen oder für einen Dienst für die anderen? Auch hier wirken wir mit den Impulsen des Geistes mit oder wir verweigern uns. Aber gerade so ein Weg des Mitwirkens im Hören und in der Liebe macht uns dann auf Dauer zu Menschen, die keinen Rausch mehr brauchen, die innerlich frei sind, offen, friedvoll, demütig, dankbar, gütig zu anderen.

Corona und die hoffnungsvollen Menschen

Liebe Schwestern und Brüder, wir gehen jetzt am Ende der Osterzeit in die kirchliche Alltagserfahrung über. Ich wünsche Ihnen und uns allen von Herzen, dass wir von diesem Pfingstfest wirklich berührt werden. Und dann auch, dass wir in unserem Alltag, wo wir auch sind, dem Geist immer wieder Raum geben – auf dass wir mehr und mehr pfingstliche Menschen werden. Denn gerade die Corona-Zeit und die Nach-Corona-Zeit braucht solche pfingstliche Menschen voller Hoffnung, voller Freude, voller Geist. Amen.

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