Der Weg meiner Suche als Weg im Advent: Wahrheit, Freiheit, Liebe

In Glauben erklärt, Verschiedenes von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Auf Instagram habe ich die vergangenen vier Adventssonntage als einen Einblick in die Suche nach meiner Berufung geschildert, genauer die Fragen nach Wahrheit, Freiheit und Liebe gestellt – und mit jeder Adventskerze einen weiteren Baustein dazugelegt: Hier sind die Texte zum Nachvollziehen:

Im Advent gehen wir auf Jesus zu – auf sein Kommen, seine Geburt. Aber was genau heißt sein Kommen für uns, für Dich und mich? Wie erfüllt sich die Verheißung von Weihnachten, dass das Kind ein Erlöser ist? Von was soll ich denn erlöst werden und für was?
In meinem eigenen Leben gab es jedenfalls eine Zeit, da war ich entschlossen, ganz ehrlich nach der Wahrheit zu suchen. Gibt es sie? Und wie zeigt sie sich? Das wollte ich wissen. Und ich hatte Sehnsucht nach Freiheit, weil ich gespürt habe: Freiheit ist vielmehr als nur Machen-können-was-ich-will. So viel mehr! Aber wo ist sie zu finden? Die tiefere Freiheit? Und ich wollte schließlich wissen, was Liebe ist. Alle Welt redet davon, jeder meint es zu wissen, weil jeder irgendwie, irgendwen, irgendwas liebt – oder scheinbar liebt! Und doch erlebt man gerade hier die fürchterlichsten Enttäuschungen, Verletzungen, Fehlentscheidungen. Was also ist Liebe, die mehr ist als das, was alle Welt für Liebe hält? Ich hab ehrlich gesucht – und Ihr ahnt es: Ich bin auch angekommen. Jesus ist die Antwort. Aber wie geht das? Wie gibt es ein ehrliches Ankommen bei ihm?
Die nächsten drei Adventssonntage bis Weihnachten hin, werde ich versuchen, Schritt für Schritt etwas dazu zu sagen. Auch wenn das Innerste dieser Erfahrung, sozusagen die letzte Tür vom Adventskalender am 24. Dezember, eigentlich unsagbar ist! Gesegneten Advent Euch allen

Ihr erinnert Euch? Am ersten Advent htte ich über den Beginn meiner Suche geschrieben. Wahrheit, Freiheit, Liebe… Was ist das? Hier etwas zur Wahrheitssuche: Ich hatte mich in ein Studium der Philosophie eingeschrieben – um die Wahrheit zu erkennen. Alle möglichen Richtungen gibt es da – und alles andere als Einheit. Aber die Suche in der antiken Philosophie hatte mir dann folgendes gezeigt: Die alten Griechen (Platon besonders) sehen die Wahrheit als unveränderliche „Idee“, als etwas Geistiges, Ideales das wir erkennen können, wie z.B. Gerechtigkeit oder Frieden. Wir haben eine Idee in unserem Geist von Gerechtigkeit, auch wenn wir sie in dieser Welt immer nur unvollkommen finden. Die Römer dagegen halten Wahrheit für etwas Machbares, etwas, das funktioniert im Handeln, sehr pragmatisch, konkrete „Sachen“. Die Römer gehen mit „Sachen“ um, sie bauen Straßen und Aquädukte und organisieren die Welt nach dem, was real möglich ist, eben was funktioniert. Und die Juden schließlich denken Wahrheit als „Treue“, als Wahrhaftigkeit. Das hebräische Wort für Treue ist aus derselben Wortwurzel wie das für Wahrheit. Sie denken also Wahrheit eher als Beziehungsqualität. Drei verschiedene Zugänge: Wahrheit als Idee, als konkrete Sache und als Beziehung! Und was mich dann wirklich getroffen hat – Jesus sagt: „Ich bin die Wahrheit“! Und er ist es als der Logos im Johannes-Evangelium (Joh 1,1). Man kann nämlich „Logos“ auch als „Wort“ übersetzen oder als „Idee“ oder als „Vernunft“ – also sehr platonisch. Aber dazu kommt: Dieses Wort, diese Idee aus dem tiefsten Herzen Gottes ist „Fleisch geworden“, sehr konkrete, anfassbare Sache (wie die römische „res“, also ganz „real“!) Und schließlich das Beste: Dieser fleischgewordene Logos lebt völlig aus der Beziehung zum Vater, er ist der Treue schlechthin. In Jesus, dem menschgewordenen Gott, wird also die Fülle der Wahrheit selbst anschaubar. Und das hat mich dann wirklich unglaublich getroffen. Ich bin seither völlig überzeugt: Er ist die Wahrheit. Wer, wenn nicht ER?

Ihr erinnert Euch? Am 2. Advent habe ich Euch von meiner Suche nach Wahrheit erzählt – heute geht es um die Suche nach Freiheit. Einer der schillerndsten Begriffe: Jeder will frei sein – und doch spüren wir allzu oft: Wenn Freiheit bedeutet, einfach machen können, was ich will, dann endet sie allzu oft in Trägheit, Willkür oder Abhängigkeit. Solch ein Verständnis von Freiheit ist oberflächlich und neigt dazu, vor allem vordergründige Bedürfnisse zu befriedigen. Tiefere Freiheit erfahre ich dort, wo ich einfach sein darf. Wo ich spüre: Das, was ich gerade will und suche, das stimmt überein mit den Tiefenschichten meines Lebens, mit mir als Person. Die Erfahrung von tiefer Freude etwa, die Fähigkeit, sich selbst zu vergessen, sich ganz einzulassen auf eine Person, eine Tätigkeit, im Hier und Jetzt. Da erfahre ich Freiheit. Und je länger ich gesucht habe, desto mehr merkte ich: Sich in Freiheit loslassen können setzt voraus, dass ich getragen bin. Denn ich fühle mich gerade dort frei, wo mich Menschen einfach annehmen und gern haben, so wie ich bin. Sie haben ein Herz für mich, sie öffnen sich für mich und ich darf sein. Gute, reife Beziehungen tragen, daher würde ich sagen „Freiheit ist man selbst sein dürfen und man selbst werden dürfen – im Herzen einer anderen Person“. Aber nun ist die Schwierigkeit: Wir sind nicht immer reif, unser Herz ist nicht einfach immer nur so, dass es trägt, sondern oft auch so, dass es klammert, dass es besitzergreifend ist. Und es stimmt: Manche Beziehungen machen erst recht unfrei. Daher braucht auch jedes Herz Heilung, damit sich Beziehungen in Freiheit und Verantwortung entfalten können. Und so konnte ich wieder einen Schritt weiter gehen und schließlich ankommen: Denn das liebesfähigste, weiteste Herz, das ich kenne, ist das Herz Jesu. Bei Ihm ankommen, in pesönlicher Beziehung mit Ihm leben lernen, heißt erst in der Tiefe frei werden. „Wenn euch also der Sohn befreit, seid ihr wirklich frei“, sagt Jesus im Evangelium (Joh 8, 36). Deshalb bedeutet existenzielle Freiheit für mich seither: „Im Herzen Jesu ich selbst sein und immer mehr ich selbst werden dürfen.“

Heute am vierten Advent noch ein Einblick in meine persönliche Suche und mein Ankommen beim Herrn. Ihr erinnert Euch: Es ging die letzten Male um Wahrheit und Freiheit – und heute geht es eben um Liebe. Alle Welt scheint zu wissen, was Liebe ist – aber in aller Welt scheinen die Menschen auch immer und immer wieder daran zu scheitern – am Versuch zu lieben. Warum tun wir uns so schwer mit unseren Beziehungen, die zugleich wahrhaftig sein sollen und frei und verantwortlich und verbindlich? Warum erkaltet Liebe, warum lässt Leidenschaft oft nach? Warum klammern wir oder sind eifersüchtig? Warum vertrauen wir oft so wenig? Weil wir verwundete Herzen haben! Und egoistische. Und weil wir Hormonwallungen oft allzu schnell für Liebe halten. Und zugleich spüren wir: Wir alle brauchen Liebe, damit Leben gelingt. Liebe, die gibt und Liebe, die empfängt. Ohne die Fähigkeit zu lieben, bleiben wir innerlich unlebendig. Aber noch einmal: Wo gibt es sie? Bei dem englischen Schriftsteller C.S. Lewis habe ich einmal den folgenden Gedanken gefunden: „Wenn Du einmal einem echten Christen begegnest, machst Du die folgende Erfahrung: Er liebt Dich mehr und er braucht Dich weniger!“ Schön, nicht wahr? Und ich habe im Glauben verstanden: Der vollkommen Liebesfähige war Jesus – Er hat mehr geliebt als jeder andere – und die Menschen weniger „gebraucht“, weniger benutzt als jeder andere. Er war in sich der ganz Freie, der Liebende – völlig getragen aus der Liebe des Vaters. Am Kreuz wird es vollends sichtbar: Hier stirbt die absichtslose, göttliche Liebe für uns – sie zwingt niemanden, aber sie sehnt sich nach unserer Antwort. In IHM lernen wir, freier zu lieben. Daher beten wir heute, am 4. Advent: Komm, Herr Jesus, und mach uns frei, mach uns zu Menschen, die wahrhaftig sind und liebesfähig – und Dir ähnlicher werden.

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