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Die Erniedrigung, die alles verändert

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Gründonnerstag 2017: Eucharistie und Fußwaschung von 12 Personen: Menschen mit Beeinträchtigungen und Menschen, die sich in der Ökumene engagieren (Bild: Kickinger)

Liebe Schwestern, liebe Brüder in Christus,

Jesus weiß, was kommt: Er weiß in seinem Herzen, dass sie ihn gefangen nehmen, foltern und grausam töten werden. Er weiß es. Er hat das System so dramatisch durcheinander gebracht, das System religiöser Strukturen und Gewissheiten, das System der Wissens- und Machtmonopole in der religiösen und politischen Gesellschaft, vor allem in Jerusalem. Er hat ein Herz voll glühender Liebe, die tiefer reicht als alles, was vorher in der Welt da war. Eine Liebe, die vom Vater kommt, der ganz in ihm gegenwärtig ist, eine Liebe, die ihn zugleich hellsichtig erkennen lässt, wie es wirklich um die Herzen der Menschen bestellt ist.

 Grausame Konfrontation

Und Jesus wird zutiefst von innen her geahnt haben, dass es auf eine letzte, auf eine grausame Konfrontation zuläuft. Da ist auf der einen Seite der Drang nach Systemerhalt, nach Machterhalt und nach Selbsterhalt des Einzelnen – auch des religiösen Menschen von damals. Und da ist andererseits seine Gegenwart, die Gegenwart Jesu und seiner Verkündigung. Er sieht, wie notwendig die Menschenherzen es haben, wirklich der Gegenwart des Vaters zu vertrauen, ihn wirklich lieben zu lernen, hineinzufinden in die Versöhnung mit Gott. Mit einem Gott, den Jesus immer nur als Vater kennt und nennt und liebt. Eine Rede, die in den Ohren der damaligen Gläubigen wie Gotteslästerung klingen musste.  Oder wie nur romantische aber bodenlose Emotion; oder wie etwas, das vielen von ihnen völlig fremd war, unverständlich, jenseits ihrer Erfahrung.

 Jesu heilende und bedrohliche Wirkung

Von was sprach er, wenn er vom Himmelreich redete? Von woher kam es, dass die Leute in seiner Rede solche Vollmacht spürten? Was war das, dass von ihm eine solch heilsame, heilende Wirkung ausging? Und zugleich spürten sie, dass die Wirkung nicht nur angenehm heilsam war. Es war auch eine bedrohliche Wirkung, eine, die in die Blöße stellte; eine, die wie ein Vorwurf wirken konnte. Vor allem für alle, die zwar professionelle Religiöse waren, aber so viel armseliger predigten und handelten als er; die sich so viel mehr an Vorschriften und Gesetzen festhalten mussten, um ihre religiöse Autorität sichern zu können. Jesus stellte auch in die Blöße angesichts seiner Klarheit und Reinheit. Die Menschen werden immer mehr gespürt haben: Es gibt zu Ihm nur Entweder-oder, nur Ja oder Nein. Wenn ich mich einlasse, dann geht es nur ganz. Denn er ist einfach so, so radikal, so ganz anders.

 Das Herz braucht Gründe, um ihn abzulehnen

Aber wenn nicht, wenn ich es doch nicht wage, mich einzulassen, dann muss ich ihn ablehnen. Und dann muss ich auch Gründe finden, ihn abzulehnen. Und sie finden sie: Er lehnt sich gegen das Gesetz des Mose auf, werfen sie ihm vor. Er verunreinigt sich durch den Umgang mit Huren, mit Söldnern und anderen Sündern, werfen sie ihm vor. Er ist verrückt, werfen sie ihm vor. Er wiegelt das Volk auf und bringt alles durcheinander, werfen sie ihm vor. Er stammt aus einem Ehebruch, werfen sie ihm vor. Und schließlich: Er ist vom Teufel besessen. Ja, der Teufel muss es sein, sonst könnte er nicht solche Zeichen tun. Liebe Schwestern und  Brüder, wir spüren durch das ganze Neue Testament hindurch: Sie suchen Gründe, wie sie sich ihn vom Leib halten können, Gründe, die verhindern, dass sie selbst ihr Ja zu ihm sagen müssen.

 Wirkliche Verwandlung gibt es nur durch Liebe

Und er? Er weiß, dass Menschenherzen nur durch Liebe geheilt und verwandelt werden, durch Liebe und Wahrhaftigkeit und in Freiheit und nicht durch Zwang. Und so liebte er sie bis zur Vollendung, wie es im Evangelium von heute heißt. Aber diese Liebe ist ein Abstieg, wie er für den Gottessohn radikaler nicht denkbar ist. Seine Liebe kommt nicht von außen durch gewaltsames Eindringen. Sie will jenseits der Gewalt von innen her berühren. Sie will die Schranken der Abwehr durch Dienst überwinden. Sie will sich in ihrer Größe so gering machen, wie es nur geht. Sie beugt sich deshalb heute hinab zu den Füßen der Seinen. Und sie steigt morgen für alle gemartert und getötet hinab ins Reich des Todes. Niedriger geht es nicht. Aber es ist wohl der einzige Weg, der wirklich verwandeln kann. Gewalt bringt das nicht fertig. Machtausübung bringt es nicht fertig. Die Drohung mit Angst schafft keine wirkliche Verwandlung. Wirkliche Verwandlung gibt es nur, wenn das Menschenherz von Liebe berührt wird. So sehr, dass es die in sich eingedrehte Verkrampfung lösen und sich im Vertrauen überlassen kann. Christus heilt durch Liebe, durch Hingabe, von unten nach oben und von innen nach außen. Welche Größe liegt in dieser Entblößung.

Erniedrigung aus Liebe ist schwer zu akzeptieren

Und genau deshalb ist es so schwer, diese Liebe zu akzeptieren, eben weil sie sich so erniedrigt – für uns. Wir sehen das an Petrus und seiner Reaktion: Niemals soll der Meister ihm die Füße waschen! Aber Jesus besteht darauf: Erst wenn du meinen Abstieg wirklich akzeptierst, wenn du verstehst, dass meine Liebe wirklich die Bereitschaft zum Allerletzten ist – und wenn du ja dazu sagst und dich öffnest, erst dann kann ich dir alles von mir geben. Erst dann hast du Anteil an mir.

 Liebe geht aufs Ganze

Als Petrus das hört, will er sich auf einmal ganz waschen lassen, selbst ganz niederbeugen. Aber auch darin missversteht er Jesus noch einmal. Petrus hat ja schon so viel gehört durch das Wort Jesu, er ist schon lange bei ihm gewesen. Aber jetzt geht es darum, dass er bis ins Mark versteht, dass es um Hingabe geht; dass der Erlöser ihm ein Geschenk machen will, dass Petrus aus sich selbst nicht hat; ein Geschenk, das er zunächst noch nicht nachmachen, sondern nur annehmen kann. Dem er sich nur öffnen, nur überlassen kann. Und zwar ohne selbst noch einmal dazu beizutragen, dass die Erniedrigung doch nicht ganz so schlimm aussieht. Nein, die Erniedrigung aus Liebe geht aufs Ganze, jetzt bei der Fußwaschung – und danach umso drastischer am Kreuz.

Ehrfürchtiges Staunen und Schweigen

Liebe Schwestern, liebe Brüder, diese Tage des Leidens Jesu sind für uns immer neu ungeheuer wertvoll. Sie wollen uns tiefer verstehen lassen, dass auch die Teilnahme an der Kommunion nicht einfach ein schneller religiöser Ritus ist. Es ist auch nicht etwas, was man nur vordergründig über die Kategorie „darf ich oder darf ich nicht“ behandeln sollte. Es ist wirklich Teilnahme an Jesu Tod, der ins Leben führt; Teilnahme an seinem Kreuz, Teilnahme an der heiligsten Handlung, die je in der Menschheitsgeschichte vorgekommen ist; es ist Teilnahme am Durchbruch in ein neues Leben. Immer neu. Jesus führt uns immer neu seine Erniedrigung vor Augen – und sagt jedem, der sich darauf einlässt: Ich mach es wirklich für Dich aus Liebe! Damit in Deinem Herzen etwas von meinem Geist lebendig wird, vom Geist meiner Liebe, vom neuen Leben. Liebe Schwestern, liebe Brüder, das ist so groß, dass wir oft nicht anders können als es im ehrfürchtigen Staunen und Schweigen zu betrachten – in der Hoffnung, dass unser ganzes Herz wirklich auch immer mehr sein ganzes Ja dazu sagen kann. Amen.

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