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Segensfeiern statt Trauungen? Nur als Verlobung!

In Verschiedenes, Wortmeldungen von Bischof Stefan Oster SDB1 Kommentar

In einem Interview mit der Deutschen Presseagentur habe ich mich kürzlich dafür ausgesprochen, darüber nachzudenken, ob man heute manchen Paaren nicht eher Segensfeiern anbieten sollte, bevor man eine sakramentale Trauung feiert. Darauf gab es sehr viele, sehr unterschiedliche Reaktionen, von enthusiastischer Zustimmung bis völliger Ablehnung. Ich möchte kurz präzisieren, was ich gemeint habe. Und dabei vor allem betonen, dass eine solche Segensfeier im Grunde nur hin geordnet sein kann auf die sakramentale Ehe und z.B. als Verlobung begangen werden kann. Jede Ausweitung in Richtung von Segensfeiern, die als Alternative nur neben der sakramentalen Ehe stehen würden und nicht auf sie hin geordnet wären, würde eher Verwirrung stiften und am Ende Beliebigkeit fördern. Ich räume aber gerne ein, dass meine spontane Reaktion auf die Frage des Interviewers in Richtung einer Alternative zwischen „Segnung“ und „Sakrament“ gedeutet werden konnte.

Aushöhlung der Sakramentenpastoral

Der Grundgedanke war inspiriert von einem Vorschlag, den der bekannte Freiburger Theologe Gisbert Greshake schon vor einigen Jahren gemacht hat (vgl. G. Greshake, Priester sein in dieser Zeit, Würzburg 3. Aufl. 2010, 269ff). Die Sakramentenpastoral, die ursprünglich aus volkskirchlichen Strukturen erwachsen ist, verliert in der pluralen und säkularen Gesellschaft nach und nach an Glaubwürdigkeit und leidet an innerer Aushöhlung. Das erleben wir im Grunde vor allem bei Taufe, Erstkommunion, Firmung und Trauung, die noch von einem großen Teil der Kirchenzugehörigen gesucht, aber eben inhaltlich kaum mehr mitvollzogen werden. Wenn wir sie dennoch feiern, verflachen sie folglich mehr und mehr. Greshake schlug daher vor, um die Sakramente zu stärken, diese in einer ernsthaften und intensiven Vorbereitung für diejenigen zu begehen, die wirklich auch innerlich mitgehen wollen. Die nicht nur ein schönes Fest feiern, sondern auch die Verbindlichkeiten als Gläubige, die aus den Sakramenten erwachsen, dankbar und ernsthaft leben wollen. Den anderen könne man gerne eine Feier anbieten, in denen ihnen der Segen und das Wohlwollen Gottes zugesprochen würde.

Die Ehe als Berufung!

Mir scheint diese Spannung zwischen Verflachung und gläubiger Verbindlichkeit gerade beim Sakrament der Ehe besonders ausgeprägt. Wir sprechen nämlich spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil von der Berufung zur Ehe (vgl. etwa das Konzilsdokument Gaudium et Spes, 47-52). Und davon, dass die Eheleute mit dem Geschenk der Berufung auch eine Sendung in Kirche und Welt haben und bewusst übernehmen. Sie sollen Zeuginnen und Zeugen dafür werden, dass sie als Eheleute lebendiges Abbild des Bundes zwischen Christus und seiner Kirche (Eph 5,32) sind – und sie sind auch in dieser Lebensform zur Heiligkeit berufen, sagt das Konzil! Und alles das ist weit mehr, als eine Serviceleistung der Kirche für ein schönes Fest zu beanspruchen. Es ist das Hineinfinden und Leben in einer gemeinsamen Berufung und Sendung aus dem Glauben an die Gegenwart des Herrn in seiner Kirche und in ihrer Ehe und Familie. Nur als Hinweis: Die Kirche prüft und begleitet auch die priesterliche Berufung eines jungen Mannes. Weil die säkulare Kultur aber eine große Herausforderung für einen solchen Weg ist, hat z.B. die Kirche in Deutschland für die Priesteramtskandidaten ein zusätzliches ganzes Jahr (!) des so genannten Propädeutikums eingeführt, eine Art grundlegende Einführung in den Glauben, ehe sie dann ins Theologiestudium geschickt werden. Obgleich nun die Berufung der Menschen zur Ehe in der säkularen Kultur nicht weniger unter Druck ist, ist es uns bislang nicht gelungen, verbindliche Standards für alle einzuführen.

Die pastorale Wirklichkeit

Gleichzeitig machen sehr viele unserer Priester die schwierige Erfahrung, dass z.B. das Anspruchsdenken bei den eher Glaubens- und Kirchenfernen aber immer noch Kirchenzugehörigen wächst: „Wir wollen in der Kirche heiraten, schließlich zahlen wir auch Kirchensteuer – und wir wollen dann, dass es so abläuft, wie wir es uns vorstellen,“ so oder ähnlich lautet der Anspruch von nicht wenigen, die nach einer kirchlichen Trauung fragen. Dazu kommt:  Natürlich ist uns bewusst, dass die Allermeisten, die sich als Brautpaare anmelden, längst so leben, wie es der Glaube der Kirche im Grunde erst für Eheleute vorsieht. Auch das ist schlicht gängiges Verhalten in einer säkularen und liberalen Gesellschaft. Und es ist kaum vermittelbar, dass der Feier des Sakraments im Grunde erst die Beichte vorausgehen müsste, in der genau dieses bereut werden müsste, wenn wir die Zusammengehörigkeit von sexueller Beziehung und Ehe in der Glaubenstradition ernst nehmen. Aber auch diese Thematik wäre – wenn überhaupt – wiederum nur auf einem intensiven Weg der Begleitung und des Gesprächs angemessen vermittelbar. Oder wir wissen, dass nicht mehr allzu viele wirklich bereit sind, einen gediegenen Ehevorbereitungskurs zu machen. Und erleben gleichzeitig das Paradox, dass diejenigen, die die Bereitschaft dennoch haben, es oft eher weniger nötig hätten als die, die gar nicht kommen, aber dennoch eine kirchliche Trauung wollen – und bisweilen fordern. Solche und viele weitere Spannungen zwischen realem Anspruch, realer Gläubigkeit und inhaltlicher Bedeutung kennt im Grunde jeder Priester. Diejenigen Paare, die also die Ehe wirklich im Sinne des Konzils verstehen und deshalb auch als ihre Berufung und ihr Zeugnis leben wollen, sind eine allmählich verschwindende Minderheit.

Papst Franziskus will ein langes Ehekatechumenat

Nun spricht sich gerade Papst Franziskus in „Amoris Laetitia“, aber auch wiederholt in verschiedenen Ansprachen dafür aus, dass es ein „neues Katechumenat“ geben müsste, also eine intensive Vorbereitung, die sich – so der Papst ausdrücklich – nicht nur „in zwei oder drei Treffen“ erschöpft, sondern eine „lange Vorbereitung“ braucht[1]. Und zusätzlich legt der Papst Wert darauf, dass es gerade die Pfarrer sind, denen eine solche Vorbereitung anvertraut ist. Dabei denkt Papst Franziskus auch nicht nur an Vorbereitungskurse von einem oder zwei Tagen, denn eben solch knappe Vorbereitung sieht er in seiner Ansprache kritisch. („But I ask myself, how many of these young people who attend pre-marriage courses understand what “matrimony” means, the symbol of Christ’s union with the Church?“) In einer Kultur der Vorläufigkeit wüssten die meisten nämlich auch dann nicht, dass die Ehe unauflöslich und ein Abbild der Liebe Christi zu seiner Kirche sei. Wir müssten nach Meinung des Papstes deshalb davon wegkommen, nur eine gesellschaftliche Gepflogenheit, ein Konstrukt zu bedienen, sondern eben einen langen Weg der Vorbereitung gehen. Der Papst mutmaßt sogar, dass eben deshalb, weil so häufig nur eine gesellschaftliches Konstrukt bedient werde, viele Ehen ungültig seien.[2] Es geht ihm also um einen längeren, mehrmonatigen Weg der erneuten Glaubensunterweisung mit dem besonderen Fokus auf die Ehe.[3] Und dieser Weg der Brautpaare sollte am besten auch von der Gemeinde, insbesondere von erfahrenen gläubigen Ehepaaren mit begleitet werden. Und er soll auch während der ersten Ehejahre weitergehen.

Schwieriger Weg der Umsetzung

So richtig und wichtig ich diese Weisungen des Papstes halte, so schwierig sehe ich dennoch den Weg der Umsetzung gerade für unsere Pfarrer: Bei immer noch bestehenden volkskirchlichen Verhaltensweisen und Denkmustern und der lange gewährten Praxis, so gut wie jeden, der fragt, ohne größeren Anspruch auch zum Sakrament der Trauung zu begleiten, scheint es kaum möglich, die Gläubigen zu einem intensiveren Katechumenat zu verpflichten. Zudem spricht das Kirchenrecht davon, dass es für die Gläubigen auch ein Recht auf das Sakrament gebe. So stehen die Mitbrüder also in der Spannung zwischen dem hohen Anspruch von der wirklichen Berufung zur Ehe und ihrer Sakramentalität – und dem Verfliegen gläubiger Praxis und der mangelnden Bereitschaft der Paare, für eine solche Erneuerung und Vertiefung wirklich zu investieren.

Die Bischöfe gemeinsam sind gefragt

Würden wir nun wirklich den Standard der Ehevorbereitung so anheben, wie der Papst es sich wünscht und wie es die Sache erfordert, dann würden wohl nur noch wenige mitgehen. Zudem könnte ein solcher Standard wohl nur auf der Ebene einer Kirchenregion oder einer Bischofskonferenz vielversprechend gelingen und etabliert werden, andernfalls wäre auch hier die Wahlmöglichkeit zu leichteren Wegen über Pfarrei- oder Bistumsgrenzen hinweg allzu problematisch.

Die Kirche kennt die Naturehe

Vor diesem Hintergrund habe ich also über den Weg hin zu einer sakramentalen Ehe nachgedacht – und mir die Frage gestellt, ob man nicht Paare, die zwar getauft aber kirchen- und glaubensfern, schon lange zusammenleben, und evtl. auch schon eine Familie sind, nicht segnen könnte. Die Ehe ist ja das einzige Sakrament, das eine analoge Verankerung im natürlichen Bereich hat: Die Kirche kennt und respektiert die so genannte Naturehe, die Verbindung zwischen nicht Getauften. Und sie heißt sie gut, das heißt: Sie betet auch für solche Ehen und Familien und fördert sie. Meine erste Überlegung war nun: Müsste nicht auch die Ehe zwischen glaubensfernen Getauften ebenso betrachtet werden, einfach weil Menschen in unserer säkularen Kultur das tun, was zum Menschsein grundsätzlich gehört: Einen Partner, eine Partnerin suchen und eine Familie gründen!? Wie viele von uns kennen nicht Paare, Familien, die schon lange zusammen sind, die vielleicht als Getaufte aber kirchlich Unverheiratete eine Familie sind – und die dennoch Treue leben, Verlässlichkeit und Liebe? Wie könnten wir einfach sagen, sie leben beständig in schwerer Sünde, wenn sie so weit vom Glauben entfernt sind? Sind viele von ihnen nicht auch im Quasi-Status einer grundsätzlich zu respektierenden Naturehe? Sicher, der Glaube ist aus unserer Sicht „heilsnotwendig“ – und die Entfernung von Gott ist eigentlich erlösungsbedürftig, aber dann bezieht sich eine notwenige Bekehrung eben zuerst auf die Gottes- und Glaubensbeziehung und nicht sofort auf die Tatsache auch des sexuellen Zusammenlebens eines Paares.

Es kann aber keine zwei Modelle nebeneinander geben, nur nacheinander

Inzwischen ist mir aber auch deutlich geworden, dass eine Segensfeier für solche Paare oder Familien zwar möglich ist, aber eben hin geordnet sein muss auf die sakramentale Ehe. Andernfalls stünden kirchlich legitimierte Modelle nebeneinander, die am Ende eher Verwirrung und Beliebigkeit fördern würden als tatsächlich dem Sakrament und dem Glauben zu dienen. Das heißt: Eine solche Segensfeier für Getaufte wäre im Sinne einer Verlobung zu feiern, mit dem Wegcharakter auf die sakramentale Ehe hin.

Das Problem und die geschilderte Spannung zwischen Anspruch und geglaubter Wirklichkeit freilich bleiben. Wenn wir ernsthaft den Weg gehen wollen, den der Papst so deutlich vorschlägt, dann werden viele nicht mehr mit gehen wollen oder können. Das heißt: Es werden viele kirchlich unverheiratet bleiben. Wenn wir ihn allerdings nicht gehen, höhlen wir die Glaubwürdigkeit unseres Verständnisses von Ehe als Sakrament und Berufung weiter aus. Es bleibt also die Aufgabe, vor allem unsere Aufgabe als Bischöfe, nach neuen, ehrlichen und zugleich verbindlichen Wegen zu suchen, die die Priester vor Ort stärken und entlasten in der konkreten pastoralen Praxis. Sicher wird der Weg kein leichter und auch nicht allzu schnell umsetzbar sein. Denn wie sagte der Papst: „Die Ehepastoral ist die schwierigste Pastoral.[4]“ Andererseits: Sie ist auch schön und kann im gelingenden Fall auch tief gehen – sie dient ja dem Leben und der Freude der Liebe!

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[1] http://w2.vatican.va/content/francesco/en/speeches/2017/february/documents/papa-francesco_20170225_corso-processo-matrimoniale.html

[2] http://de.radiovaticana.va/news/2016/06/17/papst_viele_kirchliche_ehen_ungültig/1237927

[3] http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/june/documents/papa-francesco_20160616_convegno-diocesi-roma.html

[4] http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/june/documents/papa-francesco_20160616_convegno-diocesi-roma.html

Kommentare

  1. Baerbel Heidebroek

    Lieber Bischof Oster,
    vielen Dank für Ihre Klarstellung! Ob Ihre Idee in die richtige Richtung weist, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich selbst bin seit 17 Jahren verheiratet, Mutter von 4 Kindern und kann nur sagen, dass ich die Tiefe des Sakramentes bei meiner Trauung bei weitem nicht erfassen konnte. Und ich weiß auch nicht, ob man es zu diesem frühen Zeitpunkt überhaupt erfassen kann. Ich selbst habe Jahre dafür gebraucht, die Tiefe und Bedeutung zu erahnen ……
    Im Gebet verbunden,
    Bärbel Heidebroek

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