Der Allergerechteste stirbt – und alle waren beteiligt!

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt zum Palmsonntag 2017 im Passauer Dom

Liebe Schwestern, liebe Brüder im Glauben,

das ging schnell: vom Jubel für den Messias zur Bereitschaft ihn foltern und töten zu lassen, vom König, dem die Ehre gegeben wird, zur Niedertracht der Verspottung; von der Hoffnung auf höchsten Triumph zur elenden Schmach des Verbrechertodes. Und wer war eigentlich schuld daran? Die Ältesten und Hohenpriester der Juden? Sie wollten ihn wohl töten, haben ihn dafür aber Pilatus übergeben! War Pilatus schuld? Der wäscht seine Hände in Unschuld und übergibt ihn zurück? Waren es die Jünger, weil sie ihn im Stich gelassen hatten? Petrus allen voran? Oder die Soldaten, die ihr grausames Spiel mit ihm trieben und ihn schließlich langsam sterben ließen? Oder die Menge, die sich hat aufhetzen lassen, oder die, die ihn unter dem Kreuz verspotten? Oder Herodes, der sich lustig macht und ihn wieder zu Pilatus zurückschickt? Oder Judas, der Verräter, der sich hat bezahlen lassen, dann aber bereut? Wer ist schuld daran? Ja, am Ende will es keiner gewesen sein! Sie spüren doch alle, dass er unschuldig ist, aber sie wollen ein Exempel statuieren! Und gerade weil es keiner wirklich gewesen sein wollte, waren am Ende alle irgendwie dabei! Am grausamen Tod des Allergerechtesten.

 Was waren die Beweggründe?

Und was waren ihre Beweggründe? Warum haben Sie sich da alle hineinziehen lassen? War es der Neid der Hohenpriester und Ältesten auf einen neuen religiösen Führer? War es ihre Unfähigkeit, seine Wahrhaftigkeit und Liebe zu akzeptieren? War es die Geldgier des Judas? Oder seine Enttäuschung darüber, dass er sich den Messias anders gewünscht hätte? War es die Feigheit der Jünger, die alle davongerannt sind? War es die Neugier und Sensationssucht der Menge, die eine Kreuzigung sehen wollten? Oder war es deren Verführbarkeit? Waren es die Lügen im Prozess von den falschen Zeugen? War es die Hinterlist der Anführer im Prozess, so dass er kein faires Verfahren bekommen hat? War es die Voreingenommenheit der Berufsreligiösen, die behauptet haben, der kann es nicht sein? War es ihre Behauptung, er wiegle das Volk auf? War es die Angst vor einem Umsturz? War es die Menschenfurcht und Schwäche des Pilatus? War es die blanke Bosheit und Mordlust der ausführenden Soldaten? Zu alledem, liebe Schwestern und Brüder, wird man ja sagen können, alle Motive waren dabei und mehr – aber man wird zugleich feststellen, jedes einzelne Motiv reicht nicht! Vielmehr kommt hier alles zusammen.

 Alle Bosheit gegen Ihn

Und ist das nicht seltsam? Es gibt kein einzelnes Motiv und es scheint auch keinen einzelnen Täter, keinen wirklich letztverantwortlich Schuldigen zu geben. Es ist eher so, als würde dieser Allergerechteste, der je auf Erden erschienen ist, den niedersten Beweggründen aller ausgeliefert: Als sammle sich in der Gegnerschaft zu ihm alles, was die Menschheit an Bosheit oder Niedertracht hervorzubringen hat. Es ist, als bringe er, der Gerechte, alles gegen sich auf, was nur aufstehen kann. Und wenn wir ehrlich sind: Ist es nicht oft so, dass ein wirklich guter Mensch, ein von innen leuchtender, von anderen nicht selten als lebendiger Vorwurf aufgefasst wird? Und dass man dann Gründe sucht, warum er eigentlich doch schlecht sein muss, oder warum er vielleicht doch Strafe verdient?

 Wir sind auch dabei – und brauchen Ostern

Wir sehen in der Passion, wie sich alles gegen ihn buchstäblich zusammenbraut: Eine wabernde Atmosphäre aus Bosheit, Gier, Hinterlist, Grausamkeit, in der sich einer hinter dem anderen versteckt. Und so waren am Ende alle beteiligt und in gewisser Weise wir auch! Oder glauben wir, wir hätten in dieser Situation ein so reines, inneres Erkennen gehabt, dass wir uns mit aller Macht gegen diese geballte Atmosphäre des Bösen aufgelehnt hätten? Nein, vermutlich nicht, wir wären wohl auch dabei gewesen, auch in unserem Herzen lassen sich Motive finden, die ihn nicht haben wollen, die auf ihn verzichten wollen – in seiner Klarheit, in seiner unglaublichen Herausforderung, in seiner Liebe. Aber wenn das auch in uns so ist, liebe Schwestern und Brüder, dann macht das doch gerade dadurch offenbar, wie sehr wir ihn brauchen. Wir brauchen einen Erlöser, der für uns in die Grabkammer unseres Herzens hinabsteigt, der unsere eigene Neigung zum Nein von innen her aufbricht – und in ein lauteres Ja verwandelt, voller Hoffnung und Liebe. Wir brauchen Ostern, und wir warten auf Ostern. Amen.

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