Glut unter der Asche! Über den Übergang vom Tod zum Leben in der Kirche

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDB1 Kommentar

Predigt anlässlich der Wiedereröffnung der Kirche St. Ulrich in Pocking: Mit im Bild die Ministrantinnen und Ministranten und hinten die Mitzelebrierenden: Diakon Markus Hofbauer, Pfarrer Alois Reiter, Kaplan Fabian Feuchtinger und Domkapitular em. Josef Werkstetter.

Liebe Pockinger, liebe Gläubige aus dem ganzen Pfarrverband, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Kinder und Jugendliche,

immer wieder empfinde ich es als eine besondere Freude, wenn man einen Sonntag wie diesen mit einem Fest wie diesem feiern kann: Die Wiedereröffnung einer erneuerten, einer renovierten Kirche. Ganz besonders schön ist dabei, dass sich so viele Menschen engagieren, Hauptamtliche und viele, viele Ehrenamtliche, die viel Kraft, Mühen und viel Herzblut investieren für ihre Kirche. Diese Erfahrung ist bei uns im Bistum überall sehr lebendig: Unsere Kirche. Unser Ortsmittelpunkt, unsere Verbindung zum Herrgott. Ich möchte allen von Herzen danken, die hier mitgewirkt haben, federführend natürlich der Pfarrer Alois Reiter, der Kirchenpfleger Konrad Stang mit seiner Kirchenverwaltung, die Pfarrgemeinderatsvorsitzende Frau Riermeier mit dem Pfarrgemeinderat, die beteiligten Firmen, alle die mit Diensten oder auch mit Spenden mitgeholfen haben. Es ist Ihre Kirche hier im Ortskern, Ihr Mittelpunkt des religiösen Lebens.

Vom Tod zum Leben!

Die Texte der Liturgie des heutigen 5. Fastensonntags legen uns nun nahe, miteinander über Tod und Leben nachzudenken – in allen drei Texten geht es darum: Im Buch Ezechiel spricht Gott über Israel, dass er es wieder auferwecken werde, dass er es vom Tod zum Leben führen werde, dass er dem Volk seine Geist einhauchen werde – und das Volk heimholen werde in sein Land – und dann werden sie erkennen, dass Gott der Herr ist, sagt der Text. In der zweiten Lesung sagt uns Paulus in wenigen Sätzen, dass es in uns einen Gegensatz gibt, zwischen dem, was er Geist nennt und dem, was er Fleisch nennt. Und mit Fleisch meint er nicht einfach unseren Leib, unseren Körper. Er meint den ganzen Menschen, insofern ihm seine unmittelbaren Bedürfnisse wichtiger sind als Gott und die Beziehung zu Gott. Und wenn wir ehrlich sind, meine Lieben, dann kennen wir das in uns allen: So vieles ist uns im Leben oft wichtiger als Gott und unser Leben mit ihm. Aber Paulus sagt: Der Geist Jesu ist Leben, in uns ist er Leben – und wir müssen lernen, innerlich hinüber zu finden, in dieses Leben. Wir müssen lernen zu verstehen, dass es nicht das Allerwichtigste ist, zum Beispiel gesund zu sein. Das sagen wir so schnell zu einander: „Das Wichtigste ist, dass wir gesund sind.“ Und wir meinen unseren Leib. Oder wir reagieren schnell gereizt oder verunsichert, wenn wir mal eine Mahlzeit nicht essen können, oder wir bekommen Angst, wenn unsere Ersparnisse bedroht sind oder materielle Sicherheiten wegbrechen. Alles das, liebe Schwestern, liebe Brüder, kennt jeder von uns, es ist einfach menschlich so zu reagieren. Aber Paulus will uns einladen uns in der Tiefe zu vergewissern: Alles das ist nicht alles, es gibt mehr, es gibt Tieferes. Oder er sagt: Wenn es für uns alles ist, wenn es nur um Essen, Trinken, Gesundheit, weltliche Sicherheit, Macht, Anerkennung geht, wenn das alles ist, dann sind wir vom Fleisch bestimmt, dann haben wir nicht den Geist Jesu wirklich in uns, dann läuft das am Ende auf einen Tod hinaus, der nichts mit dem Leben Jesu zu tun hat. Aber Paulus will gerade, dass die Menschen Anteil an Jesus haben, der uns, der seine Kirche mit seinem Geist erfüllen will, das ist das Leben, das neue Leben. Und im Evangelium weckt Jesus den Lazarus auf, er holt ihn aus dem Grab – obwohl er selbst kurz vor seiner Hinrichtung steht. Lazarus bekommt sein Leben zurück durch ein Wunder Jesu, aber wohlgemerkt er bekommt dieses Leben zurück, ein Leben in dieser Welt und es ist noch nicht das Leben, von dem in den heutigen Texten die Rede ist. Das Leben mit Gott, das Leben in Jesus und mit ihm, das Leben, das erfüllt ist von seinem Geist.

Es geht um mehr als um das Kirchengebäude!

Liebe Schwestern, liebe Brüder, das führt uns zurück zu Ihrer Kirche: Was ist denn die Kirche und was bedeutet das: Renovierung der Kirche? Was bedeutet es, wenn wir alle wissen, es geht um mehr als nur um das Gebäude. Das Gebäude steht für etwas, für etwas, was uns kostbar ist. Paulus sagt: Wir sind die Kirche, wir gehören zu Jesus, wir sind sein Leib. Und er sagt an anderer Stelle auch: „Wisst ihr nicht, dass Ihr selbst, jeder einzelne und alle miteinander auch Tempel seid, Tempel Gottes. Wisst ihr nicht, dass Gottes Geist in euch wohnt?“ An einem Tag wie diesen, liebe Schwestern und Brüder, ist das unsere entscheidende Frage: Spüren wir, wissen wir, kennen wir die Dimension, von der Paulus redet? Ist unser Glaube in uns so lebendig, dass wir bezeugen können: Ja, ich gehöre zu Christus, ich lerne hineinzufinden in eine Erfahrung, ja, ich ahne, dass es den Geist Jesu gibt, in uns und unter uns, den Geist der lebendig macht.

Welche Brille setzen wir auf?

Denn wenn wir ehrlich sind, dann ringen wir in unserer Kirche ja seit vielen Jahren um die Frage: Wie viel Leben gibt es eigentlich noch? Oder wo lebt Kirche auf, wo erneuert sie sich? Wenn wir nämlich nur eine bestimmte Brille aufsetzen, dann können wir tatsächlich auch viel Rückgang, viel Abbau, viel Verlust sehen und ja, auch Sterben. Wir erleben, dass sich Menschen in unserer Zeit und unserer Gesellschaft schwer tun mit dem Glauben, mit der überzeugenden und überzeugten Erfahrung: Ich gehöre zu Christus und bin wirklich froh, teilzuhaben an dem Leben, das er schenkt. Wir neigen manchmal dazu, vor allem die Asche zu sehen. Aber, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir die Negativ-Brille wieder abnehmen, dann können wir entdecken, wie viele von den wirklich Treuen noch da sind und sich großartig engagieren. Oder wir können zum Beispiel auch entdecken,  dass mancherorts etwas Neues aufbricht, dass zum Beispiel junge Leute plötzlich Sehnsucht haben nach einem authentischen Glauben, dass sie Jesus besser kennen lernen wollen, dass sie spüren, diese Welt alleine ist nicht alles und kann der Sehnsucht unseres Herzens auch nicht genügen! Hier in Ihrer erneuerten Kirche in Pocking gibt es mehr als eine Gemeinschaft von Menschen, die ein Kirchengebäude erneuert haben! Hier gibt es vielmehr Menschen, die auch mit dieser Aktion gezeigt haben, dass sie Kirche sind – und ich würde mir wünschen, dass sie selbst miteinander erneuerte Kirche sein wollen. Menschen, die die Glut unter der Asche wieder anfachen; dass Sie selbst Menschen sein wollen, die den Wunsch haben, wirklich tiefer zu Jesus zu gehören. Das, was wir hier feiern: in der Hl. Messe: Teilhabe am Leben Jesu, das mehr ist, das tiefer ist als alles, was die Welt zu geben hat.

Kirche ist mehr als nur soziale Gemeinschaft

Und das, liebe Schwestern und Brüder, ist auch mehr als das, was wir Werte nennen oder das, was wir Ethik nennen. Nur um zu lernen, wie man gut miteinander umgeht, dazu brauche ich nicht unbedingt hierher kommen. Nur um zu lernen, wie man Gemeinschaft bildet, dazu brauche ich nicht hierher zu kommen. Hier geht es um die Gemeinschaft derer, die zu Gott gehören, die Sehnsucht haben nach mehr, die Tiefe wollen und Freude und Zuversicht. Hier geht es um die, die Hoffnung haben, dass sie in geheimnisvoller Weise schon daheim sind; dass sie Anteil an einem Leben haben, das in den Himmel reicht, das den Tod überwunden hat – und deshalb nicht mehr tot zu kriegen ist. In der Kirche sind Menschen, die wollen, dass auch andere Jesus kennen lernen, in seiner ganzen Liebe, aber auch in dem, was uns wirklich herausfordert.

Was ist das wirkliche Leben?

Ich liebe ein Zitat von C.S. Lewis, einem berühmten christlichen, irischen Schriftsteller. Der hat einmal den Satz gesagt: „Die Menschen, die bei der Frage stehen bleiben, ob man nicht auch ohne Jesus ein guter Mensch sein kann, die wissen noch nicht was Leben ist.“ Wenn der Mann Recht hat: Was heißt das für uns? Sind wir die, die in ihrem Herzen Ahnung davon haben, was wirklich Leben ist? Weil wir Christus kennen und spüren, weil wir ihn in uns aufnehmen dürfen, weil wir zu ihm beten, weil wir sein Wort im Evangelium kennen? Ich glaube, liebe Schwestern und Brüder, es ist womöglich diese Erfahrung, die in unserer Kirche nicht mehr allzu weit verbreitet ist, ein Mangel, der dann nicht wenige Menschen zweifeln lässt: Diese Erfahrung, dass wir Christen diejenigen sind, die tiefer wissen, was Leben ist, was Liebe ist – und die andere auch dazu einladen können. Wir haben deshalb womöglich auch verlernt, in unserem Glauben wach zu halten, dass es dabei wirklich um etwas geht. Es geht um das, was die Bibel das Heil nennt. Oder eben das Leben – ein Leben, das viel mehr ist als nur biologisch geboren werden und sterben. Es ist der Anbruch der Erfahrung: Da gehöre ich hin, da bin ich innerlich schon daheim. Und egal, was passieren wird, in diesem Leben, ob ich krank oder gesund bin, jung oder alt, reich oder arm, ich gehöre jetzt schon dahin. Ich gehöre jetzt schon zu Christus, da bin ich daheim. Wir alle wissen, liebe Schwestern und Brüder, dass tiefgläubige Menschen ihre Lebenskrisen, Krankheiten, Familienkrisen, Arbeitslosigkeit, Unglücke und anderes mehr, dass gläubige Menschen in der Regel besser damit fertig werden, weil sie woanders zu hause sind, weil in ihnen das Vertrauen lebt, dass sie in einem Leben daheim sind, das nicht mehr tot zu kriegen ist.

Über den Glauben neu sprechen lernen

Liebe Schwestern, liebe Brüder hier in der schönen Ulrichskirche in Pocking! Ich möchte Sie ermutigen, sich wirklich neu mit Jesus zu beschäftigen, mit seinem Wort. Ich möchte sie ermutigen ernst zu nehmen, dass er mit Ihnen in einer persönlichen Beziehung, in Freundschaft leben möchte, ich möchte Sie ermutigen, dass Sie das auch miteinander teilen und mitteilen, dass Sie anfangen über Ihren Glauben zu sprechen – auch wenn Sie vielleicht unsicher sind oder meinen, Sie hätten nichts zu sagen. Jeder und jede hat was zu sagen, jeder hat schon Erfahrungen im Glauben, sonst wären Sie alle heute nicht hier. Aber wir ahnen, dass wir einer Zeit entgegen gehen, in der wir es nötig haben, dass das innere Leben das schon da ist, neu aufleuchtet, dass es wir neu Zeuginnen und Zeugen werden von dem Geheimnis, das uns geschenkt ist. Erneuerung der Kirche heißt: Stellen wir uns Jesus zur Verfügung und lassen wir unser Herz erneuern. Wir haben die Sakramente, wir haben die Bibel, wir können gerade auch in dieser Fastenzeit das Sakrament der Versöhnung wieder empfangen, in dem wir bekennen: Herr wir haben Dich vielleicht lange vergessen, obwohl du wirklich auf uns wartest und uns das Leben schenken willst.

Jesus lebt – auch unter uns.

Kirche lebt aus der Erfahrung: Der Herr lebt. Er ist auferstanden. Er ist unter uns. Wir stehen kurz vor der Karwoche und dem anschließenden Osterfest. Liebe Pockinger, ich danke noch einmal von ganzem Herzen allen, die sich für die Erneuerung dieser schönen Ulrichskirche engagiert haben. Und ich wünsche Ihnen ebenso von Herzen, dass Sie auch innerlich miteinander die österliche Erfahrung einer erneuerten Kirche machen dürfen, die da ergriffen ist von dem Vertrauen und der lebendigen Erfahrung: Jesus lebt wirklich in uns und unter uns. Amen.

 

Kommentare

  1. Maximilian Kalleder

    Überflüssig zu sagen:
    Aus jedem Satz, jedem Wort höre ich einen von der Sache Jesu‘ Begeisterten sprechen.
    Und er reißt (mich) mit, unser Bischof.
    Wunderbar…
    Ich war bei diesem GD (leider) nicht dabei, denn in einer freien Rede fiel die Predigt natürlich etwas anders aus; so hab ich zumindest die Text-Abweichungen in den Zitaten des PNP-redakteurs verdstanden: Daher möchte ich hier ergänzen, was in der PNP zu dieser Predigt (noch) zu lesen war:
    „… Volksnah trat der Diözesanbischof auf, …..
    „Des is unsa Kircha“ – im Dialekt beschrieb Oster den von ihm wahrgenommenen Geist in der innen so wunderbar renovierten Stadtpfarrkirche. Aber es gehe am Ende nicht nur darum, ein Haus aus Stein instand zu halten, gab der hohe kirchliche Würdenträger zu bedenken.
    „Es wird nicht leichter mit der Weitergabe des Glaubens“, betonte der Bischof, prägte den Begriff von der Kirche in schweren Zeiten und verhehlte nicht, dass es gerade auch Probleme bereite, Jugendliche mit der biblischen Botschaft zu erreichen. Aus den Texten des Gottesdienstes griff er eine Aussage des Apostels Paulus im Brief an die Römer heraus und sagte: „Wir sind Fleisch und Geist.“ Gesundheit, nicht hungern zu müssen, materielle Absicherung – klar, dies alles sei wichtig, aber es dürfe nicht wichtiger sein als die Beziehung zu Gott, so der Prediger.
    Menschen, die aus der inneren Erfahrung lebten, im Hinblick auf Tod und Auferstehung Jesu irgendwie schon daheim zu sein, könne in diesem Gottvertrauen äußerlich passieren, was wolle, unterstrich Oster. Als Beispiele nannte er die Ordensschwester Edith Stein und Pater Maximilian Kolbe, beide im KZ Auschwitz zu Tode gekommen und trotz der Verfolgung durch die Nationalsozialisten mit einer beachtlich starken Wirkung ihres Glaubens auf die Leute um sie herum – kommentiert mit Aussprüchen wie „Der hat was in sich, das nicht tot zu kriegen ist.“
    Übertragen auf die Gläubigen von heute und speziell die Pfarrgemeinde von Pocking, erklärte der Bischof in der vollbesetzten Kirche St. Ulrich: „Wir sind die österliche Gemeinde, wir sind schon daheim.“ Die Erneuerung und Innenrenovierung einer Kirche bedeute, „dass jeder einzelne von Ihnen Kirche ist“, fügte der Diözesanobere hinzu. Jesus sei für jeden auferstanden, damit das eigene Herz weit werde, damit die Menschen sich verschenken und lieben könnten. Niemand sei liebenswerter als Jesus, legte Oster den aufmerksam lauschenden Zuhörern ans Herz.
    Als größte Herausforderung bezeichnete es der Prediger, sich der Gestalt Jesu angstfrei zu nähern. „Wir müssen neu lernen, über den zu reden, der uns nahe ist“, mahnte er und sah gerade darin eine Chance, auch die Jugend zu überzeugen. In sehr persönlichen Worten gestand Oster ein, was für ihn das schönste am Bischof-Sein ist: „Ich darf von dem erzählen, der mein Herz öffnet.“ Von Gott, „der Leben schenkt, das nie mehr aufhört“, wie der Passauer Oberhirte ergänzend anmerkte. An Ostern miteinander die Botschaft zu singen, „Jesus lebt“, sei mehr als Zeichen einer Gemeinschaft, so Stefan Oster. …“
    soweit aus der PNP vom 3. April.
    Ich hoffe und bete, dass er nicht so schnell aufhören wird unser Herr Bischof, von dem zu erzählen, der sein Herz öffnet und dies auch (weiterhin) vorleben wird.

    MK

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