Wie kann das gehen: Als gläubiger Christ Journalist sein?

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Liebe Medienschaffende, liebe Kolleginnen und Kollegen, Schwestern und Brüder im Glauben,

zwei Worte des heutigen Evangeliums beschäftigen mich oft und im Grunde schon sehr lange: Es sind die Worte: „wissen und kennen“. Der Johannes- Evangelist entfaltet hier – typisch für ihn – ein mehrdeutiges Spiel mit Worten und ihrem Gehalt. Und im Grunde immer, wenn er das tut, will er uns in die Tiefe führen. Will er Vordergründiges, Oberflächliches durchbrechen, um uns mit einer anderen Wirklichkeit in Berührung zu bringen. „Wir wissen!“, sagen die Leute, die sich als Jesu Gegner erweisen: „von dem da wissen wir, woher er kommt.“ (Joh 7,27) – „aber wenn der Messias kommt, weiß niemand, woher er stammt“. Sie sagen diesen Satz, um den ungeheuren Anspruch, der offenbar von Jesus ausgeht, von sich zu weisen: ‚Wenn du es wirklich wärst, wüssten wir ja gerade nicht, woher du kommst. So aber wissen wir, also kannst du nicht sein, wer du zu sein beanspruchst.’ An anderer Stelle, ein Kapitel weiter, werden sie, die so genau um seine Herkunft zu wissen scheinen, ihm sogar unterstellen, aus einem Ehebruch zu stammen!

Von welcher Wirklichkeit spricht Jesus?

Aber Jesus fährt nun im heutigen Evangelium fort und sagt: „Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin; aber ich bin nicht in meinem eigenen Namen gekommen, sondern er, der mich gesandt hat, bürgt für die Wahrheit. Ihr kennt ihn nur nicht.“ (Joh 7,28)  Im Grunde wirft er ihnen vor: ‚Eure Weltdeutung und die Deutung meiner Person läuft ins Leere, ihr sucht vor allem innerweltliche Gründe für etwas, was aus einer Wirklichkeit kommt, die ich euch erst eröffne, zu der ihr keinen Zugang habt und im Grunde auch gar nicht haben könnt – denn ich bin ja erst die Tür zu dieser Wirklichkeit.’ Und diese Wirklichkeit heißt bei Jesus: Gott ist Vater, Gott ist Geber alles Guten, Gottes Güte scheint durch alles hindurch, was in dieser Welt gut, wahr und schön ist. Und ja, Gottes sorgende, väterliche Gegenwart kann sogar in den Erfahrungen des Leides aufscheinen. Jesus selbst wird das mit seinem Leben und seiner Hingabe bezeugen. Im Leid des Gekreuzigten offenbart sich der liebende Gott. Ein Gott, der soviel bereit ist zu geben, damit Menschen zurück zum Vater finden, damit sie sich mit Gott versöhnen lassen. Und damit Menschen in ihrem Sehen auf die Welt sich nicht mit Vordergründigem begnügen, sondern lernen, Menschen und Welt auch aus ihrem eigentlichen, ihrem tieferen Ursprung zu sehen.

Journalismus ist immer auch Weltdeutung

Liebe Medienschaffende, Sie beschäftigen sich diese Tage hier in Passau unter anderem mit der Frage, ob und wenn ja wie das geht, als gläubiger Christ auch Journalist zu sein. Was macht der Glaube mit unserem Erkennen der Welt. Wie schauen die Augen des Gläubigen auf die Welt? Und welche Wahrheit sehen sie? Und sehen sie eine andere Wahrheit als andere? Denn natürlich weiß jeder und jede von Ihnen auch das Folgende: Im Grunde ist alle in Sprache gefasste Weltbeschreibung immer schon auch wertende Weltdeutung. Denn selbst wenn Sie sich jeder Wertung enthalten wollen, ist das auch schon eine Art von Wertung, nämlich eine, die es für möglich hält, Welt auf bloße Fakten zu reduzieren. Und zweitens würden Sie dann immer noch auch nur einen Ausschnitt von Wirklichkeit beschreiben, den Sie als Zusammenhang darstellen. Und allein Ihre Entscheidung für die Auswahl dieses Ausschnittes, also das, was genau Sie sehen und darstellen , ist schon eine Form der Wertung; eine Form der Hervorhebung eben genau dieser Fakten im Verhältnis zu allem anderen, was auch noch der Fall ist. Zu meinen also, wir bekämen als Journalistinnen und Journalisten einen reinen und neutralen Beobachter-Status hin, ist also selbst schon Weltdeutung – auch wenn man gar nicht deuten will. Wir kommen aus diesem Problem also nicht raus.

Als Glaubender Journalist sein

Aber – so meine These – als Gläubige kommen wir womöglich ehrlicher und hoffentlich auch etwas tiefer hinein. Der Einfachheit halber will ich mich zuerst auf die Deutung und Darstellung von Personen beschränken. Wir beschreiben also als Journalisten Personen und stellen sie vor und stellen sie dar und analysieren. Und wir glauben zugleich an den Gott Jesu Christi. Welche grundlegende Voraussetzungen sind uns damit mitgegeben, implizit und explizit? Nun, ich meine, der gläubige Journalist wird sich weigern, einen Menschen, egal wer es ist, nur auf bloß faktische Äußerlichkeit zu reduzieren, oder sein Handeln allein auf allzu offensichtliche und vordergründige Motive zu reduzieren. Der Christ wird das Äußere sehen, die Motive womöglich erkennen, aber er wird bleibend gegenwärtig halten, dass selbst der größte Verbrecher ein Mensch ist, eine Person mit Würde ist. Er wird bei jedem Menschen unausdrücklich den Respekt vor seiner eigentlichen Herkunft wahren, die nie zu eliminieren ist, das Geheimnis seiner Herkunft als Geschöpf Gottes. Der Christ wird – wenn er den eigenen Glauben ernst nimmt – glauben müssen, dass auch im Allerschlimmsten noch eine grundsätzliche Anlage zum Wahren und Guten bestehen bleibt, und wenn sie noch so verschüttet wäre. Die Augen des Gläubigen vermögen zu glauben, dass die Wirklichkeit des Menschen und im Grunde die ganze Wirklichkeit in Gottes geheimnisvoller Anwesenheit gegründet ist. In den Augen des Gläubigen hat die Welt in aller Entstellung, in aller Lüge und Bosheit, in allem Leid und aller Bedrohung durch den Tod, dennoch eine letzte Gründung in schön, wahr und gut – und zwar trotz allem.

Welche Wahrheit, welche Freiheit?

Christus sagt nun im Johannes-Evangelium: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, werdet ihr wirklich meine Jünger, dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh 8,32) Welche Wahrheit ist das und welche Freiheit, die daraus erwächst? Nun, wenn ich die Welt mit den Augen des Glaubens betrachten kann, dann bedeutet das: Ich lebe selbst aus einer gläubigen Erkenntnis, dass das bloß Faktische, das bloß äußerlich Sichtbare oder auch die bloß niederen oder vordergründigen Beweggründe des Menschenherzens alle nicht schon das Letzte und auch nicht das Eigentliche sind – auch in mir nicht. Das Vertrauen des Gläubigen, das seine Augen erhellt, muss ja selbst in dem Ursprung zuhause sein, aus dem heraus er glauben kann. Es wird innerlich verankert sein, in dem Geheimnis des guten Gottes, der überall da ist. „Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir,“ sagt Paulus in der Apostelgeschichte. Und ein solches Getragen-sein, braucht dann in der journalistischen Tätigkeit auch den anderen Menschen und die Welt nie endgültig in Bilder und Begriffe fest zu nageln. Ein solches Getragen-sein beschreibt Welt und Mensch mit der Ehrfurcht und dem Respekt vor der Wirklichkeit, die aus sich selbst her nie erschöpfend darstellbar ist. Und ein solcher Respekt lässt dann sehen, er verschließt die Augen nicht vor dem Negativen, aber hat zugleich viel Gespür für das Gute, Wahre und Schöne, das aus allen Poren der Welt leuchtet – wie gesagt trotz allem, was genau das zu verhindern sucht.

Die Gelassenheit und die Nüchternheit

Ein gläubiger Blick auf die Welt kann deshalb auch frei geben und frei lassen. Er ist freier von persönlichen und womöglich ideologischen Interessen. Und kann womöglich gerade so einem Ideal von Objektivität näher kommen. Er will ja in seinem Hinzeigen auf die Welt nicht primär sich selbst darstellen sondern die Sache selbst sehen lassen. Und er kann gelassen sein, weil er weiß, dass er zwar im Geheimnis der Wahrheit wohnen darf, dass er sie selbst aber nie vollständig besitzt.  Ich bin überzeugt, liebe Medienschaffende, dass so ein gläubiger Blick auf die Welt, wie ich versucht habe, ihn kurz zu skizzieren, uns bewahrt vor Vielem, was wir gerade gesellschaftlich und medial heute immer wieder erleben. Und was für den Weg unserer Gesellschaft nicht hilfreich ist: Das Interesse am schnellen, apodiktischen, polarisierenden Urteil. Die Neigung eher zu emotionalisieren als zu informieren, einen Trend zur Reduktion von Komplexität, die oft eher im Dienst von Meinungsmache steht als im Wunsch, die Dinge wirklich verständlich zu machen – und anderes mehr.

Weniger idelogieanfällig

Daher hätte ich nach alledem besonders diese Hoffnung: Durch eine gläubige Perspektive auf die Welt kommt bei Journalisten beinahe notwendig ein Qualitätsmerkmal in die Welt der Medien, das uns helfen kann. Es kann helfen, dem Trend zu: schneller, zu oberflächlicher und ideologieanfälliger zu begegnen. Freilich, bisweilen wird das den Preis mit sich bringen, dass man nicht mehr alles wird mitmachen können, was gerade läuft und profitabel erscheint. Aber das gab es für Christinnen und Christen zu allen Zeiten: dass sie herausgefordert waren, echte Gewissensentscheidungen zu treffen. Und dass Sie alle dafür immer neu den Geist der Weisheit empfangen, den uns das Evangelium auch verheißt, das wünsche ich Ihnen allen von Herzen. Amen.

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