Die Revolution in Polen, die Suchtkranken – und das Pfingstfest!

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Pfingstpredigt im Hohen Dom St. Stephan zu Passau, 9. Juni 2019

Liebe Schwestern und Brüder,

vor genau 40 Jahren hat Papst Johanns Paul II. sein Heimatland Polen besucht. Es waren Tage vor Pfingsten und die ganze Pfingstwoche bis zum Dreifaltigkeitssonntag, genauer vom 2. Bis 10. Juni 1979. Seine erste Rede am Vorabend von Pfingsten auf dem Warschauer Siegesplatz war voller Mut gegenüber den kommunistischen, atheistischen Machthabern, die diesen Besuch nicht hatten verhindern können. Der Mensch, sagte der Papst damals, kann ohne Christus nicht wirklich verstanden werden. Und die Geschichte Polens kann ebenfalls nicht verstanden werden ohne Christus, weshalb der Ausschluss Christi aus der Geschichte ein Akt gegen den Menschen sei. Diese Predigt vor Hunderttausenden wurde immer wieder unterbrochen von den Menschen, die begannen zu rufen: „Wir wollen Gott; wir wollen Gott“. Der Papst schloss seine Predigt mit der Bitte an den Heiligen Geist, zu kommen und das Angesicht der Erde zu erneuern. Und er fügte hinzu: „Dieser Erde“. Liebe Schwestern und Brüder, in diesem Moment begann das Ende der kommunistischen Regime in Osteuropa. Der Papst war zwar offiziell auf Wallfahrt, aber de facto war es ein Siegeszug des Heiligen Geistes. Die Menschen waren wie geimpft von diesem Besuch mit Begeisterung, mit Freude, mit Kraft, voller Mut – und das Regime begann zu taumeln. Wenig später formierte sich die unabhängige Arbeiterbewegung Solidarnosc unter dem frommen Katholiken Lech Walesa in Danzig, die wiederum zur Instabilität der Regierung beitrug. Und während dieser Reise durch Polen, am heutigen 9. Juni vor genau 40 Jahren in Nowa Huta sprach Johannes Paul II. zum ersten Mal von einer neuen Evangelisierung, die nötig sei. Von da an wurde dieser Ausdruck ein Leitmotiv seine Pontifikats – aus der Erkenntnis, dass besonders die Länder, in denen das Christentum eine lange Tradition hat, einer neuen Rückbesinnung auf das eine Evangelium bedürfen. Und weil sich die Kontexte dramatisch verändert haben, braucht es dazu auch neue Methoden, neue Ausdrucksformen und neue Leidenschaft. Und vor allem braucht es den Heiligen Geist und unsere Offenheit für ihn. Die Apostel Jesu haben mit Maria und einigen anderen damals vor Pfingsten zunächst ununterbrochen und in Gemeinschaft um Gottes Geist gebetet!

Wie wirkt der Heilige Geist?

Und wenn wir uns nun fragen, wer der Heilige Geist ist und wie er wirkt, dann möchte ich heute auf eine weniger bekannte Stelle mit Ihnen blicken, die wir eben in der Zweiten Lesung aus dem ersten Korintherbrief gehört haben. Paulus schreibt da: „Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet“ (1 Kor 12,3b). Paulus sagt also: Wenn ich wirklich glaube, dass Jesus der Herr ist, dass er also auch mein Herr ist, dass ich ihm folgen will, dass er in alle meine Lebensbereiche hineinwirken darf, dass ich mit ihm lerne, mein Kreuz zu tragen, und wenn ich das alles nicht nur sage, sondern auch meine, dann spreche ich im Heiligen Geist. Dann wirkt dies nämlich der Heilige Geist in mir: Keiner kann sagen, Jesus ist der Herr, es sei denn im Heiligen Geist! Im Johannes-Evangelium lesen wir nämlich auch, dass der Geist uns immer neu erinnern und lehren wird, wer Jesus ist und was er gesagt hat (vgl. Joh 14,26) Und er wird Zeugnis ablegen für Jesus (vgl. Joh 15,26), und er wird Jesus verherrlichen, weil Jesus selbst den Geist zusammen mit dem Vater sendet. Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir uns also danach sehnen, in einer persönlichen Freundschaft mit unserem Herrn zu leben, wenn wir lernen wollen, ihn im Gebet zu begegnen und in der Schrift und in unseren Nächsten, dann wirkt in uns der Geist Gottes. Und wir werden auf diese Weise dann auch anfangen zu spüren, wie der Herr und sein Geist nach und nach unser Leben verwandeln. Wir werden spüren, wie wir manche Dinge nicht mehr tun oder sagen können. Wir werden spüren, dass uns diese oder jene schlechte Angewohnheit allmählich verlorengeht. Wir werden spüren, dass es uns zu religiösen Dingen hinzieht, oder dass uns Menschen in Not anrühren und anderes mehr. Der Geist wirkt, aber er will unsere Mitwirkung. Und es ist gar nicht so leicht zu verstehen, wie das gehen kann.

Die Firmung: Anfang oder Ende religiöser Formation?

Hier sind wir nämlich an einem Punkt, der für uns herausfordernd ist, liebe Schwestern und Brüder. Wenn ich zum Beispiel in den Gemeinden unseres schönen Bistums unterwegs bin, dann kommt immer wieder die Klage von mehreren Seiten, dass das religiöse Wissen über unseren Glauben bei den Menschen wegbricht oder weggebrochen ist oder bei den Jugendlichen vielleicht nie wirklich da war. Und das ist sicherlich eine Beobachtung, die insgesamt stimmt: der Grundwasserspiegel religiösen Wissens und religiöser Praxis sinkt kontinuierlich. Und das liegt unter anderem daran, dass wir womöglich kaum je nachvollzogen haben, wie der Geist Gottes wirkt. Wenn wir etwa die Firmung nehmen: Für sehr viele erwachsene Katholiken von heute war der Firmunterricht von damals im Grunde die letzte Art der Katechese ihres Lebens oder die letzte Form ihrer religiösen Bildung. Danach ist oder war bei vielen Schluss. Wenn wir nun aber auf die Logik des Geistes schauen, dann müsste es eigentlich mit der Firmung erst richtig angehen. Wir sind dann im Geist gestärkt, uns vertieft auf Jesus einzulassen, die Beziehung mit ihm zu pflegen, ihn kennen zu lernen – und so als Christen zu wachsen. Liebe Schwestern und Brüder, wir nennen uns Christen – und sind berufen, draußen Zeugnis zu geben von dem, nach dem wir benannt sind. Wie aber würden Sie sich fühlen, wenn jemand, der sich Arzt nennt und Sie behandeln wollte, Ihnen sagen würde, dass das, was er über Medizin gelernt hat, doch schon 40 Jahre her ist – und dass er sich seither nicht allzu viel damit beschäftigt hat?

Woher die Motivation – wenn es nicht existenziell bedeutsam ist?

Und natürlich sehe ich, dass auch das eine Herausforderung ist: Wie helfen wir Menschen, sich mit Jesus zu beschäftigen? Warum sollte ich heute dazu motiviert sein, zumal wir ja sehen: Einfach mehr wissen, macht es auch noch nicht! Vielmehr fragen wir uns doch: Wie kommen wir in die Tiefe, in die Freude, und in die Erfahrung, dass es existenziell um etwas geht in unserer Beziehung mit dem Herrn? Wie öffne ich mich dem Heiligen Geist? Vergangene Woche habe ich ein sehr beeindruckendes und unerwartetes Beispiel erleben dürfen. Ich war mit einer Gruppe von Menschen zusammen, die alle Mitglieder des Kreuzbundes waren, also Menschen, die eine Suchtkrankheit haben, meistens Alkoholiker oder auch ihre Angehörigen. Der Kreuzbund hat sehr bewusst diesen Namen, weil er in der katholischen Kirche seinen Ursprung hat. Das Logo des Verbandes zeigt eine Gruppe von Menschen, die einander stärken vor dem Kreuz. Und das Beeindruckende in unserem sehr offenen Gespräch war nun dies: Alle Gruppenmitglieder haben sehr offen von ihrer Sucht erzählt und davon, dass sie nun schon länger oder ganz lange trocken sind. Und alle haben im Grunde auch bejaht, dass sie in ihrem Leben mit der Sucht an einem Punkt waren, an dem sie ganz unten waren, mancher war fast schon tot. Und erst an so einem Punkt erkennen oder anerkennen viele Süchtige, dass sie wirklich Hilfe brauchen, dass sie selbst keine Kontrolle mehr haben über ihr Leben. Und die meisten dieser Zeugnisse gingen dann dahin, dass die Menschen beides gefunden hatten: einen tiefen Glauben an Christus und sein Kreuz – und helfende Menschen, mit denen sie dann neue und ehrliche Beziehungen eingehen konnten. Mancher ist überzeugt, dass er ohne seinen Glauben nicht mehr leben würde, voller Dankbarkeit Jesus gegenüber und seinem Kreuz.

 Der Stolz in so vielen Varianten – und die Demut

Und hier, liebe Schwestern und Brüder, habe ich im Grunde bei sehr demütigen Menschen gespürt, wovon ich immer wieder zu sprechen versuche. Der Geist Gottes braucht echte Demut, um in uns existenziell wirksam werden zu können und nicht nur in Gedanken. Der Stolz in uns, der niemanden braucht, der verschließt sich automatisch dem Heiligen Geist. Auch der Stolz, der meint, keine Sünden zu haben oder keine Beichte zu brauchen; der Stolz, der meint, im Grunde ein anständiger Mensch zu sein – vielleicht bis auf die paar kleinen Sünden, die eh keiner sieht; vor allem auch der Stolz in religiösen Dingen schon das Wichtigste zu wissen. Oder der Stolz der meint, es ginge vor allem um Werte und nicht so sehr um Jesus. Oder der Stolz, der meint, dass Gott ohnehin ein ganz Lieber ist, der schon nicht so streng sein wird mit mir und meinen paar Schwächen. Oder der Stolz, der meint das Recht zu haben, sich über andere zu erheben, die vermeintlich schlechter sind als ich. Oder der Stolz, der meint, dass das bisschen Fremdgehen der eigenen Ehe ohnehin nicht schade, wenn der Partner nichts merkt. Oder der Stolz, der meint, die eigenen Süchte schon im Griff zu haben. Oder der Stolz eines Pfarrers, der so gerne den Leuten nach dem Mund redet und dafür fest gelobt wird – auch wenn er das Evangelium dabei verwässert.  Solcher Stolz und noch viele andere Formen davon sind auch nicht selten gepaart mit Angst: Die Angst, man könnte vielleicht auf die Schliche meiner bösen Gedanken kommen; oder meiner Unvollkommenheit; die Angst vor der möglichen Scham und Schande, die Angst, vielleicht Manches lassen zu müssen, was zwar schlecht ist, aber doch irgendwie liebgewonnen wurde. Liebe Schwestern und Brüder, wo solche Dinge in uns regieren dürfen, wie Angst oder Stolz oder auch noch die Gier, da regiert nicht Christus da ist er nicht der Herr – und da tut sich Gottes Geist deshalb schwer. Er ist ja nur Liebe, lautere Liebe und Wahrheit und will unser Herz erobern. Aber er kann es wirklich nur, wenn wir es ihm freiwillig geben und wahrhaftig eingestehen, dass wir ihn wirklich brauchen. Müssen wir erst suchtkrank werden, um das ins Herz zu bekommen? Oder müssen wir in die Situation des verlorenen Sohnes in der Bibel kommen, der erst nach Verlust von allem, was er hat, beziehungslos im Schweinestall sitzt – und erst dann erkennt, wie sehr der Vater zuhause es eigentlich gut mit ihm meint?

Schlimmer als Scheitern ist Nicht-mehr-aufstehen-wollen!

Liebe Schwestern und Brüder, natürlich gibt es auch in meinem Leben Schwäche und Sünde und natürlich versuche ich auch den Formen meines eigenen Stolzes, meiner eigenen Gier, meiner eigenen Ängste immer wieder auf die Schliche zu kommen. Und natürlich scheitere ich auch bisweilen. Aber schlimmer als das Scheitern ist das „Nicht-mehr-aufstehen-und weiterkämpfen wollen“. Und deshalb möchte ich Ihnen doch auch voller Freude und Gewissheit sagen: Wer sich wirklich auf Jesus einlässt, wer beginnt, mit ihm in Freundschaft zu leben, wer ihn kennen- und lieben lernen will, wer den Geist Gottes demütig bittet, ein Jünger, eine Jüngerin Jesu zu werden, um Jesus zu bezeugen – dem wird eine Freude und ein Friede ins Herz geschenkt, wie es nichts auf der Welt sonst zu geben vermag! Die Jünger haben an Pfingsten den Geist Gottes empfangen, voller Kraft und Vollmacht, sogar mit der Vollmacht, Sünden zu vergeben – und sie sind voller Freude und Frieden hinausgegangen in die ganze Welt – und waren bereit für ihren Glauben an Christus ihr Leben zu geben. Wie sehr ersehne ich mir eine Kirche, in der immer mehr Menschen demütig um Gottes Geist bitten, aus ihm leben und lieben lernen und hinausgehen in die Welt und so viele Menschen wie möglich in die Freundschaft mit Jesus einladen. Und deshalb möchte ich heute leidenschaftlich und voller Hoffnung bitten – wie vor vierzig Jahren Johannes Paul II. in Polen: Komm, Heiliger Geist, und erneuere das Angesicht unserer Erde. Dieser Erde! Unser Bistum Passau. Amen.

 

 

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