Fest stehen und beweglich bleiben – Bruder Konrad, der Treue

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt anlässlich der Altarweihe der renovierten Bruder-Konrad-Kirche in Altötting

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

wenn wir hier gleich einen Altar weihen, dann steht dieser zunächst einmal für das ganz Feste, das Unverrückbare; für das, was die Zeit überdauert. In vielen unserer Kirchen stehen Altäre seit vielen Jahrhunderten. Und sie sind ein Symbol für Christus für den, von dem wir glauben, dass er derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit. Das Kreuz steht, während die Welt sich dreht, so sagt ein Wort aus unserer großen Ordenstradition – um damit anzudeuten, dass egal was kommt, das, was wirklich stabil ist, was Verlässlichkeit bietet, das ist das Kreuz. Und oft bringen wir den Altar mit dem Kreuz in Verbindung – wenn wir bildlich davon sprechen, dass Christus auf dem Altar des Kreuzes geopfert wurde. Oder dass er sich selbst am Kreuz als Opfer dargebracht hat, wie eben auf einem Altar. Der Altar ist also fest wie das Kreuz. Hier ist und bleibt das Opfer Christi. Es war einmalig und endgültig und doch wird es hier immer wieder vergegenwärtigt und erinnert.

Oder bedeutet fest nicht eher unbeweglich und kalt?

Freilich, wenn wir das Feste eines Altares buchstäblich nehmen, dann kommen uns gleich auch negative Assoziationen. Die Starrheit, die Unbeweglichkeit, die vermeintliche oder echte Fixierung auf das Althergebrachte, zum Beispiel. Oder auch: das Kalte des Altarsteins. Wenn der Altar wirklich das Herz der Kirche ist, hat dann die Kirche ein Herz aus Stein, kalt und tot? So könnte man zumindest fragen.

In der ersten Lesung haben wir gehört, wie Jesus die Gemeinde in Sardes angeklagt hat, sie sei eigentlich tot – und sie soll sich bekehren. Während in der zweiten Lesung Paulus sagt, dass er selbst auch gestorben ist, aber er ist dem gestorben, was er Gesetz nennt – und dass nicht mehr er selbst lebt, sondern Christus in Ihm.

Wie geht das ineinander? Fest und dennoch beweglich?

Wir sehen schon, liebe Schwestern und Brüder, jedes Zeichen auf der Welt ist mehrdeutig, ist vieldeutig – und nicht selten kann es in vielerlei Richtungen gedeutet und missdeutet und missbraucht werden. Aber trotzdem beschäftigt mich hier die Frage, wie geht denn das Ineinander, bei uns in der Kirche? Wie kann das Feste und das Verlässliche des Altares so verstanden und gelebt werden, dass es nicht starr und verbohrt und kalt und tot wird? Und wie kann das Lebendige, das Bewegliche in der Kirche so gelebt werden, dass es nicht beliebig wird und heute das sagt und morgen was ganz anderes sagt oder tut?

Die innere Ruhe und die äußere Dynamik

Schauen wir auf unseren demütigen, niedrigen und gerade darin so großen Bruder Konrad. Vermutlich hat jeder, der ihn ehrlich kannte, seine große Treue und Verlässlichkeit spüren können. Bruder Konrad war verlässlich da. Er hat verlässlich geholfen. Er war immer ansprechbar für jeden. Und ganz offenbar war er auch verlässlich in seinen inneren Gemütsregungen: stets ausgeglichen, nie aufbrausend, immer gütig, in sich ruhend, stets dem anderen zugewandt, besonders dem Bedürftigen.

Die Verbundenheit mit dem Gekreuzigten

Und alle, die sein Geheimnis kannten, die ihn schon zu Lebzeiten oder bald nach seinem Tod als Heiligen verehrten, die wussten, dass diese Art des Festen, des Treuen, des inneren Ruhens, dass diese Art eine Quelle hatte, einen Ursprung, eine Art inneren Altar: Bruder Konrad war bei Christus daheim, beim Gekreuzigten, den er fortwährend betrachtet hat und bei der Mutter Christi, die ihm geholfen hat, immer neu auf Christus zu schauen. Das Kreuz steht, die Welt dreht sich. Auf wen träfe dieses Wort besser zu als auf Bruder Konrad und sein Innenleben? Der innere Verankerungspunkt, das innere Feste war seine fortwährende Verbundenheit mit Jesus, dem Gekreuzigten.

Der Wachsame und das eigene Ego

Und ist es nicht so, dass man an Bruder Konrad auch ablesen kann, was die Mahnung der Wachsamkeit im Evangelium immer wieder sagen will? Wer innerlich bei Jesus bleibt, wer im Gebet, im Vertrauen, in der Liebe mit Ihm verbunden bleibt und lebt, den kann äußerlich und innerlich nicht mehr so viel aus der Ruhe bringen. Und für den könnte Jesus auch sofort wiederkommen. Er wird seinen Treuen so vorfinden, wie er sich das gewünscht hat: Jesus würde sich bei Bruder Konrad erwartet wissen, voller Freude. Und Jesus müsste ihn nicht zuerst überführen oder bloßstellen und ihm gleichsam sagen: „Hier bin ich jetzt endlich und fällt dir was auf? Du hast mich dein Leben lang ziemlich vergessen!“ Nein, Bruder Konrad war bereit und offen und immer mit dem Herrn. Er, der Gekreuzigte, war gleichsam auf dem inneren Altar seines Herzens. Auf dem Altar, den er in einem langen gläubigen Leben und im intensiven geistlichen Training frei geräumt hatte von alledem, was so gern Gottes Stelle in uns einnehmen möchte. Was wäre das alles? Im Grunde alles, was für uns wichtiger ist als Gott, wichtiger als Jesus. Und der allererste Kandidat in uns ist dafür unser Ego: Komme ich auf meine Kosten? Komme ich genügend vor? Werde ich genügend beachtet und anerkannt und wertgeschätzt? Habe ich genügend Einfluss und Mitsprachemöglichkeiten? Habe ich genügend Sicherheit und materiellen Besitz? Habe ich genügend Wohlbefinden?

Der Blick auf das Kreuz lehrt alles

Alles Fragen, die wir alle kennen, liebe Schwestern und Brüder, und alles Fragen, die sich bei jedem von uns so gerne in den Vordergrund schieben. Und zwar bevor wir normalerweise auf die Idee kommen, an Gott zu denken. Ganz ehrlich, könnten wir uns auch nur eine einzige dieser Fragen als erste Frage bei Bruder Konrad vorstellen? Ich kann es nicht. Seine Frage war immer: Was willst Du Herr? Was willst Du hier und heute und in diesem Augenblick von mir? Seine innere Aufmerksamkeit, seine innere Blickrichtung war beim Herrn, treu und fest. Und bei denen, in denen er seinem Herrn begegnet ist. Er sagt ja selbst: „Nur ein Blick auf das Kreuz lehrt mich in jeder Gelegenheit, wie ich mich zu verhalten habe“.

Alle Liebe kommt vom Kreuz

Und von hier, liebe Schwestern und Brüder, klärt sich dann auch die Frage nach der Beweglichkeit, nach der Dynamik, nach der Spontaneität. Die Welt fragt sich: Ist ein Leben wie das von Bruder Konrad nicht entgegen aller Dynamik? Ist es nicht einfach viel zu eingesperrt in seine kleine, ärmliche Klosterzelle oder in seine Pfortenkammer? Aber die christliche Erfahrung ist eine andere: Der Gekreuzigte, der Angenagelte, der Unbewegliche am Kreuz ist der, der am meisten Liebe und am meisten Fruchtbarkeit freisetzt. Alle Liebe kommt vom Kreuz, von hier gibt der Herr seinen Geist an Bruder Konrad. Beweglichkeit bedeutet für ihn daher: Auf jeden Menschen so reagieren, so antworten können, wie es gerade nötig ist, wie es gerade richtig und gut ist. Der heilige Mann hat nie einfach nur nach Schema F reagiert. Er hat den Menschen, der gekommen ist, so behandelt, dass dieser die Erfahrung gemacht hat: Bruder Konrad meint wirklich mich. Ist es nicht so oft ganz anders in unserer Erfahrungswelt? Wir stehen so oft an einem Schalter oder rufen so oft irgendwo an und erfragen etwas oder sind so oft Bittsteller bei einer Behörde oder einem Unternehmen. Und wie oft machen wir die Erfahrung, dass wir dabei in erster Linie Nummern sind, austauschbar wie jeder andere; wir erfahren nicht, dass wir Menschen sind, eher lästige Bittsteller. Bei Bruder Konrad konnte kommen wer wollte: Er bekam all die Aufmerksamkeit, die er gerade geben konnte. Und das war so oft so viel, mit so viel Herz. Und der Bittende bekam eben keinen Skorpion, wenn er ein Ei erbat und keine Schlange, wenn er einen Fisch erbat, wie es heutigen im Evangelium heißt.

Mitten in der Enge die Weite

Die Menschen konnten spüren: Hier in Bruder Konrad ist einer, der reagiert nicht einfach statisch, nicht einfach nach Vorschrift oder Gesetz. Hier ist ein wahrer Mensch, ein zutiefst menschlicher Mensch. Und deshalb war er einer, in dem man die Gegenwart dessen spüren konnte, der wollte, dass Menschen wieder Menschen werden, frei von ihrer Gebrochenheit und Sünde, wahrhaftig, liebevoll und gut. Bruder Konrad, war mitten in seiner Zelle der Freie, er war mitten in seinem Dienst am Anderen zutiefst er selbst. Seinem Ego gestorben, wie Paulus sagte, aber eben deshalb dem Vater im Himmel ähnlich, der den Geist denen gibt, die ihn darum bitten. Warum ähnlich?

Aufatmen in seiner Gegenwart

Weil gerade die Liebe, die Bruder Konrad in seiner Zuwendung geben konnte, voll Geist war, voll des Geistes von Jesus und vom Vater. Er wendet sich zu und die Menschen haben in seiner Gegenwart auch aufatmen können. Weil da einer war, der sie ernst genommen hat mit allem, was sie hatten und womit sie kamen. Wo die Liebe wirkt, da wird es auf einmal weit, da ist auch in der kleinsten Zelle oder Pforte auf einmal große Weite. Bruder Konrad war so ein Mann der inneren Weite – weil sie alle Platz hatten in ihm und bei ihm. Und so macht er uns etwas von dem Geheimnis des christlichen Lebens deutlich: Die Treue, die Festigkeit nach Innen, das beständige, ja das kompromisslose Sein mit Jesus befähigt zur ungeahnten Weite und Beweglichkeit nach außen, zur Beweglichkeit im Geist und in der Liebe. So sieht christlich das Ineinander aus von Festigkeit und Beweglichkeit, von Treue und Hingabe.

Er sieht uns heute sicher zu

Und ich bin ziemlich zuversichtlich, dass uns Bruder Konrad heute hier sieht, in seinem geliebten Altötting, hier bei der Gnadenmutter. Und er sieht, dass wir ihm eine Kirche geweiht haben, schon lange. Aber eine, die jetzt frisch renoviert ist, und die einen neuen Altar, einen neuen Ambo und einen neuen Tabernakel bekommt – und seine Überreste bekommen eine neue Grablege. Es ist ein neuer Altar, auf dem auch heute sein und unser Herr sein Kreuzesopfer vollzieht und vergegenwärtigt. Und vielleicht gibt es ja auch heute noch im Himmel in Bruder Konrad die Seite, die das alles für ihn selbst nicht will, die ihm unangenehm ist ob so vieler Ehre hier auf Erden, ob der Ehre der Altäre, zu der er 1934 erhoben wurde. Aber sicher ist er auch froh und dankbar, dass er mithelfen konnte und immer noch kann, dass durch ihn ja vor allem das Kreuz Jesu zur Ehre kommt, dass darin Jesus selbst geehrt wird und der Vater und die Mutter Gottes. Und alle sind sie heute hier, zusammen mit allen Heiligen, die wir gleich nachher anrufen.

Danke für alles

Und wir sind so froh und dankbar, lieber Bruder Konrad, wenn du uns jetzt siehst und hörst, dass wir dich haben als unseren Patron in unserem Bistum und als Patron der Kapuziner, Deiner Mitbrüder. Hilf uns immer neu für unser gläubiges Leben, hilf uns, dass wir nicht oberflächlich werden im Glauben, sondern treuer und tiefer und heiliger. Hilf uns, dass wir immer mehr Dienerinnen und Diener unserer Mitmenschen werden, wie Du einer warst. Und hilft uns, dass auch dieser wunderbare Ort, unser geliebtes Altötting, immer neu für viele zum Trostort werden kann; zum Ort, wo die Menschen Dir begegnen, wo sie unserer geliebten Mutter Gottes begegnen und vor allem unserem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, der will, dass wir alle das Heil erlangen. Amen.

(Bild: S. Hintermayr)

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