Ein guter oder ein schlechter Text? – Über „Amoris laetitia“ und die Mitte des Evangeliums

In Wortmeldungen von Pressestelle1 Kommentar

Die ersten Reaktionen auf „Amoris Laetitia“, das neue Schreiben unseres Papstes, sind so divergierend wie widersprüchlich. Schon am Tag nach seiner Veröffentlichung feiern die einen einen „Epochenwandel“, der z.B. dazu führe, dass nun keinem Wiederverheirateten die Kommunion mehr verweigert werden könne, die anderen lesen heraus, dass Gott sei Dank alles genau so bleibt, wie es ist und immer war. Warum ist das so? Und ist der Text deshalb nun gut oder schlecht? Ein Deutungsversuch.

Liebe als Sieg der Wahrheit

Ein Abschnitt im Schreiben unseres Papstes hat mich besonders bewegt. Unter der Ziffer 311 schreibt er: „Es ist … wahr, dass die Barmherzigkeit die Gerechtigkeit und die Wahrheit nicht ausschließt, vor allem aber müssen wir erklären, dass die Barmherzigkeit die Fülle der Gerechtigkeit und die leuchtendste Bekundung der Wahrheit Gottes ist“. Dieser Satz bringt in mir sehr viel zum Klingen, weil darin Wesentliches meines eigenen Wahlspruchs (von Augustinus) zum Ausdruck kommt: „Der Sieg der Wahrheit ist die Liebe.“

Das Problem ist: Diese Worte sind wunderschön, aber nicht leicht zu verstehen, nicht leicht zu verinnerlichen, nicht leicht zu verdauen, nicht leicht zu leben (und um hier jedes Missverständnis zu vermeiden: natürlich auch nicht für mich!) Jesus hat auch das Gesetz des Alten Bundes nicht aufgehoben, aber er hat es mit seinem ganzen Leben und seiner ganzen Existenz erfüllt. Und die Erfüllung war eben sein Weg der Ganzhingabe, der Weg ans Kreuz, der Durchgang durch das Leiden und den Tod hinein in das Licht der Auferstehung. Er selbst ist in Person die Versöhnung von Wahrheit und Liebe als Barmherzigkeit. Er selbst konnte ungeheuer streng und unerbittlich sein – gegen die Heuchler, gegen die Pharisäer, gegen jede Art von ungerechtem Zorn, gegen das unreine Herz, das eine Frau auch nur lüstern ansieht, gegen alle, die nicht bereit sind zur Umkehr und andere Menschen und Situationen. Und zugleich war er ein Abgrund an Liebe, Barmherzigkeit und persönlicher Hingabe, das Lamm Gottes, das für die Seinen zum Schlachten geführt wird, um sie von ihren Sünden und ihrer Herzensverhärtung zu heilen, das Lamm, das seinen Mund nicht auftut, sich nicht wehrt, sich kreuzigen lässt für die, die er liebt, ganz besonders für seine Freunde, aber auch für seine Mörder!

Die Wahrheit, die er gesagt hat und die er selbst als lebendige Person ist, diese Wahrheit hängt als Liebe am Kreuz. Hier siegt die Wahrheit, die nicht selbstherrliches Festhalten an Sätzen ist, sondern Einweisung in eine Wirklichkeit des Heils, in die Eröffnung eines neuen Lebens, das das jetzt schon angeht für alle, die an ihn glauben.

Das Leben des Herrn liegt „vor“ dem Dogma

Wenn Papst Franziskus also von der Barmherzigkeit als der „leuchtendsten Bekundung der Wahrheit Gottes“ spricht, dann ist er aus meiner Sicht im Einklang mit dem Johannes-Evangelisten, der den am Kreuz erhöhten, den toten, den gefolterten Herrn als den verherrlichten (!) Herrn bezeichnet. So sehr leuchtet die Wahrheit der Liebe Gottes, dass sie zu dieser äußersten Hingabe bereit ist. Sie ist nicht zuerst in der Form von Sätzen, von Dogmen, von Moralpredigten zu haben, sondern jedes Dogma, jeder Satz der Moral ist ein Verweis auf die davor liegende, tiefer liegende Wirklichkeit der Einheit von Wahrheit und Liebe, die am Kreuz hängt und sich am Kreuz offenbart hat. Das Dogma und die Moral entstehen aus dieser Hingabe, sie sind der Versuch, sie verständlich zu machen, sagbar zu machen und eine Lebensform anzubieten, die sie ernst nimmt. Aber Dogma und Moral sind nicht selbst diese Wirklichkeit. Das heißt, hier geht es nicht um bloß intellektuelles Verstehen der Wahrheit und auch nicht nur um gefühlsmäßiges Handeln aus Barmherzigkeit, hier geht es um den Geist der Heiligkeit des Herrn selbst und genau dieser ist aus meiner Sicht die Grundlage dieses großen, dieses anspruchsvollen Textes über die Liebe, den uns der Papst geschenkt hat.

Ähnlich wie bei den Texten des Konzils

Das Problem ist ein ähnliches wie bei den Texten des II. Vatikanischen Konzils. Wie oft wird über den vermeintlichen „Geist des Konzils“ gesprochen und gemeint wird allzu oft die eigene, hintergründige Hoffnung auf mehr Liberalität, auf weniger Strenge, auf weniger Rede von Sünde, auf weniger Herausforderung auf mehr Barmherzigkeit – aber letztlich oft auch nur im Sinne einer bloß billigen Gnade. Gemeint wird allzu häufig das eigene Kirchenbild, gemeint wird die eigene Deutung des Verhältnisses zur Welt. Nicht gemeint wird in der Regel, was das Konzil wirklich auch dem Text gemäß gesagt hat, nicht gemeint wird zum Beispiel, dass die allgemeine Berufung zur Heiligkeit (LG 5) für jeden Getauften eine eigene, tiefgründige Verantwortung beinhaltet (und aus meiner Sicht sogar Verstehensschlüssel für die Konzilstexte ist). Nicht gemeint wird in der Regel, dass das Konzil ein vertieftes, weil auch dialogisches Offenbarungsverständnis vorgelegt hat, in dem der Mensch eingeladen ist, auf den sich ganz und gar schenkenden Gott eine eigene, verantwortete Antwort zu geben, die diesem Gott das eigene Leben tatsächlich ganz zurück schenkt.

Dogma gegen Barmherzigkeit?

Und so tun wir uns bis heute innerkirchlich schwer mit einer einheitlichen Deutung dieses Konzils mit seinem pastoralen Ansatz. Die Deutungen gehen von „radikaler Neuanfang kirchlichen Lebens“ bis „alles gilt genau so, wie es bisher gegolten hat“. Warum ist das so? Warum gehen die Deutungen so sehr auseinander? Meines Erachtens, weil das Konzil aus dem „Geist der Heiligkeit“ gesprochen hat, aus dem Geist, in dem Wahrheit und Barmherzigkeit nicht mehr als Gegensätze gegeneinander ausgespielt werden können, sondern eine Mitte und Tiefe haben, die sehr anspruchsvoll ist, also voll des Anspruchs, den Gott an uns, an seine Kirche richtet. Er schenkt Liebe und wartet auf unsere Antwort als wahrhaftige Liebe. Dringe ich mit dem Herzens- und Verstandesblick nicht dorthin vor und lasse ich mich davon nicht berühren, dann bleibe ich „davor“ hängen. Und in diesem Fall des „davor“ fallen Liebe und Wahrheit in der Interpretation auseinander und laufen Gefahr zu Gegensätzen zu werden: Dogma gegen Barmherzigkeit, moralische Normen gegen konkrete Lebenswirklichkeit. Und dann suchen sich die einen wieder die vermeintlich barmherzige, aber irgendwie am Ende doch billigere Perspektive raus, die anderen die satzhafte Wahrheit, die strenger wirkt, aber oft so viel weiter weg vom Leben scheint – und ebenfalls weniger anstrengend sein braucht, weil ich mir die schwierigen Fälle unter Berufung auf das Dogma leicht vom Leib halten kann.

Der Blick aus Christus

Der Papst aber spricht aber aus meiner Sicht in „Amoris laetitia“ tatsächlich aus diesem Innenblick, der aus Christus kommt, der zugleich ganz beim Vater und im Vater lebt und deshalb (!) so nah bei den Menschen sein kann – in der tiefen Einheit von Wahrheit und Barmherzigkeit, in der Hingabe als Heiligkeit. Dieser Weg ist alles andere als billig. Wenn der Papst zum Beispiel darauf pocht, dass es um Begleiten, Unterscheiden, Mitgehen und Integration geht, dann heißt das eben genau nicht, dass jetzt jeder einfach alles von der Kirche beanspruchen kann, was sie „zu bieten“ hat. Es heißt wirkliche Liebe, wirkliches geduldiges Gehen mit den Menschen, wirkliches Hinschauen und Unterscheiden lernen. Es heißt Einblick bekommen in innere Wirklichkeiten, in komplexe Realitäten, in die Fragen von Schuld, Sünde und Versöhnung. Es heißt hinsehen und hinhören auf Lebens- und Glaubenswidersprüche, auf Wunden und mögliche Heilungswege. Der Weg der Liebe des Seelsorgers ist das geduldige Mittragen des Kreuzes mit dem Anderen. Er muss dabei aus Rücksicht auf die anderen Gläubigen „jedwelchen Anstoß vermeiden“ (Nr 299). Dieser Weg heißt daher auch, dass die bestehende Lehre volle Gültigkeit hat, er bedeutet, dass „niemals von den Erfordernissen der Wahrheit und der Liebe des Evangeliums“ abgesehen werden kann (Nr. 300), er bedeutet „Demut, Diskretion, Liebe zur Kirche und ihrer Lehre“ (ebd.); er bedeutet die „schwerwiegende Gefahr falscher Auskunft zu vermeiden, wie die Vorstellung, dass jeder Priester schnell ‚Ausnahmen’ gewähren“ könne (ebd.); er bedeutet das Risiko vermeiden, „die Kirche vertrete eine Doppelmoral“. (ebd.)

Der Weg bedeutet aber andererseits auch zu fragen: Kann es wirklich sein, dass jeder Mensch, der sich seit langem tatsächlich ernsthaft um erneuerte Wahrheit und Liebe müht, dass dieser sich automatisch „im Zustand der Todsünde befinde und die heiligmachende Gnade verloren“ habe? ((Nr. 301); kann es sein, dass mein eigenes Insistieren auf dem Gesetz vielleicht doch nicht mehr ist als ein Rückzug, der mich im sicheren Gedankengebäude davor beschützt, wirklich den Weg der Liebe, der Begleitung, des geduldigen Mitgehens gehen zu müssen? Kann es sein, dass ich mich unter Berufung auf die moralische Norm von der Anstrengung dispensiere, wirklich verstehen zu wollen, helfen, mitleiden zu wollen? Der Weg der Heiligkeit und der Heiligung hebt das Gesetz nicht auf, kein Jota, sagt Christus im Evangelium (Mt 5,18). Aber Er selbst, als lebendige Wahrheit, als Inbegriff des Gesetzes, er selbst geht mitleidend, mittragend, mitkämpfend an der Seite derer, die das Gesetz nicht oder noch nicht halten können, weil sie seine innere Fülle noch nicht mit dem Herzen berührt haben; weil ihnen die Einsicht mangelt, dass Christus selbst das Leben ist und lebendig machenden Geist schenkt und dass er wirklich das Herz erneuern kann und will – und dass er nicht nur als toter, gesetzhafter Buchstabe daher kommt. Denen, die das nicht sehen wollen oder können, dürfen wir Lebensdeuter sein, dürfen wir den Herrn vergegenwärtigen, der in den Abgrund der Sünde gestiegen ist. Ihnen dürfen wir auch Stellvertreter sein, die ihre Kämpfe, Leiden, Widersprüche vor Gott bringen. Und wir hoffen, dass dass auch andere für uns tun, die wir ebenfalls Sünder sind.

Ein guter oder ein schlechter Text?

Daher: Wenn schon am Tag nach dem Schreiben unseres Papstes die Deutungen in ähnliche Extreme auseinander gehen wie im Gefolge des Konzils, dann lässt das aus meiner Sicht im Grunde vor allem zwei Möglichkeiten der Deutung zu: Entweder es ist ein schlechter Text, viel zu wenig eindeutig, so dass sich am Ende jeder heraus nehmen kann, was er mag, nur um seine eigene (nicht selten ideologische) Sicht der Dinge zu festigen. Oder es ist ein so guter Text, dass er sehr nahe am Geist des Evangeliums ist, am Geist der Heiligkeit, der uns nicht die Alternative lässt zwischen Wahrheit und Barmherzigkeit, sondern nur die Alternative, den Weg des Herrn selbst zu gehen, die Kreuzesnachfolge, den Weg der Heiligkeit, den Weg der sich verschenkenden Liebe. Und hüten wir uns, vorschnell zu glauben, das wäre anspruchslos und gäbe schnelle Lösungen her. Es ist ein Weg, der unsere ganze Antwort will. Mir scheint jedenfalls diese zweite Alternative zu gelten: dass der Text in diesem Sinn richtig gut ist – und deshalb wirklich der sorgfältigen Tiefenlektüre bedarf, die der Papst empfiehlt; und dass es keinesfalls ein Text ist, der allzu schnell, allzu einfache und bloß pragmatische Lösungen vorschlägt. Und wenn tatsächlich in dem einen oder anderen Einzelfall eine neue Lösung über die bisherigen hinaus gesehen werden kann, dann im Grunde nur von einer Haltung der Liebe, die zur wirklichen Hingabe bereit ist.

Foto: pexels.com

 

Kommentare

  1. Gudrun Wasserfaller

    Ich finde dass jeder Text von wem er auch kommt mit der hl.Schrift geprüfte und argumentiert werden soll sonst handelt es sich um Privatoffenbarungen vor denen die hl.Schrift warnt.
    Wir Christen sollten alle dieselbe Sprache sprechen. Die SPRACHE der hl.Schrift eine einfache Sprache wie der Herr Jesus es selbst vorgelegt hat.Anderes erinnert an den Turmbau zu Babel.

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