Gefährdung der Demokratie – oder ihre Veränderung?

In Verschiedenes, Wortmeldungen von Bischof Stefan Oster SDB1 Kommentar

Sitze hier und habe eben nochmal in das berühmte Rezo-Video „Die Zerstörung der CDU“ hinein gesehen. Hier ein Kommentar dazu:

Zunächst: Ich finde es klasse, dass da ein Mann der jungen Generation sich so ausführlich, intensiv, ja bisweilen akribisch mit Politik beschäftigt. Natürlich muss man nicht seiner Meinung sein, kann zu anderen Ergebnissen kommen. Und sicher gibt es Schwachpunkte in der Argumentation oder auch positive Leistungen der genannten Regierungsparteien (etwa den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt), die er auch hätte bringen können. Aber ganz ehrlich: Jede politische Rede, sei es im Bundestag oder im Wahlkampf im Bierzelt, wirklich jede, hätte dieselben Makel! Jede Rednerin, jeder Redner versucht, seine eigene Position so überzeugend darzulegen wie möglich – und jeder offenbart dabei notwendig auch Schwächen, macht sich angreifbar, lässt Punkte aus… und so weiter. Man merkt Rezos Video aber an, dass er seine Themen nicht populistisch angeht, sondern ernsthaft versucht zu hinterfragen und vor allem auch gut zu belegen. Zugespitzt? Ja, natürlich, aber warum nicht? Wer in der Politik tut das nicht?

Klar, Rezo ist kein Politiker, er ist ein Künstler. Und sein Video ist eine Form von Kunst! Es ist Videokunst von heute und zwar ziemlich gute! Handwerklich klasse, rhetorisch brillant, den Zuschauer mitnehmend – und das obwohl das Video eine knappe Stunde dauert. Will sagen: Du musst schon richtig gut sein in deiner Kunst, um junge Menschen (und nicht nur die!) heute für eine Stunde für ein Video zu gewinnen, bei dem überwiegend nur ein einzelner sprechender Mensch zu sehen und hören ist – und dann auch noch zu politischen Themen.

Darf er das denn als Künstler? Nun: Haben nicht schon häufig Schriftsteller, Musiker, Schauspieler offen für politische Parteien geworben? Klar darf er und aus meiner Sicht soll er auch. Rezo hat ganz offenbar einen Nerv getroffen, vor allem bei seiner Zielgruppe, bei jungen Menschen von heute. Wenn sich dann noch viele über den Video-Titel „Die Zerstörung der CDU“ ärgern, dann wohl aus fehlender Information darüber, dass Videos mit ähnlichen Titeln inzwischen eine Art Gattung im Netz sind, nämlich dort, wo es um klare, intensive Argumentation geht, die andere Positionen widerlegen soll. Rezo hat sich also innerhalb einer Gattung von Videokunst bewegt, in der so ein Titel selbstverständlich nur eine Metapher für ein klares Selbstbewusstsein ist, auf der richtigen Spur zu argumentieren. Das muss man nicht mögen, aber es hat sich halt unter Youtubern so etabliert, besonders auch im englischsprachigen Bereich.

Aber was für mich am deutlichsten ist:  Rezo hat damit einmal mehr bewusst gemacht, wie sehr die digitale Welt unsere Welt insgesamt verändert hat, jetzt eben maßgeblich auch die Welt politischer Meinungsbildungsprozesse. Und an der Hilflosigkeit der Parteien, auf dieses Video zu reagieren, sieht man, dass er hier auch einen echten neuen Schritt gemacht hat politische Meinungsbildung zu beeinflussen. Ein Schritt, dessen Möglichkeit in dieser Größenordnung und Auswirkung zuvor offenbar niemand auf dem Schirm hatte. Ich jedenfalls nicht.

Zurecht entsteht die Frage: Gefährdet das, gefährden solche Möglichkeiten der Mediennutzung die Funktionsweisen unserer Demokratie – und damit die Demokratie insgesamt? Oder verändert es sie nur und wenn ja, wie? Ich denke: Beides ist möglich. Wir sehen, wie die digitale Welt dramatisch missbraucht werden kann, um Hass zu schüren, um zu verfälschen, um fake news zu verbreiten, um vor allem zu emotionalisieren und zu polarisieren – so dass handfeste Informationen für eine komplexe Weltbeschreibung kaum mehr durchkommen. Wir sehen aber am Beispiel dieses Videos, dass Information gut aufbereitet, zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Art und von der richtigen Person präsentiert immer noch überwältigende Aufmerksamkeit finden und ein Beitrag zu echter Auseinandersetzung werden kann. Rezo ist jedenfalls der ernsthafte Wille, vernünftig zu argumentieren und Information zu liefern, nicht abzusprechen. Und damit ist es aus meiner Sicht ein echter Beitrag zu demokratischer Meinungsbildung.

Und wir sehen zugleich, wie sehr er uns herausfordert, die wir ebenfalls an Prozessen der Meinungsbildung mitwirken wollen. Selbstverständlich auch uns als Kirche. Er fordert uns heraus, uns wirklich anzustrengen in der Art und Weise, wie wir welche Inhalte präsentieren. Und er trägt womöglich dazu bei, dass wir dabei bestimmte Niveaus nicht mehr unterschreiten wollen. Als Christ würde ich dazulegen wollen, dass wir qualitatives Niveau auch auch in ethischer Hinsicht bieten müssen in der Art des Umgangs miteinander. Hat Rezo dieses Niveau unterschritten? Bin nicht sicher. Manches bewusste Lächerlichmachen von Einzelpersonen durch Einspielen von Videoschnipseln empfinde ich  zumindest an der Grenze. Und wenn es um die Jagd nach Likes geht, wird der Drang, so etwas zu forcieren, sicher stärker. Ich würde mir wünschen, es ginge im Zweifelsfall auch ohne oder zumindest unter echter Abwägung des Gewichtes eines Themas im Verhältnis zur entblößenden Darstellung.

Aber Fazit in allem: Überraschend neuer, gut gemachter und unerwartet wirkungsvoller Impuls vor der Europawahl.

Kommentare

  1. Susanne Moehring

    Sehr verehrte Exzellenz,

    als ausgebildeter Journalist ist Ihre Bewertung des Videos von REZO sicherlich ein Beitrag, der als Aufforderung verstanden werden sollte an alle, sich in argumentativ konstruktiver Weise am gesellschaftlichen Diskurs zu beteiligen. Um dem Video von REZO selbst ein Beispiel einer Reaktion beizufügen, ergänze ich hier einen Link von JasonHD :

    https://youtu.be/UbBDpcAecig

    Eine Video Antwort auf REZO gefunden, wo ich selbst schon versucht war in ähnlicher Weise ein Video zu produzieren. Aber hier ist mir Jason HD zuvorgekommen. Frohes Anschauen ! Er hat in vielem recht und ist für eine Argumentation gegen eine generelle Einstellung zu einer „Klima-Apokalypse“ hilfreich die Maßstäbe gerade zu rücken. Als Christen sollten wir statt apokalyptischer Klagelieder lieber den Auftrag des Herrn wahrnehmen und an der Neuen Schöpfung dahingehend mitgestalten, sie zu schützen gegen Vermüllung, Vergiftung und Abholzung oder weitere Zerstörungen.

    MfG

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