Revolution aus der Mitte

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt aus Anlass des Doppeljubiläums des Deutschen Katholischen Frauenbundes in Passau: 50 Jahre Diözesanverband und 110 Jahre erster Ortsverband.

 

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, vor allem liebe Frauen des Frauenbundes in Passau und in unserem ganzen Bistum, verehrte Fest- und Ehrengäste

Sie feiern Ihr Doppeljubiläum des Frauenbundes Passau und des Diözesanverbandes in einer Zeit, in der wir große Umbrüche erleben. Heute Abend schon und in den nächsten Tagen werden wir sehen, wie die Menschen in Europa zu unserem Kontinent stehen. In ganz Europa aber auch hier in unserem Land erleben wir, wie Parteien vielfältiger werden, wir erleben auch wie die politischen Extreme zunehmen, wie die Gesellschaft sich polarisiert. Und auch unsere Kirche erleben wir in ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten, vielleicht seit Jahrhunderten. Und womöglich stehen wir auch in der Kirche vor den dramatischsten Veränderungen seit Jahrhunderten. Die Krise der Kirche ist massiv beschleunigt oder verstärkt worden durch die Erkenntnisse des Missbrauchs, seines auch systemischen Charakters in der Kirche, durch die Schuld der Täter und durch die Scham und das Entsetzen darüber, dass Opfer und Betroffene oft nicht einmal Gehör fanden, geschweige denn Hilfe. Aus meiner Sicht ist in dieser Hinsicht in unserer Kirche zwar in den vergangenen Jahren schon sehr viel erreicht worden. Durch systematische Präventionsarbeit, durch hohe Sensibilisierung für das Thema, durch unsere Leitlinien und das dort geforderte konsequente Vorgehen – und durch andere Maßnahmen mehr. Uns ist als Kirche von kompetenter, unabhängiger Seite bescheinigt worden, echter Vorreiter dieser Thematik in der Gesellschaft zu sein. Aber ja, unsere Zuwendung zu Betroffenen muss immer Priorität haben und unser konsequenter Wille zu ihrer Unterstützung und Begleitung! Wir brauchen zudem weitere Maßnahmen der Erneuerung, der Aufarbeitung, der Transparenz. Und wir brauchen auch die tiefe Auseinandersetzung darüber, was Macht in der Kirche bedeutet und wer sie wie ausübt und auch wie sie überprüft oder kontrolliert wird. All das brauchen wir. Und daran arbeiten wir – auch gemeinsam in der Bischofskonferenz.

Krise der Institution und Krise des Glaubens

Ich meine weiterhin, dass es auch eine Krise gibt, die gewissermaßen noch hinter den genannten Phänomenen liegt – und die dazu beiträgt, dass sich die Veränderungs- und Polarisierungsprozesse beschleunigen. Es ist die Krise unseres Glaubens. Und beide Krisen befeuern einander: die Krise der Institution beschleunigt die Krise unseres Glaubens und umgekehrt: die Krise des Glaubens vertieft die Krise der Institution Kirche.

Fragen heute….

Aber worin drückt sich eigentlich die Krise des Glaubens aus? Womöglich in unserer zunehmenden Ratlosigkeit, wenn wir gefragt werden, wo denn Gott heute ist? Ob er wirklich da ist? Und wenn ja, wie? Und wie er in meinem Leben wirkt? Oder wer Jesus ist, oder wer oder was eigentlich Kirche ist? Oder ist es die immer leiser wahrnehmbare oder gar fehlende Antwort auf die Frage, was wir hier eigentlich feiern in der Eucharistie? Oder wie man das in der Bibel Erzählte überhaupt verstehen oder für wahr halten kann? Oder ist es die zweifelnde Frage danach, ob uns der Glaube an Christus von der Kirche eigentlich in der rechten Weise vorgelegt wird. Und womöglich ist uns am Ende vielleicht gar nicht mehr klar, was wir eigentlich meinen, wenn wir vom Glauben an sich reden? Oder ob wir miteinander darüber ein Einverständnis haben in der Kirche. Glauben wir, was wir glauben, wenn wir sagen, dass wir glauben?

Wege von früher

Eine erste Antwort auf die Frage, warum wir in alledem so unsicher geworden sind, hängt aus meiner Sicht direkt mit dem bisherigen Zusammenwirken der beiden genannten Krisen zusammen, nämlich dem bisherigen Ineinander von Glauben und Institution. Wir sind nämlich Jahrzehnte davon ausgegangen, dass die Kirche – und wir meinen damit vor allem die Institution – dass also die Kirche schon dafür sorgen wird, dass die Menschen in den Glauben finden. Die Kirche, so auch noch meine Wahrnehmung als Jugendlicher, stellt alles bereit: Taufe, Kommunion, Firmung, Hochzeit samt ihren Vorbereitungsprogrammen. Dazwischen katholischer Kindergarten, Religionsunterricht, Jugendgruppe, christliche Feste – und irgendwie meinte man, kommt dabei dann nach alledem ein gläubiger junger Mensch raus. Und der kann sich dann in Kirche und Gesellschaft engagieren. Die Struktur wird von allen mitgetragen und die Personen, die die Strukturen bedienen, wurden daher vielleicht insgesamt als weniger wichtig erachtet. Einzig die Figur des Pfarrers stand über allem. Der war immer für die Inhalte und das Gebet zuständig. Und das war aus meiner Sicht allzu lange unser Verständnis: Der Pfarrer und die institutionalisierten Formen von Gläubigwerden kriegen das schon hin mit dem Glauben bei allen, vor allem dann, wenn ohnehin noch alle mitmachen. Man wächst dann irgendwie von selbst hinein.

Verbände und katholisches Milieu

Und unsere reiche Verbändelandschaft ist, soweit ich sehe, überwiegend aus dem entstanden, dass es da eben einmal solche katholischen Milieus gab. Also Gegenden, Gesellschaften und Gemeinschaften, in denen alle irgendwie gläubig und automatisch dabei waren und hineingewachsen sind. Und aus diesen bestehenden gläubigen Milieus haben sich dann Interessengruppen gebildet, die ihr jeweiliges spezifisches Profil einbringen und auch Interessenvertretung sein wollten: Es bildeten sich also katholische Vereine und Verbände für die Interessen der Arbeiter, der Jugend, des Landvolks, der Sportler – und eben ganz wichtig auch der Frauen und andere mehr. Und alle diese Vereinigungen sind zumindest früher auf der mehr oder weniger gegebenen Voraussetzung tätig geworden, dass die Sache mit dem gläubigen Leben irgendwie klar ist: Gläubig ist man ohnehin schon und man bleibt es auch durch Messbesuch, Beichte, christliche Feste. Und auf dieser Basis kann man sich dann in seinem Verband und durch seinen Verband einbringen in Kirche und Gesellschaft. So war das gut geordnet.

Ähnliche Strukturen, andere Grundvoraussetzung

Heute aber stehen wir allenthalben vor dem Problem, dass vieles in unserer Kirche, im Bistum, in unseren Pfarreien wie in unseren Verbänden im Grunde immer noch in dieser Weise strukturiert ist, die in früheren Zeiten aufgebaut und entwickelt worden ist. Unsere Strukturen und Arbeitsweisen sind vielfach die von früher. Aber die Grundvoraussetzung, nämlich der bei allen irgendwie selbstverständlich voraus gesetzte Glaube, die fehlt eben heute. Der Glaube ist längst nicht mehr so selbstverständlich da wie ehedem. Wenn er denn wirklich da war. Vermutlich war es auch früher häufig auch nur ein selbstverständliches Mitmachen ohne groß tiefer zu hinterfragen.

Wie geht das heute: gläubig werden?

Aber vor dieser Frage, liebe Schwestern und Brüder, stehe ich, stehen wir insgesamt, wenn wir uns fragen: Wie findet heute eigentlich ein Mensch in den Glauben, wenn es längst nicht mehr selbstverständlich ist, da gewissermaßen kulturell mit hineinzuwachsen? Oder wenn uns unsere Gesellschaft jeden Tag Fragen stellt, auf die wir nicht gewohnt sind, Antworten zu haben oder zu geben? Oder wenn wir merken, dass so zentrale Sakramente wie die Heilige Messe oder die Beichte einfach keine Rolle mehr spielen im Leben der allermeisten Katholikinnen und Katholiken? Wäre es da schon getan mit strukturellen Veränderungen, um den Niedergang zu retten?  Ja, ich glaube auch, dass strukturelle Veränderungen kommen werden und auch nötig sein werden. Aber die viel entscheidendere, die existenziellere Frage für uns alle ist doch: Wie finden Menschen in den Glauben – und damit auch in das, was wir das Heil nennen? Oder den Sinn des Lebens? Oder die Quelle ewiger Liebe, die uns meint, mich und dich? Oder Vergebung der Sünden und Rettung aus dem Tod? Wie finden wir finden wir intellektuell, emotional und existenziell in diese Herzmitte unseres Glaubens?

Wasser des Lebens

Liebe Schwestern und Brüder, ich meine wir würden dann den entscheidenden Punkt berühren, wenn wir uns neu vergewissern könnten, dass wir hier in der heiligen Messe das wahrhaft größte Geheimnis feiern, das der Welt je geschenkt wurde: Die Gegenwart Gottes für uns, in uns, mit uns. Aus Liebe, aus Hingabe, aus der Bereitschaft Jesu, das Letzte für jeden von uns zu geben. Jesus wandelt sich der Welt ein! Und er tut es, damit wir uns wandeln. Wie wandeln? Nun, wenn mir der Empfang der Eucharistie so ans Herz gehen könnte, dass mein Glaube sagt: „Ja, Herr, das bist wirklich Du! Du bist jetzt tatsächlich hier unter uns und in mir. Und Du willst heilen in mir, was an Verletzungen da ist, an Verfehlungen, an Verschlossenheit, an Stolz, an Ängsten und so viel mehr. Du willst mich wirklich neu machen, frei und tief und liebesfähig!“ Wenn mein, wenn Ihr Glaube so offen sein könnte – und ich und Sie alle dieses Geheimnis wirklich an uns heranlassen könnten, ja dann, dann passiert in uns wirklich etwas. Dann passiert in mir als Bischof, dass ich anfange durchsichtig zu werden auf Ihn. So dass es dann auch zweitrangig würde, ob ich die Messe feiere oder ein anderer, weil dann durch mein Dasein das Zentrale deutlicher würde: Der Herr ist da! Und Er ist da für Euch! Und für uns alle. Und in Ihnen allen wird etwas ganz Ähnliches passieren, ähnliche Wandlung.  Sie kommen zuerst hierher um Ihn zu feiern, um sich von Ihm berühren und nähren zu lassen – um dann wegzugehen und das alles Entscheidende in der Kirche im Glauben empfangen zu haben: Er liebt dich, er vergibt, er verlässt dich nicht, du gehörst zu Ihm. Und wir gehören als Geschwister, als Frauen und Männer zusammen; als Menschen, die gerufen sind einander zu dienen – und einander im Glauben zu stärken – für den Dienst in einer Welt, in der die Gegenwart Gottes immer weniger geglaubt wird. Dann beginnt das, wovon Ihre Einladungskarte erzählt und das Evangelium: Wir sind „Beschenkte von den Wassern des Lebens“ und aus unserem Inneren strömt dieses lebendige Wasser hervor (Joh 7, 38)

Der Friede von Ihm

Liebe Schwestern, liebe Brüder, wenn Sie mich fragen, wofür die Kirche zuerst und vor allem da ist, dann dafür: dass Menschen durch Christus mit Gott versöhnt und gerettet werden und zum Heil finden. Und dass wir als Glieder der Kirche anfangen, Ihn mit unserem ganzen Leben sichtbar zu machen und zu preisen, weil wir ihn im Herzen haben, weil wir ihn kennen und weil wir ihm im täglichen Leben und im Dienst am anderen dienen wollen. Das ist der Friede, liebe Schwestern und Brüder, von dem im Evangelium und in der Messe vor der Kommunion gesprochen wird: Jesus sagt uns im Evangelium, dass er da sein wird, dass er uns seinen Heiligen Geist senden wird – und dass er uns so den Frieden in uns geben will, den die ganze Welt nicht geben kann. Nur Er kann es, weil wir nur in Ihm versöhnt sind mit Gott, mit dem Vater.

Autorität und Fruchtbarkeit aus der Mitte

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich bin gewiss, dass viele vor allem der vielen gläubigen Frauen unter Ihnen ahnen oder wissen, wovon ich spreche – von der Mitte unseres Glaubens an Christus. Und tatsächlich war es in der ganzen Geschichte der Kirche immer so: Wenn Menschen wirklich tief aus dieser Mitte gelebt haben, dann haben sie immer auch die Kirche verändert – und es hatte immer wieder auch Konsequenzen für ihre Strukturen – wie von selbst. Die glühende Liebe einer heiligen Monika, die Leidenschaft einer heiligen Clara von Assisi, die tiefe innere Erfahrung einer Theresa von Avila, das Herz voller Barmherzigkeit für die Ärmsten bei Mutter Theresa und so vieler anderer – sie alle haben immer wieder das Gesicht und die Glaubwürdigkeit der Kirche erneuert. Und dann tatsächlich auch gewissermaßen von innen her und wie von selbst die Struktur der Kirche erneuert. Das ist die wahre Autorität der Kirche, die nur aus der inneren Nähe zu Christus wächst. Und aus ihr kommt die echte Fruchtbarkeit, die der Herr meint. Und auch das ist wichtig: Wir Amtsträger werden einmal eben daran gemessen werden, nicht daran, wie wir wo Macht ausgeübt haben, sondern ob und wie wir Ihn geliebt haben und in Ihm die Menschen. Und Jesus fügt im Evangelium auch noch den Satz an: „Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht!“ Denn wir hören in einem anderen Evangelium auch: Er bleibt ja bei uns bis zum Ende der Welt. Das ist es, wovon Menschen überall auf der Welt damals und heute gelebt haben. Von dem Vertrauen, dass der Herr da ist, dass in Ihm der Friede ist, unabhängig davon, welche Umwälzungen sich in Kirche und Welt ereignen, und ob äußerlich Krieg oder Frieden oder Freiheit des Glaubens oder Verfolgung herrscht. Er ist da und bleibt da. Die eigentliche Revolution ist eine Revolution von innen, eine Revolution der Herzen.

Der Dank an die Frauen

Liebe Frauen in unserem Frauenbund, liebe Frau Benkenstein-Matschiner, liebe Mitstreiterinnen in unserem Diözesanverband und in den einzelnen Orts- und Zweigverbänden, liebe gläubige und verbundene Frauen unserer Kirche. Ich danke Euch von Herzen, dass Ihr in der Kirche von Passau das weibliche Gesicht seid, das weibliche Gesicht des Engagements von Kirche in unserer Welt von heute. Ich danke von Herzen für Eure so facettenreiche Mitgestaltung des kirchlichen Lebens in unseren Pfarreien und vielerorts darüber hinaus. Ich danke für Euren vielfältigen Dienst am Nächsten, für Euren Einsatz für eine bessere Welt und Umwelt, für Euer geistliches Leben, für Euer Frausein und Euer Dasein. Ich danke für Euer Gottvertrauen – und ich lade Euch ein: Sucht mit mir nach dem Frieden, nach der Liebe des Herrn. Helfen wir einander zu vertrauen, dass Jesus wirklich da ist. Helfen wir einander den Glauben unserer Kirche neu und tief zu entdecken, seine Schätze zu heben. Suchen wir nach neuen Orten und Formen, das zu tun – wo wir spüren, dass das Alte nicht mehr greift. Helfen wir einander, Missionarinnen und Missionare der Liebe Jesu zu werden – in Wort und Tat. Helfen wir den Benachteiligten zum Ansehen, indem wir sie mit einem liebenden Blick ansehen. Und ringen wir miteinander um eine Veränderung, die deutlich macht, dass es uns zuerst und vor allem anderen um Jesus geht. Ich bin vor fünf Jahren meinen Dienst hier in Passau angetreten und habe im Grunde dieses eine Ziel: dass Jesus mehr erkannt und geliebt wird. Weil er aller Liebe würdig ist – und weil im Grunde nur daraus der Segen für uns alle fließt. Und dieser Segen möge über den Katholischen Frauenbund und alle seine Mitglieder kommen – heute und die nächsten 50 und die nächsten 110 Jahre. Amen.

Bild: (KDFB Passau) V. li: Geistlicher Beirat des Landesverbandes Msgr. Rainer Boeck, Geschäftsführerin des Diözesanverbandes Kathrin Plechinger, Bildungsreferentin Tanja Kemper, stv. Vorsitzende Waltraud Lerchl, Vorsitzende Bärbel Benkenstein Matschiner, stv. Vorsitzende Anne-Marie Ederer, Bischof Stefan Oster, Domkapitular Manfred Ertl, geistl. Begleiterin Hildegard Weileder-Wurm, stv. Vorsitzende Gerda Stöfl.

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