„Herr Bischof, haben Sie etwas gegen den Christkindlmarkt?“

In Verschiedenes, Wortmeldungen von Bischof Stefan Oster SDB1 Kommentar

Seit meinem Amtsantritt werde ich immer wieder gefragt, wie ich denn zum Passauer Christkindlmarkt direkt vor meiner Haustür stehen würde. Die Frage ergibt sich meistens aus der auch medial vermittelten Wahrnehmung, dass ich bislang nicht selbst bei der offiziellen Eröffnung des Marktes mitgewirkt habe. Tatsächlich war es bisher immer auch eine Terminfrage, aber ehrlich gesagt: nicht nur. Und ich bin daher auch nicht unglücklich, dass diese Frage entsteht, denn dann wird die Antwort vielleicht auch besser gehört.

Sich am Christkindlmarkt freuen schließt das Nachdenken über seinen Sinn nicht aus

Zunächst: Ich gönne den vielen Menschen, die zum Christkindlmarkt gehen, ihre Freude daran, ihren kulinarischen Genuss, die Freude an Begegnungen und vieles mehr. Ich gönne auch den Geschäftsleuten ihren Verdienst und ich freue mich auch besonders über einige Initiativen die nicht-kommerziellen Charakter haben. Ich war selbst in diesem Jahr auch schon zweimal auf dem Markt, um dort Menschen zu begegnen. Und ich bin auch froh, dass in diesen Tagen unser Domplatz viel mehr ist als nur ein Parkplatz, wie es sonst so häufig scheint. Daher soll das Folgende auch nicht der gehobene moralische Zeigefinger sein, sondern eher zum Mitdenken einladen oder vielleicht sogar eine Debatte anstoßen.

Advent: Ein Weg des inneren Menschen

Und deshalb etwas grundsätzlicher: Ich halte unsere Vorbereitung auf Weihnachten für wichtig und notwendig – und zwar zuerst und vor allem als Weg des inneren Menschen, als Einübung in das stille Warten auf den Herrn, von dem unsere Lieder und Gebete in der Liturgie in dieser Zeit voll sind. Es ist eine Zeit, die in der Tiefe unseres Herzens in eine erwartungsvolle Vorfreude auf das Kommen Jesu führen kann.

„Stille Nacht“ im lauten Kaufhaus

Wir alle sprechen daher auch zurecht von der „staadn Zeit“. Aber für viele ist sie gerade die unruhigste Zeit des ganzen Jahres. Und sie ist es besonders durch den Druck, der durch die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes in der Adventszeit (und inzwischen lange davor!)  auf die Menschen ausgeübt wird. Uns wird überall beständig suggeriert: Wir sollen und müssen uns in die „Weihnachtsstimmung“ hineinkaufen, hineingenießen, hineinessen und –trinken. Wir spielen auf den lauten Weihnachtsmärkten und in den grellen Kaufhäusern „Stille Nacht“ und „Oh du fröhliche…“ rauf und runter, bis wir es nicht mehr hören können. Wir essen, trinken und feiern. Und wir finden in der Regel gerade nicht die Zeit und die innere Ruhe für das Weitergehen vom Markt hinein in die Stille des Domes, für die Ruhe im Gebet, für den Gottesdienst oder auch für das ruhige Dasein für den anderen Menschen.

Das „Christkind“ ist nicht käuflich

Der Markt nimmt Weihnachten stattdessen im Grunde vorweg: Jetzt ist gut vier Wochen Zeit für das Feiern. Und dann, wenn im kirchlichen Sinn die Weihnachtszeit erst beginnt, nämlich vom 25. Dezember an bis zum Fest Taufe des Herrn, dann ist im Grunde kommerziell längst alles vorbei. Der Domplatz schaut am Heiligen Abend nach dem großen Essen, Trinken und Kaufen zuerst aus wie ein Müllplatz. Dann wird schnell aufgeräumt. Alles ist sauber zum Fest, aber ehrlich gesagt: zu welchem Fest? Es ist ja dort jetzt auch ziemlich öd und leer. Jetzt gibt es ja nichts mehr zu verdienen. Allein die Verbindung des Wortes „Christkindl“ mit dem Wort „Markt“ – ist im Grunde schon eine Art Verkehrung des innersten Geheimnisses Jesu. Er ist nicht das verniedlichte, romantische „Kindl“, das man zum Objekt von Kaufen und Verkaufen machen könnte. Er selbst ist das gerade Gegenteil von käuflich.

Kultur des Menschseins: Warten-können

Diese Kommerzialisierung von Weihnachten bewirkt aus meiner Sicht daher eher das Gegenteil von dem, worum es geht. Und zwar nicht nur auf den Christkindlmärkten, sondern im Grunde in einer Kultur des Marktes in unserer Gesellschaft insgesamt, eine Kultur der schnellen Bedürfnisbefriedigung, des Kaufens und Verkaufens, des Nicht-mehr-warten-könnens. Diese Kultur kolonialisiert unsere gesamte Lebenswelt und unterhöhlt damit sehr wesentliche, zutiefst menschliche Daseinsweisen. Eine davon ist eben das Warten-können.

Erlösung durch das innere Licht

Worum geht es also im Zugehen auf Weihnachten? Es geht darum, dass wir im Advent gerade nicht auf uns selbst und die Maximierung unseres Genusses und der Befriedigung vordergründiger Bedürfnisse schauen, sondern wir suchen und warten in der Armut und Erlösungsbedürftigkeit unserer Existenz auf den, der uns von sich her Befreiung, Erlösung und Erneuerung schenken will. Und zwar jenseits der künstlichen Lichter des Marktes als erlösendes Licht in unserer Seele. Als Erhebung unseres Herzens, als Sinnstiftung über jedes bloße Kaufen und Verkaufen hinaus. Tatsächlich weist die liturgische Farbe violett, wie in der Fastenzeit auch, im Advent darauf hin, dass es um eine Zeit der Besinnung, sogar des Fastens und der neuen Hinwendung zu Gott geht.

Ein wartendes Herz oder eher die Hoffnung, dass der ganze Stress bald vorbei ist?

Und ja, danach können wir uns auch von Herzen freuen und an Weihnachten voller Dankbarkeit feiern, mit Essen und Trinken, mit Geschenken, die unsere Freude an Gott, am Leben und unseren Lieben ausdrücken – und mit dem Blick auf die Notleidenden, die wenig haben: Das Kind in der Krippe kommt zu allen. Aber um es ankommen zu lassen, braucht es ein offenes, verweilendes, erwartungsvolles Herz. Es braucht auch ein Herz, das sich wieder neu fragt: Wozu das Ganze? Und welchen Retter besingen wir eigentlich in unseren Weihnachtsliedern auf den Weihnachtsmärkten? Und überhaupt: Rettung von was und wozu? Wir haben doch hier schon (scheinbar!) alles. Das „Alles-haben“ und „Möglichst-alles-haben-wollen“ und das „Nichts-verpassen-wollen“ setzt viele von uns dann erst recht unter Druck und lässt bei nicht Wenigen den Gedanken für Weihnachten aufkommen: „Hoffentlich ist der ganze Stress bald wieder vorbei.“ Ehrlich gefragt: Wollen wir das jedes Jahr wieder?

Meine persönliche Spannung

Das sind also ein paar der Gründe dafür, warum ich meine Fragen habe in Richtung  Christkindlmarkt, aber eben nicht nur dorthin, sondern natürlich auch in Richtung von vielem anderen, was im Advent so passiert. Und diese Fragen stelle ich natürlich auch an mich selbst – und ringe auch im persönlichen Leben um die Spannung, die ich beschrieben habe. Bei mir: zwischen der wirklichen, der erfüllten Stille und dem „bloßen Betrieb“ vor dem Fest. Und mir hilft dazu etwa die Beschäftigung mit der Liturgie der Kirche und ihren großartigen Texten im Advent.

Ich wünsche also allen, die diese Zeilen lesen, eine tief gehende Adventszeit im Warten auf den Herrn und all denen, die gerne auf den Christkindlmarkt gehen, auch dort eine gute Zeit – und wenig so genannten „Weihnachtsstress“. Denn ja, der Herr lässt sich überall finden, auch auf einem Markt, der mit seinem Namen vorwiegend Geschäfte macht.

 

PS: Das Bild zeigt Alexandra Strauß (Mitte) aus Aicha mit ihrem Sohn Jakob und ihrer Schwester Stephanie Fürst-Bogner aus Hauzenberg: Frau Strauß hatte eine Zeitungsaktion zum Christkindlmarkt gewonnen. (Bild: Zieringer)

Und PPS: DER SPIEGEL ist ja nicht gerade dafür bekannt, dass er besonders deutlich über Glauben und geistliche Zusammenhänge berichten würde, aber diesen Artikel finde ich im obigen Sinne dann doch bemerkenswert: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/1-advent-und-festtagsbraeuche-wir-sagen-euch-an-den-irren-advent-kolumne-a-1181210.html

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare

  1. Susanne Moehring

    Verehrte Exzellenz,

    danke sehr für diesen Beitrag, der zum Nachdenken anregen soll, ohne moralisch den Zeigefinger über eine bereits tradierte Lebenskultur erheben zu wollen. Sie schreiben „Kultur des Marktes in unserer Gesellschaft insgesamt, eine Kultur der schnellen Bedürfnisbefriedigung, des Kaufens und Verkaufens, des Nicht-mehr-warten-könnens“. Sicherlich trifft diese Feststellung den Kern einer (westlichen) Gesellschaft, die seit Generationen einem Arbeitethos und Konsumweltbild folgt, das in alter Sprechweise definiert wurde mit „Haste was, biste was“. Dazu kommt für viele Menschen das mangelnde Vermögen mit sich alleine in Stille und Ruhe verweilen zu können. Das ist etwas verloren gegangen. Kürzlich im Bistumsblatt war dazu ein treffender Artikel, der beschrieb, daß Menschen sich eher einen Stromschlag versetzen lassen, als sich 15 Minuten in einem leeren Raum (ohne Ablenkungsmöglichkeiten) aufhalten und in Stille verweilen zu müssen.

    Ich möchte gerne einen weiteren Aspekt zu Ihren Gedanken hinzufügen :
    Die Vorweihnachtszeit mit allen vorgezogenen „Weihnachtsfeiern“ von Betriebsbelegschaften, Vereinen, Gruppierungen, Treffen mit Freunden auf den Christkindlsmärkten, der Suche nach Geschenken und rechtzeitigem Versand derselben haben alle eine gemeinsame Ursache. Festzustellen, das bei allem Individualismus es doch Gemeinschaft, Zusammenhalt, Bekannte und Freunde gibt.

    Man könnte meinen für diese Feststellung reiche das ganze Jahr, die 365 Tage zur Auswahl für Verabredungen, kleine Geschenke als Zeichen der Zuneigung, 52 Wochenenden für Vereinstreffen ebenso. Aber nur in der Vorweihnachtszeit bekommen diese Treffen, der wiederkehrende Wunsch Zuneigung durch Geschenke zum Ausdruck zu bringen, einen verpflichtenden und damit auch fest verbindenden Charakter.

    Wenn unter dem Jahr bei Einladungen zu Vereinstreffen, Treffen von Freunden zu Ausflügen oder einer Kaffeerunde, man leicht mal absagt, weil „etwas anderes im Weg liegt“ (was immer von außen oder innen induziert es auch seien mag), so ist diese Absage in der Vorweihnachtszeit weit schwieriger. Was bei der Weihnachtsfeier von XY nicht kommen ? Bei der Feier im Betrieb fehlen ? Bei der gemeinsamen Runde auf dem Christkindlmarkts am Glühweinstand dieses Jahr ausfallen, um bis zum nächsten Jahr zu warten ? Das geht in der Regel nicht.

    Ebenso verhält es sich mit den Geschenken. Auch wenn das ganze Jahr vorbeirauscht und man an Onkel Franz oder Tante Maria nur selten gedacht hat oder noch seltener mal angerufen oder sie gar besucht oder eingeladen hat, „vor lauter anderem Kram“, so ist die Vorweihnachtszeit für alle diejenigen Menschen reserviert, die im erweiterten Bekannten- und Freundeskreis einem doch wichtig sind, aber in die reinen Festtage des Weihnachtsfestes und bis Silvester zeitlich „nicht mehr reinpassen“. Deshalb wird das Weihnachtsfest bereits in die Adventszeit nach vorne ausgedehnt und der eigentliche Charakter der adventlichen Vorfreude, Besinndlichkeit und Fastenzeit geht im Volksmund gesprochen „flöten“.

    Musik-Aufführungen, Treffen, Einkäufe, Geschenke packen und rechtzeitig abgeben, Verabredungen koordinieren, so viele Treffen wie möglich im Kalender unterbringen, wofür die vier Adventswochenenden bei weitem nicht reichen, das alles läßt die vier Wochen vor Weihnachten zu enem ungewollten Streß aber einem auch ersehnten Begegnungsmarathon werden. Es ist die Zeit der Vergewisserung, daß über die alltäglichen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten und darüber im Jahr entstandene Kommunikation hinaus, auch menschliche Beziehungen entstanden sind und bestehen, die mit Zuwendung und Zuneigung etwas zu tun haben.

    Allerdings auch hier findet schon eine Übertreibung und Zwanghaftigkeit statt, die den Sinn der Begegnungen ebenfalls wieder aufhebt :

    Gerade in England, wenn alle Betriebe quasi verpflichtend bereits Monate im Voraus Lokale buchen, um die betrieblichen Weihnachtsfeiern mit der Belegschaft abzuhalten, die mit den Sinn der Vorfreude auf das Kommen Jesu Christi so viel zu tun haben, wie die allerorts käuflichen und aufgehängten Wünsche für „Happy Season“ und als ein weiterer Anlaß eigentlicher christlicher Ursache aber tatsächlichem Wunsch nach Massenbesäufnis und Zügelosigkeit (mehr schreibe ich hier nicht) zu dienen, dann ist es dem Gegenspieler ein weiteres Mal gelungen, eines der höchsten christlichen Feste und einen Anlaß zu Besinnlichkeit, Freude und Dankbarkeit in gemeinschaftliche Abkehr von Sinn, Zweck und Moral zu verwandeln.

    Ich habe als Vorsitzende eines Ortsvereins dieses Jahr keine Weihnachtsfeier um der Weihnachtsfeier willen anberaumt, sondern in die dritte Januarwoche ein Treffen zum neuen Jahr gelegt, mit dem Wunsch einen gemeinsamen Blick auf das neue Jahr und Wünsche und Ideen zu werfen.

    Vielleicht sollten wir Ihre Gedanken hier und meine Ergänzungen dazu nutzen, darüber nachzudenken, den Wunsch unserer Zuneigung zu Freunden, Bekannten und Verwandten Ausdruck zu verleihen von der Weihnachtszeit auf das ganze Jahr hier und dort auszuweiten. Vielleicht sollten wir insofern der durch die Märkte, Medien, Angebote aufgedrückten Aufforderung nach noch mehr Konsum etwas entfliehen, indem wir weniger kaufen, dafür aber mit uns am Herzen liegenden Menschen bereits im Sinne von als Geschenk verschenkter Zeit Termine im kommenden Jahr für Besuche, gemeinsame Aktivitäten oder auch nur regelmäßige Telefonate ausmachen.

    Sie schreiben, daß wir materiell eigentlich alles haben, was zum Leben benötigt wird. Geschenke sollen auch nicht dem Zweck dienen, eine alte Waschmaschine zu ersetzen oder ein Bügeleisen mit dem Hinweis zu versehen besser gebügelte Hemden haben zu wollen. Geschenke sollen ja dazu dienen, dem anderen als Zeichen der Zuneigung und Wertschätzung zu dienen und wenn sie gut gewählt sind, für dessen Freizeit und knapp bemessene Zeit der Muße und Ruhe zur eigenen Freude zu dienen.

    Gerade aber in unserer von Information und Technik überreizten Welt, sind es vielleicht noch mehr die immateriellen Geschenke, wie Zeit, Gemeinschaft, Ruhe, die wahrhaft die Bedürfnisse und Sehnsüchte des Beschenkten zu beantworten.

    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen auch allen Lesern hier, daß wir uns nicht vom „das macht man alle Jahre so“-Kosumverhalten und Hasten von einer „Weihnachtsfeier“ zu anderen, sofern sie nicht wahrhaft den Anlaß des Festes in den Blick nehmen, einfangen zu lassen, sondern nach unserem Tempo und unserem eigenen Blick auf die uns am Herzen liegenden Menschen, die rechten Geschenke und Momente zu finden.

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