Hirtenbrief zu Christkönig 2014: Erfüllt von Christus – der missionarische Weg der Kirche von Passau

In Hirtenworte von Pressestellekommentieren

Liebe Gläubige im Bistum Passau, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

zum ersten Mal seit meinem Amtsantritt am 24. Mai 2014 darf ich mich mit einem Hirtenwort an Sie wenden. Welches Fest würde sich da besser eignen als das heutige, da wir zum Abschluss des Kirchenjahres Christus als unseren König bekennen. In der ersten Lesung aus dem Buch Ezechiel haben wir schon gehört, wie Gott ankündigt, dass er sich jetzt um seine Schafe selber sorgen will, wie ein Hirt sich um seine Herde kümmert (vgl. Ez 34, 11–12.15–17). Wir Christen glauben, dass sich diese alttestamentliche Prophezeiung in Christus selbst erfüllt hat. Er ist der eigentliche Hirt seiner Herde und er ist unser König.

Der Bischof wird nur insofern Hirte genannt, als er von Christus dazu eingesetzt ist, in seinem Namen und in seinem Auftrag die Herde zu versorgen, zu nähren und zu leiten – auch mit einem besonderen Augenmerk auf die schwächeren Glieder dieser Herde. Der Bischof erfüllt nur dann seinen Auftrag gut, wenn durch seinen Dienst und seine Verkündigung Christus selbst aufscheint.
Das ist natürlich ein Anspruch, den kein Mensch aus sich selbst erfüllen kann.

Jeder, der ernsthaft ein solches Amt ausfüllen möchte, weiß, wie sehr er mit den eigenen Schwächen und der eigenen Durchschnittlichkeit hinter diesem Anspruch zurückbleibt. Umso tröstlicher ist die Zusage des Herrn selbst an die Seinen, dass er da ist und da bleibt und mit ihnen geht, egal wohin. Ebenso trostvoll ist die Erfahrung seiner Jünger aller Zeiten, dass man aus eigener Kraft sowieso nicht allzu weit kommt. Das Geheimnis des Dienstes in seiner Jüngerschaft ist vielmehr, Ihn selbst wirken zu lassen. Es geht in unserem Dienst darum, immer mehr zu lernen, uns Ihm selbst vertrauensvoll zu überlassen. Dann kann er in uns und durch uns wirken. Aber auch das ist ein Weg, ein Weg des Reifens und Wachsens im eigenen Glauben. Ich selbst erfahre es auch als ein allmähliches Hineinfinden in eine neue Dimension meiner Identität als Christ, jetzt eben als Bischof.

Ich danke so vielen von Ihnen von Herzen, dass Sie mich überaus freundlich in Ihrem Bistum willkommen geheißen haben. Die Akklamation, die Bestätigung durch das gläubige Volk war in der Alten Kirche bisweilen sogar eine der wichtigsten Handlungen auf dem Weg ins Bischofsamt. Und ich habe hier sehr viel wohlwollende Akklamation gespürt, die trägt und ermutigt. Freilich habe ich mich bisweilen auch skeptisch gegenüber allzu starkem Jubel geäußert. Ich bin nicht hier, um alle Erwartungen zu erfüllen, sondern um das Evangelium zu verkünden – und zwar möglichst unverkürzt. Zuerst in seiner frohen und heilmachenden Kraft, aber eben auch in dem, was sich in uns und in der Welt um uns allzu oft gegen das Evangelium oder mehr noch gegen Christus wehrt. Denn bei der Begegnung mit Christus und seinem Evangelium geht es eben nicht nur um eine Maximierung unseres natürlichen Wohlbefindens, sondern letztlich geht es Gott darum, dass wir alle miteinander durch Christus glaubender, hoffender und liebender werden, eben Menschen, denen man anmerkt, zu wem sie gehören. Es gibt letztlich keinen ehrlichen und intensiven christlichen Weg ohne Wandlung – und das heißt zugleich, nicht ohne meine eigene Verwandlung, ohne meine eigene Bekehrung, die immer neu den Herrn selbst und seinen Willen sucht.

Liebe Schwestern und Brüder, Papst Franziskus hat uns mit seinem Schreiben „Evangelii gaudium“ eine Art Programm seines Pontifikates vorgelegt, über das ich sehr froh bin. Es spricht mir in so vielem aus dem Herzen, besonders in dem Aspekt, dass wir einen Auftrag in der Welt haben, dass wir eine im guten Sinn verstandene missionarische Kirche sein sollen. Kirche, die nicht missionarisch ist und sein will, verfehlt im Grunde ihren Auftrag. Dabei haben wir freilich längst verstanden, dass „missionarisch“ heute nicht einfach bedeutet: „Ich will dem Anderen meine Wahrheit überstülpen“, ihn womöglich in etwas hineinzwängen, was er gar nicht will. Nein, missionarisch bedeutet: Ich habe ein Herz, das erfüllt ist von Christus und mein Reden und Handeln ist geheimnisvoll erfüllt von dieser Präsenz. Und wenn ich damit zu anderen Menschen gehe, dann dürfen sie spüren, von wem und aus wem ich lebe. Sie spüren es, weil ich dann ein Mensch bin, der hoffnungsfroh, vertrauensvoll und wirklich hingabefähig ist. Ein Mensch, der den anderen wirklich annehmen und ihm dienen kann, egal was er glaubt und woher er kommt. Dann bin ich ein Mensch, der den anderen nicht in einem schlechten Sinn bekehren will, sondern einer, der dem anderen das Geschenk der Berührung mit einer Liebe machen will, die nicht nur von dieser Welt ist, weil sie von Jesus kommt. Mission heute will den Herrn selbst und seine Liebe als Gabe verschenken.

Liebe Schwestern und Brüder, mit diesen Sätzen schauen Sie in die Herzmitte dessen, um was es mir in meinem Dienst als Bischof geht. Der Papst schreibt im ersten Satz des erwähnten Textes: „Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen.“ Ja, es geht um Freude. Aber es geht um eine Freude, die aus einer echten Begegnung mit Jesus kommt. Eine solche Begegnung ist keine Selbstverständlichkeit, nur weil wir regelmäßige religiöse Praktiken haben. Ich erinnere mich an eine sehr bewegende Begegnung mit einer Frau, die ich über einen längeren Zeitraum begleiten durfte in einer Gruppe, die über Fragen des Glaubens sprechen wollte. In den gemeinsamen Begegnungen wurde viel diskutiert, erklärt, vertieft. Wir haben freilich auch miteinander gebetet. Es war eine Frau, die sich davor schon Jahrzehnte mit großer Treue in ihrer Pfarrei engagiert hatte. Irgendwann, nach etwa eineinhalb Jahren in diesem Gespräch mit der Gruppe, sagte sie einmal tief bewegt: „Ich habe jetzt erst verstanden, dass es in unserem Glauben wirklich um Jesus geht.“

Liebe Schwestern und Brüder, ein solcher Satz ist eigentlich eine Banalität. Wir heißen Christen und jeder weiß, der in einen christlichen Gottesdienst geht oder in den Schulunterricht oder zu einer Veranstaltung des Glaubens, dass immerfort Jesus im Mittelpunkt steht. Immer wird von Ihm gesprochen. Aber die Frage ist: „Findet das nur in meinem Kopf statt?“ Sage ich – wenn ich das Wort Jesus spreche – ein theologisches Wort, das ich halt irgendwann gelernt habe? Oder sage ich es, weil ich wirklich von Ihm selbst berührt worden bin, weil ich Ihn kenne, weil ich mit Ihm eine Erfahrung gemacht habe wie diese Frau? Liebe Schwestern und Brüder: Über Jesus etwas nur im Kopf zu wissen einerseits und mit Ihm in einer persönlichen Beziehung zu leben andererseits, ist ein buchstäblich himmelweiter Unterschied. Und alle unter Ihnen, die schon wissen, wovon ich spreche, möchte ich herzlich beglückwünschen und sagen: Pflegen Sie diese Erfahrung, diese Beziehung, vor allem durch ein betendes Herz, durch das Meditieren der Hl. Schrift und anderes mehr. Und jedem und jeder, die erst noch vage ahnen, wovon ich spreche, möchte ich sagen: Suchen Sie den Herrn voller Sehnsucht. Bitten Sie Ihn, dass er Ihnen die Türe zu einer persönlichen Beziehung öffnen möge, zu einer Beziehung, die – wie Papst Franziskus sagt – Ihr Herz mit Freude erfüllt. So, dass Sie wirklich von einer konkreten Erfahrung, einer inneren Berührung berichten können, wie meine Bekannte: „Ich habe jetzt erst wirklich verstanden, dass es in unserem Glauben wirklich um Jesus geht.“

Im heutigen Evangelium zeigt uns Jesus, auf was es in unserem Leben ankommen wird. Er selbst erzählt, wie er als Weltenrichter wiederkommen wird, er selbst erzählt, dass es dann eine Scheidung geben wird, wie zwischen Schafen und Böcken. Und wir haben gehört, wie diejenigen zuvor gehandelt hatten, die von ihm eingeladen werden, sein Reich in Besitz zu nehmen: Es waren die, die in der Lage waren, sich um die Armen, die Kranken, die Heimatlosen, die Hungernden zu kümmern. Aber warum waren sie dazu in der Lage? Jesus sagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25, 40b) Die anderen, die keinen Zugang zu seinem Reich bekommen, haben gerade das unterlassen. Liebe Schwestern und Brüder, ist es nicht erstaunlich, dass hier Menschen nicht für böse Taten verurteilt werden, nicht für Mord oder Betrug oder Lüge, sondern ausschließlich für unterlassene Handlungen, für mangelnde Nächstenliebe? Keiner von ihnen wird für Böses angeklagt, sondern alle werden verurteilt für das, was sie nicht getan haben! Und was ist der eigentliche Grund der Verurteilung? Die Erklärung Jesu: „Ihr habt nicht nur dem anderen nicht gedient, sondern ihr habt auch mir im anderen, in den Geringsten nicht gedient.“ Das bedeutet also: „Ihr habt in den Notleidenden mich nicht erkannt!“ Jesus sagt uns mit dieser Erzählung im Grunde: Nur wenn wir Ihn kennen gelernt haben, in seiner Liebe zu uns und den Menschen, nur wenn wir Ihn im Herzen haben, nur wenn wir in einer persönlichen Beziehung zu Ihm leben, nur dann werden wir in die Lage versetzt, wirkliche Nächstenliebe zu praktizieren, eine Liebe, die den Anderen in seiner Not sieht und auch ehrlich meint; eine Liebe, die im anderen Menschen Jesus erkennt, weil sie Ihn vorher schon kennen gelernt hat. Dieses Evangelium darf uns auch anspornen, nach unseren Möglichkeiten zu suchen, wie wir den Asylbewerbern und den Menschen auf der Flucht in unserem Land am besten beistehen können. Ich freue mich über mutige und beherzte Zeugnisse solchen Glaubens.

Liebe Schwestern und Brüder, allzu oft erleben wir heute in unserer Kirche einen Gegensatz. Da sind die manchmal als allzu fromm Verdächtigten einerseits, die sehr stark die Liturgie, das Gebet, traditionelle Frömmigkeitsformen und das Dogma betonen. Und da sind die anderen, die schnell als allzu liberal verdächtigten Praktiker andererseits, die das Gebot der Nächstenliebe betonen, eine Zuwendung, die dann oft nicht allzu viel Wert legt auf das, was der ersten Gruppe wichtig ist. Ich habe hier nun bewusst karikiert, damit wir aufhören, uns gegenseitig zu karikieren!
Denn die Wirklichkeit ist nicht so einfach, wie hier skizziert. Freilich gibt es Akzente, die jeder setzt, aber jeder weiß, dass es das eine nicht ohne das andere gibt. Und das heißt: Es geht auch bei uns Menschen nicht ohne einander. Wir brauchen als Kirche einander. Die einen dürfen wissen: Wenn ihr Gebet sie nicht wirklich liebesfähiger macht und ihnen hilft, gewissermaßen weiter hinaus zu gehen zu den anderen, dann ist am Gebet etwas faul. Dann besteht die Gefahr, dass mein Gebet am Ende doch ein heimliches Kreisen um mich selbst ist, und nicht ein Leben in der Gegenwart des Herrn, der mich beständig verwandeln will in sein Ebenbild. Und die vermeintlich liberalen Praktiker wissen doch im Grunde ebenfalls, dass auch ihre Praxis Gefahr läuft nur Produktion von Selbstbestätigung zu sein, wenn sie nicht ehrlich aus dem Bezug zu Jesus kommt. Wenn sie nicht von dort kommt, wird jede Praxis schnell zum bloßen Betrieb, austauschbar und ersetzbar, aber kein Zeugnis der Gegenwart des Herrn. Liebe Schwestern und Brüder, müssen wir es nicht ehrlich sagen: Wie viele unserer Frömmigkeitsübungen sind manchmal nur Leerformeln und Selbstbespiegelung? Und wie viele unserer Aktionen in der Praxis sind oft nur Aufrechterhaltung des Betriebs, die auch der Selbstbestätigung dient? Aber damit solche Schlagseiten nicht überhand nehmen, dürfen wir uns alle immer neu wirklich und ehrlich zu Jesus hinwenden. Wir wollen Ihn kennen lernen, verstehen lernen, lieben lernen, damit unser Gebet ehrlich und tief und unsere Praxis voll Liebe wird. Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Passau: Ich durfte in meinen ersten Monaten sehr viel Reichtum im Bistum wahrnehmen, so viele Begabungen, Charismen unter den vielen Haupt- und Ehrenamtlichen. Ich freue mich sehr darüber, was es alles schon gibt an gelebtem Zeugnis, an gewachsener Tradition und an Kompetenzen von so vielen. Mein Anliegen ist es daher: Lassen Sie uns weiterhin und gemeinsam auch neue Wege entdecken, wie wir unseren ganzen Dienst immer
mehr in Christus selbst gründen lassen können, in seiner Gegenwart in der Eucharistie, im Wort Gottes, in der Gemeinschaft derer, die Ihn schon kennen. Machen wir uns auf, um bewährte und neue Erfahrungen mit Ihm zu machen und sie uns gegenseitig zu erzählen. Finden wir alleine und gemeinsam hinein in Formen des Gebetes, in Formen echter Hinwendung zu Ihm, in Formen erneuerter Praxis.

Ich habe mit anderen Verantwortlichen des Bistums beschlossen, dass wir einen Weg der Glaubensvertiefung gehen wollen, und wir sind am Suchen und Entdecken von Möglichkeiten, die uns helfen können in die Erfahrung, dass es in unserer Kirche wirklich um Jesus geht, und dass wir jeden Tag neu aus Ihm leben lernen. Wir brauchen mehr von der Fähigkeit, unsere eigenen Erfahrungen im Licht der Gegenwart des Herrn zu deuten und zum Sprechen zu bringen. Wir brauchen mehr Mut, Ihn in unserer Umgebung zu bezeugen, wir brauchen Sprachkompetenz im Glauben und wir brauchen in allem immer mehr Kenntnis und Liebe von Jesus selbst, unserem König. Ich freue mich, dass ich mich mit Ihnen allen gemeinsam auf den Weg machen darf, auf den Weg der tieferen Entdeckung unseres Herrn in der Kirche von Passau. Ich bin gespannt, wo er uns überall entgegen kommt und wo er, vielleicht unerkannt, längst schon da ist.
In Christus bin ich Ihnen allen herzlich verbunden und segne Sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

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