Ist Katholizismus „rassistisch“ – Und wer ist eigentlich katholisch?

Diese Debatte würde ich dann doch gerne führen: Wir alle wissen, dass es in der Kirche Lager gibt. Viele derer, die sich progressiv oder liberal nennen, wollen Veränderungen in den lehramtlichen Positionen bei den klassischen Aufreger-Themen wie Frauenweihe, Sexualmoral, Zölibat, Leitung.

Und weil klar ist, dass sie sich mit diesen Veränderungswünschen oft nicht mehr im Rahmen der derzeit geltenden Lehre bewegen, sprechen sie von „Weiterentwicklung“, weil es ja Weiterentwicklung in der Lehre tatsächlich immer gegeben hat. Nicht allzu oft erwähnt wird dabei meist, dass über mögliche oder nicht mögliche Weiterentwicklung in unserer Kirche am Ende dann eben doch das Lehramt entschieden hat – und damit dann letztlich auch gesagt und bis heute gültig formuliert hat, was zum katholischen Bekenntnis gehört ist und was nicht.

Eine neue, fortwährend mitgeteilte Glaubensregel: Ja nicht dem anderen das Katholischsein absprechen

Dieser Hinweis wird vermutlich meist deshalb übergangen, weil man die eigene Überzeugung doch gerne als immer noch kirchlich, und sich selbst immer noch katholisch sehen würde. Und nicht wenige, von denen ich hier spreche, verdienen auch ihren Lebensunterhalt bei der Kirche. Und so stelle ich fest, dass untergründig eine neue Glaubensregel propagiert und massiv verteidigt wird. Sie lautet: Auf keinem Fall darf einer dem Anderen das Katholischsein absprechen. Dieser Satz wiederum wird nun häufig mit einer sachlich wie moralisch vorgetragenen Vehemenz formuliert, dass der Eindruck entsteht, dies sei nun das eigentliche Dogma des derzeitigen Diskurses.

Und um ein persönliches Wort zu sagen: Ja natürlich hat es immer Entwicklung der Lehre gegeben – und daran bin ich auch interessiert, sofern sie  nur immer neu und vertieft verstehen lässt, wie das Evangelium heute angeeignet und in die Welt hinein gesprochen und gelebt werden kann. Aber ich traue dabei dem Lehramt und mit ihm der Gesamtkirche immer noch zu, größer zu sein als ich selbst und einen Horizont zu haben, der weiter ist als mein eigener. Zudem ist dem Petrusnachfolger, durch Schrift und Tradition bestätigt, ein Charisma geschenkt, das in besonderer Weise der Bewahrung der Einheit und der inhaltlichen Integrität des Glaubens  dient. Daher orientiere ich mich im kritisch-loyalen Gespräch und zugleich aus innerer Überzeugung heraus in der Frage, wer oder was Kirche ist und was sie lehrt, besonders auch daran.

Der Umschlag in Respektlosigkeit

Nun zeigt sich freilich immer mehr, dass dieses Insistieren der liberaleren Kräfte auf „Weiterentwicklung“ immer häufiger umschlägt in eine eigentliche Respektlosigkeit vor dem Lehramt, an dem im Übrigen auch wir Bischöfe besonders Anteil haben. Und dabei wird dann deutlich, dass man vielfach gar nicht auf die Entscheidung des Lehramtes wartet, sondern erst dann zufrieden ist, wenn sich das Lehramt nach den eigenen Wünschen und Überzeugungen richtet. Und eine solche Einstellung wäre dann nach meiner Einschätzung tatsächlich eben nicht katholisch. G.K. Chesterton hat in diesem Sinn einmal den bemerkenswerten Satz gesagt: „Ich brauche keine Kirche, die mir erzählt, dass ich unrecht habe, wenn ich weiß, dass ich unrecht habe. Ich brauche eine Kirche, die mir sagt, dass ich unrecht habe, wenn ich glaube, dass ich recht habe.“

Die jüngste Äußerung des römischen Lehramtes als klärendes Responsum auf eine wichtige Frage wurde von weiten Teilen der Kirche in unserem Land schlichtweg abgekanzelt – in der Regel mit dem Hinweis, dass sei weder theologisch noch humanwissenschaftlich auf der Höhe und damit unterkomplex und eigentlich gar nicht wert, sich näher damit zu befassen. So, als wären diejenigen, die sich mit der Erarbeitung solcher Texte in Rom befassen, einschließlich des ihm zustimmenden Papstes, lauter Leute, deren Horizont auf keinen Fall größer und weiter, sondern in jedem Fall enger und kleiner sei als all derer, die sich schon lange das wünschen, was sie „Weiterentwicklung“ nennen – und hinter das sie vermutlich auch dann nicht zurückgehen würden, wenn das Lehramt definitiv anders entscheiden würde; was es etwa im Blick auf die Möglichkeit der Priesterweihe der Frau ja schon getan hat.

Kirchlichkeit bestimmt sich durch Glaubensinhalte

Tatsächlich aber hat unsere Kirche schon fast 2000 Jahre lang lehramtlich auf Konzilien oder durch päpstliche Entscheidungen geurteilt, was katholisch ist und was nicht – und eben dadurch die Glaubenseinheit gewahrt. Immer und immer wieder ist in vergangenen Zeiten dann der entscheidende Spruch gefolgt, wer aufgrund seiner inhaltlichen (!) Überzeugungen im „Anathema“ sei, also im „Bann“, in der „Verdammung“ oder ähnlich – für welche Übersetzung man sich auch entscheiden mag. Aber damit war stets auch klar: Die Kirche hat festgestellt, dass bestimmte abweichende Überzeugungen dazu führen, dass man sich selbst aus einer Gemeinschaft entfernt, die ja besonders auch durch gemeinsame inhaltliche Überzeugungen gebildet wird. Das Zweite Vatikanische Konzil hat auf diese Anathema-Praxis aus guten Gründen verzichtet – ohne aber je die vorangehende Praxis damit für nichtig zu erklären. Auch das letzte Konzil wollte – so Papst Johannes XXIII. in der Eröffnungsrede – Irrtümer richtig stellen und die überlieferte Wahrheit unverfälscht erklären. Aber neu und tiefer und mit den Mitteln der Barmherzigkeit – und weniger der Strenge.

Sind Lehramtstreue Rassisten?

Da sich nun aber in der Kirche in Deutschland abzeichnet, dass eine Mehrheit der Gläubigen, vereint auch mit einigen Bischöfen, vielen aus der akademischen Theologie und der pastoralen Mitarbeiterschaft die Lösungen in den so genannten Reizthemen im Sinne der liberaleren Positionen wünscht, gehen manche ihrer Protagonisten nun immer offensiver und schamloser zum Gegenangriff über. „Katholisch“ scheint nun eigentlich genau das, was sie selbst meinen – und gerade nicht mehr, was das Lehramt sagt.

Jüngst hat etwa die Tübinger Dogmatik-Professorin Johanna Rahner in der Frage nach der Frauenweihe lehramtstreue Katholikinnen und Katholiken, und damit einschließlich den Papst, zu „Rassisten“ erklärt, zumindest wenn der Wortlaut der KNA-Meldung stimmt, die das Portal katholisch.de aufgegriffen und mit reißerischer Überschrift verarbeitet hat (Link siehe unten). Damit würde Frau Rahner in einer bisher nicht gekannten Zuspitzung der Ausdrucksweise in einen wachsenden Chor derer einstimmen, die inzwischen auch gerne sagen, die eigentlichen Spalter in der Kirche seien diejenigen, die aus Respekt vor dem Lehramt und eigener Überzeugungen an der geltenden und, nun ja, tatsächlich katholischen Lehre festhalten und sie verkünden. Zudem möchte ich fragen: Welche Effekte produziert man mit einer solchen Verwendung des Begriffes „Rassismus“ bei den Menschen, die tatsächlich Opfer von Rassismus sind?

Umgekehrte Verhältnisse

Hier stehen wir also an einem Punkt ziemlich umgedrehter Verhältnisse. Die weithin geteilte und mit großer Vehemenz fortwährend wiederholte neue Glaubensregel lautet: Niemand möge dem anderen bitteschön erklären dürfen, was er sage, sei nicht katholisch. Dafür aber dürfen die sich in der Mehrheit Wähnenden inzwischen schamlos solche Gläubigen Spalter und sogar Rassisten nennen, die sich der geltenden Lehre verpflichtet wissen. Und natürlich findet dabei die Tatsache, dass die Positionen, die in Deutschland Mehrheiten zu haben scheinen, weltweit keineswegs mehrheitlich geteilt werden, kaum Berücksichtigung. Auch dieser bisweilen geringschätzige Blick auf die Weltkirche ist historisch gesehen nicht wirklich neu bei uns und hat auch nicht immer erfreuliche Konsequenzen gezeitigt.

Seltsame Welt

Was dann auch noch beinahe grotesk wirkt: Wir Bischöfe, die eigentlich in besonderer Verantwortung für die katholische Lehre sind und das auch feierlich versprochen haben, ermöglichen durch unsere Zustimmung die Verwendung von Kirchensteuermitteln für die die Finanzierung bestimmter Medien und ermöglichen damit eine große Bühne, auf der wir selbst (ich fühle mich zumindest gemeint) als „Rassisten“ bezeichnet werden dürfen – ohne dass sich großer Widerspruch regt oder ohne dass eine Redaktion bei aller sehr gerne zugestandenen journalistischen Freiheit, überlegt, was sie da produziert. Auch haben wir Bischöfe Mitverantwortung dafür, wer an unseren Fakultäten katholische Theologie unterrichten darf. Eigenartige Welt, nicht wahr? Ich bin jedenfalls der Ansicht, dass das eine Debatte wert ist.

Was ich aber nicht möchte: Dass nun über diesen Text von mir auch wieder nur in Hatespeech oder zugespitzter Polemik diskutiert wird. Vermutlich sind die wesentlichen Fragen darin: Wie begreifen wir uns tatsächlich als katholische Kirche mit inhaltlichen Verbindlichkeiten? Was kann und soll das Lehramt?  Oder wo sind auch Grenzen für Beliebigkeit in der Auslegung dessen, was wir für das Evangelium halten? Und schließlich auch noch: Wo sind im Diskurs verbale Grenzen und was ist wirklich „rassistisch“ und wer „spaltet“ tatsächlich?

 


Hier der erwähnte Link: https://www.katholisch.de/artikel/29498-rahner-nur-rassisten-gegen-gleichberechtigung-von-frauen-in-kirche


Und hier die Originalmeldung der Katholischen Nachrichtenagentur vom letzten Samstag:

Theologin: Nur Rassisten gegen Gleichberechtigung von Frauen

Stuttgart (KNA) Wer nicht für die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche eintritt, ist nach Überzeugung der Tübinger Theologin Johanna Rahner «ein Rassist». Es gehe nicht an, von der gleichen Würde von Frauen und Männern zu sprechen, ihnen aber nicht die gleichen Rechte einzuräumen. Aktuelle pfeife der katholischen Kirche zurecht Gegenwind um die Ohren. Wörtlich sagte die Professorin: «Wer jetzt nichts tut, der tut trotzdem etwas.» Es gebe «eine Verpflichtung zum Widerstand». Rahner, die Vorsitzende des Katholisch-Theologischen Fakultätentages (KThF) ist, verlangte ein neues Kirchenrecht, um die innerkirchliche Gleichstellung von Frauen zu erreichen.

Mit dem geltenden Kirchenrecht seien die heutigen Probleme nicht zu lösen, so Rahner am Samstag in Stuttgart. Das Kirchenrecht sei nicht mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik zu vereinbaren. Würde der Staat die Kriterien, die er bei Gesprächen mit islamischen Verbänden nutze, an die katholische Kirche anlegen, hätte diese «schlechte Karten». Rahner äußerte sich bei einem Frauenforum, zu dem die Rottenburg-Stuttgarter Diözesanleitung sowie Diözesan- und Priesterrat in Württemberg eingeladen hatte. Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes sagte bei der Veranstaltung, die Kirche habe nicht gelernt, mit den Freiheitsrechten der Moderne klarzukommen; die Kirche sei «in einer dramatischen Sackgasse». Die katholische Reformdebatte Synodale Weg werde scheitern, so Hermes.

Der Rottenburger Generalvikar Clemens Stroppel ist es nach eigenem Bekunden ebenfalls leid, sich «jeden Tag an diesem Thema abarbeiten zu müssen». Die Verkündigung des Glaubens stehe in Frage. Der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst erneuerte seine Forderung, dass Frauen zu Diakoninnen geweiht werden könnten. Dies könne allerdings nicht ohne Zustimmung der Weltkirche geschehen. Diözesanratsprecher Johannes Warmbrunn sieht nach eigenem Bekunden «Gestaltungsmöglichkeiten», die genutzt werden könnten. Es gelte der Grundsatz: einfach machen. Es dürfe nicht zum Auszug aller reformorientierten Christen aus ihrer Kirche kommen. Erörtert wurde bei der Veranstaltung unter anderem auch, ob Frauen nicht beispielsweise die Sakramente der Taufe und der Krankensalbung spenden oder als Assistentin einer Eheschließung wirken könnten.