Jesus erkennen, die neue Evangelisierung und Laudato si

In Predigten, Verschiedenes von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt in der Mariahilfkirche Passau am Fest Maria Hilfe der Christen mit Erinnerung an fünf Jahre „Laudato si“ und meinen eigenen Weihetag als Bischof

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

in den Medien werden uns manchmal erstaunliche Geschichten erzählt von Menschen, die einmal sehr eng verbunden waren und dann getrennt wurden. Beispielsweise von Familien, die durch Kriegsgeschehen auseinandergerissen werden. Oder von Adoptivkindern, die von leiblichen Eltern getrennt wurden, oder wenn Menschen beschließen, einfach aus dem Leben ihrer Angehörigen zu verschwinden. Solche Geschichten sind dann nicht deshalb besonders, weil sie nur die Trennung berichten, sondern sie erzählen uns dann auch, wie diese Menschen viele Jahre später wieder zusammenfinden. Aus Zufall oder weil sich jemand intensiv auf die Suche gemacht hat. Und solche Geschichten bewegen unser Gemüt oft sehr. Wir stellen uns womöglich vor: Wie würde es mir gehen, wenn ich diese Person jetzt widersehen würde, die ich vor langer Zeit so gut gekannt habe? Wird es nach all den Jahren dieselbe sein, gibt es Anknüpfungspunkte? Wird man spüren, dass wir einmal so eng beieinander waren?  Oder werden wir einander komplett fremd sein? Vielleicht wird es ja so sein, wie bei sehr guten Freunden, die oft von der Erfahrung berichten: Wenn wir uns sehen, manchmal nach Jahren, dann dauert es oft nicht lange und wir können wieder dort anknüpfen, wo wir beim letzten Mal aufgehört haben. Oder vielleicht wird es sein wie bei Menschen, die sich begegnen und fragen: Wie kann es sein, dass wir uns einmal so nahe waren und jetzt so fremd sind?

Wenn einer sich dem anderen offenbart

Was wäre aber die Voraussetzung dafür, dass Nähe gelingt oder wieder gelingt? Ich glaube, die Voraussetzung wäre, dass man sich schon einmal sehr tief nahe war. Und zwar nicht nur in dem Sinn, dass man einfach äußerlich viel Zeit beieinander war, oder manches miteinander erlebt hat, sondern dass man sich in dieser Zeit oder in diesem Erleben auch füreinander geöffnet hat; das man einander hat teilhaben lassen an dem, was einen innerlich bewegt. Dass man die Freude und den Schmerz des anderen Menschen hat erspüren können. Dass man dem anderen vertrauen und glauben konnte, wenn er sich gezeigt hat und ja, wenn er sich offenbart hat. Was meine ich hier mit Offenbarung? Nun es gibt in jedem Menschen ausnahmslos Erfahrungen, die so nur er selbst hat. Die eben nicht objektiv überprüfbar sind. Sie müssen dem anderen Menschen offenbart werden. Ein ganz einfaches Beispiel: Wenn ich sagen würde: Ich habe Schmerzen! Wüssten Sie, ob es stimmt? Oder ob ich lüge, ob ich was vorspiele? Oder würden Sie mir glauben und könnten es dann vielleicht auch sich einfühlend ein wenig mitvollziehen. Oder wenn ich sagen würde: Ich habe gerade intensiv gebetet. Würden Sie mir glauben? Würde es stimmen? Oder hätte ich an alles mögliche gedacht aber bestimmt war ich nicht im Zwiegespräch mit Gott. Ein Mensch offenbart sich also dem anderen – und der andere kommt ihm näher, indem er sich zu dieser Offenbarung verhält, ihr glaubt, sie an sich heranlässt, ihr vertraut – oder sie ablehnt und skeptisch bleibt. Aber wenn wir vertrauen, lernen wir den anderen Menschen auch in seinem Inneren wahrzunehmen. Und wenn so etwas oft passiert ist, solche vertrauensvolle Gegenseitigkeit und Selbstoffenbarung – dann ist die Möglichkeit, Jahre später dort anknüpfen zu können, viel größer als wenn man sich einander nicht offenbart hätte und sich nur äußerlich begegnet wäre.

Ein unfassbar wichtiger Satz im Evangelium

Ich sage das, weil im heutigen Evangelium ein unglaublich wichtiger Satz steht. Er stammt aus dem so genannten hohepriesterlichen Gebet im Johannesevangelium. Nach seinen Abschiedsreden betet  Jesus unter anderem für seine Jünger um Einheit und darum, dass sie in der Wahrheit geheiligt werden. Und er sagt darin, was ihm, Jesus, das innerste Anliegen für die Jünger war: „Ich habe dich, Vater verherrlicht, und ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht.“ Jesus hat sich den Jüngern von seinem Innersten her offenbart. Er hat ihnen gezeigt, was ihm das Wichtigste ist: Den Vater zu verherrlichen und die Jünger durch die Verbundenheit mit ihm, mit Jesus, in die Versöhnung mit dem Vater zurückzuführen. Warum? Jetzt kommt als Antwort der ungeheure Satz, den ich meine: Jesus sagt: „Denn das ist das ewige Leben, dass sie dich den einzigen wahren Gott erkennen, und den du gesandt hast, Jesus Christus.“ Das Erkennen Jesu und des Vaters setzt Jesus hier identisch mit dem ewigen Leben. Und von dem was ich vorher gesagt habe, lässt sich so ein Satz nur erklären, wenn wir das Wort „erkennen“ hier verstehen lernen als vertrauensvolle Öffnung und Annahme von dem, was Jesus aus seinem Innersten offenbart. Das Hineintreten und Hineingenommen werden in diese innere Beziehung mit dem Herrn, das Verstehen, wer er ist und was ihn ausmacht, das ist schon Teilhabe am Ewigen Leben, hier geschieht schon Herzensberührung und Herzensverwandlung durch den Herrn und sein Leben.

Wissen alleine macht es nicht, macht es nie!

Denken Sie einmal mehr an die Erzählung von den Emmausjüngern, die aus Jerusalem weggehen, denen er dann zuerst unerkannt begegnet. Und sie wissen die äußeren Fakten und erzählen sie: Er war groß in Wort und Tag, wir hatten gehofft, er sei der Erlöser, aber er ist umgebracht worden, und heute waren auch noch Frauen am Grab und haben erzählt dass es leer sei, und er sei ihnen sogar begegnet. Sie wissen es, aber es kommt nicht an sie heran. Er kommt nicht an sie heran. Das Wissen alleine macht es noch nicht, wissen allein macht es nie. Sie wissen so viel, aber das Entscheidende entgeht ihnen. Erst danach passiert es. Er führt sie also ins Gespräch, er öffnet die Schrift für sie, die von ihm erzählt; er nimmt sie mit hinein in sein Wort. Und dann, so geöffnet, – beim Brechen des Brotes, in der Feier der Eucharistie – dort erkennen sie ihn plötzlich und seine Offenbarung und seine Gegenwart – und sind tief bewegt. „Das ist das ewige Leben, Jesus Christus zu erkennen.“ Und sie brechen auf – und beginnen der Welt davon zu erzählen. Und ja, manche werden sich davon ihrerseits mit hineinnehmen lassen – und manche verstehen nur die Fakten oder sie bleiben ganz verschlossen oder wehren ab. „Das ist das Ewige Leben, dass sie dich den einzigen wahren Gott erkennen, und den du gesandt hast, Jesus Christus.“ Und Jesu Bitte an den Vater, die Jünger in der Wahrheit zu heiligen, bedeutet in diesem Sinn auch: „Vater lass sie in dieser inneren Erkenntnis, bleiben, treu verharren und wachsen. Lass nicht zu, dass sie verwirrt werden, lass sie festhalten daran, dass das Vertrauen zu mir für sie Weg, Wahrheit und Leben ist. Und zwar so, dass wenn ich einst ganz wiederkomme und ihnen in der Fülle ihrer Anschauung wieder begegne – vielleicht erst nach vielen Jahren – dass wir dann spüren, dass wir zusammen gehören, dass wir Freunde sind, Geschwister, gemeinsam Kinder des Vaters – und es geheimnisvoll immer schon waren.

„Brannte uns nicht das Herz?“

Liebe Schwestern und Brüder, heute vor sechs Jahren hat mich Kardinal Marx zum Bischof dieser wunderschönen Diözese geweiht. Und die mich näher kennen, wissen, dass seither mein wesentliches Herzensanliegen für die Menschen diesem Satz Jesu verpflichtet ist: „Das ist das ewige Leben, dass sie dich den einzigen wahren Gott erkennen, und den du gesandt hast, Jesus Christus.“ Neue Evangelisierung heißt im Kern in der Weise ein Begleiter der Menschen zu werden, dass sie durch die Begegnung, durch das Aufschließen der Schrift, durch den Gottesdienst, durch die Gemeinschaft, durch den Dienst der Liebe an Mensch und Schöpfung, dass Menschen durch all das an den Punkt geführt werden, an dem sie dem Herrn begegnen, der sich offenbart. Und dass sie sich ihm öffnen und vertrauen und dann wie die Jünger von Emmaus sagen können: „Brannte uns nicht das Herz!?“ Und dass sie in diese Beziehung finden, darin bleiben. Und von dort spüren, dass sie so teilhaben am Ewigen Leben; und dann wiederum selbst dem Menschen, der Gesellschaft, der Schöpfung in Wahrheit und Liebe dienen wollen.

Die Schöpfung und die Armen

Ich nehme die Schöpfung heute sehr bewusst hinzu, liebe Schwestern und Brüder, weil auch genau heute vor fünf Jahren Papst Franziskus uns mit seiner Enzyklika „Laudato si“ ein Dokument geschenkt hat, in dem er so deutlich zeigt, wie alles mit allem zusammenhängt, und wie zum Beispiel sehr häufig die Armen diejenigen sind, die als allererstes darunter leiden, wenn wir ausbeuterisch die Schöpfung zugrunde richten. Oder er zeigt darin auch, dass sich Gott selbst, dass sich Jesus auch in der Schöpfung offenbart. Dass wir die Schöpfung in ihrer Schönheit und Tiefe mit dem Herzen so wahrnehmen können, dass wir auch in ihr die Gegenwart ihres Schöpfers erspüren können und die Schöpfung deswegen achten und ehren können. Auch die Schöpfung ist ein Weg, dich „den einzigen wahren Gott zu erkennen und den du gesandt hat, Jesus Christus“.  Und auch und ganz besonders die Armen sind ein Weg zu dieser Erkenntnis: „Was ihr dem geringsten unter meinen Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan“, sagt uns der Herr in diesem Sinn. Und all das fordert uns auf zu einem neuen Lebensstil, gerade auch durch diese Krise der Corona-Zeit. Mit dem alten Lebensstil des „Immer-mehr“ und „Immer-weiter“ sind wir lange genug voran gegangen, sagt Papst Franziskus. Und ich erinnere an seine Worte Ende März auf dem leeren Petersplatz: „Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden.“

Nie hat ein Mensch Jesus tiefer erkannt als Maria

Liebe Schwestern und Brüder, wir sind heute hier in dieser wunderschönen Maria-Hilf-Kirche zusammen, an einem Tag, der zugleich der Gedenktag Maria, Hilfe der Christen ist. Viele von Ihnen wissen, dass mir persönlich diese Anrufung Mariens wichtig ist, weil mein Ordensvater Don Bosco Maria unter diesem Titel verehrt hat. Was bedeutet diese Verehrung für alles das, was ich gesagt habe. Nun, es gab noch nie einen Menschen auf dieser Welt,  der Jesus so tief erkannt hat wie sie. Voll des Heiligen Geistes, voll der Liebe, die uns tiefer erkennen lässt. Und kennen Sie nicht auch das Phänomen, dass nicht nur wir alleine den Weg in die Erkenntnis Jesu finden, sondern dass wir Zeuginnen und Zeugen brauchen, die uns sehen helfen? Brauchen wir nicht alle Menschen, die in ihrem eigenen Herzen für den Herrn brennen, damit wir selbst angezündet werden? Damit auch wir selber immer wieder neu evangelisiert werden? Liebe Schwestern und Brüder, wir gehen zur Mutter des Herrn um mit ihr zusammen zu Christus zu gehen, um mit ihr zusammen zu beten. Zu ihr, in der alles heil ist, vor allem ihr Herz. Im Rosenkranz beispielsweise betrachten wir mit ihr zusammen den Herrn und sein Leben – auf dass wir auch in ihrer Gegenwart lernen, unseren Herrn besser mit den Augen des Herzens zu erkennen. Auf dass wir gerade auch in dieser schwierigen Zeit mit neuer Hoffnung erfüllt werden. Und so beten wir: Oh, Maria hilf, hilf und bete mit uns um den Heiligen Geist, dass wir den Vater erkennen und den Sohn und so ins ewige Leben finden – und andere voller Freude einladen können in dieselbe Begegnung, in dieselbe Erkenntnis, in einen neuen Lebensstil, ins ewige Leben. Amen.

 

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