Kirche mischt sich ein für Rechte von Menschen – 125 Jahre KAB in Passau

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Einleitung und Predigt anlässlich des 125jährigen Bestehens des Diözesanverbandes der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung

(Texte: 2 Thess 3:7-13; Mk 2,23-28)

Einleitung:

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, vielleicht haben Sie das jüngste Interview eines bayerischen Ministers gelesen, der gesagt hat, die Kirchen seien für die Barmherzigkeit zuständig, der Staat für die Gerechtigkeit. Und deshalb mögen sich die Kirchen doch in der Politik bitte zurückhalten. Ich bin zusammen mit Ihnen von der KAB anderer Meinung: Ich bin der Meinung, dass überall dort, wo es um das Leben des Menschen geht, etwa um seine Lebensgrundlage, oder um das Grundrecht auf Arbeit und Lebensunterhalt, um seine Würde und Freiheitsrechte, um die Bewahrung der Schöpfung und anderes mehr, überall dort dürfen und sollen wir unsere Stimme erheben. Schon wahr: Uns geht es als Christen vor allem um den Menschen insofern er auf Gott als seinen Schöpfer, seine Ursprung und sein Ziel bezogen ist. Daher taugt nicht jede tagespolitische Diskussion für kirchliche Einmischung. Aber wenn es um solche Grundlagen geht, dürfen und müssen wir auch zur Stelle sein, insbesondere unsere gläubigen Frauen und Männer, die mitten in der Welt leben, in der Welt der Familie, der Gesellschaft, der Wirtschaft und Kultur. Und in der Welt der Arbeitnehmer seid das besonders Ihr von der KAB. Und wir sind heute dankbar, Euer Jubiläum feiern zu können. Wir tun es, indem wir mit einer Eucharistie, beginnen, uns unter das Wort Gottes stellen und sein Erbarmen für uns alle erbitten.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

vor genau 125 Jahren, am 12. November 1891 gab es eine Konferenz in Osterhofen: die bis dahin schon im Bistum bestehenden Arbeitervereine sollten Mitglieder werden in einem neu gegründeten Diözesanverband für die Arbeiter. Es war dasselbe Jahr, in dem Papst Leo XIII die berühmte Enzyklika „rerum novarum“ von den neuen Dingen veröffentlichte, in der er sich vor allem mit den sozialen Umwälzungen der Zeit beschäftigte und der damit verbundenen Frage nach dem Wohlergehen der Arbeiter. Es ist der Anfang dessen, was wir heute die katholische Soziallehre nennen – eine Lehre, auf die wir zu Recht stolz sein dürfen. Und die sich auch besonders unsere KAB in Deutschland und in unserem Bistum auf die Fahnen geschrieben hat.

Herausforderungen der Kirche im Zeitalter der Industrialisierung

Es waren schwierige Zeiten, die Zeit der Industrialisierung und der Liberalismus einerseits, besonders der Wirtschaftsliberalismus und der Sozialismus andererseits, waren damals geistige Herausforderungen, denen auch die Kirche und die gläubigen Menschen begegnen mussten. Wie ist das, wenn wir an diese zwei Strömungen, an Liberalismus und Sozialismus die Frage richten: Wie steht es bei dir mit dem Verhältnis zum anderen, zum anderen Menschen? Die Antwort des Liberalismus ist: Wir wollen Freiheit, wir wollen, dass jeder Mensch sich gemäß seinen Fähigkeiten frei verwirklichen und entfalten kann. Dafür müssen die Voraussetzungen stimmen. Und wenn das gewährleistet ist, dann kommt das allen zugute. Und der Sozialismus sagt: Wir wollen möglichst Gleichheit aller, Gleichbehandlung aller als Prinzip der Gerechtigkeit und ein gemeinsames Ziel, auf das wir zugehen, das wir anstreben, dann ist am Ende jedem bestmöglich geholfen. Wir sehen gleich: Beide Sichtweisen haben ihr Richtiges – und so wie ich es formuliert habe, klingt es auch richtig und gut.

Die Schattenseiten von Liberalismus und Sozialismus

Die Schattenseiten des Liberalismus: Wenn einige Stärkere ihre Freiheit so weit nutzen, dass sie sie am Ende doch gegen und auf Kosten der anderen leben; das kann dann zum Beispiel in der Wirtschaft zu einem entfesselten Kapitalismus führen, der tötet, wie Papst Franziskus sagt. Und der Sozialismus in Reinform scheitert an eben daran, dass die Ungleichheit der Menschen nicht so einfach in ein Gleichheitsideal hineinzupacken ist. Und daran, dass das gemeinsame Ziel, auf das hin man marschieren will, nicht automatisch von allen mitgetragen wird. Auch hier bleiben also viele auf der Strecke, weil der Mensch im reinen Sozialismus doch anders ist, als ihn seine Ideologen gerne hätten. Beide Systeme scheitern in ihren Reinformen also letztlich daran, dass sie den anderen Menschen dort nicht mehr achten, respektieren, mitnehmen, wo er für das eigene System und das eigene Denken schwierig und widerständig wird. Wer im Sozialismus nicht mitgehen will, bleibt auf der Strecke und wer im Liberalismus nicht mitgehen kann, ebenfalls.

Die Antwort der Kirche: die katholische Soziallehre

Und mitten hinein in diese Auseinandersetzung damals bis heute gibt unsere Kirche eine Antwort mit ihrer Soziallehren und ihrer großen Prinzipien. Und ich bin dankbar, dass diese Lehre auch für unsere Katholische Arbeiter Bewegung wichtige Orientierung ist. Die christliche Lehre vom Menschen sagt uns: Wir sind alle unterschiedlich, aber wir haben alle die gleiche Würde. Wir sind Personen, wir sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen – auch wenn wir alle nicht immer so leben, dass man das sieht. Aber dieses bleibt dennoch und in jedem Fall für uns gültig: die Würde des Menschen ist unverlierbar, unersetzbar. Und wie unser Grundgesetz sagt: unantastbar. Egal, was ein Mensch ist, welcher Nation, Hautfarbe, Religion, Stand, geschlechtliche Orientierung, politische Überzeugung er hat, sogar egal ob er ein Heiliger oder ein Verbrecher ist: Immer gilt für uns, jeder ist zunächst Mensch, er ist Person mit unverlierbarer Würde – und kann nicht einfach einem politischen System geopfert werden. Deshalb ist die katholische Soziallehre so wertvoll.

Personalität, Subsidiarität, Solidarität – Prinzipien der Soziallehre

Denn von diesem Prinzip der Würde des Menschen ausgehend entfalten wir die weiteren Prinzipien der Soziallehre, etwa der Subsidiarität. Das bedeutet: Jeder Mensch kann und soll eigenverantwortlich und selbstbestimmt sein Leben leben,  – und erst wo er das nicht mehr schafft, kommt die nächst größere Einheit in Staat und Gesellschaft unterstützend zu Hilfe, die Familie, die Kommune, der Landkreis, der Bezirk und so weiter – und natürlich auch wir von der Kirche, die wir in unseren vielen Aktivitäten und Einrichtungen Menschen in Notlagen im Blick haben. Daher ist auch Solidarität das dritte Prinzip der Soziallehre: Unsere Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass wir solidarisch miteinander sind. Und das ist aktuell besonders deutlich, etwa wenn wir uns gemeinsam der Aufgabe stellen, Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren – und diese Aufgabe nicht einfach weiter delegieren etwa ausschließlich an den Staat oder an Privatpersonen, die damit Profit machen wollen. Nein, wir alle bilden diese Gesellschaft und ich bin sehr, sehr dankbar, dass sich viele Christinnen und Christen bei uns intensiv darum kümmern, dass Menschen auf der Flucht bei uns eingegliedert werden. Und die KAB engagiert sich dafür auch in der Welt der Arbeit. Vielen Dank dafür.

Der Schutz des Sonntags

Die Bildung der arbeitenden Bevölkerung, der Arbeits- und Rechtsschutz, die Seelsorge in unseren Betrieben, das sind einige der Themen, die für Euch von der KAB wichtig sind. Und auch der Schutz des Sonntags. Für dieses Anliegen möchte ich besonders danken. Wo der Mensch nicht zur Ruhe kommt, wo er nicht mehr Gelegenheit hat, einen guten Lebensrhythmus zu finden, wo er nicht mehr vor Gott kommt, dort gefährdet er seine Existenz. Ich möchte Ihnen daher diesen Punkt auch noch einmal besonders ans Herz legen und inhaltlich qualifizieren. Ich bin der Überzeugung, dass wir auch gesamtkirchlich, in unseren Pfarreien, in unseren Einrichtungen und Verbänden, schon lange so etwas wie einen immer loser werdenden inneren Gottesbezug erleben. Die säkulare Welt, deren Teil wir auch alle sind, forciert diese Entfernung. Gott rückt uns vielfach immer weiter weg, er wird bei vielen von uns von einer tragenden, erfahrbaren Wirklichkeit immer mehr zu einem eher undeutlichen Gedanken – und wir tun uns nicht leicht, uns neu auf ihn zu beziehen. Aber, liebe Schwestern und Brüder, für unsere jüdischen Brüder und Schwestern, die, aus denen wir als Christen hervor gegangen sind, war der Sabbat zuallererst dafür da: dass die Menschen ihn mit Gott und zur Ehre Gottes verbringen. So sehr identitätsstiftend für das jüdische Volk war das, dass der Bruch des Sabbat Gebotes oft mit schwerer Strafe belegt war. Du sollst den Sabbat heiligen heißt das dritte von den Zehn Geboten – und es kommt in der Reihenfolge noch vor den Geboten des sozialen Zusammenlebens, also vor dem Gebot, Vater und Mutter zu ehren, vor dem Gebot, nicht zu töten und so fort. Es wurde für so wichtig gehalten, weil der biblische Mensch wusste und weiß: wo Gott im menschlichen Leben ausfällt, da fällt auch der Mensch innerlich auseinander, da verliert er seine Identität oder baut sie mit allerhand anderen, meist Scheinidentitäten für sich selbst zusammen. Und dort fällt auch das Gemeinwesen auseinander – und bringt alles Mögliche hervor, aber eben in der Regel nicht Solidarität und nicht Anerkennung der Würde jedes Menschen. Jesus betont im heutigen Evangelium: der Sabbat ist für den Menschen da! Und zwar deshalb: Weil der Mensch von Gott und für Gott geschaffen ist.

Muße und Gottesbeziehung vor dem Bedürfnis nach Konsum

Und es geht hier beim Sonntagsgebot nicht einfach um das Einhalten eines Gebotes, damit es auch eingehalten wird. Es geht um die Urbeziehung des Menschen, die ihm hilft, sein Leben auch mit den anderen Menschen so zu gestalten, dass es recht wird, dass Gottes Gerechtigkeit und Liebe unter uns aufstrahlen.Kürzlich habe ich gelesen, dass sich Inhaber von Geschäften in unseren Städten darüber Gedanken machen, was dem Erhalt der Geschäfte am meisten hilft. Und man hat eine Rangliste der erfolgreichsten Maßnahmen aufgestellt. Auf Platz 1 war der verkaufsoffene Sonntag! Gerade an ihm würden so viele Menschen in die Städte und Geschäfte strömen und für Umsatz sorgen! Liebe Schwestern und Brüder, wenn unser kollektives Bedürfnis nach fortwährendem Konsum an die Stelle der Fähigkeit zur Muße, zur Gemeinschaft und an die Stelle der Fähigkeit des Ausruhens vor Gott tritt, dann ist das für mich ein Alarmzeichen für das, was unsere Kultur vom Kern her ausmacht, unsere Kultur, die ohne das Christentum nicht verstehbar ist. Und so möchte ich Ihnen allen von der KAB abschließend danken, dass Sie Teil dieser großen Bewegung sind, die in den letzten 125 Jahren auch in unserem Bistum immer neu dazu beigetragen hat, die Welt der Arbeit im Sinne unseres Glaubens gerechter zu gestalten – vor Gott und für die Menschen. Bleiben Sie dabei. Die Arbeit auf diesem Feld wird nicht weniger werden. Amen.

 

 

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