Marktl am Inn feiert „10 Jahre Papst Benedikt XVI.“

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

es ist eigenartig: Da ist unserem Volk und sogar unserem Bistum und diesem Ort Marktl ein Mann geschenkt, der nach vielen hundert Jahren der erste Deutsche, der erste Bayer auf dem Stuhl Petri ist. Noch dazu einer, der ein unbestrittener, herausragender Leuchtturm in der Theologie unserer Zeit ist, aber auch in der geistigen Analyse kirchlicher und gesellschaftlicher Strömungen; einer, der bei jedem, der auch nur einigermaßen mit wachem Verstand und offenem Herzen hinhört, Respekt und Hochachtung erzeugt angesichts eines solchen Maßes an Klarheit und Tiefe im Urteil. Aber auch angesichts der damit verbundenen Demut und persönlichen Bescheidenheit.

Und dann ist da auf der anderen Seite eine aus meiner Sicht Mehrheit von Medienschaffenden und sicher auch nicht weniger Katholiken in unserem Land, die den Mann für einen Reaktionär halten; für einen, der in jedem Fall auf die Bremse treten wollte; für einen, der Angst hatte, dass ihm und seiner Kirche die Felle davonschwimmen. Sie zeichnen die Karikatur vom Starrköpfigen, vom Unbeweglichen, vom Diktator des römischen Zentralismus, vom homophoben Feind einer liberalen Sexualmoral, vom Feind der Frauen in der Kirche und vom Hauptverantwortlichen für die Vertuschung sexuellen Missbrauchs. Und die allergrößte Tat dieses Mannes sei eben deswegen sein Rücktritt gewesen. Und weil das Wirken seines Pontifikats davor wenig Wert zu haben schien, dürfe man den Mann dann auch auf diesen Rücktritt reduzieren. Alles andere sei eh nicht von Belang. Und der Eindruck eines solchen Urteils bei vielen scheint dann medial in dem Augenblick noch einmal voll bestätigt zu werden, in dem der Glanz von Papst Franziskus umso heller erstrahlt.

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte Ihnen gegen diese Karikatur unseren verehrten Papst Benedikt XVI. noch einmal als einen Mann in Erinnerung rufen, der mich und viele von uns immer wieder überrascht hat. Es stimmt, sein Rücktritt war wohl tatsächlich die größte Überraschung von allen. Sie bestätigt uns aber konsequent das Bild eines demütigen Dieners Christi, der weiß, dass auch beim Papst sein Amt mit seiner Person nicht so verschmolzen oder verklammert ist, dass diese Möglichkeit eines Rücktritts ausgeschlossen bleibt; vor allem dann nicht, wenn er selbst zur Überzeugung kommt, dass ein Festhalten am Amt der Kirche mehr schaden würde als ein Rücktritt, wenn die eigenen Kräfte nachlassen, um das Amt gut auszuüben. Ist dieser Rücktritt also nicht ausgesprochen modern und passt so gar nicht in die schlechte Karikatur von dem Mann? So modern sogar, dass ihn Jahrhunderte vorher kein Papst gewagt hätte? Und kommt er nicht aus der inneren Freiheit und Tiefe eines denkenden und vor allem betenden Theologen und Bischofs, der sich auch in dieser Weise – und womöglich gerade so – ganz in den Dienst der Kirche und des Glaubens stellt?

Und hat er uns nicht gleich zu Beginn seines Pontifikates überrascht, als er uns seine erste Enzyklika präsentierte? Ein Lehrschreiben, das so gar nicht von der Kirche oder dem Papst und seiner Autorität handelte, das auch gar nicht auf die drängenden Fragen der Gegenwart einzugehen schien, sondern ein Schreiben, das radikal und ganz und gar und in bestimmter Weise auch neu auf die Mitte des Christlichen hingewiesen hat, die so oft vergessen zu werden scheint: Deus Caritas est. Gott ist Liebe. Wann hätte es das gegeben, dass ein Papst so freimütig wie hier über die Einheit und den Unterschied zwischen erotischer Liebe und der Liebe gesprochen hätte, die die Bibel Caritas oder Agape nennt? Oder zum Beispiel auch mahnend davon, dass die Mitarbeiter der Caritas, des kirchlich institutionalisierten Liebensdienstes, aus dem Glauben, aus der Verbindung mit Christus im Gebet leben sollten?

Oder wo hätte es vorher einen Papst gegeben, der wie Benedikt bei seinem letzten Deutschlandbesuch nicht primär von einer Stärkung der Position der Kirche in der Gesellschaft gesprochen hätte, sondern der unserer Kirche das Wort vom Verzicht, ja von der Entweltlichung mit auf den Weg gegeben hätte? Und wer da genau hingehört hat, der weiß, dass es dabei gerade nicht um Rückzug aus der Welt geht. Sondern um eine innere Freiheit, die wirklich aus Christus lebt, die deshalb nicht allzu starr an Erbhöfen und Geld hängt – und die gerade deshalb viel tiefer in die Welt hineingehen und ihr dienen kann – ohne sich von ihr abhängig zu machen.

Oder wo hätte es dass vorher gegeben, dass ein Papst bei Bischofssynoden offen diskutieren ließ – und er als Diskussionspartner sich offen an solchen Diskussionen beteiligt hätte, wie es Benedikt getan hat? Hier war er geradezu ein Vorreiter dessen, was jetzt bei Papst Franziskus weiter und noch intensiver kultiviert wird. Aber es war bei Benedikt neu! Oder wo hätte es das vorher gegeben, dass ein Papst seine ärgsten Kritiker, wie etwa Hans Küng zu einem langen Gespräch zu sich nach Rom einlädt zum freien Gespräch und nicht zur Maßregelung? Oder einen Papst, der das offene und öffentliche Gespräch mit agnostischen Philosophen und Journalisten sucht? Und wo hätte es das vorher gegeben, dass ein Papst in Deutschland eine evangelische Kirche besucht oder in einer Gebetsstille in einer türkischen Moschee verharrt? Wahrlich, ein Papst der Überraschungen. Oder wo hätte es das gegeben, dass ein Papst in einem Interviewbuch freimütig über sich selbst, sein Amt, seine Sorgen und Hoffnungen Auskunft gibt, wie in dem Buch mit Peter Seewald, das den Titel „Licht der Welt“ trägt? Oder wo vorher einen Papst, der wie Benedikt, sich sogar in einer Fernsehsendung frei gewählten Interviewfragen gestellt hätte? Er war der Papst der Überraschungen und der Papst der Kommunikation, des Dialogs. Auch hier ein Vorbereiter und Erneuerer des Freimutes, mit dem jetzt sein Nachfolger öffentlich auftritt.

Oder wo hätte es das vorher je gegeben, dass ein Papst, auf den ja immer gleich die ganze Welt mit ihren Kameras und Mikrofonen gerichtet ist, mit solcher Souveränität wie Benedikt immer wieder einfach auch mal ohne Manuskript über das Leben und den Glauben sprach, wie er es öfter getan hat? Oder wo hätte es das gegeben, dass ein Papst im Deutschen Bundestag spricht, dass er dabei auch noch die Ökologiebewegung lobt und den Politikern auf den Weg gibt, das Naturrecht neu zu achten? So geschehen bei Benedikt XVI. , dem Papst der Überraschungen.

Und wo, Schwestern und Brüder, hätte es das gegeben, dass ein Papst ein dreibändiges, wunderbares Jesus-Buch vorlegt, ein Buch, das auch Nicht-Fachleute lesen können. Ein Buch zumal, in dem er, der oberste Lehrer des Glaubens, alle anderen einlädt, ihm auch zu widersprechen, wenn es nur im gegenseitigen Wohlwollen geschieht? Alle drei Bände der Jesus-Bücher sind übrigens Welt-Bestseller geworden von diesem Papst der Überraschungen.

Nun mag einer sagen: Jetzt erwähnt er aber gar nicht die Pannen oder Missgeschicke. Liebe Schwestern und Brüder, auch die erwähne ich gerne, weil gerade sie ebenfalls etwas deutlich machen von der Demut und gleichzeitigen Souveränität des Mannes. Wir denken an die so genannte Williamson-Affäre. Der Papst wollte den exkommunizierten Bischöfen der traditionalitischen Lefebvre-Bruderschaft eine Brücke bauen, damit sie mit ihren Anhängern wieder zurückfinden könnten in die große Catholica, in der ja Platz sein soll für die Vielen. Und er hatte nicht gewusst, dass der Herr Williamson vorher in einem Interview das Ausmaß des Holocaust an den Juden geleugnet hatte. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Benedikt, der sein Leben lang über die Einheit der Christen mit den Juden nachgedacht und dieses Gespräch gefördert hatte, wurde plötzlich sogar verdächtigt, ein Antisemit zu sein. Was macht Benedikt, der Papst der Überraschungen? Er schreibt einen sehr persönlichen, öffentlichen Brief, in dem er von einer Panne spricht und unter anderem davon, dass man besser mal ins Internet hätte schauen können. Wann hätte jemals ein Papst so freimütig auch Fehler eingeräumt wie dieser Papst der Überraschungen?

Dann war da zum Beispiel die so genannte Regensburger Rede. An der dortigen Universität hat Benedikt eine sehr gelehrte Rede gehalten über sein Lebensthema: das Verhältnis von Glaube und Vernunft. Darin eingebaut war ein Zitat eines byzantinischen Kaisers, der sich gefragt hatte, was den Mohammed an Gutem gebracht hätte. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Man unterstellte, dieses Zitat sei die Meinung des Papstes. Der Papst selbst war sehr betroffen von dieser Reaktion und hat auch im Nachhinein gestanden, dass er sich nicht bewusst gewesen sei, wie politisch eine solch rein akademisch gedachte Rede gelesen werde. Auch das ein überraschendes Eingeständnis. Jedenfalls hat aber seit diesem Eingeständnis und seit dem Besuch des Papstes in der Türkei der Dialog zwischen Katholischer Kirche und wichtigen Vertretern des Islam intensiver als zuvor begonnen. Ähnlich scheint es mir übrigens mit dem Judentum.
Ich könnte jetzt noch auf zahlreiche weitere Punkte hinweisen, auch etwa auf die schreckliche Missbrauchsaffäre und ihre Aufarbeitung durch den Papst und das Gespräch, das er persönlich immer wieder mit den Opfern gesucht hat (Er selbst hat angesichts der Erkenntnis der schweren Folgen von solchen Taten gar nicht mehr von Opfern, sondern nur noch von „Überlebenden“ gesprochen).

Aber ich möchte zum Schluss lieber auf den Punkt hinweisen, der Benedikt XVI. von allen Punkten aus meiner Sicht der wichtigste und zentralste war: Benedikt ging es zuerst um Erneuerung des Glaubens an Christus, die darin besteht, dass die Christinnen und Christen von neuem in ein persönliches, vertrautes Verhältnis zu ihrem Herrn finden. Umkehr in der Kirche heißt immer: Rückkehr zu Jesus. Und bei aller Schwäche der Kirche, bei der Sündigkeit, die es in ihr auch gibt, hat Papst Benedikt XVI doch immer wieder betont: Der Herr ist seiner Kirche treu und er schenkt sich durch die Kirche den Menschen. Jesus kommt durch die Kirche, durch die Sakramente, durch das Wort Gottes, das in ihr gesprochen und ausgelegt wird, und in dessen Auslegung er selbst ein unübertroffener Meister war und ist. Jesus kommt auch durch das persönliche und das gemeinschaftliche Gebet. Kirche ereignet sich vor allem dann, wenn Gottes Wahrheit und Liebe sichtbar und erfahrbar werden, die in Jesus Christus menschliche Gestalt gewonnen hat. Vor allem anderen ging es Papst Benedikt immer um dieses eine: Jesus selbst den Menschen bekannt zu machen, ihn nahe zu bringen, ihn in seiner Kirche zum Leuchten zu bringen. Dafür hat er sich in den Dienst nehmen lassen, dafür ist er als Person selbst immer wieder hinter das Geheimnis des Herrn zurück getreten und dafür ist er zuletzt auch von seinem Amt zurückgetreten, damit durch seinen Nachfolger Christus von Neuem der Welt sichtbar gemacht werde. Sein Zeugnis war und ist immer: Nicht wir sollen zuerst darauf hinarbeiten, dass sich die Kirche endlich unseren Bedürfnissen oder manchen fragwürdigen der modernen Welt anpasst, sondern wir sollen uns vom Herrn selbst so verwandeln lassen, dass wir immer fähiger werden, auch einer sich wandelnden Welt das Evangelium von Gottes Wahrheit und Liebe in Christus zu verkünden.

Schwestern und Brüder: Ich bin froh und dankbar für diesen großen und doch so demütigen Mann der Überraschungen, dessen reiches theologisches Erbe uns noch lange beschäftigen wird. Und um das sich auch hier in Marktl so gekümmert wird, mit dem besonderen Engagement durch Herrn Reischl und viele Helfer. Benedikt konnte immer beides: den großen geistigen Bogen spannen, die großen Zusammenhänge erklären – und dabei zugleich das Einfache, das Tiefe und Schöne des Glaubens für jeden verständlich aufleuchten lassen. Danken wir dem Herrn für Papst Benedikt, den großen Sohn unseres Landes und unseres Bistums. Wir haben allen Grund, ihm als Person ein ehrendes Andenken zu bewahren. Aber mehr noch haben wir Grund, vor allem seinem innersten Anliegen treu zu bleiben und uns immer neu – auch mit der Hilfe des Werkes von Papst Benedikt – unserem Herrn zu nähern und ihn zu loben und zu preisen. Amen.

 Bild: Pressestelle Bistum Passau

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