Wiedereröffnung der Wallfahrtskapelle in Altenmarkt

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

ist es nicht ein schöner Zufall oder eher eine Fügung des Herrn, dass wir die Wiedereröffnung Ihrer wunderbaren Wallfahrtskapelle ausgerechnet am Fest unseres Diözesanpatrons, des Hl. Bruder Konrad begehen? Zumindest war diese Koinzidenz bei unserer Terminsuche nicht im Blickpunkt. Es hat sich so ergeben! Wir begehen dieses Fest also hier und heute bei Maria, der Zuflucht der Sünder, so der Titel, unter dem die Muttergottes hier verehrt wird. Ja, wer wollte bestreiten, dass die Mutter Gottes die große Zuflucht auch unseres verehrten Bruder Konrads war. Wir wissen, dass er als Bub und als junger Mann oft und oft nach Altötting, aber auch nach Passau Maria Hilf gepilgert ist.

Und die Lesung, die uns die Kirche am heutigen Festtag unseres Patrons schenkt, ist wie gemacht für das Leben von Konrad in der Verbindung mit Maria, der Zuflucht der Sünder. Wir lesen da: „Seid besonnen und nüchtern und betet. Vor allem haltet fest an der Liebe zueinander, denn die Liebe deckt viele Sünden zu“. Maria ist nicht nur die Zuflucht der Sünder, sie ist auch die Mutter der Liebe zu Jesus und damit auch zueinander. Gott hat durch den Tod und die Auferstehung Jesu seinen Geist in unser Herz gegossen. Und das ist in tiefster und intensivster Weise bei Maria erfahrbar, greifbar. Und die Menschen, so auch der Birndorfer Hansl, noch ehe er Bruder Konrad wurde, ist immer und immer wieder zu ihr gegangen, weil er als geistlicher Mensch gespürt hat: Bei ihr, bei der Mutter, sind wir dem Herrn besonders nahe. Sie war und ist ja ganz und gar erfüllt von seiner Gegenwart.

Liebe Schwestern und Brüder, die Zuflucht der Sünder, das ist für die heutige Zeit kein einfach zu vermittelnder Titel der Verehrung. Das Wort Sünde ist aus unserem Sprachgebrauch ziemlich verschwunden oder wenn nicht, dann wird es verharmlost. Dann sind wir eben Verkehrssünder oder wir haben gesündigt im Zusammenhang mit dem Essen von Süßigkeiten oder ähnlichem. Die Werbung macht sich diese Verharmlosung sogar intensiv zunutze, indem sie Produkte wie Eis oder Unterwäsche oder Parfum unter dem Titel „Sünde“ als besonders verführerisch anpreist. Sünde verschwindet dafür mehr oder weniger als eine moralische oder religiöse Kategorie. Und wenn ein Prediger sich heute noch traut, ernsthaft von Sünde zu reden, dann ist er vermutlich von gestern. Das weitgehende Verschwinden der Beichte aus unserer religiösen Praxis ist ein Beleg für dieses schwindende oder verharmlosende Verständnis von Sünde.

Aber, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir nun wirklich bei dem Glauben der Apostel, bei der Hl. Schrift bleiben, dann ist gar kein Zweifel, dass Christus für uns gestorben ist zur Vergebung der Sünden. Wir werden in dieser Hl. Messe auch gleich den Kelch erheben und die Worte Christi über sein Blut wiederholen, wo es heißt: vergossen zur Vergebung de Sünden. Daher meine Frage: Was ist Sünde und warum sind Menschen seit Jahrhunderten hierher zur Zuflucht der Sünder gepilgert?

Die Frage lässt sich zweifach beantworten: Einmal ist Sünde ein Zustand, ein Zustand meines Herzens, in dem ich in der Regel zuerst einmal auf mich schaue, ehe irgendwas anderes in den Blick kommt: meine Interessen, meine Wünsche, meine Vorteile. „Unterm Strich zähl ich“, ist ein Wort aus der Werbung, das im Grunde den inneren Zustand von Sünde zur positiven Aussage verdreht. Unterm Strich zählt nämlich bei einem Christen zuerst und vor allem Gottes Wille. Dein Wille geschehe, beten wir in jedem Vater Unser. Und wenn wir ehrlich sind, hoffen wir beständig, dass dieser Wille Gottes mit unseren großen und kleinen Egoismen kompatibel ist. Aber Sünde als Zustand ist innere Entfernung von Gott. Unser Herz ist ein Beziehungsorgan und dafür gemacht, Gott über alles zu lieben. Und wenn wir tatsächlich schauen, was oder wen wir über alles lieben, dann kommt da bei vielen von uns unser Herr erst nachrangig vor. Aber umgekehrt, wenn wir so im Vater und so nahe bei der Mutter Gottes leben könnten, wie es zum Beispiel Bruder Konrad getan hat, dann könnten wir auch immer besser spüren, wie hässlich die Entfernung von Gott unser Herz macht, ja wie tödlich das für unser Leben sein kann.

Sünde ist also einerseits ein Zustand des Herzens, andererseits ist es die konkrete Tat, die dann eher eine Folge, ein Symptom dieses Zustandes ist: die Lüge, die Tat aus Eifersucht, die Bosheit gegen den Nachbarn, der üble Ratsch, das Handeln aus Neid, der Ehebruch, der Zornesausbruch und so weiter und so fort. Solche Handlungen sind in der Regel Folgen der Entfernung von Gott und sie können nun ihrerseits auch rückwirkend wieder den Zustand des Herzens verdunkeln.

Liebe Schwestern und Brüder, ein Mensch, der wie Bruder Konrad beständig auf der Suche nach Gott ist, der ihn liebt und seinen Willen sucht und tun will, der weiß im Grunde besser als alle anderen, was Sünde ist und wie sie wirkt. Es ist wie mit einem Berg: Ein Mensch wie du und ich, der einen hohen Berg nur aus der Ferne sieht, ist vermutlich nicht besonders beeindruckt und würde sich denken: Na, so hoch ist der auch nicht. Aber je näher Sie dem Berg kommen, desto eher spüren Sie, wie klein Sie selbst im Verhältnis zu diesem Berg sind. Oder ein anderes Bild: Ein Zimmer im durchschnittlichen Tageslicht erscheint vielleicht halbwegs sauber. Aber wenn dann einmal die Sonne richtig und mit voller Kraft hereinstrahlt, dann sieht man im Sonnenlicht oft jeden Staubfunken. Übertragen auf unsere Frage heißt das: Ein Mensch wie Bruder Konrad, der ganz nah im Licht Gottes lebte, der war sich sehr bewusst, dass er in seiner Seele dazu neigt, ein wirklicher Sünder zu sein. Und er kannte seine dunklen Flecken. Deswegen ist er auch so häufig zum Beichten gegangen. Ein Mensch dagegen, der eh in der Entfernung von Gott lebt, der denkt, sein inneres dunkles Zimmer, seine Seele, ist sowieso ganz passabel! Wie sollte die Meinung auch anders sein, wenn kein Licht von Gott hineinleuchtet?

Liebe Schwestern und Brüder, Maria ist die Zuflucht der Sünder, Maria ist der Ort, wo wir Jesus nahe kommen. Sie ist das Geschöpf, das am meisten Liebe im Herzen hatte und bei ihr und in der Beziehung zu ihr, sind wir auch Jesus und seinem Geist ganz nahe. Die Menschen, die hierher zur Wallfahrt gekommen sind, haben das immer gespürt. Sie wissen: Wir nehmen bei Maria Zuflucht, sie hilft uns wieder, neu Jesus zu spüren in unserem Herzen, sie hilft uns umzukehren. Sie ermutigt uns vielleicht auch immer wieder zur Beichte zu gehen, damit wir immer mehr Menschen werden, die lernen den Willen Gottes zu spüren für ihr Leben und von anderen inneren Beweggründen zu unterscheiden. Maria nimmt uns auch die Angst davor, dass der Wille Gottes für unser Leben etwas Schlechtes bedeuten könnte, Verlust, Verzicht und so fort. Es ist eher so: Wenn wir in der Nähe der Mutter Gottes erkennen lernen, wer wir im Tiefsten und Innersten sind, dann spüren wir gleichzeitig, dass Gott will, dass wir immer mehr wir selbst werden. Ein heiler, ein innerlich befreiter und gelassener und liebesfähiger Mensch zu sein und ein Mensch nach dem Willen Gottes sein, ist im Grunde dasselbe. Der Herr will, dass wir Ihn wirklich in unser Herz lassen, er will uns nach seinem Ebenbild gestalten und die Mutter Gottes und der Hl. Bruder Konrad mögen uns dafür mächtige Fürsprecher sein. Hier im schönen Altenmarkt in der neu renovierten Marienkapelle und in allen anderen Wallfahrtsorten und Kirchen unseres großartigen Bistums. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau

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