Meine Stärke und mein Lied ist der Herr – Zur Priesterweihe von Magnus Pöschl

In Maria-Hilf-Woche 2019, Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt zur Priesterweihe im Passauer Dom am Hochfest Peter und Paul 2019

Lieber Magnus Pöschl, liebe Eltern und Angehörige, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

in der Bibel sind manchmal die kleinsten Details wichtig. Zum Beispiel dieses. Wir haben im Evangelium gehört, dass Jesus die Jünger gefragt hat, wer die Leute sagen, dass er sei – und wer sie, die Jünger, glauben, dass er sei. Ich halte diese Frage ganz ehrlich für die wichtigste Ihres Lebens und meines Lebens – und werde das gleich noch vertiefen. Aber das Detail, das ich meine, ist folgendes: Jesus stellt den Jüngern diese Frage im Gebiet von Cäsarea Philippi. Und dieser Ort ist geradezu symbolisch überladen. Er kommt in der Bibel auch nur im Zusammenhang mit dieser Szene vor. Zunächst ist der Ort benannt nach dem Kaiser, nach dem Cäsar, daher Cäsarea. Zugleich hat sich einer der Söhne des Herodes, nämlich Philippus diese Stadt zur Hauptstadt seines Herrschaftsbereiches erwählt. Zudem gab es dort große Tempelanlagen, insbesondere den Tempel der Gottheit Pan, der immer lüsternen Gottheit der Fruchtbarkeit, der Gottheit des Waldes und der Hirten, auch der Gott, der Schrecken einjagt, woher das Wort Panik kommt. Die christliche Darstellung des Teufels ist von der Darstellung des Pan inspiriert, ein Mischwesen aus Mensch und Tier mit Hörnern und Ziegenbeinen. Nahe beim Pan-Tempel gab es außerdem eine große, dunkle Öffnung einer Höhle, in der es weit hinunter ging. Und die man damals als den Eingang, als die Pforte in die Unterwelt betrachtete. Und schließlich ist hier auch eine der Quellen für den Fluss Jordan, den Schicksalsfluss Israels. Das Volk hatte viele Jahrhunderte zuvor den Jordan überschritten, um in sein gelobtes Land zu kommen; es ist der Fluss auch, in dem Johannes der Täufer getauft und Umkehr wegen des Kommens des Messias gepredigt hat. Und es ist der Fluß, in dem schließlich Jesus von Johannes getauft worden ist.

Für wen halten mich heute die Leute?

Sie sehen, soviel Symbolik auf einmal in der einfachen Nennung des Ortes Cäsarea Philipp, weltliches Machtzentrum, religiöses Zentrum mit Hinweis auf die Unterwelt und ihre Mächte – und gleichzeitig Ursprungsort des Flusses Jordan. Wo also, so können wir fragen, wenn wir hier innerlich mit den Jüngern stehen, wo also ist die richtige Quelle des Lebens, des Heils? Wo ist die eigentliche Macht, wer ist wirklich Gott und wer der Versucher? Hier also stellt Jesus diese Frage an die Jünger, für wen halten die Leute den Menschensohn? Und sie geben lauter Antworten der Menschen, die im Grunde verkehrt sind. Johannes der Täufer sagen manche, oder Elija, Jeremia, irgendein Prophet. Immerhin, sie halten ihn für einen Propheten. Und dennoch, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir heute die Menschen fragen würden: Für wen halten die Leute Jesus? Würden wir nicht ähnlich Antworten bekommen – und noch viel mehr Antworten, aber alles Antworten, die wenig oder nichts mit unserem Glauben zu tun haben? Wer ist Jesus? Ein großer Menschenfreund, ein weiser Lehrer des richtigen Lebens, ein Erleuchteter, ein Friedensstifter und vieles mehr.

 Und Ihr, für wen haltet Ihr mich?

Und Ihr nun, liebe Jünger, für wen haltet Ihr mich, fragt er die Seinen? Und Petrus gibt die entscheidende Antwort, die ihm der Vater im Himmel eingegeben hat: „Du bist der Christus, der Gesalbte, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Dieses Glaubensbekenntnis macht Petrus zum Felsen der Kirche, es ist die Mitte von allem. Jesus selbst heißt in der Schrift der Fels – und der Glaube an ihn – und die Orientierung an Petrus, dem Zeugen, dagegen können die Pforten der Unterwelt nicht an. Er, Petrus, hat deshalb die Schlüssel des Himmelreiches, die an den Glauben an Christus gebunden sind. Keine weltliche Macht, keine religiöse Macht, kein weltlicher Fluss: Er selbst, Christus, und unser Glaube an ihn ist die Quelle des Lebens, ihn ihm ist die Macht über Leben und Tod  – und wer im Vertrauen bei ihm bleibt, der ist nicht totzukriegen, auch wenn er stirbt.

„Meine Stärke und mein Lied ist der Herr “ (Ps 118,14)

Sie, lieber Magnus Pöschl, haben in Ihrem Primizspruch diesen Glauben bekräftigt. Sie haben aus den Psalmen den folgenden Vers gewählt: „Meine Stärke und mein Lied ist der Herr.“ Wie schön, vor allem natürlich auch für Ihr Musiker-Herz. Zuerst „Meine Stärke“: Die Stärke, die erinnert an den Felsen, der Glaube kann eine Kraft im Leben sein, eine innere Gewissheit, eine Fähigkeit, immer neu Hoffnung zu schöpfen und wieder aufzustehen und wieder anzufangen. Eine Stärke, die gerade auch in der Schwachheit zum Ausdruck kommen kann, weil wir dann besonders gut wissen, dass wir nicht auf die eigenen Kräfte bauen können. Als Priester werden sie manchmal in Form sein, manchmal gar nicht, aber wenn Sie die Sakramente spenden und es im Sinn der Kirche tun, wird der Herr Ihre Kraft sein, auch dann wenn Sie besonders schwach zu sein scheinen oder sich so fühlen. Als Priester können Sie etwas verschenken, was Sie selbst nicht aus sich haben, etwas worauf hin Sie geweiht sind. Als Priester, der aus dem Glauben Kraft bezieht, sind Sie ein herausforderndes Zeugnis für unsere Welt und Zeit: Wie sehr ist doch die Ehelosigkeit angefragt. Und ja, man kann ja auch fragen: Was ist das für ein seltsamer Zwang, den die Kirche da auferlegt? Ist das natürlich? Ist das überhaupt lebbar, heute?  In einer Welt, in der die romantische Liebe eine Art Götze für viele junge Menschen geworden ist? Eine Erwartung dahingehend, dass alles im Leben keinen Sinn macht, wenn ich nicht den Einen, die Eine finde, die mir zum Glück wird? Und Sie verzichten darauf, freiwillig! Und Sie nehmen damit die Lebensform Jesu an, dessen Speise es war, wie er sagte, den Willen des Vaters zu tun. Wird man an Ihnen, lieber Magnus, spüren, dass Sie einer sind, der mit Christus lebt? Einer, der wirklich erfüllt ist von seinem Geist, seiner Gegenwart? Werden Sie in diese Freiheit finden, die auch keine schlechten Kompensationen braucht für das Leben ohne Zweisamkeit? Wir wissen um solche Versuchungen, solche Kompensationen auch bei uns Geistlichen: Zuviel Essen oder Trinken, zu viel Konsum, zu viel Medienkonsum, zu viel Flucht in die Privatheit, zu viel Sucht nach Anerkennung, nach Bestätigung, ein mögliches Doppelleben und anderes mehr.  Die Versuchungen, lieber Magnus, werden kommen immer wieder im Lauf eines langen Priesterlebens.

 Die innere Freiheit und das Gebet

In die innere Freiheit finden und in ihr bleiben Sie nur, wenn Sie wirklich ein Beter sind, einer der dem Herrn jeden Tag Zeit schenkt, der jeden Tag sein Wort betrachtet, der jeden Tag die Menschen, die ihm anvertraut sind, vor den Herrn bringt – einer, der alles, sein ganzes Leben mit ihm teilt – und vor allem einer, der gelernt hat bei ihm zu schweigen und auszuruhen. In diese Freiheit werden Sie auch finden, wenn Sie gute Freundschaft mit anderen Menschen leben und intensiven Austausch pflegen mit anderen Menschen. Mit ganz normalen Menschen, aber auch mit solchen, mit denen Sie Glauben und Theologie und Leben aus dem Glauben teilen und besprechen können.  Meine Stärke ist der Herr! Ja, so wird es sein, so soll es sein und die Menschen mögen spüren, dass es bei Ihnen so ist – damit Sie fragen: Was ist es, dass dieser kluge, gut aussehende junge Mann so zufrieden ist, so in sich ruhend, obwohl er doch ohne eheliche Partnerschaft lebt? Sie mögen an Ihnen erfahren, wer es ist, der Ihre Stärke ist und zweitens: „Ihr Lied“.

Das Lied des Herzens

Was für ein schönes Bild: „Mein Lied ist der Herr“. Wie entsteht in uns ein Lied, wie ein Singen, wie eine Melodie? Ein Lied ist oft Ausdruck von freier Spontaneität, etwas das Worte übersteigt, weil es angereichert ist mit Emotion, mit Freude, mit Sehnsucht. Nicht umsonst singen die Befreiten in der Schrift dem Herrn auch immer wieder ein neues Lied, wie es so oft heißt. Und es ist Ausdruck dafür, dass mit dem tiefen Glauben auch eine Besonderheit in ihr Leben gekommen ist, eine Besonderheit des Frischen, des Tiefen, des Neuen. Auch manchmal eine Leichtigkeit, die Ihnen helfen wird; oder aber eine Fähigkeit mit den Menschen zu gehen, mit ihnen Trauer und Leid zu teilen und Freude und Hoffnung, und womöglich auch die Melodie des Lebens mit dem Herrn in ihnen immer wieder zum Erklingen zu bringen. Möge der Herr Ihr Lied sein, lieber Magnus, wie Sie es sich wünschen, und möge er damit die Freude Ihres Lebens sein, die Sie nie verlässt – auch dann nicht wenn es schwer wird. Und möge er Ihnen helfen, der Diener der Freude in anderen zu sein.

Der Priester geht für den Herrn und für uns alle

Denn, liebe Schwestern und Brüder, wir leben in Zeiten in unserer Kirche, in denen ein junger Priester heute stärker angefragt wird als zuvor – und in denen er deshalb auch Unterstützung und Begleitung braucht und Gebet. Er ist ja ein Mensch, der für den Herrn und damit für Sie geht, für uns alle, die wir immer wieder neu erinnert werden müssen, wer unsere Stärke und wer unser Lied ist. Und wir leben in Zeiten, in denen wir und mit uns eine ganze Gesellschaft versucht ist, zu glauben, dass Stärke und Freude und Heil und das innere Lied allein aus uns selbst zu bekommen sind. Jeden Tag bekommen wir signalisiert: Wir brauchen keine Erlösung, wir brauchen keine Umkehr, wir brauchen auch keinen Gott, schon gar keinen, der uns herausfordert. Wir haben die Werte des Staates, der Medien und der Gesellschaft , wir haben den Pan und seine Vergnügungen. Und die Mächte der Unterwelt gibt es ohnehin nicht oder wir haben sie selbst im Griff. Welch eine Illusion, liebe Schwestern und Brüder! Ist es nicht so, dass wir unsere Gesellschaft genau wegen dieser Illusion ohne innere Stärke und ohne inneres Lied allmählich dahintaumeln sehen, in der Gefahr auseinanderzubrechen? Und wäre es in der Kirche so viel anders? Ohne den festen Glauben, dass der Herr wirklich gegenwärtig ist und unsere Stärke und unser Lied?

Den Allmächtigen nicht verharmlosen!

Und auch das ist wichtig, lieber Magnus für Ihre Verkündigung: Wenn wir den Gott Jesu Christi verharmlosen zu einem anspruchslosen Himmelsopi machen, der niemandem böse sein kann, egal wie wir leben, dann verkünden wir tatsächlich einen Gott, den am Ende niemand mehr braucht. Dann finden uns die Menschen vielleicht nett, aber sie ahnen dann auch nicht mehr, dass wir berufen sind, Salz der Erde zu sein. Und dass wir berufen sind, einen Rettergott zu verkünden, der absolute Liebe ist, aber auch absolute Wahrheit. Einen Gott, der abgründig barmherzig ist, aber auch abgründig anspruchsvoll. Einen Gott, der unfassbar majestätisch und herrlich und unverfügbar ist, einen Gott, vor dem wir voll Ehrfurcht in die Knie gehen – und zugleich einen Gott, der mich retten will, der mich zurück holen will in die Gotteskindschaft. Einen Gott, der in Jesus in unfassbarer Demut für uns gestorben ist, damit wir umkehren und bekennen, dass wir ihn und seine Vergebung immer neu brauchen. Dieser Gott ist uns Stärke und Lied, diesen Gott können wir ehrfürchtig fürchten und zugleich über alles lieben, dieser Gott nur kann uns retten und uns wirklich neu werden lassen. Und ja, das fordert manche Menschen auch heraus, das wird auch Widerstand und Widerspruch erzeugen. Und wir haben dann als legitime Antwort nur die Sprache der Liebe und der Hingabe – und das Bleiben bei Ihm, beim Kreuz, beim Auferstandenen, der uns Lied und Stärke ist und immer sein will.

Der Dank an die Weggefährten

Lieber Magnus Pöschl, ich bin voller Freude über Ihren Weg und Ihre Bereitschaft zum Dienst in unserer Kirche von Passau. Sie sind ein Mann mit vielen Begabungen und tun sich offensichtlich nicht allzu schwer, auch die Herzen der Menschen zu gewinnen. Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie oft und oft erfahren dürfen, dass Sie den Menschen auch die innere Herzenstür aufsperren und die Erfahrung schenken können, wo es die wirkliche Stärke gibt und wo auch in ihnen das neue Lied anfängt zu erklingen. Ihren Eltern und Verwandten, ihren Ausbildern, Freunden und Weggefährten, allen Menschen die Ihnen wichtig sind, die Ihren Weg begleitet haben, danke ich von Herzen. Und ich möchte Sie alle auch ermutigen: Bleiben Sie dem Magnus weiterhin Weggefährten und -gefährtinnen, beten Sie auch mit ihm und für ihn und zeigen Sie ihm immer wieder auch Ihre Dankbarkeit, dass er sich in dieser Form dem Herrn zur Verfügung gestellt hat. Gelobt sei der Herr, der uns Stärke und Lied ist. Amen.

Kommentieren