Mit Maria beten lernen – Interview mit der Zeitschrift: Der Bote von Fatima

In Glauben erklärt, Verschiedenes von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

In der jüngsten Ausgabe des „Boten von Fatima“ (http://www.bote-von-fatima.de) hat mir die Redakteurin Julia Wächter einige Fragen gestellt:

– Bei der Glaubensverbreitung geht es um „beten lernen und beten lehren“ – das haben Sie bei einem Studientag zum Thema „Neuevangelisierung“ betont. Bieten Wallfahrtsorte dafür besondere Chancen?

Ja, natürlich. An Wallfahrtsorten tritt man häufig in eine „Atmosphäre“ ein, die vom Gebet durchstimmt ist und zum Gebet einlädt, die das Herz öffnet und bereit macht. Viele Beterinnen und Beter vor mir haben dann gleichsam den Boden dafür bereitet, dass es mir an diesem Ort selbst leicht fällt, in das Gebet zu finden.

Die Anbetung des Allerheiligsten ist nicht zuletzt durch die Nightfever-Bewegung bei Jugendlichen wieder sehr beliebt geworden. Sehen Sie Möglichkeiten, junge Menschen auch für das Rosenkranzgebet zu begeistern?

Zunächst geht es nicht so sehr um die konkrete Form des Gebetes, zunächst geht es eher um ein Erwachen der Sehnsucht nach Gott und damit nach Gebet überhaupt. Und das geschieht nur in der Kraft des Heiligen Geistes – und sehr oft vermittelt durch konkrete Personen, die selbst Menschen des Gebetes sind. Solche vermittelnden Begegnungen können im jungen Menschen Sehnsucht wecken, Berührung mit dem Herrn, das Vertrauen, dass er wirklich da ist. Und wenn ich dann darüber hinaus verstehen lerne, mit Kopf und Herz, dass Maria gleichsam die erste Beterin der Kirche ist, diejenige, die als erste und ganz entscheidende Person Antwort gegeben hat, die Antwort der Kirche schlechthin: das Ja zum Kommen Gottes, dann wird mir womöglich auch der Sinn des Rosenkranzes verständlich: Mit Maria zu Jesus gehen; gleichsam in der Kraft ihres Jawortes zum Herrn beten; mit ihr Jesus anschauen, mit dem Herzen betrachten. Natürlich klingt das jetzt auch ein wenig hoch; oft vertieft sich das Verstehen einfach schon durch Mittun; Jugendliche, die erleben, dass vom Rosenkranz auch etwas ausgeht, lassen sich auch manchmal einfach mit hineinnehmen. Aber wie gesagt: Im Grunde braucht es fast immer ernsthaft betende Menschen, die in Jugendlichen den Geist des Gebetes erwecken helfen.

Bietet Maria eine besondere Indentifikationsmöglichkeit für (junge) Frauen?

Mir ist es wichtig, Maria als „Wohnort Gottes in der Welt“ zu verstehen und zu verehren; sie ist damit das innerste Herz der Kirche, denn Kirche kann man ebenso wie sie beschreiben als „Wohnort Gottes in der Welt“. Und die Aufgabe der Kirche ist es „Gott zu empfangen und als Liebe zur Welt zu bringen“. Die Kirche ist daher eine Frau, eine Mutter – und zugleich eine Jungfrau, weil alles, was sie hat, von Gott geschenkt ist. Diese Mütterlichkeit von Kirche, das schweigende, hörende, empfangende Ausgerichtet-sein auf den Herrn, ist so wesentlich für uns – und mir scheint es ist eher etwas Weibliches. Ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass zum Beispiel unsere Gottesdienste mehrheitlich von Frauen besucht werden, oder dass die kontemplativen Klöster mehrheitlich von Frauen getragen werden: Frauen sind irgendwie bereiter im Hören auf Gottes Wort, im Warten auf sein Kommen. Uns Männern fällt das (leider) oft schwerer. Das heißt nicht, dass nicht auch Frauen bisweilen zum Aktivismus versucht sind, oder dass Männer nicht wirklich schweigen könnten, aber irgendwie scheint mir, wir Männer finden weniger leicht in die Haltung des hörenden, schweigenden Verweilens und Wartens auf Gott als Frauen. Dabei wäre das für uns alle die Grundhaltung für jede wirkliche Fruchtbarkeit in der Kirche.

Wenn Sie nach „Identifikationsfigur“ fragen, würde ich versuchen eben dies zu zeigen: dass jeder Christ im Grunde berufen ist, im Bund mit Christus zu leben – und die Schrift spricht sehr oft in dem schönen Bild vom Verhältnis Braut-Bräutigam. Und ja, die Mystiker unserer Kirche sagen das auch für unsere Seele, für jede gläubige Seele, dass sie Braut Gottes sei, die Braut des Bräutigams Jesus. Das ist für Frauen natürlich leichter nachvollziehbar als für uns Männer. Und Maria ist gewissermaßen das Urbild der Braut Gottes schlechthin. In ihr ist der Bund am tiefsten verwirklicht. Daher: Jede Frau, die Gott sucht, findet ihn in der Nähe Mariens am leichtesten, in der Freundschaft mit ihr, im Eintreten in ihr bräutliches Geheimnis. Natürlich gilt dasselbe auch für jeden Mann, aber wie gesagt, vermutlich verstehen Frauen das leichter.

Bei den großen Marienerscheinungen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts geht es auch um Leid, Sühne, Opfer und die Hölle, Begriffe, mit denen sich heute viele schwer tun. Wie können diese Inhalte neu und verständlich verkündet werden?

Am ehesten über das tiefere Verstehen von Liebe: Wenn wir Liebe wirklich verstehen lernen und zwar über die bloß romantische Liebesvorstellung hinaus, dann wissen wir, dass es keine Liebe ohne Leid gibt, keine Liebe ohne Mitleiden, ohne Mittragen des Geliebten. Und das fordert uns auch zur Entschiedenheit, zum Ja zum Anderen obwohl es weh tun kann. Das entschiedene Ja zu Jesus kann auch weh tun, die Liebe zu Ihm, das Bleiben bei Ihm, kann und wird uns auch Not bereiten – sagt Jesus selbst im Evangelium voraus. Aber wir wollen bei Ihm bleiben, weil er selbst das Leben ist, und weil Er so sehr das Leben ist, dass es nicht mehr umzubringen ist. Dazu gehört Entscheidung, dazu gehört ein wachsendes und bleibendes Vertrauen, dass Er wirklich der Retter ist. Und je tiefer diese Wahrheit in mir aufgeht, desto mehr wird mir auch im Herzen bewusst, dass ich ohne Ihn verloren bin. Das heißt: All die Fragen, die Sie stellen, erschließen sich nur, wenn wir zuvor berührt werden von der Größe und Tiefe der Liebe Jesu zu uns. Wenn uns das aufgeht, leuchten uns auch die Konsequenzen ein, die ein Leben mit Ihm hat und eben auch was das Getrennt-sein von Ihm bedeuten kann.

Bei vielen Erscheinungen wendet sich die Gottesmutter an Kinder oder junge Menschen. Ist gerade ihnen die oft radikale Botschaft intuitiv verständlicher?

Ja, es gibt das Geheimnis unseres Glaubens, dass ein kindliches Herz (nicht ein kindisches!) das Evangelium von Jesus tiefer verstehen kann als zum Beispiel ein großer Theologieprofessor. Nicht umsonst preist Jesus die Kleinen selig und erklärt das Sein-wie-ein-Kind sogar zum Eintrittskriterium für das Reich Gottes. Was ist das für eine Haltung? Das Vertrauen, dass ich auch unter den schwierigen Bedingungen dieser schönen und doch oft so leidvollen Welt immer und unter allen Umständen wirklich ein Kind des Vaters bin. Ich gehöre Ihm, egal was passiert. Das ist wohl der wesentliche Aspekt des „Seins-wie-ein-Kind“.

Die traditionelle Glaubensweitergabe in der Familie zerbricht immer stärker. Werden bald junge Menschen ihren Eltern vom Glauben erzählen?

Ja, das passiert ja schon – und gar nicht so selten. Und wir hoffen, dass es immer mehr passiert. Die Erfahrung, dass sich heute manche junge Menschen neu vom Glauben begeistert lassen, hat wohl auch etwas von der Erfahrung des Evangeliums, dass neuer Wein in neue Schläuche gehört!

 

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