Die große Erzählung!

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Weltgebetstag für geistliche Berufungen, Gartlberg 2017 (frei vorgetragener Wortlaut wich von der hier ausgeführten Predigt ab)

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Drei junge Menschen, ein gemeinsamer Urlaub, Sie sind einer der drei. Und Sie kommen heim und erzählen einer befreundeten vierten Person davon.  Wer erzählt was? Wer sieht was? Warum erzählen Sie genau das? Und warum die anderen anderes? Wie lernen wir sehen, was für uns bedeutsam und wichtig ist? Und wie lernen wir einander sehen? Und wie lernen wir wieder von den Erzählungen der anderen auch uns selbst neu sehen und deuten? Im gemeinsamen Erzählen und Erinnern lernen wir jedenfalls einander sehen, wir lernen genauer hinsehen, wir lernen den anderen verstehen und dadurch auch besser uns selbst. Wir lernen unser Leben zu deuten, allein und gemeinsam. Und wir selbst verleihen manchem Bedeutsamkeit, anderem nicht. Wir wachsen zusammen….

 Wachsende Identität

Und wir finden so auch in die eigene Identität, in die eigene Selbst- und Weltdeutung und in den Grund dieser Weltdeutung. Es wächst auch so etwas wie ein gemeinsamer Grund, gemeinsame Erlebnisse helfen auch in eine gemeinsame wachsende Identität, in eine Wir-Erfahrung, in die Erfahrung von Miteinander-sein, im gelingenden Fall auch in die Erfahrung von Freundschaft. Und vermutlich geht es bei Kindern und Jugendlichen noch leichter: Junge Herzen sind offen, aufnahmebereit, Dinge zu erleben, am besten gemeinsam – und sich aufeinander einzulassen. Und sie formen miteinander die großen Erzählungen ihres Lebens. Die größten Prägungen finden zumeist in Kindheit und Jugend statt. Ältere Erwachsene, zum Beispiel solche, die sich spät kennen lernen und dann entschließen zu heiraten, tun sich oft nicht mehr so leicht, ihr gemeinsame Geschichte und Identität zu bilden. Sie haben ja jeweils schon ihre eigenen großen Lebenserzählungen und Lebensdeutungen gefunden und geformt.

 Unser ganzes Leben ist Erzählung

Warum sage ich das heute am Tag, an dem wir besonders für Berufungen beten? Weil unser Leben auch so etwas wie Erzählung ist: Wir selbst sind die Erzähler. Und sind im Erzählen Weltdeuter. Wir wählen Ereignisse aus, die uns bedeutsam sind und andere eben nicht. Wir sind selbst Deuter der Dinge, die uns widerfahren. Wir deuten Dinge und Ereignisse – und verleihen auch manchem Menschen Bedeutung, indem wir sie zum Teil unserer eigenen Lebens-Erzählung werden lassen und so viele andere nicht.

 Kirche ist Erzählgemeinschaft

Aber für heute ist noch wichtiger zu verstehen:  Wir sind als Kirche eine Erzählgemeinschaft in einem sehr tiefen Sinn des Wortes! In jeder Hl. Messe lassen wir uns aus unserem Buch des Lebens die Erzählungen von Jesus, vom Volk Israel, von der jungen Kirche vortragen. Und dann feiern wir die Gegenwart Jesu, indem wir das letzte Abendmahl erinnern – und in gewisser Weise auch: erzählen! So sehr, dass wir uns davon nähren können. Jesus hat gesagt: Tut dies zu meinem Gedächtnis! Wir sollen es also immer, immer wieder tun, und uns daran erinnern – und er sagt, wenn wir das tun, dann ist er ganz da, dann ist er ganz dabei. Die feierliche, erzählende Erinnerung lässt ihn real präsent werden.

 Wir dürfen das auch wieder neu lernen

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich glaube, einer der wichtigsten Punkte, wie wir den Schatz unseres Glaubens wieder vertiefen können, wäre es, wenn wir von Neuem wirklich Erzählgemeinschaft werden könnten. Wenn wir als Christinnen und Christen Orte und Gruppen hätten, wo wir einüben könnten, uns gegenseitig von Jesus zu erzählen, uns gegenseitig auch ins Gebet zu Ihm zu helfen, uns gegenseitig das Wort Gottes zu erzählen – und was es mit uns macht. So wächst gläubige Identität auch bei uns.

 So wächst Berufung

Und so wächst Berufung und die Erfahrung, selbst berufen zu sein. Jeder und Jede von Ihnen ist einzigartig, unverwechselbar, unvertauschbar – und mit jedem von Ihnen hat Gott seinen eigenen Weg und seine Geschichte. Aber er will so in Ihr Leben hineinkommen, dass er selbst bedeutsam wird. Und dass wir die Bedeutung seines Wirkens in uns erkennen lernen. Und dass wir lernen, auch darüber zu sprechen – mit ihm und miteinander. Christen sind Erzählgemeinschaft des Glaubens!

 Wir sind Erzählung Gottes

Und im Grunde ist es dann tatsächlich so: Gott hat seine Erzählung von jedem von uns auch im Herzen. Er kennt unsere reale Geschichte in dieser Welt, denn er hat uns selbst in diese schöne Welt hinein gesprochen. Aber eben auch in eine Welt der Brüche, in eine Welt der Sünde, in eine Welt, die sich von ihm abgewendet hat. Und das führt dazu, dass zuerst einmal nur wir selbst die großen Erzähler unserer eigenen Geschichte sein wollen. Und wenn wir genauer darüber nachdenken, dann merken wir auch einmal: die großen Gestalten unseres Glaubens, das sind Menschen, die haben sich so in Gottes Hand gegeben, dass sie eben nicht mehr selbst darauf beharren, ihr Leben zu erzählen. Sondern sie sind selbst eine Erzählung Gottes hinein in die Welt geworden. Ihre eigene Weltdeutung und Selbstdeutung ist immer mehr eins geworden mit der Erzählung Gottes von ihrem Leben – hinein in diese Zeit und Geschichte.  Und deshalb ist es auch so schön und wichtig, dass wir heute miteinander um Berufungen beten: Wir beten zunächst darum, dass jeder Mensch in Christus neu gestärkt wird, seinen eigenen Weg weiter zu gehen mit Jesus. Wir beten, dass jeder tiefer hinein findet, in dieses Geheimnis, dass er selbst in der Tiefe seines Herzens ein schöpferisches Wort Gottes, eine Erzählung Gottes ist. Und dass er immer mehr lernt, die eigene Weltdeutung einzulassen in diesen Weg Gottes mit ihm.

 Wir beten um Menschen, die Erzählung Gottes werden wollen

Aber wir beten ganz besonders auch darum, dass der Herr uns Priester und Ordensleute schenken möge, Menschen des geweihten Lebens. Also Menschen, die im Erzählen und Deuten ihres Lebens erkennen dürfen, wie sehr Gott tatsächlich ihr Leben bestimmt. Die sich dann wirklich von ihm ergreifen lassen. Die Ihm allen Vorrang geben in der Lebensdeutung und –erzählung. Und die dann auch in einem sehr tiefen Sinn mit ihrem ganzen Leben erzählen können, wie Gott ein Leben auch heute verwandeln und fruchtbar machen kann. Und wie sehr ein Mensch aus der Erfahrung leben kann: Gott ist der Grund meines Lebens und Er alleine genügt. Freilich nicht in einem egoistischen Sinn, sondern so, dass ich von Ihm her den tiefsten Sinn für meine eigene Sendung hinein in die Welt empfange.

 Der Herr bittet um unser Gebet

Und, liebe Schwestern und Brüder, wir sind alle miteinander mitverantwortlich dafür, dass es Berufungen gibt, der Herr bittet uns ganz ausdrücklich darum, um Arbeiter in seinem Weinberg zu beten. In gewisser Weise ist ja unser Beten auch schon ein Erzählen und ein Anhören von Erzähltem. Wir hören auf Jesus auf sein Wort und wir erzählen Ihm unser Leben, unseren Dank, auch unsere Not, besonders die Not um geistliche Berufungen.

Papst Franziskus: Ohne Gebet keine Berufungspastoral und keine Mission

Papst Franziskus legt uns deshalb für den heutigen Weltgebetstag zwei Dinge besonders ans Herz: Ohne das ausdauernde, kontemplative Gebet, kann es weder christliche Berufungspastoral noch christliche Mission geben. Die stille Anbetung des Herrn und das Sich-Nähren aus dem Wort  Gottes sind die tiefen Quellen, aus denen kirchliche Berufungen erwachsen. Und zweitens will der Papst, dass wir alle missionarisch werden: Wir sollen hinausgehen und selbst Erzählerinnen und Erzähler werden von dem, was wir mit Jesus erlebt haben. Und eine solche Erzählung ist oft eine mit und oft eine ohne Worte: Indem wir einfach Diener sind, indem wir uns bücken und Hingabe leben, erzählen wir auch schon ohne Worte, wer unser Leben prägt.

 Dank an alle, die mitbeten

Der Herr verlässt uns nicht: Danke von Herzen an alle treuen Beterinnen und Beter, danke an alle, die sich rufen und berühren lassen, danke an alle, die sich neu aufmachen, ihren Glaubensschatz zu entdecken, den Reichtum der Gegenwart Jesu. Danke von Herzen, dass Sie mit mir und so vielen anderen ein großes Herz haben für unsere Kirche von Passau. Möge uns der Herr auf die Fürbitte seiner Heiligen Mutter, des heiligen Bruders Konrad und so vieler bekannter und unbekannter Heiliger zahlreiche Berufungen für die Kirche und das Zeugnis des Lebens schenken Amen.

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