Osternacht im Passauer Stephansdom

Liebe Geschwister im Glauben,

wir feiern heute miteinander ein Ereignis, das so umstürzend ist, so revolutionär, so unfassbar, dass von jetzt an alles anders ist. Das Grab ist leer, der Tod ist besiegt. Einer ist zurückgekehrt und hat dadurch zugleich den Himmel aufgeschlossen für uns. Der Jubel der Kirche, der Jubel der Gläubigen ist grenzenlos, das Oster-Halleluja verstummt von jetzt an nicht mehr. Die Freude über dieses Ereignis lässt die Kirche 50 Tage lang, bis zum Pfingstfest nachklingen. Alles das kommt heute Nacht und in den nächsten Wochen in unseren Gottesdiensten zum Ausdruck. In immer neuen Erzählungen, Liedern, Hymnen, Freudengesängen.

Und wenn wir nun ganz ehrlich sind, liebe Schwestern und Brüder, dann stellt sich für uns, für jeden einzelnen von uns, die Frage: Wie sehr betrifft mich das persönlich? Ich stehe hier mit Ihnen in der österlichen Festgemeinschaft, wir beten, wir singen, wir hören das Evangelium – und es stellt sich die Frage: Wie sehr ist das hier tatsächlich auch meine Geschichte, meine eigene? Betrachte ich diese Sache, die hier gefeiert wird, distanziert von außen, wie ein Mensch, der halt traditionell an Ostern zum Gottesdienst geht und sich an einer schönen Liturgie freut? Wie einer, der diese Geschichten und Texte halt hört als Erzählungen aus einer anderen Zeit; wie einer, der sie als Erzählung vielleicht respektiert, der aber vielleicht auch denkt: „Da ist viel Mythologie dabei; wissenschaftlich lässt sich das eh nicht zeigen!? Es ist eben Ausdruck einer bestimmten Kultur von damals. Aber ich hoffe, der Prediger findet ein paar erbauliche Gedanken, die auch heute noch gut tun?!“ Viele Menschen, die heute in den Gottesdienst kommen, werden so denken. Immerhin, sie sind noch da. Sie fragen noch, sie suchen noch, auch wenn sie sich mit manchem schwer tun, was wir hier feiern.

Liebe Schwestern und Brüder, der Inhalt des Glaubens muss in jedem einzelnen von uns einen langen Weg zurück legen. Den Weg vom Kopf ins Herz. Vom Gedachten und Gehörten, vom Mitvollzogenen hin zur lebendigen Überzeugung, die mein Leben bestimmt. Was ist der Unterschied zwischen beiden? Ein Beispiel aus der Psychologie: Sie können im Kopf beispielsweise wissen, dass es äußerst selten ist, dass Sie am helllichten Tag auf einem Spaziergang durch Passau von einem Hund angefallen und gebissen werden. Aber nehmen wir an, Sie wären ein Mensch mit einer Hundephobie. Und Sie geraten jedes Mal in Panik, wenn ein Hund auch nur auf der anderen Straßenseite auftaucht. Was muss passieren, dass das bloße Wissen um die Seltenheit des Gebissenwerdens zu einer lebendigen Überzeugung in Ihrem Herzen wird? So dass Sie frei und ungezwungen und vielleicht sogar mit Freude an Hunden durch Passau laufen könnten? Ein Psychologe würde vermutlich sagen: Sie brauchen Erfahrung, sie brauchen echte, schöne Begegnungen mit Hunden und ihren Haltern, die ihnen verdeutlichen: Ein normaler Hund beißt nicht einfach. Der freut sich, wenn Sie ihn kraulen. Der mag Sie sogar. Wenn Sie das öfter erleben dürften, immer wieder, und Sie sich darauf einlassen, dann könnte sich allmählich Ihr bloßes Wissen in die echte Überzeugung verwandeln: Hunde sind in aller Regel tatsächlich liebenswürdige Geschöpfe und fallen mich nicht einfach beißend an.

Zurück zur Ostergeschichte. Was also müsste passieren, dass das, was wir heute feiern, sich vom bloß interessanten Wissen zur lebendigen Überzeugung verwandelte? Wenn die Parallele zur Hundegeschichte stimmt, dann wäre die Antwort: Wir bräuchten die intensive Begegnung mit Menschen, die nicht nur über den Auferstandenen nachdenken, sondern die persönlich mit ihm leben, die ihn kennen, die täglichen Umgang mit ihm haben. Wir bräuchten die Begegnung mit Menschen, deren Leben der Auferstandene so verändert hat, dass sie nun tatsächlich anders leben, neu leben. Nicht weil sie es müssen, sondern weil sie es können und wollen, weil ihnen die Gegenwart Jesu in ihrem Leben Kraft gibt zu einem veränderten Leben.

Liebe Schwestern und Brüder, wir alle wissen, dass wir als Kirche durch eine Krise der Glaubwürdigkeit gehen. Kann es sein, dass wir viel zu viel diskutieren über Jesus? Über das, was wir so wissen? Und dass wir gleichzeitig viel zu wenig mit der Erfahrung rechnen, die wir hier und heute feiern: Dass er lebt, dass er in unser Leben hineinwirkt, dass er uns verwandeln will und kann!? Wo sind die Erfahrenen unter uns, die Jesus wirklich kennen und lieben, die sich vom Auferstandenen mit neuem Leben beschenkt wissen? Und wirklich neu leben? Jeden Tag. Ich bin überzeugt: Es gibt sie und sicher sind einige heute auch hier. Aber ich denke auch: Sie sind wohl nicht in der Mehrheit und es fällt ihnen deshalb oft schwer unter diesen Bedingungen der Minderheit ehrliches Zeugnis zu geben von ihrer Freude an Jesus.

Vorhin gingen in der Liturgie alle Lichter voll an, die Glocken haben wieder geläutet, die Orgel wurde wieder aus allen Pfeifen wuchtig gespielt. Und wir haben genau zu diesem Zeitpunkt einen Text aus dem neuen Testament von Paulus gehört, der ganz genau diese Hoffnung zum Ausdruck brachte. Jetzt gehen die Lichter an: jetzt ist alles neu. „Jetzt, sagt Paulus, können wir uns als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind und die neu für Gott leben in Jesus.“ Jetzt hat der Auferstandene uns nicht nur neue Gedanken über Gott geschenkt, sondern ein Leben mit Gott ermöglicht, ein Leben das neu ist.

Liebe Schwestern und Brüder, gibt es diese Erfahrung noch genügend in der Kirche? Oder zweifeln wir lieber an allem herum? Beklagen den Verlust der Werte und des Glaubens, beklagen die Kirchenaustritte und das Fernbleiben der Menschen vom Gottesdienst? Klar bleiben viele Menschen vom Gottesdienst fern, wenn es nicht so viele von denen gibt, die wir uns wünschen würden: Von denen, die brennen im Herzen, die voller Liebe zum Auferstandenen sind, die die Kirche lieben, nicht weil sie so viele Runzeln und Macken hat, sondern weil sie wissen, dass sie in der Kirche Gott wirklich begegnen.

Ich bin überzeugt: Unsere Kirche braucht nicht neue Dogmen, die wir so lange der Welt anpassen, bis die Welt sich uns völlig gleich gemacht hat. Unsere Kirche hat nichts so sehr nötig wie Menschen, die Jesus kennen und lieben und die voller Glauben sind, dass er lebt, dass er mit ihnen persönlich lebt und dass er ihnen wirklich neues Leben geschenkt hat, Wandlung ermöglicht hat. Das, was die Kirche in ihren Jahrtausenden erneuert hat, waren nie einfach nur Regeln: Es waren immer Menschen, Frauen und Männer, für die die Gedanken über Jesus gewandelt wurden in lebensvolle, frohe, freie Überzeugung: „Er lebt, er ist da, er geht mit mir. Er lässt mich nie im Stich. Ich bin sein geliebtes Kind, ich darf unter seinem Blick leben.“

Schwestern und Brüder, heute ist Osternacht. Heute ist die dunkle Nacht, in die unerwartet und von uns nicht herleitbar der helle Tag Gottes einbricht. Heute will Gott auch in jede einzelne Seele einstrahlen. Er will in meinem und Ihrem persönlichen Leben den Weg vom Kopf ins Herz beschreiten und dort Wohnung nehmen, so dass sie als einzelne und als Gemeinschaft unserer Kirche aus vollem Herzen singen können: Jesus lebt auch für mich und auch in mir. Halleluja.