Petrus, Paulus und die wichtigste Frage unseres Lebens!

Predigt anlässlich des Patroziniums und des 1200jährigen Bestehens von Winhöring

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

was für ein stolzes Alter: 1200 Jahre Pfarrei Winhöring, Peter und Paul. Kürzlich hat mit Dr. Wurster, unser Bistumshistoriker, erklärt, Pfarreien seien im Grunde noch konstantere Größen als Bistümer und noch viel konstanter als Dekanate und andere Einteilungen. Und Sie, liebe Winhöringer, bestätigen das natürlich auch: Zu unserem Passauer Bistum gehören Sie erst seit 1822, also gemessen am Gesamtalter der Pfarrei ein recht kleiner Zeitraum. Was sind für die Kirche schon knapp 200 Jahre?

Und wenn ich so etwas sage, dann natürlich nicht ohne ein Schmunzeln, aber zugleich natürlich auch vor einem ernsthaften Hintergrund. Der ernsthafte Hintergrund ist der: Ich bin überzeugt, dass wir schon länger eine Art epochalen Wandel der Gestalt des christlichen Glaubens und der Kirche durchlaufen. Und der Wandel ist womöglich eine größere Herausforderung als Vieles, was die Pfarrei in ihrer langen Geschichte erleben konnte. Es wird nicht so bleiben, wie es fast immer war.

 Der Wandel in und außerhalb der Kirche

Natürlich vollzieht sich dieser Wandel innerhalb eines Wandels unserer Kultur und Gesellschaft und wird davon zuerst beeinflusst. Nur ein kurzer Überblick: Wir erleben bei uns einerseits so viel Positives, wir dürfen 70 Jahre Frieden erleben, großen technischen und wissenschaftlichen Fortschritt, Freiheit und große Möglichkeiten in der Lebensgestaltung, weitgehend gute wirtschaftliche Verhältnisse, eine funktionierende Demokratie und anderes Gute mehr. Andererseits gehen mit diesen Bedingungen und ihren Möglichkeiten auch Risiken einher: Wir erleben eine zunehmende Individualisierung, in manchen Bereichen auch Entsolidarisierung; wir erleben eine Fixierung auf die schnelle Befriedigung materieller oder schnelle Lust bringender Bedürfnisse, wir erleben eine Gesellschaft der Ablenkung durch Medien, wir erleben eine beständig zunehmende Quote von Unverbindlichkeit in unseren familiären Beziehungen, wir erleben eine ungeheuere Zunahme an psychischen Auffälligkeiten oder Krankheiten, vor allem auch bei Kindern und Jugendlichen, wir erleben eine konstant hohe Selbstmordrate in unserem Land. Und all das, obwohl doch das materielle Auskommen weitgehend gesichert scheint? Weitere Krisenphänomene sind natürlich auch die Unsicherheiten im Blick auf Europa, auf die Flüchtlinge, auf die Bedrohung durch Terrorismus und Naturkatastrophen. Paradox, nicht wahr? Obwohl wir einerseits die Welt immer sicherer zu beherrschen vermögen durch Wissenschaft, Technik und Wohlstand, scheint sie andererseits so viel unsicherer zu werden, vor allem auch, was die innerseelische Befindlichkeit des einzelnen Menschen und der Gemeinschaft angeht.

 Wir hätten eigentlich die Antwort

Liebe Schwestern und Brüder, wir als Gläubige hätten und haben eigentlich die Antwort! Die Antwort auf das, was wirklich von innen her Frieden bringt und Heimat und Sicherheit. Ich sage, wir hätten sie. Aber haben wir sie wirklich? Ich möchte der Frage mit Hilfe des heutigen Evangeliums nachgehen. Darin wird einer der beiden Patrone Ihrer schönen Kirche, der Heilige Petrus nämlich, von Jesus gefragt: Was denken die Leute, wer ich bin? Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie würden diese Frage heute auf der Straße den Menschen in Winhöring stellen; allen, Getauften und Ungetauften, was wären die Antworten? Wer ist Jesus? Oder noch persönlicher: Wer ist Jesus für dich?

Ich bin ziemlich sicher, liebe Schwestern und Brüder, sehr viele Menschen auch hier im katholischen Oberbayern nahe dem katholischen Herzen von Oberbayern würden gar keine katholischen Antworten mehr geben. Sehr viele, sicher die allermeisten würden ähnlich reagieren wie das, was die Jünger gesagt haben: Einige halten dich für Johannes den Täufer, wieder andere für Elija, wieder andere für sonst einen der Propheten. Ja, heute würden die Menschen vielleicht so sagen: Sicher war er ein ganz besonderer, ein Weisheitslehrer, eine prophetische Gestalt, einer der den Weg zu Gott gezeigt hat, ein guter Mensch, ein Vorbild, ein Menschenfreund, ein Revolutionär. Und je nach Weltanschauung würden sie heute noch hinzufügen: der erste Feminist, der erste Ökologe, ein großer Tiefenpsychologe, ein Sozialist, ein Sozialarbeiter, ein begnadeter Arzt und so weiter uns so fort.

Welche Antwort würden wir geben?

Aber, liebe Schwestern und Brüder, wie viele von uns würden aus vollem Herzen die Antwort geben können, die Ihr Kirchenpatron gegeben hat: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!? Und wie viele würden mit der vollen Überzeugung, die wir von Paulus in der zweiten Lesung gehört haben, ebenso sagen können: Ich bin jetzt am Ende meines Lebens, ich habe den guten Kampf gekämpft. Und der Herr Jesus wird mich allem Bösen entreißen und mich retten und in sein himmlisches Reich führen. Und wie viele würden von uns sagen können, was die Kirche gemäß dem biblischen Zeugnis seit bald 2000 Jahren sagt: Er ist wahrer Mensch und wahrer Gott und es gibt keinen anderen Weg zum Heil als ihn, als Jesus Christus? Wer könnte das mit seiner gläubigen Überzeugung heute sagen?

Liebe Schwestern, liebe Brüder, Petrus und Paulus sind für dieses Bekenntnis gestorben, weil sie überzeugt waren, den gefunden zu haben, der von sich selber sagt, dass er Weg, Wahrheit und Leben ist. Und wenn ich überzeugt bin, dass wir in unserer Welt, in der sich so Vieles verändert und so Vieles unsicher geworden ist, dass wir in dieser Welt heute einer anderen Gestalt von Kirche entgegen gehen, dann wird das zutiefst mit der Fähigkeit zu diesem Bekenntnis zusammen hängen.

Es ist ja im Grunde so, dass wir wenigstens von innen her gesehen die Umbruchsprozesse längst haben. Längst ist es nicht mehr so, dass die Menschen einfach tun und glauben, was der Pfarrer sagt, zumindest nicht mehr so wie es früher war. Und vielleicht ist es auch nicht mehr so, dass ein Pfarrer selbstverständlich das sagt und lehrt und tut, was die Kirche als Ganze will, dass er glaubt, lehrt und tut. Auch innerkirchlich gibt es längst eine Transformation, in der die Menschen vielfach längst nach einem Glauben suchen, der eher ihren Bedürfnissen entspricht, aber nicht immer unbedingt dem Evangelium. Und mal ehrlich: Glaubt noch jemand, dass es im Glauben wirklich darum geht, nicht verloren zu gehen? Glaubt noch jemand, dass man sich wirklich auch im Glauben persönlich für Jesus entscheiden muss? Und glaubt noch jemand, dass an ihm, an Jesus Christus wirklich der erschienen ist, an dem der Sinn der ganzen Welt hängt und an dem sich jedes einzelne menschliche Schicksal entscheiden wird?

 Die wichtigste Frage und die wichtigste Antwort

Ich möchte daher, liebe Schwestern und Brüder, diese zwei Sätze, abgeleitet aus dem Evangelium, noch einmal stark machen, denn an ihnen wird sich aus meiner Sicht die Zukunft der Kirche und ihrer Gestalt entscheiden. Der erste Satz ist: Jesus ist der Sinn von allem, der Sinn der Geschichte, er ist die Auferstehung und das Leben, er ist wahrer Gott und wahrer Mensch; er ist die Wahrheit schlechthin und es gibt keinen Weg an ihm vorbei, der ins Reich des Vaters führen würde. Und der zweite Satz ergibt sich aus dieser ersten Glaubensaussage. Er lautet: Die wichtigste Frage unseres Lebens für mich persönlich und für uns als Gemeinschaft von Kirche ist: Wer ist Jesus Christus für mich und für uns? Wenn Jesus der ist, der wir glauben, dann ist diese Frage wichtiger als alles andere, wichtiger zum Beispiel als die Frage: Welchen Beruf wählst du? Welche Person heiratest du? Wie geht es deiner Familie?

Und die Aufgabe von Kirche der Zukunft wird es sein, aus dem Glauben an Christus so in eine persönliche und auch gemeinschaftliche Erfahrung der Beziehung zu Christus zu finden, dass wir selbst daraus wirklich die Freude des Evangeliums neu entdecken dürfen und zugleich, dass in uns der Wunsch wächst, andere an dieser Freude teilhaben zu lassen, andere in diese Beziehung zu führen. Paulus, Ihr zweiter Kichenpatron hier in Winhöring, hat dies so sehr als Auftrag empfunden, dass er buchstäblich um die Welt gereist ist, unter Einsatz seines Lebens Menschen von Christus erzählt hat, Gemeinden gegründet hat, mehrmals im Gefängnis war, ausgepeitscht wurde, gesteinigt wurde, verleumdet wurde, Schiffbruch erlitten hat und am Ende schließlich enthauptet wurde. Der ist es, der gesagt hat: Ich habe den guten Kampf gekämpft. Aber er ist es auch, der in sich tiefsten Frieden erfahren hat, mitten in all dem Kampf, in all den Gefahren auf all seinen Reisen. „Er ist unser Friede“ hat er über Jesus gesagt. Und der Herr selbst sagt: Ich will, dass meine Freude in euch ist.

 Mit ihm kommt der Friede

Das ist es, liebe Schwestern und Brüder, was er uns als Heilmittel für die Zukunft anbietet: Wir dürfen im Frieden sein, wir dürfen im Vertrauen sein, dass er mitten in unruhigen Zeiten, sogar in Leid und Krankheit und Not im Herzen einen Frieden erfahren dürfen, der uns zeigt: Wir gehören zu Ihm und deshalb sind wir in gewisser Hinsicht schon daheim. In der Kirche sein, heißt bei Jesus sein. Auch hier in Winhöring, in der Kirche sein heißt ein Mensch sein, der mit Christus lebt, der ihn kennt und ihn liebt. Und zwar deshalb, weil Christus ihn zuvor geliebt hat und weil Christus alles vergeben hat, und weil Christus alles erneuert hat und immer wieder erneuern will.

Das ist es, liebe Schwestern und Brüder, woraus die Kirche lebt und leben wird – und letztlich nur daraus. Und wenn ich sage, dass die Kirche von morgen eine andere innere und äußere Gestalt haben wird, dann deshalb weil ich überzeugt bin, dass genau das, wovon ich spreche, als Verkündigung nicht mehr nur die Aufgabe von Bischof oder Pfarrer oder den Hauptamtlichen sein wird, sondern von uns allen. Von jedem und jeder auf seine Weise. Jeder von Ihnen hat Begabungen und jeder von Ihnen hat als Getaufter auch ein Charisma, das nur er oder sie so in diese Gemeinde einbringen kann. Aber alle sind wir geeint in dem einen Herrn, dem einen Christus. Und es wird in Zukunft nicht mehr so sein, dass die Auskünfte über den Glauben nur der Herr Pfarrer wird geben müssen, weil die anderen Getauften sich nicht allzu sehr dafür interessiert haben oder sich nicht zuständig fühlen.  Und weil die anderen Getauften lieber das Bierzelt aufgestellt und das Kuchenbuffet organisiert haben. Alles das ist gut und wertvoll. Aber schon heute und noch mehr morgen werden wir alle als Getaufte gefragt sein: Kennt Ihr eigentlich den, dessen Namen Ihr tragt. Christus? Weil wir Christen heißen? Könnt Ihr den vielen Muslimen, die in unser Land kommen, sagen, warum Ihr so heißt? Von wem das kommt? Können wir mit Herzensbegeisterung von dem sprechen, der uns wirklich erlöst und befreit und in den Frieden geführt hat?

 Glaubensbildung neu

Wenn Sie jetzt spüren, liebe Schwestern und Brüder, mit sowas täte ich mich schwer, dann sind Sie natürlich kein Einzelfall. Aber dann möchte ich Sie einladen: Machen Sie sich auf die Suche, neu auf die Suche. Folgen Sie der Sehnsucht Ihres Herzens. Glaubensbildung ist nicht einfach mit der Katechese in der Kinderzeit abgeschlossen. Da hat sie nur begonnen! Machen Sie sich neu auf Entdeckungsreise zu dem hin, zu dem Sie gehören, zu dem, der Sie schon geliebt hat vor der Erschaffung der Welt. Zu dem, der Ihnen solche wunderbaren Sakramente hinterlassen hat, dass Sie immer neu anfangen können, egal wie schwer Schuld und Vergessen sind.

Liebe Schwestern und Brüder, Sie spüren vielleicht, ich möchte leidenschaftlich werben für die Schönheit und Tiefe unseres Glaubens, für eine Wiederentdeckung Jesu in Ihrem Herzen.

Aber ich möchte freilich auch jetzt schon von ganzem Herzen danken für alle, die hier in Winhöring unserer Kirche ein Gesicht geben, die sich einsetzen für diese schöne Kirche, für alles, was zur Pfarrei gehört, für das gottesdienstliche Leben, für die Gemeinschaft, für jeden Dienst, der getan wird. Danke für alles Bisherige. Auch Sie dürfen froh und im guten Sinne stolz sein darauf. Und für alles, was vor uns liegt, möchte ich sagen: Lassen wir uns nicht entmutigen von dem, was sich dem Glauben und der Kirche entgegen stellt. Lassen wir uns nicht entmutigen von Zahlen, von weniger werdenden Menschen. Entdecken wir vielmehr neu die Freude daran, dass wir längst zum Sieger gehören, zu dem, den Petrus und Paulus bekannt haben und zu dem, der gesagt hat: Ich mache alles neu. Gott segne Sie alle. Amen.