Pfingsten im Passauer Stephansdom

In Predigten von Pressestellekommentieren

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

die Kirche glaubt, dass der Geist Gottes immer da ist, in jedem von uns, vor allem in denen, die auf den Namen Jesu getauft sind. Er ist da und wirkt und lädt uns ein, mit ihm mitzuwirken, in jeder Situation unseres Lebens. Auch in den alleralltäglichsten. Aber dann gibt es doch diese Ausnahmen vom Alltag, die besonderen Tage, die Ereignisse oder Zeiten, in denen er auf einmal wie mit Händen greifbar scheint, so sehr manifestiert sich diese Erfahrung. Eine solche Erfahrung hatten die Jünger nach der Himmelfahrt Jesu. Als er als der Auferstandene auf einmal weg ist und nicht mehr erscheint, beten sie zunächst, sie gehen ins Obergemach, wie es heißt. Dorthin, wo sie auch das letzte Abendmahl mit Jesus gefeiert hatten. Und sie sind dort Tag und Nacht beisammen, innerlich auf Jesus ausgerichtet und sie sind es gemeinsam, voller Sehnsucht und Erwartung. Sie erwarten die Kraft aus der Höhe, wie es heißt.  Und am Pfingsttag, den wir heute feiern, ist der Geist auf einmal ganz unmittelbar wirksam und er schenkt offenbar eine große Freiheit: die Jünger gehen angstfrei hinaus und predigen voller Überzeugungskraft. Der Geist stiftet Einheit: alle können sie verstehen. Der Geist schenkt Freude, er macht staunen – und er führt zu Jesus hin. Er lässt die Menschen Jesus verstehen. Und er lässt sie auch verstehen, dass sie nicht einfach zu Jesus kommen können, ohne umzukehren, ohne zu bereuen, ohne um Vergebung zu bitten und einen Neuanfang zu ersehnen. Wer wirklich vom Geist Gottes berührt wird, der wird von Innen her erneuert, verändert. Der findet plötzlich Dinge wichtig, die vorher weniger wichtig waren und er lässt Dinge bleiben, die ihm vorher vielleicht noch viel bedeutet hatten. Der Geist erneuert, vertieft, heilt und befreit.

Ist nun diese unerhörte Erfahrung der Jünger auch etwas, was wir mitvollziehen, was wir auch für unser Leben fruchtbar machen können. Ereignet sich die Geistgabe nur an Pfingsten vor 2000 Jahren, ist das heutige Pfingstfest nur ein Erinnerungsfest an Vergangenes? Oder soll es uns nicht vielmehr helfen, unser Leben und unsere eigenen Erfahrungen im Licht dieses Ereignisses lesen und auch deuten zu lernen? Liebe Schwestern und Brüder, ich selbst habe keine Not, die Bischofsweihe gestern vor zwei Wochen als ein solches Ereignis zu deuten. Und ich denke, das ist nicht nur meine subjektive Erfahrung, und es liegt auch nicht daran, dass ich selber irgendwie mit im Zentrum dieser Feier stand. Ich denke, es liegt an all den Menschen, die erwartungsfroh diesem Tag entgegen gegangen sind, so viele Menschen, die beteiligt waren, die vorbereitet haben, sich selbst und vieles, was getan werden musste. Schon im Vorfeld, so habe ich erlebt, gab es intensive, gemeinsam Ausrichtung auf dieses Fest. So viel wurde an Zeit und Mühen investiert, doch irgendwie hatte man den Eindruck: alle tun gern mit. Alle ziehen an einem Strang. Liebe Schwestern und Brüder, das könnte auch ganz anders laufen, viel schwerfälliger. Jeder von uns hat das schon erlebt, wenn nahende Ereignisse irgendwie auch noch mitbewältigt werden müssen, aber keiner hat Lust darauf oder Freude daran. Das kann so quälend sein, so wenig leicht. Aber hier: freudige Erwartung, Einheit, viele Menschen haben mir ihr Gebet zugesagt, viele haben die ganze Feier aus nah und fern intensiv geistlich begleitet. Und so viele Menschen haben auf einmal erlebt, dass die ganze Kirche, der ganz Domplatz in eine Stimmung feierlicher, festlicher Freude getaucht war. Etwas, was kein Mensch inszenieren und produzieren kann. Auf einmal waren alle irgendwie geeint in dieser Freude. Christinnen und Christen aus allen Lagern. Irgendwie waren sie alle offen füreinander und für das, was da geschehen ist. An diesem Tag hat sich wohl keiner, der dabei war, geschämt, der katholischen Kirche anzugehören, wo es doch andererseits auch immer wieder Grund zum Schämen gibt. Vielmehr haben ich und andere sehr, sehr viele dankbare Rückmeldungen bekommen, dass die Menschen froh waren, dabei sein zu dürfen. Und was für mich das allerschönste war: Viele Menschen waren im Herzen berührt, nicht einfach emotional, weil es halt irgendwie romantisch war. Sondern ich glaube wirklich: von Christus. Zahlreiche Menschen waren innerlich so bewegt, dass ihnen Tränen geflossen sind, wie sie gesagt haben. Viele Menschen sind von Hoffnung erfüllt worden, dass das mit dem Glauben doch nicht so verkehrt sein kann. Viele haben mir sinngemäß gesagt: Ja, wir müssen gar nicht den Glauben ändern. Wir brauchen nur die Erfahrung, wie tief und schön der Glaube wirklich ist. Mehr noch: Wie sehr Christus selbst der Inhalt dieses Glaubens ist.  Liebe Schwestern und Brüder, der Geist Gottes öffnet uns immer für Christus. Und dort, wo wir innerlich davon ehrlich ergriffen werden, da löst das auch eine Art Umkehrbewegung aus: Wir fangen vielleicht von neuem zu suchen an, was wir vergessen oder vernachlässigt hatten. Wir wollen wieder tiefer erfahren, was oder besser wer das eigentlich ist, der uns da im Glauben prägt. Und wenn das am Samstag vor zwei Wochen geschehen ist, dann haben wir tatsächlich ein kleines Pfingsten hier in Passau erlebt. Dann hat uns der Geist Gottes eine Erfahrung geschenkt, die uns alle miteinander wieder ein Stück hoffnungsfroher, freier, lebendiger macht für den Glauben, für das Vertrauen, für das Wagnis der Liebe.

Und wenn ich sagte: Der Geist Gottes führt zu Christus hin, dann hören wir in der zweiten Lesung aus der Feder des Apostels Paulus an die Korinther den Satz: „Keiner kann sagen, Jesus ist der Herr!, Wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet.“ Der Geist führt uns also zu dem Bekenntnis: Jesus ist der Herr. Aber, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir auf uns schauen, dürfen wir uns fragen: Ist unser Bekenntnis ein bloßes Lippen- oder ein echtes Herzensbekenntnis? Uns allen ist klar, dass Paulus ein Herzensbekenntnis meint. Aber jeder von uns hat doch die starke Neigung in sich, selbst Herr sein zu wollen, und eben nicht IHN wirklich den Herrn seines Lebens sein zu lassen. Sagen wir nur, Jesus ist der Herr, oder meinen wir es wirklich? Diese Diskrepanz ist unser aller Problem, auch das der Priester und Bischöfe! Wenn wir dann aber an einem Tag wie bei der Bischofsweihe oder anderen Gelegenheiten innerlich neu von der Erfahrung ergriffen werden: Jesus ist der Herr. Er und kein anderer. Und eigentlich habe ich wirklich Sehnsucht, ihn auch in meinem Leben Herr sein zu lassen, dann wissen wir: jetzt ist der Geist Gottes in uns am Wirken.

Das heutige Evangelium nach Johannes hat uns schließlich gezeigt, dass eine solche Erfahrung wie eine Art neue Geburt gedeutet werden kann. Der Text hat uns erzählt, wie der Auferstandene zu den Jüngern geht, die vor Angst die Türen verschlossen hatten. Er tritt in ihre Mitte und wünscht als erstes den Frieden, das macht er anschließend gleich noch einmal. Das sagt uns: die innere Berührung mit Jesus schenkt Frieden. Und dann heißt es: Sie freuten sich, dass sie den Herrn sahen: Die Begegnung mit Jesus schenkt Freude. Wie sehr dürften wir Christen aus der Freude leben, wenn wir nur tief in unserer Seele glauben könnten, dass er wirklich da ist. Und dann erleben wir schließlich eine Geste Jesu, mit der uns der Evangelist an den Anfang der Schöpfung erinnert. In der Schöpfungsgeschichte wird nämlich erzählt, wie Gott höchstpersönlich den Menschen nimmt, den er aus Lehm geformt hat, und ihm gleichsam wie mit einem Kuss den Lebensatem einhaucht. Und hier erscheint nun der Auferstandene und haucht die Jünger an mit den Worten: Empfangt den Heiligen Geist. Jesus ist der, der neue Geburt schenkt, neues Leben. Liebe Schwestern und Brüder, dieses neue Leben schaut äußerlich vielleicht genau so aus, wie vorher. Aber wenn einer vom Herrn innerlich berührt worden ist, von seinem Geist, und wenn er sich darauf einlässt: dann wird er neu, eine neue Schöpfung, wie Paulus sagt. Dann geht etwas an, was vorher so noch nicht war. Meine Lieben, das ist die unerhörte Botschaft von Pfingsten: Wir Christen sind die, die inmitten einer Welt, die in den immer gleichen Bahnen zu verlaufen scheint, mit allem Guten und Schlechten, was es halt darin gibt, mitten darin sind wir die, die schon hier und heute in ihrem Herzen Zugang haben zum Himmel, wir sind die, die den Geist Gottes in sich tragen, der ihnen schon eingehaucht ist. Und wir sind die, die sich danach sehnen, dass dieses Geheimnis, das da in uns lebt, sich immer neu manifestiert. Ich bin sicher, Schwestern und Brüder, wenn wir die Impulse unserer kleinen und großen Pfingstereignisse aufgreifen, wenn wir der Berührung folgen und Jesus in unserem Herzen immer mehr den Herrn sein lassen, dann wächst immer mehr der Friede, dann wächst die Freude und dann wächst auch diese Gemeinschaft der Kirche, die wir uns Christen nennen. Am Abend des Pfingsttages, nach der mächtigen Predigt des Petrus, wurden ihrer Gemeinschaft dreitausend Menschen hinzu gefügt, heißt es in der Apostelgeschichte. Liebe Schwestern und Brüder im Glauben: dort wo wir den Geist wirklich in unserem Herzen wirken lassen, da wird Kirche neu, da ist sie jung, da wächst sie und hat Zukunft. Amen.

Kommentieren