…. und darüber, was unsere Kirche über die Rolle der Frau in der Ehe sagt. Eine Stellungnahme von Bischof Dr. Stefan Oster SDB zur aktuellen Debatte um sogenannte „Tradwives“ sowie zum kirchlichen Verständnis der Rolle der Frau in der Ehe in Anschluss an die Dokumentation der ARD zu den „hippen Missionaren“.
Die Rolle der Frau in der Ehe
Christinnen und Christen, die sich an Schrift und Tradition orientieren, diskutieren seit einiger Zeit in den Sozialen Netzwerken ein sehr altes Phänomen, das sich im neuen Gewand zeigt: Die „Tradwives“ (= Frauen mit sehr traditionellem Rollenverständnis) mit dem „Jesus Glow“: Es sind gläubige Frauen, die auf Social Media im strahlenden Gewand und perfekt inszenierter Optik von ihrer Selbstverwirklichung durch Kinder, Küche, Kirche sprechen – in braver „Unterordnung“ unter den Mann – den sie wie selbstverständlich als den Herrn im Haus akzeptieren – und darin als Mutter und Hausfrau ihr Glück finden. Sie tun es in bewusster Treue zur Hl. Schrift, die sie ohne Abstriche lesen wollen – und sie tun es im Glauben an Christus, der sie in innerer Freude („Jesus Glow“) erstrahlen lässt.
Tatsächlich lassen sich im Neuen Testament Stellen finden, die geeignet sind, eine solche Selbstdeutung des Lebens einer Frau zu bestärken, etwa Kol 3,18, Eph 5,22, 1 Petr 3,1 oder 1 Tim 2,9-10. Frauen, die ein solches Lebensmodell für sich wählen und nach außen darstellen, grenzen sich damit oft auch ausdrücklich zugleich von anderen Modellen weiblicher Selbstverwirklichung in einer modernen, liberalen Gesellschaft ab.
Tradwives und die politische Rechte
Manche werden fragen, warum sie sich darüber überhaupt Gedanken machen sollten, da doch jede Person ihre ganz persönliche Lebensweise suchen und finden kann. Aber ganz so einfach scheint es nicht, da ein solcher Lebensentwurf von „Tradwives“ offenbar nicht geringe Anziehungskraft für politisch rechte Narrative zu haben scheint. Der ermordete politische Aktivist Charlie Kirk etwa war bekennender evangelikaler Christ und hat offensiv die amerikanische Maga-Bewegung von Donald Trump unterstützt. In seinen familienpolitischen Äußerungen hat er das Tradwife-Modell propagiert und sich zusammen mit seiner Frau Erika selbst als Teil dieses Familienmodells inszeniert.
Tatsächlich haben sich auch in Deutschland christliche Influencerinnen der evangelikalen Szene zumindest sprachlich in diese Nähe gestellt: „Such dir einen Mann, der Deiner Unterordnung würdig ist“, hat Jana Highholder formuliert, die als bekennende Christin und Ärztin einerseits reichweitenstark ist, andererseits auch im katholischen Kontext von Erneuerungsbewegungen immer wieder Auftrittsmöglichkeiten bekommt. Auch sie hat damit Social Media Debatten über „Tradwives“ ausgelöst oder befeuert; zumal sie ihre Positionen oft genug auch in der Abgrenzung gegenüber den in ihren Augen zu liberalen und zu wenig schrifttreuen evangelisch-landeskirchlichen Positionierungen vertritt.
Im katholischen Kontext wird der reichweitenstarke christliche Influencer Johannes Hartl mit Äußerungen zitiert, die zwar Jahre zurückliegen, die aber ein ähnliches Bild zu zeichnen scheinen: „Du bist der Chef im Haus. Du bist der liebende, der dienende Chef, du bist aber nicht der Sklave deiner Frau und du darfst auch nicht erlauben, dass deine Frau die Herrscherin über die Familie ist. Dafür ist sie nicht gemacht und das tut ihrem Herzen nicht gut,“ so ein Zitat von Hartl aus einem älteren Vortrag, den der ARD-Film über die „hippen Missionare“ hervorgeholt hat. Freilich sagt Hartl auch dazu, dass er heute manche Aussage von früher zur Thematik nicht mehr so vertreten würde.
Sind konservative Katholiken rechts?
Nun kann man in einer Hermeneutik des Wohlwollens attestieren, dass es ein berechtigtes Anliegen in unserer Kirche und damit auch für die Gesellschaft ist, die Kernfamilie aus Mama, Papa und Kind(ern) zu stärken – und damit zugleich die ganze Gesellschaft. Auch darf man umgekehrt wahrnehmen, dass es schon lange ein von linker Seite befeuertes ideologisches Interesse in unserer Gesellschaft gibt, dass eben diejenigen Personen, die sich für dieses Anliegen einsetzen in der rechten oder gar braunen Ecke verordnet werden.
Wir beobachten damit einhergehend, dass die Kirchen insgesamt von innen und außen gedrängt werden, sich in den familienpolitischen und sexualethischen Themen zu liberalisieren – und ein geeignetes Mittel dazu ist es ganz offensichtlich, die Verbindung zu völkischem Denken zu unterstellen, um in der Hermeneutik des Verdachts gläubige Anliegen unter Pauschalverdacht zu stellen. Das passiert auch mir selbst immer wieder: Katholische Christen, die die Lehre der Kirche verteidigen, sind bei nicht wenigen automatisch als „rechts“ gelabelt. Dazu kommt, dass Donald Trumps MAGA Bewegung stark mit religiös konservativen Positionen in Verbindung gebracht wird, weshalb dann auch bei uns in der Regel die Hermeneutik des Verdachts um sich greift: Die konservativen Katholiken favorisieren sicher auch Trump und seine Gefolgsleute – und müssten schon deshalb als antidemokratisch bekämpft werden.
Trump ist gefährlich
Ich habe das an anderer Stelle schon formuliert: Ich habe keinerlei persönliche Kenntnis des US-Präsidenten, aber ich bin regelmäßig fassungslos über sein öffentliches Auftreten. Und wenn auch mancher traditionsorientierte Christ meint, ihn verteidigen zu müssen, weil er sich doch immerhin so klar gegen Abtreibungen positioniert, so bin ich der Überzeugung, dass er in mehrfacher Hinsicht eine menschen- und schöpfungsfeindliche Politik macht, die zumindest in diesen Aspekten nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar ist. Und ich würde ihm jederzeit zutrauen, in Sachen Abtreibung den Schalter sofort in die gegensätzliche Richtung umzulegen, sollte er realisieren, dass das seinen persönlichen Größenphantasien zugutekommen könnte. Und es ist gut möglich, dass durch seine jahrelangen Verwicklungen in die Machenschaften von Jeffrey Epstein noch einmal Dinge zum Vorschein kommen, die die schlimmste Befürchtungen über seinen persönlichen moralischen Zustand noch einmal überbieten. Deswegen halte ich seine Präsidentschaft für unverlässlich und gefährlich.
Daher: Nein, ich habe weder Interesse an völkischem Denken, noch an Rechtsaußenpolitik, noch an religiösen Verbindungen in die USA. Ich versuche schlicht katholisch zu sein. Aber weil ich im Zusammenhang mit einer Fernsehdokumentation über geistliche Bewegungen („hippe Missionare“) von mehreren Seiten aufgefordert wurde, mich zur Thematik des Frauenbildes, näherhin der „Tradwives“ zu äußern, will ich hier eine Einschätzung dazu geben. Ich bewege mich damit im Folgenden entlang der Stelle im Epheserbrief, die in diesem Zusammenhang vor allem von evangelikalen Christen am häufigsten zitiert wird. Hier im Text der Einheitsübersetzung:
Eph 5, 21 – 6,7 Eph.
5:21 Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus. 22 Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus); 23 denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. 24 Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen. 25 Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, 26 um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen.
27 So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. 28 Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. 29 Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. 30 Denn wir sind Glieder seines Leibes. 31 Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. 32 Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. 33 Was euch angeht, so liebe jeder von euch seine Frau wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann.
6:1 Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern, wie es vor dem Herrn recht ist. 2 Ehre deinen Vater und deine Mutter: Das ist ein Hauptgebot und ihm folgt die Verheißung: 3 damit es dir gut geht und du lange lebst auf der Erde. 4 Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Weisung des Herrn! 5 Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. 6 Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! 7 Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen.
Sozial gegebene Machtverhältnisse
Paulus berichtet in diesem Kontext von drei Verhältnissen, in denen – in den damals gegebenen sozialen Verhältnissen – der jeweils schwächere Teil zuerst genannt wird: Frauen im Verhältnis zu Männern, Kinder im Verhältnis zum Vater, Sklaven im Verhältnis zum Herrn. Meines Erachtens werden von ihm diese sozialen Verhältnisse mitsamt ihren gegebenen Machtgefällen zunächst deskriptiv beschrieben – und als gegeben akzeptiert. Paulus kennt ja die Schöpfungserzählung, nach der in der Folge des Ungehorsams des Menschen gegenüber Gott Macht und Begierde in negativer Konnotation auch das Verhältnis von Mann und Frau bestimmen: „Nach deinem Mann hast du Verlangen – und er wird über dich herrschen“ (Gen 3,16)
Nun ist Akzeptanz gesellschaftlicher Verhältnisse nach dem Sündenfall das eine, aber mit Christus und durch seine Liebe drängt sich eine tiefe Erinnerung an ursprüngliche Gleichheit menschlicher Würde zurück in die vom Glauben an Christus geprägten Lebensverhältnisse – und ist geeignet, diese nachhaltig zu verändern. Wenn schon „Unterordnung“, dann wird diese schon bei Paulus nun in ganz neuer Weise qualifiziert. Daher bettet Paulus das real gegebene Machtgefälle ein in einen neuen Rahmen der Liebe und der gegenseitigen (!) Unterordnung, der gegenseitigen Übernahme von Verantwortung und der Unterordnung beider Geschlechter unter Christus.
Das heißt: Paulus sieht und akzentuiert, wie sich gegebene Verhältnisse von innen her verändern und in eine neue Situation der Anerkenntnis gleicher Würde überführt werden. Das gilt in analoger Weise auch für das Verhältnis von Sklaven und Herren und Kindern und Vätern. Alle Machtverhältnisse finden ihr Maß in der Beziehung zum Herrn, der selbst Liebe in Person ist – und sich für uns radikal erniedrigt hat, damit wir in ihm wachsen können. Im Verhältnis von Mann und Frau ist Paulus in der Forderung radikal: Die Männer sollen ihre Frauen lieben, wie Christus die Kirche geliebt hat! Will sagen: Christus ist für seine Kirche aus Liebe gestorben.
Christlicher Glaube ist machtkritisch – von innen her
Im Brief an Philemon macht Paulus ähnliches für das Sklaven-Verhältnis deutlich: Er schickt den Sklaven Onesimus an seinen weltlichen Herrn Philemon zurück – und fordert diesen auf, jenen in Zukunft eben nicht mehr als Sklaven, sondern als „geliebten Bruder …. vor dem Herrn“ (Philm 16) zu behandeln. Und so kann er in seinem Brief an die Galater auch davon sprechen, dass nun „alle durch den Glauben Kinder Gottes“ (3, 26) sind, weshalb es in diesem Sinn von innen her und im Blick auf die Würde eben kein Machtgefälle mehr gibt, nicht zwischen Juden und Heiden, Sklaven und Freien, Männern und Frauen: „ihr alle seid einer in Christus“ (3,28).
Die neutestamentlichen Texte machen also deutlich, dass eine Wandlung gesellschaftlicher (Macht-)Verhältnisse zuerst von innen nach außen geschieht: Wo Christus in die Herzen der Menschen Einzug hält, dort verändern sich die Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zu den Mitmenschen, zur Schöpfung und zu Gott. Der Glaube an Christus und die aus ihm geführten Lebensformen sind kritisch im Blick auf das Recht des Stärkeren oder auch nur weltlich begründete Machtansprüche: „Bei euch aber soll es nicht so sein“ (Lk 2,26)1Natürlich wird mancher jetzt fragen: Was ist dann mit der priesterlichen Macht in der katholischen Kirche selbst? Muss das nicht auch kritisch betrachtet werden? Ohne Frage! Ich bin der Überzeugung, dass Papst Franziskus mit seiner (!) Vision von Synodalität der katholischen Kirche einen starken machtkritischen Impuls gegeben hat. Wenn nun weiter gefragt wird, ob sich dieser Impuls dann nicht auch auf den Zugang für Frauen zum Weihepriestertum ausgedehnt werden muss, dann betrifft das vor allem die Sakramententheologie und darin die Frage, inwiefern das Geschlechterverhältnis darin eine Rolle spielt und abgebildet werden muss. Anders gefragt: Ist es ein historischer Zufall, dass Christus als Mann Mensch wird – in einer Frau. Und sich als „Bräutigam“ vorstellt, während die Kirche selbst immer wieder als „Frau“ oder eben „Braut“ personifiziert wird – und in Maria ihr Urbild findet? Gehört also dieser Aspekt ins Geheimnis von Schöpfung und Erlösung hinein? Oder ist es nur historischer oder biologischer Zufall, der im Nachgang seine schönen Metaphern findet? Immerhin wird der neue Bund, den die Eucharistie vergegenwärtigt, theologisch und liturgisch als „Hochzeitsmahl des Lammes“ gefeiert? Dass sich aber mit einer solchen Deutung der sakramentalen Wirklichkeit des Priestertums im realen Leben auch immer wieder die Machtfrage verschränkt und oft genug negativ auswirkt, stelle ich nicht in Abrede. Aber auch hier kann die Vision einer synodalen Kirche im Sinn von Papst Franziskus ein deutliches Korrektiv sein. Ausführlicher dazu hier: https://stefan-oster.de/der-synodale-weg-v-die-absichtslose-liebe-und-die-frage-nach-dem-priestertum-der-frau/
Diese Erkenntnis durchdringt nach und nach Gesellschaften, die überwiegend christlich geprägt sind: Die Sklaverei wird – wenn auch spät – in der westlichen Welt weitgehend abgeschafft. Die Einehe von Mann und Frau setzt sich weitgehend durch – obwohl in den Evangelien davon gar nicht ausdrücklich die Rede ist und die Vielehe im Alten Testament vielfach akzeptiert war. Auch die Frage, wie die Freiheit des Menschen als Ausdruck seiner Würde immer besser verstanden werden kann, z.B. jenseits einer nur vordergründigen Auffassung von Willensfreiheit, vertieft sich im philosophischen Denken, etwa im Deutschen Idealismus oder besonders in den Strömungen, die im 20. Jahrhundert Personalismus heißen – und die vielfach von jüdisch-christlicher Weltauffassung geprägt sind.
Das gegenseitige Wohl der Gatten als Ziel der Ehe
Angesichts solcher Entwicklungen entfällt (!) auch in den neueren lehramtlichen Texten der katholischen Kirche zur Lehre von der Ehe die Rede von einer ausdrücklichen Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann. Vielmehr wird längst gesehen, dass die Ehe zwischen Mann und Frau und ihre jeweilige Ausgestaltung im Lauf der Geschichte und in den unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Ausprägungen und Weisen der Verwirklichung hatte, dass sie in und durch Christus aber auf ihre ursprüngliche Anlage im Heilsplan Gottes verwiesen wird.
Die Katholische Kirche macht auch hier eine deutlich erkennbare Entwicklung durch. Im II. Vatikanischen Konzil etwa wird die Würde der menschlichen Person insbesondere im Blick auf ihre Freiheit tiefer verstanden, was auch zu einem vertieften Verständnis der Ehe geführt hat. War der primäre „Ehezweck“ zuvor die Zeugung von Nachkommen, so tritt nun neben dieses eheliche Ziel das gegenseitige Wohl der Gatten als zweites Hauptziel hinzu. Die Ehe ist jetzt als personale Gemeinschaft des Lebens und der Liebe formuliert. Besonders im Konzilsdokument „Gaudium et spes“ (47-52), aber auch im Katechismus der Katholischen Kirche (1601-1617) findet diese Entwicklung ihren tief formulierten Ausdruck – immer mit der Betonung der gemeinsamen Verantwortung füreinander und für den Nachwuchs. Und ohne irgendeine Rede von besonderer Unterordnung eines der Partner, schon gar nicht der Frau.
Die Verunsicherung in den Geschlechterrollen
Wenn es diese Entwicklung innerhalb des katholischen Denkens gibt, warum dann scheint das Modell der oben genannten „Tradwives“ und damit zugleich offenbar auch die Propagierung der Dominanz eines „männlichen Mannes“ dennoch für manche Menschen attraktiv, offenbar auch besonders auch für Christinnen und Christen innerhalb des Katholizismus? Nach meiner Beobachtung hängt das vor allem mit der massiven Verunsicherung der Geschlechterrollen in unserer Kultur insgesamt zusammen. Die legitime Debatte über das Verhältnis von Sex (biologisches Geschlecht) und Gender (Ausgestaltung der Geschlechterrollen in einer konkreten Gesellschaft) kippt in manchen Diskursen in einen radikalen Konstruktivismus, der auch das biologisch festgelegte Geschlecht der Möglichkeit der Konstruktion unterwirft. Dies führe, so etwa Papst Franziskus, letztlich zu einer Leugnung des Unterschiedes zwischen Mann und Frau und ihrer gegenseitigen Verwiesenheit aufeinander. (vgl. Amoris laetitia, 56).
Männer und Frauen bleiben unterschiedlich
Männer und Frauen sind aber in ihrer Würde gleich – und zugleich in ihrem Welt- und Selbstverhältnis in der Regel unterschiedlich. Ohne dass dies zu einem fixen Klischee werden darf, kann man sagen, dass sich Männer etwa in der Berufswahl mehrheitlich für den Umgang mit Dingen interessieren, während sich Frauen mehrheitlich auch beruflich mit Menschen und Beziehungen beschäftigen. Das führt beispielsweise dazu, dass sich etwa in den Ingenieurberufen mehr Männer (über 80 Prozent) und in den Soziallberufen deutlich mehr Frauen finden. Und mit einiger Bestimmtheit lässt sich auch durch diese Zahlen ein Unterschied – in negativer Hinsicht – feststellen: In Gefängnissen sitzen bei uns über 90 Prozent Männer ein, während es über 90 Prozent Frauen sind, die sich – meist gezwungen und nur selten freiwillig – prostituieren.
Männer und Frauen sind unterschiedlich! Daher können und müssen wir mit Papst Franziskus patriarchale Strukturen, die Frauen unterdrücken und Gewalt gegen Frauen befördern, massiv kritisieren. Und eben deshalb bezeichnet der Papst auch die Emanzipation der Frau als „Grund der Freude darüber, dass alte Formen von Diskriminierung überwunden werden“ (Amoris laetitia, 54). Zugleich teilt Franziskus den Männern im Familienleben eine wichtige Rolle zu, „besonders im Hinblick auf den Schutz und die Unterstützung der Ehefrau und der Kinder…. Durch die Abwesenheit des Vaters werden das Leben der Familie, die Erziehung der Kinder und ihre Eingliederung in die Gesellschaft stark beeinträchtigt. Es kann sich um physische, emotionale, geistige und geistliche Abwesenheit handeln. Dieser Mangel bringt die Kinder um ein adäquates Vorbild väterlichen Verhaltens.“ (Amoris laetitia, 55).
Wenn sich also – so meine Deutung der kirchlichen Lehre – Frauen und Männer von der Liebe Christi berühren und durchdringen lassen, wachsen Sie in Freiheit und Verantwortung in das hinein, was ihnen jeweils gemäß ist. Und zwar ohne Klischee sowohl als unverwechselbare, einzelne Personen mit ihren Gaben und Aufgaben, ihren Stärken und Schwächen – wie auch als Frauen und Männer in ihrem konkreten Zueinander, das sie miteinander finden, verantworten und wachsen lassen.
Daher – und das sei an dieser Stelle ausdrücklich gesagt – begrüßt die Kirche auch, wenn sich ein Mann und eine Frau in ihrem Miteinander auf ein Modell verständigen, in dem sie primär ihre Mutterrolle ausfüllt und er primär die Erwerbsrolle übernimmt. Und die Tatsache, dass dieses zumindest in der Erziehungsphase der Kinder immer noch ein Mehrheitsmodell in den meisten Kulturen ist, lässt einiges dafür sprechen, dass es für das Gedeihen der Familien hohen Wert hat. Die Rollenverteilung kann aber selbstverständlich auch anders sein, wenn es sich für die einzelnen Familienmitglieder anders zeigt oder die Umstände anderes ergeben. Wesentlich ist immer die Kultur der Liebe und die Bereitschaft beider Partner, Verantwortung zu übernehmen.
In diesem Sinn – und im Sinn der genannten Texte (Vat.II, KKK, Amoris laetitia) – halte ich die Auffassung unserer Kirche zu Familie, zu Frausein und Mannsein im familiären Leben für einen unverzichtbaren Beitrag für das Gedeihen einer Gesellschaft, zumal einer demokratischen Gesellschaft, die auf dem Boden des christlichen Menschenbildes gewachsen ist. Sie hält nach meiner Einschätzung die Mitte zwischen einem traditionalistischen Menschenbild, das durch eine biblisch-buchstäbliche Lesart gefährdet ist, politisch nach rechts abzudriften – und einem radikal konstruktivistischen Modell, das die Unterschiede zwischen Männern und Frauen einebnet und sich linken Ideologien öffnet, die im Gefolge ihrer Ahnherren Marx und Engels das klassische Familienmodell insgesamt überwinden wollen.
Die Audio-Datei hier zum Nachhören:
Anmerkungen, Bemerkungen, Quellenangaben
- 1Natürlich wird mancher jetzt fragen: Was ist dann mit der priesterlichen Macht in der katholischen Kirche selbst? Muss das nicht auch kritisch betrachtet werden? Ohne Frage! Ich bin der Überzeugung, dass Papst Franziskus mit seiner (!) Vision von Synodalität der katholischen Kirche einen starken machtkritischen Impuls gegeben hat. Wenn nun weiter gefragt wird, ob sich dieser Impuls dann nicht auch auf den Zugang für Frauen zum Weihepriestertum ausgedehnt werden muss, dann betrifft das vor allem die Sakramententheologie und darin die Frage, inwiefern das Geschlechterverhältnis darin eine Rolle spielt und abgebildet werden muss. Anders gefragt: Ist es ein historischer Zufall, dass Christus als Mann Mensch wird – in einer Frau. Und sich als „Bräutigam“ vorstellt, während die Kirche selbst immer wieder als „Frau“ oder eben „Braut“ personifiziert wird – und in Maria ihr Urbild findet? Gehört also dieser Aspekt ins Geheimnis von Schöpfung und Erlösung hinein? Oder ist es nur historischer oder biologischer Zufall, der im Nachgang seine schönen Metaphern findet? Immerhin wird der neue Bund, den die Eucharistie vergegenwärtigt, theologisch und liturgisch als „Hochzeitsmahl des Lammes“ gefeiert? Dass sich aber mit einer solchen Deutung der sakramentalen Wirklichkeit des Priestertums im realen Leben auch immer wieder die Machtfrage verschränkt und oft genug negativ auswirkt, stelle ich nicht in Abrede. Aber auch hier kann die Vision einer synodalen Kirche im Sinn von Papst Franziskus ein deutliches Korrektiv sein. Ausführlicher dazu hier: https://stefan-oster.de/der-synodale-weg-v-die-absichtslose-liebe-und-die-frage-nach-dem-priestertum-der-frau/
