Vollversammlung des Landeskomitees der Katholiken in Bayern in Burghausen

In Predigten von Pressestellekommentieren

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

das Evangelium des heutigen Tages ist eines derjenigen, die uns am Ende des Kirchenjahres daran erinnern, dass die Welt zu Ende gehen wird. Und wir finden im Neuen Testament immer wieder Mahnungen, dass wir wachsam bleiben sollen, dass wir mit der Wiederkunft des Herrn rechnen sollen, damit uns diese Wiederkunft nach Möglichkeit nicht zur Katastrophe wird, wie für viele, die im Evangelium von heute genannt werden, sondern zur Rettung und Heilung. Und das Evangelium macht sehr deutlich, dass die Rettung sich nicht automatisch ereignet, denn es ist Gott nicht egal wie wir leben. Und es ist offenbar möglich, dass wir ein in den Augen der Welt völlig normales Leben leben, ohne am Ende im guten Sinn dabei zu sein. Das Evangelium zählt diese normalen Tätigkeiten des normalen Lebens auf: essen, trinken, heiraten, bauen, pflanzen, kaufen, verkaufen. Und mitten in diese Tätigkeiten hinein gibt es plötzlich eine dramatische Unterscheidung. Einer wird dagelassen, einer mitgenommen. Einem gereicht das eigene Leben zum Gericht, einem anderen zum Heil. Wie können wir dem entgehen? Wie können wir in eine Gewissheit und in ein Vertrauen hinein wachsen, dass wir dazu gehören? In ein Vertrauen, dass mehr ist als eine allgemeine Vertröstung, dass der Herrgott ja ein lieber Gott ist und dass er schon nicht so streng mit uns sein wird. Es sind ja irgendwie alle so wie ich. Liebe Schwestern und Brüder, mein Eindruck ist: Überall dort, wo der geistliche Grundwasserspiegel absinkt, dort macht sich eine Heilsgewissheit breit, die mit der des Evangeliums wenig zu tun hat. Sie ist in der Regel eher eine Betäubung durch Mehrheitsmeinungen und Mehrheitsverhalten, das davon ausgeht, dass es am Ende schon nicht so schlimm sein wird.

Aber das Evangelium lässt aus meiner Sicht im Grunde keine vernünftige Zweifel daran, dass Gott mit uns in einer ernsthaften, tiefen und gegenseitigen Beziehung leben will. Und dass ihm das wichtig ist. Das erste und wichtigste Gebot, das er uns gibt ist: Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft. Und den nächsten sollst Du lieben wie dich selbst.

Daher gibt uns der Text aus der heutigen Lesung auch den entscheidenden Hinweis dafür, worum es geht, um ernsthaft in dem zu bleiben, was die Theologie Heilsgewissheit genannt hat. Das echte Vertrauen, dass wir schon Kinder Gottes sind. Und dieses Vertrauen lebt aus Beziehungsqualität. Ich will das was ich mit diesem Wort meine, mit einem Beispiel versuchen: Stellen Sie sich vor, Sie sind als Mann einigermaßen glücklich verheiratet, müssen nun aber zu einem längeren Auslandsaufenthalt aufbrechen. Und dort im Ausland sind Sie anfänglich Ihrer Ehepartnerin noch selbstverständlich treu. Die Erinnerung ist ja frisch, vielleicht telefonieren Sie auch häufig oder pflegen den Kontakt anderweitig. Die Herzensverbindung ist da. Aber nun gibt es eine nette neue Kollegin, die ihnen schöne Augen macht und die Sie selbst reizvoll finden. Und Sie spielen mit diesem Feuer, lassen sich nach und nach darauf ein. Am Anfang nur mit kleinen Kompromissen: Sie telefonieren ja immer noch mit Ihrer Frau und reden sich ein, es sei schon in Ordnung, wenn man sich mit Arbeitskollegen gut versteht. Aber stellen Sie sich vor, es wird intensiver in der Ferne von der Heimat, Sie driften innerlich allmählich weg von Ihrer Frau und näher hin zur netten Kollegin. Ihre Gespräche mit der eigenen Frau werden etwas weniger und vielleicht auch weniger gehaltvoll, etwas oberflächlicher, weil sie ja in der Tiefe Ihres Herzens gerade woanders sind. Und dann passiert es und Sie lassen sich wirklich voll auf diese Beziehung ein und leben in Ihr, obwohl Sie den Kontakt mit daheim natürlich auch nicht ganz abreißen lassen.

Und nun stellen Sie sich vor, Ihre Frau beschließt, Sie freudig zu überraschen, Sie bucht einen Flug dorthin, wo Sie sind, in der festen Absicht, Ihnen eine wirkliche Freude zu machen. Sie kommt ehrlichen Herzens zu ihrem Mann und sucht Sie ganz überraschend auf. Ich will nun nicht einmal annehmen, dass Sie Sie auf frischer Tat ertappt. Aber in welcher Herzensverfassung fände Sie Ihre Frau dann vor? In einer Verfassung korrespondierender Herzen, in einer Verfassung, die voll Freude diese Beziehung wieder aufnehmen und leben könnte? Oder ist es eine Verfassung, in der Sie sich verstellen müssten, in der Sie Versteck spielen müssten, in der Sie Wohlwollen heucheln müssten. Und nun stellen sie sich einfach vor, Ihre Frau wäre voller Liebe und zugleich voller Sensibilität für Ihre Seelenverfassung. Würde sie nicht sofort spüren, dass da was nicht in Ordnung ist? Wäre Ihr Kommen und Ihre Wahrhaftigkeit nicht für Sie selbst eine Art Gericht, eine Überführung Ihrer eigenen Abwege?

Sehen Sie, ich stelle mir das Kommen Jesu und die Begegnung mit Ihm im Grunde in dieser Art vor: Habe ich mein Herz auf Ihn hin orientiert, bin ich – wie die Lesung gesagt hat – in der Liebe, in Seiner Liebe. Bleibe ich innerlich beständig bei Ihm, weil er uns im Johannes-Evangelium ermahnt hat, wir sollten doch in Seiner Liebe bleiben, und ohne dieses Bleiben könnten wir nichts tun? Dieses Bleiben in Ihm wäre dann das Kriterium, ob er uns bei seinem Kommen so überraschen würde, dass es uns überführendes Gericht wäre oder eben freudiges Entgegengehen, gegenseitiges Kennen, weil ich um die Dimension Seines Herzens uns Seiner Herzensverfassung weiß.

Liebe Schwestern und Brüder, das Bleiben in Seiner Liebe ist dann aus meiner Sicht auch das entscheidende Kriterium dafür, ob unser Engagement, auch unser Ehrenamt wirklich Frucht bringt. Jesus sagt uns ohne dieses Bleiben könnten wir nichts tun. Ja, was heißt denn das? Wir tun doch so viel, wir organisieren, wir helfen, wir setzen uns ein für Benachteiligte und so weiter und so fort. Aber Jesus wird uns vermutlich fragen: Und wieviel davon ist wirklich aus dem Bleiben bei mir erwachsen? Und wieviel davon ist im Grunde vielleicht nicht mehr als nur Betrieb und dessen Aufrechterhaltung? Liebe Schwestern und Brüder, ich bitte Sie, mich nicht falsch zu verstehen, ich schätze jedes ehrenamtliche Engagement in der Kirche. Aber ich bin überzeugt, dass der Glaube durch Anziehung wächst. Und Anziehung entsteht durch ein Engagement, dessen innerer Glanz nicht aus der Person selbst kommt, die sich engagiert. Die Anziehung, die wir meinen, und dir Fruchtbarkeit, die Jesus meint, kommen aus dem Gewahrwerden, dass sich hier jemand engagiert, weil er Jesus kennt, weil Jesus in ihm lebt und er in ihm. Die kommt aus dem Glanz der Augen und der Seele derjenigen, die in Gott zuhause sind, die in innerer Herzensnähe zu Ihm leben und Ihn deshalb auch in bestimmter Weise kennen. Ich verstehe meinen Dienst als Bischof zuallererst in diesem Sinne: Den Menschen tiefer oder neu zu erschließen, wer Jesus ist, welche Wahrheit, Schönheit und Liebe uns da in Ihm aufgeht, und wie das dann möglich ist, mit Ihm und aus Ihm zu leben. Je mehr wir da eine Antwort geben, auf Seinen Anruf, desto mehr wächst in uns die Sicherheit, dass wir dazugehören, desto mehr wächst die Erwartung, Ihm endlich auch Aug in Aug begegnen zu dürfen und diese Begegnung auch als überraschende und zugleich freudige zu erleben. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau

 

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