Vom Tod ins neue Leben – Oder: Wie verändert sich Kirche?

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt in der Osternacht 2019

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

die Liturgie der vergangenen 40 Tage und vor allem der vergangenen drei Tage will uns mit hineinnehmen – in das wichtigste, in das alles entscheidende Ereignis unseres Lebens und Glaubens. Jesus ist der menschgewordene Gott, der herunter gekommene Gott, der so dramatisch heruntergekommen ist, dass er am Ende gequält, gefoltert, überall blutend einen elenden Kreuzestod stirbt. Und dieses Ereignis in der Liturgie erinnern und feiern heißt für uns: wir erinnern uns in einer Weise, die nicht einfach nur alte Geschichten erzählt, nicht nur Texte vorliest, die mit „es war einmal“ beginnen. Wir glauben nämlich, dass wir den Einbruch des ewigen Gottes in diese, in unsere Zeit feiern, hier, heute. Der Ewige bricht in die geschichtliche Zeit ein – und lässt in ihr Ewigkeit beginnen. Und überall, wo wir als Gemeinschaft von Getauften dies erinnern, feiern, vergegenwärtigen, überall dort ist es, als würde immer neu der Himmel herunterkommen: Ewigkeit in die Zeit.

 Die Ewigkeit kommt in die Zeit

Und so oft, wo Menschen Jesus begegnet sind und ihm Vertrauen entgegengebracht haben – damals und heute – , haben viele begonnen zu ahnen: Hier, in diesem Mann, ist die Ewigkeit in unsere Zeit eingebrochen – ist die Ewigkeit heruntergekommen zu uns. Ein Licht, eine Wahrheit, eine abgründige Tiefe, eine Liebe, die buchstäblich nicht nur von dieser Welt ist. Und wo immer Menschen mit offenem Herzen das Evangelium hören oder lesen, dort können sie auch in der Wahrnehmung wachsen: Hier ist ein Wort, das da ist, das bleibt. Tief, reich, voller Kraft und Liebe und Verheißung.

Ein herausforderndes Wort – Leben oder Tod

Aber, liebe Schwestern und Brüder, es ist auch ein Wort, das so herausfordernd, so provokativ ist, so anstrengend wirkt, dass sich Leser und Hörer womöglich fragen: Halt ich das aus? Will ich das? Will ich das wirklich an mich heranlassen? Jeder, der sich wirklich ernsthaft mit Jesus beschäftigt, der wird das wohl erfahren: Das innere Ringen im eigenen Herzen zwischen Anziehung und Ablehnung, zwischen „Wenn das wahr ist muss ich mein Leben ändern“ einerseits und „Ich-will-ich selbst-bleiben“ andererseits, zwischen „Ich will das ganz“ und „Weg damit“. Zwischen Anbetung und Kreuzige-ihn, zwischen Leben und Tod. Wer es ernst meint, wird spüren: So ein „bisschen Jesus“ wird ihm nie gerecht.

Ins Loch des Todes mit ihm

Die letzten Tage, besonders gestern am Karfreitag, haben wir in der Liturgie gesehen, gehört, nachvollzogen, wie die Mächte des Todes die Oberhand bekamen – scheinbar Oberhand bekamen. Der Neid, der Hass, die Verleugnung, der Verrat, die Lüge, die Gewalt, der Massenrausch – alles vereinigt sich gegen ihn, der es hinnimmt und trägt und durchträgt bis zum Letzten. Und vielleicht war damals bei vielen, sicher auch bei vielen Religiösen die Hoffnung da: Selbst wenn das ein ganz Besonderer war, so wird er uns jetzt nicht mehr stören. Endlich können wir den Betrieb weiterlaufen lassen, wie bisher. Der Einbruch von oben? Der Prophet? Der Messias? Nein, sein Kreuzestod ist der allerletzte und deutlichste Beweis, dass er es nicht sein kann. Am Ende war er doch nur ein Blender. Das Licht, das er ausgestrahlt hat, verlischt also doch im Loch einer Grabkammer, im Loch des Todes. Es ist nichts Übernatürliches. Nein, es kann nichts Ewiges geben in dieser Welt. Und damit niemand was anderes behaupten kann, verrammeln wir dieses Loch noch mit einem riesigen Stein und lassen ein paar Soldaten davor Wache halten. Sonst kommen seine verrückten Anhänger noch und erzählen dann wer weiß was für Geschichten.

Alte Riten, alte Moral: Nichts Neues unter der Sonne?

Liebe Schwestern, liebe Brüder, an jedem Osterfest erscheinen wieder diese Umfragen, wie viele Menschen an Auferstehung glauben, und wie viel von den Katholiken und den Protestanten und den anderen kirchlichen Gemeinschaften. Und jedes Jahr können wir feststellen, dass es wieder weniger werden, die das glauben. Es ist als würde unsere Zeit, unsere Kultur, unser gesellschaftliches Leben, aber auch das Geschehen in der Kirche selbst immer neu den Grabstein der Verneinung, des Verleugnung, des Unglaubens über unser eigenes Inneres legen. Lieg ich selbst noch richtig, wenn ich die Auferstehung Jesu bekenne? Oder ist es alles am Ende doch nur eine tote, weil nur ausgedachte Geschichte? Kann es sein, dass die Kirche mit ihrer großen Erzählung richtig liegt? Ausgerechnet diese Kirche mit den vielen Untaten, die aus ihr berichtet werden? Hat sie nicht den letzten Rest von Glaubwürdigkeit verspielt? Geht es ihr nicht am Ende doch nur um Machterhalt und Geld und letztlich darum, uns Suchende für dumm zu verkaufen? Oder darum Betroffene klein zu halten? Sie reden von Neu-werden, vom Neu-geboren-werden, vom neuen Menschen aus der Taufe. Neu, neu, neu – und doch wirkt sie wie ein sich nie ändernder Machtapparat, geleitet von Alten, von Zölibatären, die vom richtigen Leben keine Ahnung haben! Ist die Rede vom Neuen nicht widersprüchlich, wenn zugleich doch immer nur alles beim Alten bleibt? Alte Riten, alter Glaube, alte Moral, alte Kirche?

Von den wahren Glaubwürdigen

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ja Verrat hat es immer gegeben in der Kirche, in der Gemeinschaft derer, die zu Jesus gehören. Und jeder Verrat verdunkelt das Geheimnis, rückt den Grabstein weiter zurück vor die Öffnung – um sie langsam wieder zu schließen. Wir müssen nur in die Passion von gestern schauen – die allerengsten Weggefährten waren am Ende auch Feiglinge, Verleugner oder sogar Verräter. Und so ist es bis heute – und wenn wir ehrlich sind, gibt es das auch in jedem von uns: den Mangel an Glauben, die Feigheit vor dem Bekenntnis, das Sich-drücken vor der Hingabe. Aber wenn Sie mich fragen, was die Kirche durch ihre ganze Geschichte hindurch wirklich verändert, wirklich erneuert hat, dann waren es immer die Frauen und Männer, denen der Auferstandene wirklich ans Herz und ins Herz gegangen ist. Die ihn sich haben zu Herzen gehen lassen. Die sich auf Gedeih und Verderb mit ihm verbunden haben. Sie sind die wahren Glaubwürdigen. Es sind Menschen, die nicht zuerst die Veränderungen von Strukturen einfordern, in der Hoffnung, dass sie dann vielleicht doch wieder richtig glauben können. Sondern es sind Menschen, die zuerst glauben, die den Herrn suchen und lieben und die wirklich den Menschen dienen, weil sie vom Auferstandenen berührt sind. Solche Menschen haben die Kirche immer neu verändert: aus Liebe, aus Vertrauen, dass der Herr in seiner Kirche lebt und bleibt – wie gebrochen ihre anderen Vertreter auch sind. Denken Sie an den heiligen Franziskus, an Theresa von Avila, an Ignatius von Loyola und unzählige andere heilige Männer und Frauen. Denken Sie in unserer Zeit an Mutter Teresa oder Maximilian Kolbe, die in dunkelsten Umgebungen von Armut oder Terror, Zeugnis gegeben haben von einem Licht, das nicht tot zu kriegen ist. Durch sie, durch ihren Glauben, ihre Hingabe ist die Kirche immer wieder eine andere geworden. An ihnen hat man zu jeder Zeit erkannt, was Erneuerung von innen bedeutet.

Die sich bücken und die treu sein können

Das heißt: Jede Erneuerung geht von denen aus, die wirklich Zeuginnen und Zeugen des Auferstandenen sein wollen, die sich deshalb demütig bücken können vor allem vor den wenig Privilegierten; von Zeugen,  die ihr Kreuz tragen können, die tiefe Beter sind und große Treue. An ihnen erkennt man, was es heißt, wenn einer neu wird – aus Christus. Ist es nicht so, liebe Schwestern und Brüder, dass in jedem von uns eine Sehnsucht da ist oder wenigstens da war nach dem Neuen in mir, nach der Veränderung in mir selbst? Ist es nicht so, dass wir alle ahnen, ach hätten wir doch nur alle unsere Möglichkeiten ausgeschöpft, hätten wir alle unsere Träume Wirklichkeit werden lassen, wir würden nicht einfach so durchschnittlich dahinleben? Gibt oder gab es das nicht in jedem von uns? Verbunden mit der Erkenntnis, dass da doch so vieles ist, das mich hindert  oder gehindert hat am Neuwerden? Ängste, verkehrte Bindungen, schlechte Angewohnheiten, fehlende Kühnheit und Risikobereitschaft, Mangel an Vertrauen oder einfach nur Sünde und Versagen? Ist es nicht so, dass meine Versuche, aus eigener Kraft ein besserer, ein tugendhafterer Mensch zu werden, so oft gescheitert sind?

Es gibt nur ein einziges Tor zum neuen Leben

Ja, liebe Schwestern und Brüder, unser Glaube sagt uns, dass es im Grunde nur ein wirkliches  Tor zum Neuen gibt, einen einzigen effektiven Weg zur Neugeburt: Der Auferstandene selbst. Der heruntergekommene Gott ist auch der, der hinaufgefahren ist und der das Tor ins Neue, ins Ewige himmelweit aufgestoßen hat. Er ist wie ein Lichtstrahl, der die dunkle Wolkendecke des Unglaubens und der Sünde zerbricht und hineinstrahlt in unsere Gegenwart und Zeit. Und er will, dass wir uns hineinstellen in dieses Licht, indem wir uns Ihm öffnen, Ihm entgegen gehen, Ihm vertrauen und indem wir Ihn bitten, dass Er uns hilft, ernst zu machen mit unserem Glauben und unserer Erneuerung. Nicht wenige Strömungen in unserer Zeit wollen diesen Lichtstrahl verdunkeln oder durch künstliches Licht unsichtbar machen. Aber wir alle, die wir heute hier sind, sind berufen, ihn immer wieder hell werden zu lassen. Kirche, liebe Schwestern und Brüder, Kirche sind wir alle – und wir werden es in dem Maß, indem wir auch für unsere Mitmenschen Zeuginnen und Zeugen des Auferstandenen werden. Denn wer dieses Geschenk wirklich empfängt, wer es sich nahe gehen lässt, der kann es unmöglich für sich behalten. Erzählen wir einander in Wort und in der Tat der Liebe diese eine, diese größte Geschichte der Welt, die da heißt: Jesus lebt. Hallelujah.

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